Zwei Meilen Trab.
Von Detlev von Llllencron.
Es sät der Huf, der Sattel knarrt, der Bügel sankt, es wippt mein Bart in immer gleichem Trabe.
Auf stillen Wegen wiegt mich längst mein alter Mecklenburger Hengst im Trab, im Trab, im Trabe.
Der sammetweichen Sommernacht Violenduft und Blütenpracht begleiten mich im Trabe...
Ein grünes Blatt, ich nahm es mit, das meiner Stirn vorüberglitt im Trabe, Trabe, Trabe.
Hut ab, ich nestle wohlgemut,
Hut auf. schon sitzt das Zweiglein gut, ich blieb in gleichem Trabe.
Bisweilen hätschelt meine Hand und liebkost Hals und Mähnenwand dem guten Tier im Trabe.
Ich pfeif' aus Flick und Flock ihm vor, er prüftet, er bewegt das Ohr, und sing' chm eins im Trabe.
Ein Nixchen, das im nahen Bach sich badet, planscht und spritzt mir nach im Trabe, Trabe, Trabe.
Und wohlig weg im gleichen Maß, daß ich die ganze Welt vergaß im Trabe, Trabe, Trabe.
Und immer fort, der Fackel zu, dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh im Trabe, Trabe, Trabe.
Iohanniswerbung.
Eine lustige Geschichte aus aller Zeit.
Bon Valerian Tornius.
Der Herr Joachim von Ganskau auf Grasental hatte drei heirats- Eige Töchter: Aurora, Philippine und Amalie. Sie waren zwar keine ückenden Schönheiten, aber auch nicht so häßlich, um einen wagemutigen Freier in die Flucht zu schlagen. Und doch nahm in ganz Kurland kein aus Brautschau besindlicher Kavalier von ihnen Notiz. Das kam daher: Grafental lag weit, lag in dem entlegensten Winkel des Herzogtums, und der Herr von Ganskau war ein armer Edelmann, der nicht die Mittel bejah, feine Töchter auf Bälle und Assembleen in die Residenz zu führen, damit sie den notwendigen höfischen Schliss erlangten und aussichtsreiche Bekanntschaften mit der jungen Männereljte des Landes anknüpften. So wuchsen die Grasentaljchen Mädchen als echte Landpomeranzen auf und wußten in Milchwirtjchaft und Schweinezucht besser Bescheid als in den schönen Künsten. , ,, ,
Da traf es sich einmal, daß bei einer Adelszusammenkunft in Mitau der reiche Freiherr Nikolaus von Korsf aus Schönberg mit dem Herrn von Ganskau ins Gespräch kam. Korfs, ein Hüne von Gestalt, selbftbe- wußt im Auftreten, dobei oft bis zur Grobheit rücksichtslos offen, hatte den Nuf eines Nimrods und Sonderlings. Man erzählte flch von ihm die tollsten Geschichten, u. a. daß er sich einen Spaß draus machte den Bauernweibern, wenn sie zur Heumahd gingen, dank seiner unfehlbaren Zielsicherheit die Harken über den Schultern abzuschießen und sie für den erlittenen Schreck mit einem Golddukaten zu entschädigen. Außerdem galt Korfs als ein eingefleischter Hagestolz, der für die Reize des schonen Geschlechts völlig unempfänglich sei. „
Nachdem die beiden Herren ausgiebig über landwirtschaftliche Dmge geredet hatten, wurde das beliebte Thema „Jagd angeschnitten.
„Dieses königliche Vergnügen muß ich mir, leider, wegen meines verdammten Zipperleins versagen", bemerkte Ganskau. „Äoer dafür sind meine Töchter um so eifriger dem Weidwerk zugetan. x
„Wie? Sie haben Töchter, die in Dianens Fußtapfen wandern?
„Sogar drei und — obendrein ledig. ' . .. .
