zuwilligen. Mit einem flüchtigen Lächeln erinnerte sie sich, daß sie selbst die Verzögerung gewünscht, allerdings anders gewünscht hatte.

Da lag sie auch schon auf Gotthards Armen, der sie strahlenden Ge­sichtes zum Zelte trug. Er hörte gar nicht, was sie sagen wollte. Mit einem Sprung war er wieder hinaus und hetzte wenige Minuten später mit einem rasch zusammengerafften Bündel duftender Gräser und Blüten herbei, die er in der Zeltmitte aushäufte und Decken darüber breitete, damit das Lager für Annette nicht zu hart sei. Den dicken zögernden Regentropfen, einzelnen Trommelschlägen gleich, folgten rasch rasende Wirbel, die zuletzt in ein gleichmäßiges Rauschen von großer Heftigkeit übergingen, so daß Annette bangte, sie könnten sortgeschwemmt werden. Gotthard wies beruhigend auf die Hügellage des Zeltes und feine erprobte Festigkeit hin. Er erzählte, um sie von dem Blenden der Blitze abzulenken, von der Schönheit einsamer Jnselnächte. Plötzlich aber war eine Wetterflamme über ihnen wie eine hereingeworfene Fackel, und ein Donner dröhnte, als schmetterten Baumriesen über ihr armseliges Dach.

Gotthard!" schrie Annette angstvoll auf und drückte sich wie ein Vogel vor der Stimme eines Habichtes, am ganzen Körper zitternd, an seine Schulter. .Kleine, liebe Annette", stammelte er, sich dicht hinter sie kauernd, daß sie ihren Kopf sanft erhöht in seinen Schoß legen konnte, und schlang seine Arme zärtlich um ihr Gesicht. Seine Rechte liebkoste ihr Stirn und Haar. Und er sah, im Schein der schwächer wer­denden Blitze, wie ihre Augen einen tiefen stillen Glanz bekamen. Lang­sam senkte er seinen Kopf atemnah über ihr Gesicht und flüsterte noch einmal:Liebe, kleine Annette." Da warfen sich ihm ungestüm ihre Arme um den Hals.Gotthard, Liebster!" hauchte sie und zog ihn zu sich. Unter ihren Küssen sprangen die letzten Riegel ihrer Herzens­kammern. Die Finsternis im Zelt wurde ihnen strahlender Tag, soviel warmer Glanz brach aus ihren Blicken und verliebten Worten. Bis Annette dem Schlummerlied des eintönigen Regenrauschens doch nicht mehr widerstehen konnte und die schweren Augenlider lächelnd schloß. Da löste Gotthard behutsam ihre Arme von seinem Nacken und bettete die schon halb Schlafende in die Decken.

Erst gegen Mittag erwachte Annette. Als ihr Gotthard ins Boot hals, straffte der Wind einen neuen Wimpel am Heck: von gelbem Grund hob sich ein Silbermövenpaar ab. In schönem Flügelschwung umspielte der eine Vogel den anderen, der auf der Woge glitt. Annette bückte sich rasch und küßte Gotthards Hände am Bootsrand. Der spürte gar nicht, wie er immer tiefer mit dem Fahrzeug in der Strömung watete.

Als er schließlich losließ, empfand er keine Traurigkeit. So hatte er- als Knabe oft kleine Schiffchen an der Leine hinausgelassen. Und jetzt dünkte ihm die Schnur doch fester geknüpft. Er legte beide Hände wie einen Schalltrichter an den Mund und rief der Entschwindenden seinen Jubel über die Wasser nach:

Ahoi, Annette!"

Das «-irdische Paradies-.

Zur Kulturgeschichte des Badens.

Von Dr. Wolfgang Frahm.

Es ist unbestreitbar, daß die Menschen im Laufe der letzten Jahr­zehnte bei uns badelustiger geworden sind. Der Sport und die modernen Anschauungen von Sauberkeit und Gesundheit haben dem Körper sein volles Recht eingeräumt, das ihm ebenso gut bekommt wie die unge­hinderte Berührung mit frischer sonnendurchstrahlter Luft. Aber wir dürfen nicht glauben, der regelmäßige Gebrauch des Badens fei unsere Errungenschaft, und unsere Vorfahren feien alle mehr oder minder wasserscheue Geschöpfe gewesen. Ein Rückblick auf die Geschichte belehrt uns eines Besseren.

