Ausgabe 
5.8.1935
 
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P.ran,wörtlich: vr. HanS Thhrlot. - Druck und -Verla«: Brühl',che UniverlitätS-Duch- und Steindruckerei. «.Lange. Siebe«-

finbfange Kerfe", ats Renten sie unter weiland Friedrich Wilhelm dem Ersten von Preußen. Die Schiiderhäuschen an der Amalienborg: schlanke, rote Pfeiler aus Holz. Zu später Stunde noch, gegen Witter, nacht, hast du Gelegenheit, in einemFruchtkeller , der nichts als Fruchte und Säfte verkauft, das beste Obst zu essen. Inmitten des wohlgepflegten, ob auch nicht eben pedantisch sauberen Kopenhagen, inmitten der hebens, würdig-rattchialistischen Anmut seiner Straßen und Platze macht ein trostloses Altviertel einen trüben Kern. Ueberall bezeugen Lebensrnittel- laben die naive und bewußte Lust der Leute an guter Materie. Wie es möglich ist, baß zum Beispiel bie Eßwarenläben, Konbitoreien, Backe­reien unb Frachtgeschäfte einer Straße im Westen, dieGammel Kon- gevej" heißt, ihre üppigen Bestänbe absetzen, bleibt ein Rätsel: ba folgen Fleischerläden, Buttergeschäfte, Käfeläben mit berieselten fenstern, bann Wilbbret- unb Geflügelläben, Konbitoreien, Backereien unb Frucht- qe chäfte einanber in unfaßbarer Dichte. Wer zehrt dieses wies auf? Ist hier bas Schlaraffenlanb? Wer kann bies alles kaufen? Es ist ein Lanb, an bem ber Krieg vorübergegangen ist. In ber Mitte des Ver­kehrs weiß ber Platz vor bem Rathaus mit feiner Baluftrabe unb bem arnphitheatralisch abfintenben »oben einigermaßen so anszusehen, wie die berühmte Piazza zu Sienna vor bem Palazzo communale unvergeßlich ab03ebee©tabt weist bestimmte Stanbpunkte an, denen sie den Reichtum ihrer Physiognomien zuwenbet. In Kopenhagen heißt ber erste, wich­tigste StanbpunktGammelstranb". Dort verkaufen Fischer mit hoch- blonden, oft weihblonben Schöpfen unb mit Augen von legenbarer Blaue bie lebenben Fische aus ben Seglern herauf, bie am Kai hegen; sie legen bie srischriechenbe Ware auf ber Kaimauer aus. Dort sind bie Fischrestaurants; bort sitzen Marktfrauen mit Hauben; bort entwickelt bie Börse ihre reizenbe, ein wenig fpielenbe Renaissancefront, bie halb unb halb an bas gewesene Leybener Rathaus benten macht. Der Zweite Stand­punkt wirb auf ber Kuppel ber Freberikskirche gefunben. Da blickst bu auf bie Dächer ber Stabt, bie von Schwarz zu Rotbraun unb Scharlach spielen unb auf bie golbenen Verzierungen ber grünfpanigen Turme; ba wehen Rauchfahnen um bas flatternbe rote Viereck mit dem weißen Kreuz, das bie bänifche Flagge ist; ba breitet sich ein bläulich (d)tmmern< bes Meer zu weihblinkenben Horizonten hinaus, unb wenn bu Gluck hast, so siehst bu ben Hellen Streifen ber fchwebifchen Küste nnt Lanbskrona, Malmö unb bem Dom von ßunb. Zu beinen Füßen hegt bas Polygon bes Amaliendorgplatzes mit bem patinagrünen Reiterbenkmal des ba­rocken Friebrich bes Fünften; bahinter ankert bie weiße Komgsiacht im nahen Hafenbecken. . ..

