Ausgabe 
5.8.1935
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerKmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1935

Nummer 60

Montag, den 5. August

Jetzt ist noch nicht die Generalprobe. Nehmen Sie erst die Gesangs-

singe keine Arie!"

Ich

e eigen«*1

Ihre Arie singen!" So zu Verleum

ein paar Worte zu Händel nder Gott, und die Cuzzoni

Gehen großen sah er.

Seine Kraft war in ihm mächtig bin Rändel-Roman von Ernst <Uurm

aus, so schädlich für _ , ,

liche und berufliche Stellung vergaß und dem moralischen Ges , , ,

Lauf ließ. Es drängte vulkanisch zur Züchtigung des bösen Weibes. Mit einem Sprung war der Komponist bei der Sängerin, packte sie, noch ehe ihr Gatte dazwischentreten konnte, mit der einen Hand am Arm, gab ihr mit der anderen eine schallende Ohrfeige und brüllte, daß die Wände des Saales zitterten:

dem Weibe zu:

Singen Sie, wie ich es verlange, oder nicht?"

Ich werde dem Herzog von Ihrer Umgangsweife erzählen und nicht

Singen Sie jetzt, Sie italienischer Intrigantenschopf, oder ich werfe Sie zum Fenster hinaus!"

Das erste in der allgemeinen Aufregung war ein gellender Schrei

Steigerung nie zu H nne ihi ol«

inte Senil)

SM» chen 3*

SJaters

I vor M.

, be«W ngiebini* ihr

* Jljt? 'hutieit 2 °">-t'i °°r sich

Wil e« N >9 fern $ m. <Jj|£ gelongl! t e nwnui® 1 beten,«

gehört, i, möge, mbeirrt * herz

'lauroeif ® öesrcht wo® 2chi°b«w (einet U und dos k

: honst» ttömmf fen der 8« it (NN

°h> gj ion «P15". g unh,®<: denn er erteH r» % lotnw1"'

Händel sah schon übersteigert aus. Es war, als stünden sich Gott und Satan zum Kampfe gegenüber. Drohend schrie der Riese, furchterregend,

der Primadonna in Todesangst:

Herr Händel, nicht!"

Erst dann kam ihr Mann dazu, sich vor sie hinzustellen und fo zu tun, als beschütze er sie. In Wirklichkeit war ihm während des dramatischen Auftritts genau so das Herz in die Hosen gefallen wie den meisten An­wesenden, und er stammelte totenbleich nur r .

hin. Der stand noch immer da wie ein zürnender Gott, und die Cuzzoni floh, weiterfchreiend, bis zur Türe des Saales. Dort aber drehte sie sich, auch hier Theaterwirkungen anstrebend, noch einmal um und rief, ehe sie ganz hinausstürzte:

lerleumdungen bereit sah die Cuzzoni in diesem Augenblick >lich für das Gute auf Erden, daß Händel seine gesellschaft- - - - - ... - ,|ü^( in sich

u»r

Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnstatt, Stuttgart und Berlin

(5. Fortsetzung.)

Hier gibt es keine Ausnahmen, wirklich keine! Es wird begonnen, meine Damen und Herren ohne Frau Cuzzoni! Wir gehen den ersten Akt vollständig durch mit Pausen für die fehlende Sopranpartie. Kommt die Sängerin während dieses Aktes, bleibt sie trotzdem vollständig außer acht. Ich bitte, die Ouvertüre!"

Die majestätische Entrata zuOttone" schwoll an. Aber kaum hatte bas Orchester zu spielen begonnen, als sehr geräuschvoll die Saaltür geöffnet wurde und die Cuzzoni, lebhaft den Fächer bewegend, eintrat. Hinter ihr kam Sardoni, der Gatte, und ein zweiter Mann, beide mit Paketen auf den Armen. Noch vor der Türe hatte die Sängerin ein Gelächter angestimmt, das sie beim Betreten des Saales nicht beendete. Sofort klopfte Händel mit dem Taktstock laut aus, und die Musik brach ab. Inzwischen nahm die Cuzzoni den zögernden zweiten Mann an der Hand und zerrte ihn bis zur Mitte des Raumes.

Die Primadonna stand auf den Zehenspitzen, als sie dies schrie. Ihr Antlitz war haßverzerrt, und grün funkelten ihre Augen. Aber auch sah schon übersteigert aus. Es war, als stünden sich Gott und

Wehe! Gemeiner Kapellmeifterunhold! Scheusal! Wehe!"

Händel war noch immer zu geladen, um Schimpfworte einzustecken. Er gab saftig zurück:

Laufen Sie jetzt zum Herzog und verklagen Sie mich! Aber mieten Sie vorher ein Schiff für sich, sonst schaffe ich Sie über den Kanal hin- ÜbC£)ie Sängerin verschwand und ihr Gatte hinterher. Im Saale blieb eine Versammlung von Menschen in rasch gedämpfter, aber nickt ab­geflauter Unruhe. Zu spielen oder zu fingen wäre keines imstande ge­wesen. Händel erkannte das und bat sämtliche Künstler, nach Hause zu gehen. Die nächste Probe wäre morgen.

Schweigend und ohne dem Riesen helfen, ohne ihm recht geben zu können, gingen die Menschen von ihm. Auch Heidegger, der Händel nach dem Austritt beinahe für einen erledigten Mann hielt, sprach nur ein paar höchst verlegene Worte. Dann war er draußen.

