Ausgabe 
5.7.1935
 
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wie auf den stillen Fluten hier, die den Wasternng im Rücken »er Insel schlossen. Am meisten war sie über einen Haubensteitzsuß verwundert, der zwischen den grünen Flößen aus Teichrosen und anderen Wasser- pslanzen trieb, und der ihr, mit einem Schwan verglichen, in seiner Far­benbuntheit, mit seinem komischen hörnerartigen Federbusch auf dem Kopfe und der breiten Halskrause wie ein aufgeputzter Clown erschien.

Als sie schließlich vom User abschwenkten, leuchtete ihnen zwischen Weidengebüsch ein weißes Zelt entgegen, das Gotthard als seine Be- Hausung bezeichnete. Im Näherkommen entdeckte Annette, daß zwei Zelte mit ihren Eingängen aneinandergerückt waren, und ihr Herz schlug rascher. Sie fühlte sich mit einem Mal wie auf eine Südseeinsel verschlagen und von einem Eingeborenen sortgeführt, vielleicht dem Zelte seines Häuptlings zu? Gotthard merkte an ihren zerstreuten Antworten, daß ihre Gedanken abwegig waren. Ob sie denn keinen Hunger ver­spüre und mit ihm einen kleinen Imbiß einnehmen wolle. Das täte sie gern, aber zuvor müsse sie zum Boote lausen, um auch ihren Proviant zur Verfügung stellen zu können. Den hole er. Und schon lief er strand- wärts und zerstörte damit ihren heimlichen Fluchtplan, den jäh erwach­tes Mißtrauen in ihr hatte auskeimen lassen. Sie solle es sich einstweilen im Zelte behaglich machen, rief er noch zurück. Zögernden Schrittes ging Annette weiter, die Augen unverwandt auf die Zelte gerichtet. Wie einem Kind im Dunkeln wurde ihr die Stille unheimlich. Sie begann zu pfeifen und zu singen. Aber sie lockte keine Gestalt damit aus dem Ge­zeit hervor, wie sie erwartet hatte. Auch auf ihrHallohl" hin regte sich nichts vor ihr. Geräuschlos schlich sie an. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie das Zelttuch griff. Verhaltenen Atems schob sie vorsichttg den Kopf durch den Eingang und durchflog mit hastigen Blicken die Räume. Zuerst siel ihr eine Staffelei auf, dann waren Mappen, Kasten, Bücher, Kleidungsstücke und Kochgeräte da. Alles Dinge, die niemand anders gehören konnten als Gotthard, wie sie sofort überzeugt war. Sie lachte hell auf, lachte über sich selbst und ihre hasenfüßige Angst, die sie bei- nahe zur Flucht gehetzt hätte. Beim Blättern in den Skizzenbüchern fand sie einige Landschaftsmotive und Vögel wieder, die ihr Gotthard gezeigt hatte. Sie war erfreut über sein Können und bereute heimlich, was sie Minderes von ihm gedacht hatte. Bor das Weidicht tretend, sah sie ihn aus dem hohen Schilf kommen. Ein Stück weiter draußen entdeckte sie auch ihr Boot im Ufersand. Jetzt war sie Gotthard aufgefallen, und er winkte ihr zu. Sie erglühte, daß er an sie gedacht und sie mit Blicken gesucht hatte. Sie fühlte sich beschenkt von ihm und winkte freudig zu- rück. Wie ein übervoller Blütenzweig im Winde auf und nieder weht, schwenkte ihr Arm, schwer von Glück.

Sie atzen Früchte und Brot, vergaßen beim Plaudern die Zeit und konnten sich endlich am Strande, mit frohen und herzlichen Worten für einander, mit Hoffnungen und Versprechungen, kaum trennen. Gotthard sah ihr nach, bis sie so klein war wie eine wirkliche Möve und als weißer Punkt in der Ferne unterging.