Der britte Standpunkt ist bas Rordenbe ber Kaipromenabe, bie Lange Linie" heißt. Da hat ber Seewinb immer alles reingefegt. In­schriften auf mäßigen silbrigen Behältern weisen bie internationalen Beziehungen ber Hafenstabt auf; ba lieft manShell , ,-Dansk-Engelsk Benzin",Ostinbische Kompagni"; bie Kaitreppe an ber Spifce ist mit schwebischem Granit gebaut, ber schön ist wie Marmor; ber Winb springt übers Wasser, bie Oberfläche leicht ausrauhenb unb stoßweise überholend; ber Himmel ist bas leichteste Blau, ein flüchtiges, fast, mit zart barau£ lasiertem Weiß; bie Luft ist herrlich ... Der vierte Stanbpunkt enbhch muß roieber brinnen gewonnen werden: an ben stillen Wasserbecken von Jörgenssö bis Sortedamssö, bie etwas wie ein Schaufelb von lauter Kopenhagener Alsterbecken finb nur daß sie, abseits gelassen, bafur zu

Kopenhagen ist weniger eine mittelalterliche Stabt als eine Stabt ber Renaissance unb ber folgenben Zeiten. Die Blüte begann nach bem Ver-

I fall bes fast burchaus mittelalterlichen Lübeck; um 1600 war bie Hohe erreicht, unb ber eifrig bauenbe Christian ber Vierte bestätigte sie in der Fülle feiner Architekturen. So sehr ist Kopenhagen im weltlichen und kirchlichen Bau-Wesen von der Renaissance bestimmt, bah Ryrop um 1900 bas neue Rathaus noch auf ihren Charakter stimmte. Aber das Barock brachte bie schönste Kirche ber Stabt hervor: bie Erlöferkirche, im DänischenVor Frelserkirke" geheißen, entbehrt im Innern nicht einer bekorativen Pracht, bie vom römischen Bernini abgeleitet sein konnte. Mit bem fünften Friebrich oollenbet sich bas Barock unb schon beginnt mit ihm um 1750 ein klassisches Kopenhagen von bebeutenber Haltung. Die Kuppelrunbe ber Friebrichskirche, für Kopenhagen bas, was bas Pantheon für Paris, Sankt Peter für Rom ist (boch selbstverständlich protestantisch), ist in ben Tagen bieses prägenben Dynasten der Anfang jenes neuantikischen Geistes, ber halb barauf in ber nüchternen unb noblen Klassizistik bes Doms unb im Gesamtwert bes Thorwalbsen (man findet es in einem besonderen Kopenhagener Museum vereinigt) eine ausfallende Bollendung unb Bebeutung erreicht. Seltsam, in biesem Narben so viel antikische Wenbung zu gewahren? Aber Dänemark ist in ben Bereich bes napoleonischen Kaisertums einbezogen gewesen; bie englischen Kugeln von 1807 überschütten eine Seehanbelsstabt, bie auf jebe Weise bem fest- limbischenEmpire" angehörte. Die zahlreichen antiken Skulpturen der Glyptothek Ry Carlsberg, in diesem Norden zuerst verblüffend, bestätigen eine doppelt-klassische Ueberlieferung; bie Renaissancetrabition Kopen­hagens unb seine Empirenatur. Man entsinnt sich von selbst, daß auch ein oerroanbtes Holland bie Antike befonbers liebte unb in sich darzu­stellen unternahm. Die nördlichen Küsten suchten just aus dem Gegensatz bas anbere: ben Humanismus bes Mittelmeers. Die Blickweite seesahren- ber Völker erreichte ihn wohl ohne Mühe. So trug Kopenhagen den helläugigen Bertel Thorwalbsen, besten Iris aussah wie ber lichte Kopen­hagener Himmel, unb ben neugriechischen Baumeister Theophilus Hansen.

