Ausgabe 
5.8.1935
 
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welche diese hi den letzten Monaten rasch hinschrleben, gehetzt vom Cäsar"-Triumph. Aber kläglich fielen die beiden Opern ab, und tue Gesellschost entschloß sich nun, zunächst den Vertrag Bononcmis, der Beschwerde über Händel erhob,' zu kundigen. Arwsti verhielt sich klüger und blieb noch im Verbände des Hauses.

Es war begreiflich, daß der arg gekrankte Italiener seinen Ausschluß aus der Oper nicht ohne Rache hinnehmen konnte. In einem Kaffeehaus wurde ein Plan gegen Händel von durchtriebenen Tmtengeiftern aus- qeheckt und die Durchführung von Bononcini bezahlt. Und es war nicht ungeschickt, was man hier unternahm. Gegen das künstlerische Wirken des Siegreichen war zu dem Zeitpunkt schwerlich anzukampfen. Man lenkte die Aufmerksamkeit Londons einmal auf das Eigenleben des Komponisten.

Aber wo bot dieses unanfechtbare Leben eine Flache für den Angriff? Die starke Eßlust des Riesen war bekannt, es ließ sich wohl nur harmlos darüber scherzen. In Geldsachen hielt er genaue Ordnung, und daß er anderen seine Arbeit ausbürde, konnte auch niemand behaupten. Blieb sein Umgang mit Freunden und Frauen. Auch dies wußte ledermann, welch guter Kamerad und dankbarer Mensch Handel fein konnte und daß er sich mit Frauen nicht abgab. Aber Bononcini und seme Helfer scheuten ich nicht, den Versuch zu machen, hier einmal einen anderen Glauben n die Welt zu setzen.

In einem nicht ganz sauberen Blatte Londons, das aber viel gelesen wurde, erschien, an Händel gerichtet, ineOde einer Lady , die m der Art des klastischen Mythos Händel mit emem Stier verglich. Die ange^ liche Lady beklagte sich über die ungewöhnliche Hitzigkeit Handels und gab ihm den Rat, fie erst wieder zu besuchen, wenn er seine Sinnenluft 105 Befremdet lasen die Londoner dieses plumpe und doch aufreizende Spottgedicht. Niemand glaubte daran, daß es Handel anfechten konnte, aber man ließ es doch auf eine Probe ankommen, und jemand brachte ihm das Gedicht. Da war der Blick ferne und groß, mit welchem er den Ueberbringer des Fetzens anfah, und stumm blieb fein Mund.

Nicht so war er zu treffen, und auch ein Angriff aus einem anderen Literatenlager, ebenfalls als Folge der Bononcinifchen Entlastung in Spottform gegen Händel pnd gleichzeitig gegen den^ Italiener gerichtet fo als wären fie gleichwertig, traf ihn kaum.Dideldum und Didelde» nannte der Spötter beider Musik. Aber während Bononcinis Dideldum in London ausklang, war Händels Didelde» nach wie vor der Grun^ pseiler für die Royal Academy. Schon schrieb er in der Spielzeit nach Cäsar" eine neue Oper, die aber, minder gut besetzt, kein Erfolg wurde Als die Herren der Oper ein Erlahmen des Künstlers befurchten wollten, überraschte er sie und London bereits wieder mit einem Werk, das durch feinen Melodienreichtum zum Sieg geboren war. Ein übriges tat noch m dieser Oper die Cuzzon! durch Gesang und Kleiderpracht.

Doch schon in der nächsten Spielzeit zogen schwere Wolken am Him­mel der Akademie auf. Eine Persönlichkeit aus dem Vorstand hatte vor Zeitimgsleuten das Wort fallen lassen, der königlichen Oper war- all- möglich, Sie habe Senesino und die Cuzzoni verpflichtet Wenn es 6er Leitung Spaß mache, könne fie auch den dritten Gesangsstern der «uro- püischen Musik herbeirufen: Signora BordomI Man nahm den Mächtigen beim Wort. Der Name Bordoni drückte bald einen Wunsch der Groß­stadt aus, nicht nur der maßgebenden Opernfreunde.

Händel riet auf das dringendste ab von dieser Berufung:

Meine Herren, Sie beschwören eine Gefahr für unser Haus heraus! Dies ist nicht nötig! Gute Sänger haben wir genug, sie sind aneinander gewöhnt und vertragen sich. Eine Bordini macht mir wieder alle anderen falber, Herr Händel! Es zeigte sich doch, daß Sie Primadonnen rech! wohl bändigen können! Eine mehr ober weniger was macht Jtjneri das aus?"

Ich bin schließlich Künstler und nicht Tierbändiger! Aber das ist -- nicht. Was ich für schlecht halte, ist die Berwöhnung des Publikums!