Am nächsten Tage kam er ihr ein Stück entgegengefahren und ruhte nicht, bis sie bei ihm im Boote saß. Die Silbermöve wurde nachge- schleppt. Wieder streiften sie umher, wieder verabredeten sie sich, und so verging eine Woche. Annette wünschte immer sehnlicher, der stille Jnseltraum möge ihr ganzes Leben überfluten und wagte nicht zu denken daß das nicht mehr ferne Sommerende ihr Paradies zerstören würde. Weder Gotthard noch sie hatten bislang auch nur mit einem Wort über das nahe Morgen hinaus an dieses Kommende gerührt. Aber wenn er manchmal plötzlich schwieg, und sein Blick fort über die weiten Wasser slog, wußte sie, daß auch er die Schatten am Horizont aussteigen fühlte. Dann war es ihr, als müsse sie seine Hände ergreifen. Warum fragte er sie nicht, ob auch sie schon einmal daran gedacht habe, schmerzlich daran gedacht? Sie hätte gern seinen Arm um ihren Hals gelegt und sich an seine Brust gebettet. Aber er war von vor- nehmer Zurückhaltung all die Tage. Wohl spürte sie die Warme und Innigkeit seiner Worte und das glückselige Schwärmen seiner Blicke um ihr Gesicht, wenn sie kam und ging, aus ihren gemeinsamen Jnselwan- derunqen jedoch empfand sie sich oft zurückgefetzt vor der Landschaft, soweit schien ihr Gotthard entfernt zu sein und schritt doch neben ihr und saß bei ihr. Dann hörte sie ihn sprechen als ströme em breites Wasser zwischen ihnen. Und sie gab oberflächliche Antworten Vielleicht würde in der Nacht alles anders fein, dachte sie, wenn die Dunkelheit das Herumpirfchen unmöglich machte ...?

So verzögerte sie eines Tages ihre Abfahrt mit dem heimlichen Wunsch, Gotthard möge sie zum Bleiben veranlassen. Er lag aus- gestreckt im Gras und stützte mit aufgestemmten Armen das Gesicht in die Hände. Sie saß schräg vor ihm an den Stamm einer Pappel ge­lehnt und lauschte den Schilderungen seiner Reisen und Fahrten, die in ein Heft niedergeschrieben waren, mit geschlossenen Augen. Ihr gefiel die mundartliche Klangfarbe feiner Sprache ebenso wie sein ausdrucks- volles Mienenspiel, das sie ab und zu verstohlen durch ihre langen Wimpern wie durch einen zarten Vorhang beobachtete. Welche Land- schäften und welche Erlebnisse er beschrieb, wußte sie kaum S>e waren hr gleichgültig, sie erlebte nur ihn: Gotthard! Als ihr Schweigen ihn schließlich stutzig machte, und er das Heft zuklappen wollte, um sie nicht 3U langweilen, bat sie erschrocken und wie aus emern holden Traum aufgescheucht, doch weiterzulesen.

Dabei merkten beide nicht, daß der Himmel sich verfinsterte, daß starker Wind Wetterblöcke vom Horizont her heranwalzte. Der erste Donnerschlag überraschte sie und ließ Annette bestürzt aufspringen. Sie flirchtete Gewitter und begann in fliegender Hast zum Aufbrauch zu rüsten Gotthard sah ihr eine Weile verstört zu, dann griff er mit beiden Händen nach ihren Armen. Sie dürfte jetzt nicht allein m das Wetter hinmisfabren Die grellen Blitze, die bereits wie Feuerschlangen aus dem Himmelsraum herabschnellten, bestätigten seine Befürchtungen daß es iur Heimfahrt zu spät sei. Er biete chr aber die Zuflucht fernes Zeltes * an 3ber fie sich unbesorgt anvertrauen könne. Annette blickte unruhevoll m'der schwarzen Wetterlast empor, die sie noch nie so drohend erlebt hatte, roieJ unter diesem weiten Horizont. Es blieb nichts übrig, als e>n-

Iungbauernlied.

Von Wolfram Brockmeier*.

Wir sind die junge Bauernschaft, Des Volkes Mark, des Landes Kraft, Wir dienen stumm, am Pflug die Faust, Ob Sonne dörrt, ob Sturm uns zaust: Wir sind des Bodens Hüter, Die Hand, die sät, Die Faust, die mäht, Sind unsre Adelsgüter!

Das Korn erkeimt, es steigt der Halm, Die Aehren rauschen großen Psalm. Aus unseres Tagwerks Müh und Not Erwächst dem Volke gutes Brot. Und wahret es vor Schaden. Wer je es bricht, Vergesse nicht:

Es wuchs aus Tat und Gnaden!

Und scheint die Gnade uns versagt, Wird doch zur Tat die Hand gewagt, Und weigert uns das Land den Sieg: Wir kämpfen doch den erogen Krieg Mit Sonne, Wind und Regen Wir halten stand, Bebaun das Land, Erzwingen uns den Segen!

Ahoi, Annette!"

Eine Geschichte von Peter Bauer.