Der Zug rollt über flaches Lanb. Aus ber Nachweibe lagern, mit Decken gegen ben Regen sorgsam behangen, stattliche schwarzweiße uno braune Rinder; rötliche Pserbe mit blonben Mähnen galoppieren munter im Gehege. Aecker liegen als reine Silber betreuter Insel-Erbe. Wm°- mühlen kreisen; neben ben Bauernhäusern, bie ba unb bort noch Strom bächer tragen, weht bie rote Flagge mit bem weißen Kreuz: sonst konn» es Hollanb, Flanbern sein. Der Himmel ist flachgespannt unb gewichtslos

1 Die Grenze bes Lanbes ist bas Meer.

ffifi für bie The eignet", sagte Korfs, ergriff den Mittelfinger des zWbchens und führte ihn gemächlich in bie glimmenbe ißfetfe.

Konftanze verzog keine (Kiene und schaute nur ängstlich zum Vater ^"stecht so Wahlen, bu hast ein couragiertes Frauenzimmer als Toch­ter." Sie erträgt Schmerzen unb zuckt nicht einmal mit ben Wimpern. Das ist ein Weib nach meinem Sinn. Wahlen, gib uns b einen Srngenl

Unb so erfüllte die Johannisfahrt nach Grafental doch noch ihren Zweck.

Kopenhagen.

Von Wilhelm Haufen st ein.

Man reift angenehm in Dänemark. Die Wagenkorridore erfreuen durch ihre Breite. Auch bie Abteile ber dritten Klasse sind komfortabel und in einer verwöhnenben Weife hübsch: bie Banke mit kräftigem Stoff bespannt, bie Holzwänbe lichtgrau ober grün lädiert, C°up^ und Gange und alles Drum unb Dran pflegfam gehalten. In ben Gesichtern ber Reisenden stehen keine Sorgen eingeschrieben; bie Leute lasten ohne Absicht, versteht sich eine wohltuende Entspanntheit, em naives unb immer zum wenigsten leibliches Behagen verspüren. Dazu stimmt, daß sie überaus höflich finb; ihr Leben macht es ihnen noch natürlich, so höstich zu sein. Die Schaffner wirken in ihren Uniformen -aus schwerem unb tauberem buntlen Tuch wie gutgestellte Bürger. Das Ohr wirb von bem Ungewohnten unb Feinen der dänischen Sprache beschäftigt, dem vielen ä und ö, das gleichsam schräg liegt, roie em Segel im W'M>.

Das Hotelzimmer ist auf eine großväterliche Weise altmodisch. Bett, Schrank, Spiegel, Sofa: dunkles Louis-Philipp-Barock. Decken und Vorhänge dunkler Samt. Wäre man dieser Form als Neudeutscher nicht schon allzu sehr entrückt, so würbe sie noch mehr beruhigen; nun ist sie beinahe schon ein Märchen, unb man erwartet schier, es muffe sich etwas Seltsam-Vorgestriges ereignen ...Ich schaue aus bem Fenster; m ber modernsten Leuchtschrift steht bort brüben^ohtiten ,etftrablabet , Berlingste Tibenbe", unb bies also ist die Wirklichkeit ber dänischen Zeitungen, bie man so oft im Druck zitiert fand, ohne sie recht aus- I Jpredien zu können. Drunten, in ber Tiefe ber feuchten unb spiegelnden Asphaltstraße Autos, Trams, Omnibusse wie überall. Aber was ist dies Profil, bas ben Rahmen des Aussicht begrenzt? Ein Neptun mit Drei­rad Neurenaissance von etwa 1870, mit heller Delfarbe gefafjt, beto= rutioe (Siebeifigur; so ist bas Moderne ber europäischen Großstadt von Heute im Altmodischen ausgeglichen. .. .