„Womit schießen denn die Damen? Mit dem Flitzbogen oder mit dem
„Oh, Sie unterschätzen die weidmännischen Fähigkeiten meiner Tochter, Baron. Meine Aelteste ist ein couragiertes Frauenzimmer und hat schon manchen Wolf und Luchs zur Strecke gebracht, die Zweite tene leidenschaftliche Parforcejägerin und reitet ohne Sattel die wildesten Pferde, und die Jüngste hat Augen wie ein Falke: sie kann es, mit ledern Scharfschützen aufnehmen, denn sie schießt eine fliegende Taube mit der ^"^Votitaulend'" rief Korfs und schlug dröhnend auf den Tisch. „Ihre Töchttr müssen ja die leibhaftigen Amazonen jein. .Daß e- 'n unserem ge- zierten und verzärtelten Jahrhundert so was gibt! Horen Sie mein lieber Ganskau, ich stehe zwar an der Schwelle der Fünfzig, aber w^e Sie sehen, bin ich ein Mann in voller Jugendkraft. Schon lm^e suche ich eine passende Frau, ich habe sie bloß noch nicht gefunden. & ■
wenn Sie mich als Eidam in Ihre Familie Aufnahmen. Freilich Drei reputierliche Frauenzimmer — das macht die Wahl schwer ~~
Ganskau rückte verlegen auf seinem Stuhl hin und her. Endlich wagte er zu bemerken, daß seine Vermögensoerhältnisse ihm. leider, keine standesgemäße Mitgift gestatteten. Hier aber fand er heftigen Wider- IPruch.
„Mitgift? Dummes Zeug. Ich bin reich genug. Wenn mir eine der Dernoifellen gefällt, heirate ich sie. Also zu Johanni stelle ich mich in Grafental zur Brautschau ein."
Man vermag sich nur schwer vorzustellen, welche Aufregung die Nachricht von der bevorstehenden Werbung des reichen Freiers in Grafental verursachte. Die Schwestern, die das Gefühl des Neides allenfalls aus ihren Amazonenliebhabereien kannten, gerieten sich jetzt vor Eifersucht fast in die Haare. Jede sah sich schon im Geiste als Baronin Korsf, und jede wollte bei dem Empfang schöner gekleidet als die andere sein. Ganskau mußte die letzten Ersparnisse zusammenraffen, um die Toiletten* bediirsnisse seiner Töchter zu befriedigen. Schneiderinnen nähten mtt fiebernder Hast vom frühen Morgen bis zum späten Abend und hatten immer wieder die Kleider aufzutrennen und zu ändern, weil dies und das nicht gefiel. Daneben wurden die verwilderten Gartenwege gesäubert, das Haus vom Keller bis unter Das Dach gescheuert, für die Küchen- bebürfniffe gesorgt, um dem hochwichtigen Besuch eines gastliche und würdige Aufnahme zu bereiten.
Der Johannistag kam heran. Obwohl Korfs bet der beträchtlichen Entfernung zwischen Schonberg und Grafental erst gegen Mittag jur Stelle fein konnte, selbst wenn er bei Morgengrauen aufgebrochen wäre, war alles schon in der Frühe zu feinem Empfang bereit. Eine Ehrenpforte aus Tannenreistg und Birkengrün prangte an der Einfahrt auf dem Hof, und mit Rosen verzierte Guirlanden schmückten die Freitreppe. Die Schwestern liefen in geblümten Reifröcken, weiß gepuderten Coiffuren und zierlichen Stöckelschuhen geschäftig treppauf, treppab. Und der alte Ganskau stolzierte in feinem goldgestickten Staatsrock, den Galadegen an der Seite, über den Hof oder durch die Zimmer und erteilte seine Befehle.