Lieber Gott die Leute können für ihr Geld auch etwas oer- langen! $crren, dürfen Zirkusdirektoren denken, nicht Gouver­

neure eine Oper! Lassen Sie sich diese Wahrheit gesagt fein

Sie sprechen wieder sehr frei, feit Ihnen .Casar eine Schlacht 8« wonnen hat." .. _

Ich sprach auch früher nie anders. Und vor allem: ich wollte nt etwas anderes, als das Rechte! Wenn Sie mich daran Hinderten, es P: tun, dafür kann ich nichts. Ich hätte keine Gegnerschaft BononciniHan­del geduldet. Wenn einmal der, einmal der Erfolg hatte, das war un gesund! Die Oper braucht einen Spielplan, keine Lieblinge. Und 1« braucht ein Zusammenspiel und auch da keine Lieblinge!"

Wenn Sie nicht Händel wären, wenn nicht die Cuzzon! Ihre wpae ten verkörperte was würde das Publikum an .Cäsar' oder .Ottone interessant finden?" . .....

Ach, der Teufel, intereffant! Ein Kunstwerk muß nicht immer mt« effaut aussehen! Die Hauptsache, es ist ein Kunstwerk!"

Nun, Herr Händel, die Royal Academy ist jedenfalls kein Versuchs" ort für Langeweile, sondern ein Aktienunternehmen! Es lebt von Dem. was neu uni» reizvoll ist!" u

Händel sagte nichts mehr. Mit den Jahren wurde er abgehärtet, un® fein wetterfestes Gemüt konnte sich mit allem abfinden, was t?m- LL unterzeichnete als künstlerischer Leiter das Vertragsangebot an die -öo- boni. Mit Beginn ber Spielzeit traf ihre Zusage ein, gleichzeitig nann® sie einen unbestimmten Zeitpunkt für ihre Ankunft in London. Jahreswende kam, es wurde Februar, Marz. Die Bordoni blieb not immer aus. Londons Blätter hatten schon längst ihr Bild und ihren w- benslauf gebracht, längst schon stand die Cuzzoni gerüstet. Die Herren oi Oper schickten Eilboten nach dem Süden und rauften sich Die S)aari Endlich geruhte Ihre Majestät, die Primadonna, zu kommen.

(Fortsetzung folgt.)

Was für eine ruhige Ueberzeugung in der Stimme des Mädchens! Welcher Glaube an ihn! Und dabei hatte er sich um dieses Ding bisher niemals gekümmert, wußte im Augenblick gor nicht, wie sie hieß!

Fräulein, sagen Sie mir, wie ist eigentlich Ihr Name?

,'Susanna Arne ..." .

Die Royal Academy muhte sich entscheiden. Ihren Leitern war aber der Skandal nicht nur peinlich, er liefe auch einen Rückschlag in der drit­ten Spielzeit befürchten. Diese Bedenken der Aktionäre über der.Kunst er« stolz hinweg retteten Händels Stellung. Sämtliche Klagen und Wunsche der Cuzzoni wurden abgewiesen. Die Sängerin ging zwar in ihrem Haße sehr weit, und dachte sogar daran, mit Konzerten auf eigene Kosten die Oper auszustechen, aber als ihr dort im Ernste vorgeschlagen wurde, ihren Vertrag zu lösen, blieb fie doch im Verbände und fugte sich ^Dttfts^nfteiwittige Nachgeben kam nicht nur ihr sondern dem gan­zen Spieltrupp der Oper zugute. Sowie Handel sich Herr auch über die erften Sänger fühlte, gab er ihren Launen keinen Raum mehr und er­zwang ein geschlossenes Kunstwerk. Die Ausführungen desOttone , der wohl eine ber stärksten Opern Händels an sich war, führten seinen Stil zum Sieg. Gerade mit jener Arie, welche fie zuerst nicht fingen wollte, einem Kabinettstück feinster Seelenmalerei, hatte die Cuzzoni einen solch rauschenden Erfolg, bafe sie fast etwas wie Beschämung empfand. Handel bot ihr nach ber Aufführung bie Hand zur Versöhnung an. Er hatte etwas an ihr bemerkt, was ihm bie unglückliche Anlage dieser Sängerin bewies: sie konnte bas Leiben singen.

Doch kaum hatte er bie Starlaunen etwas gebändigt, verdarb ihm das Publikum die Herrschaften wieder. Dieses betrachtete Künstler nun einmal als Kampfhähne, und fo wie es fein Vergnügen hatte am Krast- mesten ber Komponisten, hetzte es nun bie Sänger aufeinanber. Cs konnte nicht lange dauern, bafe zwei so verschiedene Sängerinnen rote Bie Cuzzoni und bie Durastante, eine häßliche unb ein schone, >m selben Hause srieblich nebeneinander wirkten. Die Vergleiche fielen in Den Zei­tungen vom ersten Augenblick an. Als nun in ber gleichen Spielzeit nadi Händels Oper eine andere mit ber Durastante herauskam, begann das Sticheln. Aber bie Cuzzoni, die feit dem Streite mit Handel geduckt unb außerdem ber Durastante in Gesangskunst weit überlegen war, nahm bie Heraussorberung nicht an. Die kleinen Eifersüchteleien horten mn Theater ja nie auf. Aber eine Weile blieb ben Lonbonern bas Schau­spiel eines Künstlerkrieges erspart unb bie Spottverse voreiliger Literaten verflogen im Winde. , .