Das Altertum hat eine ausgesprochene Badekultur gehabt, die zu­meist mit den Gesetzen der Religion eng verknüpft war. Viele gottes­dienstliche Handlungen waren für Volk und Priesterschaft von Waschungen begleitet, und wie noch heute den Fluten des Ganges wurde auch vor Jahrtausenden manchen Flüssen eine erlösende Wirkung zugesprochen. Körperliche Reinigung und innere Läuterung gingen Hand in Hand. Der Geschichtsschreiber H e r o d o t berichtet von den ägyptischen Vorschriften, nach denen der König und die Priester jeden dritten Tag den Bart scheren und zweimal täglich und zweimal nachts baden mußten. Aehn- lichen Bestimmungen begegnen wir in fast allen Kulturen des Alter­tums. Die Griechen haben zuerst wohl nur Bäder in Flüssen und Meeren gekannt, aber später kam bei ihnen in Verbindung mit den Gymnasien das warme Bad auf; auch hier befanden sich Körperpflege und geistige Weihe noch in voller Uebereinstimmung. Die Römer griffen das Vorbild der alten griechischen Bäder aus und bauten jene wunderbaren Anlagen der Thermen, deren Großartigkeit und verschwenderische Ausstattung bis heute nicht wieder erreicht worden ist. Diese Bäder waren von Säulen­hallen, Laubengängen und Gemächern umgeben, auch Bibliotheken und andere Aufenthaltsräume fehlten nicht. Das Rom Konstantins hatte neben fünfzehn großen Thermen noch fast neunhundert weitere Bäder aufzuweisen, und der tägliche Wasserverbrauch muß ungeheuer ge­wesen sein.

Von den alten Deutschen sagt Tacitus, daß sie besonders tüchtige Schwimmer waren und daß sie oft badeten;die Neugeborenen empfing der Rheinstrom" heißt es an einer Stelle seiner Schilderung. Jahrhunderte später berichtet Einhart, der Geschichtsschreiber Karls des Großen, daß sich der Kaiser vor allen anderen im Schwimmen hervortat. Auch in den Klöstern war das Baden durchaus an der Tages­ordnung. Das Aachener Konzil vom Jahre 803 bestimmte, daß alle geist­lichen Stifte für ausreichende Badegelegenheiten sorgen müßten. An Stelle des fließenden, kalten Wassers bevorzugte man jedoch bald immer mehr das Warmwaffcrbad, und so entstanden die Badstuben. Nun wurde das Baden zu einer wahren Leidenschaft, zu einem gesellschaftlichen Er-

Beraatwortlich: l)r. HanS Thyriot.

eignis, zur Kurzweil und Vergnügen, wenn auch die Sauberkeit darüber nicht zu kurz zu kommen brauchte. Gegen Ausgang des Mittelalters hatte fast jede kleine Gemeinde ihre Badstube. Zur Abendzeit, wenn die Badeglocke ertönte oder das Badehorn geblasen wurde, eilte alles zu dieser Stätte der Entspannung und Erholung nach des Tages Müh und Last. Oft wurde die Badezeit auch ausgerusen. Solche Baderufe sind uns noch erhalten wie der folgende:

Hört, Reich und Arm, Das Bad ist warm. Wer sich will waschen und salben Am Haupt und allendhalben. Es sei Herr, Knecht, Frau oder Mann, Dem wird gewartet schon."

Vor jedem wichtigen Lebensabschnitt, vor jeder feierlichen Handlung > nahm man ein Bad. Eine Hochzeit war erst dann vollendet, wenn Brauk und Bräutigam mitsamt dem meisten recht zahlreichen Gefolge die Bad- stube befucht hatten. An diesem Ort galt sogar das Asylrecht, und fein Gericht durfte einen Verbrecher aus dem Bad heraus festnehmen lassen

Auf den Ritterburgen gab es Badezimmer, in die der Gast geleitet und wo ihm das Bad bereitet wurde, nicht selten mit würdevoller Um­ständlichkeit. Man bestreute das Wasser wohl auch mit Rosen und reicht« dem Fremden einen Willkommenstrunk. Aus diesen Bräuchen ist späte, eine regelrechte Badegesellschast entstanden. Vornehme Herren und wohl- habende Bürger ludenins Bad" ein. Natürlich war das mit umfang, reichen Gastereien verbunden.

Voller Bewunderung berichtete der italienische Humanist Poggi, 1417 aus Baden im Aargau:Mancher besucht täglich drei bis mer verschiedene Bäder und bringt da den größten Teil seines Tages mit Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tanzen zu. Selbst >m Wassn setzen sich einige hin und spielen Instrumente. Nichts aber kann reize».- der zu sehen oder zu hören sein, als wenn schon in voller Blute stehens Jungfrauen mit dem schönsten offensten Gesicht, an Gestalt und Bench- men Göttinnen gleich, zu diesen Instrumenten singen, wenn ihr leichte« zurückqcworfenes Gewand aus dem Wasser schwimmt und lebe eine neue Venus ist. Dann haben sie die artige Sitte, wenn Manner ihner von oben herab zusehen, sie scherzweise um Almosen zu bitten; da wirft man, zumal den hübscheren, kleine Münzen zu, die sie mit der Harr oder dem ausgebreiteten Linnengewand auffangen, wobei die eine oit andere im neckischen Spiel wegstößt. Ebenso wirft man ihnen auch au« Blumen geflochtene Kränze herab."