Die Läden, die ihre Auslage noch in ber Nacht sehen lassen, sind hübsch. Die Sttaße lebt, in ihr spazieren ohne Hast große, schlanke Man­ner mit hellen Augen unb Haaren unb hübsche, sehr hübsche Frauen mit lichtem, freiem, fast zu unbefangenem Blid, mit hellen Wimpern und bem rounberbaren Teint, ben bas Seeklima begünstigt. Zwischen ben Brauen I ber Frauen unb Mäbchen scheint mitunter eine kleine Düsternis zu wo^ nen bie zur Lichtheit ber Rassefarben in eigentümlichem Widerspruch steht: eine Strenge, bie wie das Aufziehen ober Wetterleuchten eines Meines Zornes ist. Dennoch ist hierzulanbe ber Frieden der Friede nicht etwa nach bem Krieg, fonbern noch vor ihm. Gleichzeitig mutet alles auf eine überrafchenbe Weife unbegreiflich an, als etwas Gewesenes, nicht als etwas Gegenwärtiges: fo sehr es der Norm zu entsprechen scheint, bah bie Straße keinen Bettler trägt und baß bie Menschen alle "^Zücht man nach einem ersten Gang durch bie Altstabt eine vorläufige Summe, so würbe man etwa begriffen haben: diese Stabt ist mit Back­steinen gebaut, nicht nur in ihren wenigen gotischen Kirchen, fonbern noch In ihrer Renaissance; ber Backstein liebt es, mit weißem Haustein gerahmt zu sein; mit ihrem Barock unb ihrer Klassik geht biefe Stabt aus bem Roten des Ziegels ins Graue unb Weiße über sei es, baß sie nun, übrigens selten, mit Haustein baut, sei es, baß sie, was oft geschieht, mit lichten Farben putzt und malt. An klassischen Häusern von etwa 1800 sind auf schlichte lichtgraue Flächen antikische Muster ausgesetzt: bas Ornament be« , laufenben jfjunbes" ober bes Mäanbers; Firmenschilber an solchen Hausern zeigen golbene Antiqua auf schwarzem Grunb. Viele Dächer unb Türme finb licht-grün van dichter Patina. Die Türme über ber ruhig und klar gebauten Stabt lieben gewisse Ausschweifungen in wunderliche For­men: an ber Nikolaikirche; an ber Erlöferkirche drüben über bem «Baffer, in ber alten Borftabt; an ber Börse zumal, beren Turm in ein Geflecht von Chimären in einen steil auffteigenben Zopf aus Krokodilschwanzen auszuführen scheint. ,

Vom Ganzen biefer Stabt her bentt man, rote man bas Unbekannte ja gern im Bekannten zu sichern versucht (benn bies ist bie natürliche Mathematik ber menschlichen Empsinbung) am ehesten an Amsterdam unb an ben Haag. Zuweilen, etwa in einfach-klassizistischen Bezirken nahe ber Amalienborg, wohl auch an bas Brüssel ber Dberftabt, bes Schußbe­reichs. Der köstlich umbaute Platzraum vor ber Amalienborg ist für Kopenhagen, was die Place Vendöme für Paris, die Place Stamslas für Nancy bedeutet. Aber immer wieder tastet die Empfindung am lieb­sten zu niederländischen Beispielen zurück, und bies gewiß nicht ohne Ur­sache: benn auch Dänemark ist ein Niederlanb. Auch es ist ber Küste unb ber Schiffahrt zugekehrt; auch Kopenhagen pflegt ben schlichten Stand einfacher Baukunst, ber es, wie Hollanb, nur zuweilen kapriziöse Luxus­bauformen einfügt.

Stabte haben ihre Kuriositäten, in benen man ihrer am bequemsten inne wirb. Kopenhagen wirb burch große unb liebenswürdige Kon­stabler mit schwarzer Uniform, Konstabler im englischen Gentlemanstil, gehegt. Postboten finb hochrot uniformiert. Die vielen Menschen finb still; sie sprechen so leise zusammen, als hätten sie eitel Geheimnisse, unb bies wirb namentlich im Restaurant, im Cafe als Annehmlichkeit empfunben, roie es ja auch ber bestimmten Drbnung artiger dänischer Sitte zugehört. Die Schloßwachengrenabiere tragen Därenmützen unb wahre Friedens- uniformen mit blauem unb schwarzem Tuch, weißem Leber; die Garden