An bie Royal Academy trat der Ernst heran. Die grofefpurtge Er­nennung dreier Musikleiter erwies sich als kostspielig. Bononcim war im (efeten Jahr nach Frankreich verreist unb kam nun mit einer schwachen Oper angerückt, bie allgemein enttäuschte. Auch ber britte Direktor lie­ferte für bie neue Spielzeit ein schwaches Werk. Beibe Erstaufführungen unb bie leeren Häuser bei ben Wiederholungen waren fo, daß bie Zei­tungen bereits einen Grabgesang für die Royal Academy anftimmten. Sofort trat deren Vorstand samt dem Verwaltungsrat zusammen und beriet mit sorgengerunzelter Stirn. Eiskalte Worte über die Künstler fielen, es wurde von Gehälterkürzungen gesprochen unb endlich von Entlassung ... Daß einer ber brei Komponisten für die nächste Spielzeit nicht mehr verpflichtet werden konnte, stand fest. Welcher gehen mußte, das sollte dieses Jahr entscheiden. '

Als Händel jetzt, da alles trübe sah, nut unbeirrbarer Tatkraft bie gewaltigste Oper seines Schassens fertigbrachte, da wußte die Gesellschaft endlich auf wen sie sich verlassen konnte. Händel hatte ben seiner wür­digen Stoff gesunden. Alle Herrscherinstinkte des Künstlers, die Gabe, zu befehlen, das Schicksal, einmal im Leben von ber Gletscherhöhe des Geistes cherabsteigen zu müssen in bie warme Nähe ber Liebe, leiben« schaftliche unb erhabene Gesühle eines Großen, um ihn bie Welt ber Tückischen unb Geduckten, farbig, leidend, brünstig unb reich bas Leben unb darüber ber Jrnperatorensingerzeig dessen, der dem Leben Richtung gibt: das ist HändelsJulius Cäsar".

Alle namhaften Kräfte der Oper waren eingesetzt, das Werk mit Glanz herauszubringen. Die Gesellschaft bewilligte erhöhte Ausgaben für die Ausstattung, zu der Heidegger Wochen hindurch den Komponisten zu Rate zog. Eine Aufführung ganz großer Art kam. Das Haymarket- fljeater stand im Schmucke der britischen Reichsfarben und der Londoner Stadtfahnen. Der König und alles, was Rang und Namen hatte, fuhr Im Prunkwagen an, Gardesoldaten und Edelknaben mit Fackeln standen am Operneingang und in den Vorhallen bis zu den Logen hin. Ein neuer, dunkelroter Samtvorhang überraschte die Zuschauer, Lichter in verdoppelter Zahl als gewöhnlich überfluteten fie, unb ber Anblick eines mit Blumen geschmückten Saales fetzte in Erstaunen.

Sowie Hänbel ans Dirigentenpult trat, würbe er umjubelt, er fühlte den fommenben Sieg. Man sah an biesem Abenb Cäsar mehr in ihm als in Senesino, ber bie Titelrolle fang. Unb eine ber Choristinnen hatte währenb ber feierlichen Schlußszene, als sie einen Akt lang unter hulbi- genben Mäbchen auf ber Bühne stank», Gelegenheit, von bort aus Händel mit dem König zu vergleichen, ber nah sichtbar in feiner Loge fafe. Unb diese junge, unbekannte Sängerin, seltsam überzeugt von ihrem unb bes ganzen Hauses Führer, bachte den tollen Gedanken, daß ber grofee Händel besser König, mehr König sei als ber, ben seines Volkes Brauch fo nannte ... Dieses stille Mäbchen Halle buntel empfunben, was nun andere auch dachten. Die Kritiken, welche das Werk besprachen, erlangten stellenweise eine liefe, die bei Urteilen über Opern bisher fehlte. Mayn- roaring unb Adbison schrieben förmliche Essays, Macht unb Kunst in Vergleich stellen!» und die Feinheit aufdeckend, daß irdische Größe erst dann ewig dauern könne, wenn sie sich vergeistigt wiederhole: Cäsar in Händel ...

Der Riese war vor der Welt auf seinem Gipfel angelangt. Ueberallhin strahlte der Glanz seines Namens, und die anderen verblaßten neben ihm. Zwar nützte er den Ruhm nicht aus, um die Mitläufer abzu- brängen, wie es Bononcini in feinem guten Jahr versucht hatte. Händel setzte sich vielmehr für zwei neue Werke Ariostis und Bononcinis ein.