Eine einzige Seele fühlte in diesem Augenblick mit Händel, ein Mäd­chen Es hatte vorhin nach dem gellendenHerr Händel, nicht!" dieselben Worte viel leiser und beherrschter auch gerufen. Jetzt ging das junge Weib eine Choristin, absichtlich als die letzte aus dem Saal, trat vor Händel im Vorbeigehen und sagte in seltsamem Tone zu ihm:

Das Schlimmste war das nicht "

Ein Trostwort. Händel sah auf. Große, lebendige, aber gefjeim be­freite Augen sahen ihn an. Eine hohe, edle Gestalt, kräftig und doch unbeschwert, stand vor ihm.

Was meinen Sie damit, Fräulein?

Sie werden fertig mit der Sängerin, Herr Handel.

Zwischen Rezitativ und Chor liegt die Arie Falsa imagine ..."

Sie haben dieser Arie keine Kantilene beigegeben, ich finge sie aus­geschlossen!"

Frau Cuzzoni, Sie fingen nach Angabe, nicht nach Wunschf*

Der Text zu Ihrer Arie paßt mir nicht, er ist holperig!"

Der Text ist Nebensache. Herr Korrepetitor, versuchen Sie, bitte, die Form der Arie mit Frau Cuzzoni einzustudieren."

Kommen Sie doch, de Nera, es geschieht Ihnen nichts! Ach, Händel, haben Sie schon ein wenig auf mich gewartet? Ich und mein Mann waren. Sie sehen, durch Einkäufe auf gehalten!"

Der Komponist bändigte feine jäh aufsteigende Wut nur mühsam. Er herrschte die Sängerin auch deutlich an:

Stören Sie nicht die Probe und nehmen Sie Platz, Frau Cuzzoni! Und hinaus mit solchen, die nicht hereingehören!"

Nun schwoll der Cuzzoni aber der Kamm. Sie brach kollernd los: .Händel, unterstehen Sie sich, meinen Bekannten anzusiegeln!" Ich bin Herr für Sie, nicht Händel, sonst sind Sie für mich Cuzzoni!" Während Sardoni feine Frau nicht zu verteidigen wagte, sprach der "ViM'J andere Mann, ein italienischer Literat, Händel ziemlich hochmütig ent- gegen:

JEin Mann, der zu Frauen nicht ritterlich sein kann, ist der letzte i1** * unter den Männern!" . . , .. t

un. t Da brüllte der Künstler den Kavalier der Cuzzoni an, daß diesem so zwei Pakete vom Arm fielen: .

'Sie Windhund aus dem Süden, verschwinden Sie zetzt und machen

Sie mich nicht zornig!" , , . _ , Q,

Spaßhaft genug war es, als der Literat jetzt vor dem Kolosse Angst bekam und dem Ausgang zueilte. Dort erst wurde er wieder frech.

Ich gehe, aber wehe Ihnen, wenn Sie glauben, daß es für deutsche Bären in der Gesellschaft nur Wälder, keine Zäune gibt!

Händel batte schlagfertig eine Antwort:

Sie möchte ich auch nicht hinter Zäunen zwischen meine Pranken frioaon f"

Nun erst regte sich Sardoni, von seiner Gattin wiederholt in die i ^«be^^err Händel, Sie können doch einen treuen Besucher der Oper nicht derart beleidigen!" . .

Ich habe einen Menschen zurechtgewiesen, der hier bet der Probe nichts zu tun hat. und niemanden beleidigt!"

Höhnisch rief die Primadonna jetzt, daß alle es horten:

Herr Händel kennt keine Beleidigungen!"

Seien Sie still, Frau Cuzzoni, mischen Sie sich nicht in meine An­gelegenheiten!" . .

.'Besser Sie hätten sich nicht in die- meinen gemischt!

,Ruhe endlich! Jetzt ist Probe! Ich bitte, nochmals die Ouoerture.

Wieder fehle das Orchester feierlich ein. Aber jetzt^unterbrach die Euzzoni das Musikstück noch früher als beim Betreten des Saales. ®te rief ganz einfach laut und rücksichtslos: , . h . .

Wenn jetzt Instrumentalmusik geprobt wird, gehe ich fort, da ich nicht für das Warten, andern für das Singen bezahlt werde!

Händel brach abermals ab. Und f«b kW Die Sängerin grofc unb bedeutungsvoll an, wie Gottvater einen Frevler betrachten mag. Auch leine Worte waren schwer, doch ohne Härte: e

Lassen Sie, bitte, diesen Unfug den letzten fein.

Aber die Cuzzoni wurde nun böse im Trotz:

nummern durch."

Frau Cuzzoni ich entbinde Sie heute der Probenpflicht. Sie, ehe ich Ihnen bitter den Herrn zeige!"

Jawohl, ich gehe mich beschweren! Zuerst zu meinem Verehrer, zu Ihrem Brotgeber, dem Herzog von New Castle!"

Händel fühlte den Schlag und den Biß der Schlange. Jetzt wie gefährlich diese häßliche Sängerin war. Er beherrschte sich.

Bitte, wir proben zuerst die Gesänge ..."

Zu allererst mein Rezitativ aus dem ersten Akt."

Zuerst, ja, das Rezitativ samt Arie ..."

Ich finge keine Arie, ich finge bloß das Rezitativ!"