Am Ende der Uferstraße stand im Grün eines ausgedehnten Gartens Infelbaft allein das Haus des Direktors Helling, das Überdies noch an einer Stirnseite vorn dichten Gerank und Laubmosaik einer lapanischen Rebe so überwuchert war, daß den Fenstern in jedem Fruhiahr wieder ihre Vierecke ausgeschnitten werden mußten, und der halbrunde Balkon wie ein Vogelnest im Geblätter hing. Er war feines herrlichen Strom­blicks wegen in mancher freien Stunde der SieblingsQufentfjalt des Hausherrn Lettiete ihm dabei feine Tochter Gefellfchaft, konnte er sich in die glücklichsten Jahre feiner Ehe zurückversetzt fühlen so groß war die Ähnlichkeit im Aeußern wie im Wesen Annettes mit ihrer früh ver­storbenen Mutter. Wie sie, war auch das Mädchen em Wasservogel und trieb am liebsten paddelnd durch Sonne und Wind Die Fifcher kannten von weitern schon den schlanken Zweisitzer mit je'uer Führerin im leinenen Sportanzug und ebensolchem duftig-weißen breitkrempigen Hut.Die Silbermöve" sagten sie und meinten damit beide: das Boot, das sich mit stolz am Bug prangenden Lettern so nannte, ww auch das Mädchen, das so bewundernswert gewandt und sicher die Strömung be­zwang Meist blieb der Sitz vor Annette leer. Der Baker zog eine Auto­fahrt dem .Geschaukel auf unsicherem Element" vor, und die Freundin hatte noch 'nicht Ausdauer genug im Stromauf-Paddeln. Denn unter einer Stunde Bergpaddeln pflegte Annette nie uwZukehren In dieser Entternuna etwa lagen zwischen unroegigcn alten Wasserarmen des Stromes und feinem jetzigen Bette einige Inseln und Halbinseln, von denen sie meist eine anfuhr, um auf der vorgelagerten Sandbank n der Sonne zu rasten und sich braun rösten zu lassen oder em Stuck Weges durch Weidicht und Schilf in die einsame Wildnis vorzubrrngen.

An einem Mittag streifte Annette wieder durchs ^(6^0^141 landein. Auf dem engen, kaum für zwei Fühe getretenen Pfad bogen sich d fdiarfen Blattlanzen der hohen Schilfschafte knisternd über ihr, daß sie wie in einem Schacht ging, und die Hitze beklemmend wirkte. Sie rie­felte im Rohr, als ob feiner glühender Sand darauf meberfiele. Es würbe Annette heiß unb unbehaglich, unb fie begann zu laufen, bis sie enblich offenes Wiefengelönde vor sich fah, von dem em großer Tett von dichten Weidengruppen beschattet war. Sie b ieb bei ihnen stehen, trocknete sich die feuchte Stirn und wehte sich mit dem Hut Kühlung '""Plötzsich^?^eine Stimme hinter ihr:Halloh, Fräulein!" Eine männliche ^Stimme! Und ehe Annette sich für Flucht oder Warten en& scheiden konnte stand ein junger, onnengebraunter Mensch vor ihr uno beichtete lachend, er habe das Boot an Land gezogen da das 9nad'9 Fräulein sicher eine größere Erkundung der ^ufel beabsichtige. Annett fand im ersten Augenblick die Ueberrumpe ung cmPre"£p 'u^ Mann aber hatte eine ,0 frische, lungenhafte Art sich über ihren U mut binmeamfeben er nannte ihr böses Gesicht mit den Detoen ienr JSJ- n etknfalten zwischen den Brauen und den funkelnden Augen entzückend__daß sie ihm nicht lange zürnen konnte. Zudem begann bas

Abenteuerliche, Erregende der Situation ihre Neugier zu "'5°."-..^°" daß Sie einander nur ihre Vornamen verraten hatten, gefiel 'm als etwas Ungewöhnliches sehr. Sie lachte zu Gotthards lustigem ep au und durchwatete mit ihm unbekümmert das h?^ ^'Efengros inf einwärts. Zwischen kleinen Weidenwaldchen hmdurch, an niedrigen Dschungeln aus schlanken Binsen, struppigem Beinwell N-sseln und Klebkraut vorbei, vor deren Nähe er warnte, mbem " 'hr die bahmter liegenden Tiefen fchwarzfarbener Wafferlocher unb -ump 3 9- fühlte sich so sehr als Führer, daß er leben 'h"r Schritte aufmerk, betreute unb sie oft überpaschenb bei ber S)onb fafctie 21 'niL

unerwartet stehen bleiben sollte, um einen leltenen ® II 9

Zu verscheuchen. Sie hatte noch nie einen ausbaumenden Reiher em taudjenbes Teichhuhn ober ein solches Gewimmel von Möwen gesehen

* Dieses Gedicht entnehmen wir ber neuen Eed'chtsammlungE i n - kehr und Wanb 1 ung" von Wolfram B r 0 ck m e 1 e r, bie im siro Pyläen-Verlag, Berlin, erschienen ist.