Erasmus von Rotterdam hat das Badeleben feiner Ze» einmal einirdisches Paradies" genannt, und tatsächlich scheint es da­mals Anlaß und Mittelpunkt für große Volksbefuftigungen, verschwem derifche Prachtenfaltung und verliebte Spiele gewesen zu sein rott Poqqio von der Geselligkeit der Badenden auf einer großen Wiese am Fluß erzählt.Hier kommen nach dem Essen alle zusammen und be­lustigen sich mit Gesang, Tanz und mancherlei Spielen. Die meist-» pielen Ball, aber nicht wie bei uns, sondern Männer und Frauen wei­fen sich, ein jedes dem, das es am liebsten hat, solche Bälle zu, an bem» viele Schellen sind. Alles läuft herbei, ihn zu haschen; wer ihn be­kommt, der hat gewonnen und wirst ihn wieder seinem Geliebten zm Alles streckt die Hände empor, ihn zu sangen. Viele andere tausenrn fältige Ergötzlichkeiten muß ich übergehen und gab nur ein Probchm von der Art, wie sich diese Epikuräer vergnügen. Bald glaube ich, d°- sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Eden, d. h. den Garten der Seligkeit, nannten."

Derartige größere Badeunterhaltungen waren im allgemeinen mit Musik verbunden. Zuerst sang man nochgeistliche Badekieder", spate-: aber scheint sich mancheUngezogenheit" eingeschlichen zu haben, denni die Behörden mußten hier und da mit strengen Verboten gegenum schambare Gesänge" vorgehen. Auch der Wein gehörte zum Baden, roiz wir aus dem Ausgabebuch Albrecht Dürers entnehmen können, d--: 1520 auf seiner Reise nach den Niederlanden in Aachen weilte und bei i dieser Gelegenheit gewissenhaft notierte:Fünf Stüber fürs Baden aus« gegeben und mit den Gefährten vertrunken." In den prachtvollen Bull s gerhäusern der Renaissance wurden herrliche Badesäle gebaut, wie ini Augsburger Fuggerpalast. Aber auch in Familien mit weniger groß­zügiger Lebensführung wurden behagliche Badestuben eingerichtet, M' t im Winter gut geheizt werden konnten. Noch aus dem 17. Jahrhundem berichtet der Arzt Guarinonius:Wenn mancher, der sonst nicht:- zu tun hat, nicht weiß, was er ansangen soll, läßt er sich ein Bad M richten, darin er etwa mit seinem Weib oder sonst einem guten Freun«. sitzt und an die drei oder vier Känndel Wein ausleered, damit nut;: etwa in seinem Leib innen eine Leere entstehe."

Die Aerzte begannen bald darüber zu klagen, daß der Wemgenutz on viel von dem verderbe, was das Bad Gutes bewirkt habe. Auch oi. Lockerung der Badesitten mag immer mehr zugenommen haben, zedm- falls wurde die Kirche allmählich zur Gegnerin des Badens, und schlus« lich galt es gar als Sünde, während die Enthaltsamkeit vom Bade als Zeichen tugendsamen Lebenswandels gepriesen wurde.

Daß aber noch viele an dem gewohnten Bad festhielten oder M gar in der Hitze des Sommers zu einem Freibad verführen ließen, M weift eine Bestimmung in der Schulordnung des Hamburger 3opar« neums vom Jahre 1537, in der es heißt:De an bat Water gähn um sick haben unb schwemmen gelyck als de Göse (Gänse) ebber be ®n*ca,L (Enten), schälen schwehrlicken gestraffet werben", unb noch im 18- Jan® hundert tarn im Babischen eine Verorbnung heraus, bas Volk le, oc bemso gemeinen als höchst gefährlichen unb ärgerlichen Baöenj> warnen unb Uedeltäter zu bestrafen." Dack Rokoko mit seiner Verna« lässiqunq einer wirklichen Körperpflege zugunsten von Perücke um Puder tat ein übriges, um Bad unb Wasser gesellschaftswidrig » machen. Aber biefe Zeit liegt heute so fern, baß wir über sie la-y-u unb getrost zur Tagesorbnung, zum Baben, übergehen.

Druck und Beklag: Drühl'sche UnlversitätS.Buch. und Stetndruckerei.Lange. Gieb«^