Derweilen trug nicht etwa ein Kalesche, wie es sich für einen reichen adligen Freier ziemt, sondern ein einfacher Planwagen den Schlohherr von Schonberg über die holprige Landstraße nach Grafental. Der Tag war glühend heiß. Gewohnt, sich niemals einen Zwang aufzuerlegen, wenn die Bequemlichkeit darunter litt, lag Korfs gänzlich ausgekleidet im Wagen und schlummerte, durch einen niedergelassenen Vorhang von den sengenden Sonnenstrahlen geschützt, seelenruhig seinem Ziel entgegen. Natürlich hatte er dem Kutscher eingejchcirft, ihn beizeiten zu wecken, damit er irgendwo in einem stillen Waldeswinkel aus einem Naturmenschen sich in einen Kulturmenschen verwandle. Ob nun die Hitze das Gedächtnis des braven Rosselenkers geschwächt hatte oder ob er unter ihrer Einwirkung selbst in einen Halbschlummer gesunken war, bleibe in der Schwebe. Jedenfalls vergaß er den Auftrag und hielt die Pferde erst an, als sie bereits die Freitreppe erreichten, wo Ganskau an der Spitze feiner festlich geputzten Damen und des Hofgesindes den Gast erwartete. Korsf erwachte, glaubte, daß der Augenblick der Toilette gekommen sei, sprang auf und schlug den Vorhang zurück. Da stand er nun in seiner ganzen Körpergröße wie eine Fleisch gewordene Statue vor den entsetzten Schönen, die laut schreiend davonstürzten. Sofort hatte der nicht minder erschrockene Freier die peinliche Situation erfaßt. Sich in den Wagen werfen, den Vorhang vorziehen und dem Kutscker „Weiterfahren!" zu* brüllen — war das Werk einer Sekunde. Jener, der erst jetzt merkte, was er mit feiner Unachtsamkeit angerichtet hatte, hieb mit aller Kraft aus die Pferde ein, daß sie im Galopp davonstoben und zügelte sie nicht eher, als bis man sich im Walde befand.
Das erste, was der erzürnte Schlohherr tat, war: daß er eine Flut von Schimpfworten über den Kutscher ergoß und ihm gründlich das Fell gerbte. Eine Rückkehr nach Grasental kam nach dem bedenklichen Vorkommnis nicht in Betracht. Also entschloß er sich eine Meile weiter nach Brucken zu fahren, das einem alten Regimentskameraden gehörte, und sich dort von dem unverhofften Ausgang feiner Brautschau zu erholen.
Die Verwirrung In Grafental war ungeheuer. Stundenlang konnte man sich über die merkwürdige Affäre nicht beruhigen. Die Schwestern hockten jede in einer Zimmerecke, abwechselnd mit einem Tüchlein sich Kühlung zufächelnd ober zur Besänftigung der Nerven aus einem Flacon riechend, und boten mit ihren durch Aufregung und Hitze berangierten Frisuren unb verzweifelten Gesichtern, auf benen Puber, Schminke und Tränen durcheinanberflvssen, einen bejammernswerten Anblick, während Ganskau, die Hände auf dem Rücken, schwer von einem Zimmer ins andere stampfte und fortwährend vor sich hinbrummte: „So ein ver- malebeiter Schwerenöter!"
Der Schwerenöter faß zu biefer Zeit In ber Gartenlaube von Brucken, schlürfte voll Behagen ben Kaffee unb beschwor mit seinem alten Freunbe bie Geister der Vergangenheit heraus. Wechselseitig packten sie ihre gemeinsamen Jugenderlebnisse aus, bie mitunter bes pikanten Reizes nickt entbehrten, so baß bie Wangen ber hübschen, schlanken Konstanze, bie gar artig bie Honneurs machte, zuweilen in züchtiger Scham erglühten. Mehr jedoch als die wiedererweckten Iugendftteiche fesselten Korfs die dunklen Augen des lieblichen Mädchens, und immer wärmer wurde es ihm ums Herz, wenn ihr fröhliches unbefangenes Lachen sich in die Gespräche der Männer mischte.
Weißt du, Wahlen", rief Korfs plötzlich empathisch aus und packte das hübsche Konstanzchen an dem schmalen Handgelenk, „ich bin nun einmal heute in Heiratsstimmung. Wie wäre es, wenn du mir dem lleb- reizendes Töchterchen zur Frau gäbst?"
Konstanze erschrak unb schlug bie Augen nieber „
Ei Korfs, ich könnte mir gar keinen besseren Eidam wünschen. Du bist "zwar ein Ausbund, aber trotzdem ein prächtiger Kerl."
Und was sagt Demoiselle dazu?" fragte Korfs unb blickte erwartungsvoll bie in ihrer Verlegenheit noch schöner aussehende Konstanze an.
Diese sagte nichts, durfte auch nichte sagen; denn sie war an das @ef,JSberne?™geuerprobe muß sie zuvor bestehen, damit ich jehe, ob sie


