„Dann werde ich auch gleich Hubert anrufen. Vielleicht ist er zu Hause. Er wird sich freuen, dich wiederzusehen. — Was meinst du?
„Tu das!" antwortete Ludwig und griff wieder nach seinem Glas, während der Bildhauer telephonierte. Martin sprach zuerst mit Billy, die seine Nachricht schweigend entgegennahm. Dann erreichte er den Schriftsteller Hubert von '©erber, der erklärte, in einer Viertelstunde da zu fein.
Martin ließ den Freund allein und begab sich zu feiner Portierfrau, der er eine lange Liste von Dingen, die er besorgt haben wollte, und Geld einhändigte. Dann säuberte er im Atelier einen Tisch und begann ihn herzurichten mit bunten Tellern, Gläsern und Schüsseln, wie Ludwig es liebte.
Mit der Portierfrau, die einen vollen Korb brachte, erschien auch Hubert von Gerber und schüttelte Ludwig kräftig die Hand.
Es war Nacht geworden.
Die drei Männer hatten wenig gefprochen, sondern sich hauptsächlich der Tafel gewidmet. Vor ihnen stand eine Reihe leerer Flaschen. Nur Ludwig hatte hin und wieder eine amüsante Anekdote aus Hollywood zum besten gegeben.
Die Ateliertür war offen geblieben, da die Abende noch nicht kühl geworden waren. Mit den Lichtstrahlen quollen auch die blauen Rauchwolken aus Martins Pfeife und Gerbers Zigarren in die Herbstnacht hinaus. Die Freunde saßen sich, bequem dusgeftretft, um den beladenen Tisch gegenüber, wie sie es aus vielen früheren Nächten gewohnt waren, bis Ludwig begann:
„Was mit mir eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht. Aber etwas in mir ist verändert, seit ich drüben mar. Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr fo bei euch sitzen und tafeln wie früher. Man hat es mir glatt verboten. Ich werde zu dick, verliere die Form, und bann ist da noch etwas... Na — einerlei! Ich mache mir nicht viel daraus. Wenn ich das auch unserem braven Kern nicht zugeben darf. Er ist einer der wenigen Aerzte, die wirklich etwas verstehen. Trotzdem weiß ich nicht, ob er recht hat mit seinen Verboten. Früher hab' ich einfach darüber gelacht. Heute aber kann ich das nicht mehr. Obgleich ich mich so wie jetzt immer am wohlsten fühle! — Warum soll ich nicht essen und trinken, wie es mir Freude macht? Warum soll ich nicht noch stärker und breiter werden, wenn es mir so bestimmt ist? Warum soll ich nicht meine Rollen so spielen, wie ich gerade bin? Daß ich es kann, auch mit zehn Kilo mehr, habe ich bewiesen! — Aber ich kann nicht mehr so darüber lachen wie früher!"
„Natürlich steckt ein Problem dahinter. Du siehst es nicht, aber du spürst es, und ich kann es dir sagen. Das wird dir guttun", antwortete Hubert von (Berber in seiner nachlässigen, hochmütigen Sprechweise. „Es ist das Problem der Form. Erinnerst du dich noch unserer letzten Nacht bei dir in Nikolassee? Da hat der Doktor Hartl allerhand Gescheites darüber gesagt. Ich habe ihm zwar in manchem widersprochen, bin aber im Grunde seiner Meinung. — Wo steckt er übrigens? Auf einmal war er weg!"
„Irgendwo in der Schweiz, wo er ein Buch geschrieben hat: .lieber die Grenzen der Freiheit', ober so ähnlich. Eine philosophische oder psychologische Abhandlung, die jetzt gedruckt wird."
„Die werde ich mir verschaffen. — Etwas in dir ist nicht in Ordnung, sagst du, und du fürchtest wieder einmal, .die Form zu verlieren'. Die äußere Form wohlgemerkt, die für dich als Schauspieler genau so wichtig ist wie die innere. Nun will ich dir mal etwas sagen, Ludwig. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die überhaupt keine Form nötig haben. Das klingt paradox, ist aber richtig nach meiner Ueberzeugung. Sieh mal, der Doktor Hartl und ich selber gehören zu den Menschen, die ohne eine starre, klare Form überhaupt nicht leben können, die nur innerhalb dieser Formen etwas schaffen können. Diese Formen müssen zuerst da sein, dann erst können wir anfangen, sie zu erfüllen. Du aber und auch unser Freund Franz hier, ihr gehört zu den anderen, bei denen die Form erst hinterher kommt. Er haut seine Menschen und Tiere am liebsten direkt in den rohen Stein, eigentlich genau so, wie du deine Rollen spielst, direkt aus dir selbst, in das tote Material, das erst dadurch warm und lebendig wird. Wenn ihr beide euch von vornherein aus irgendwelche feststehende Formen einiaht, kommt nicht das Richtige heraus. Das habe ich oft festgestellt. Deine Form, Ludwig, ist die Formlosigkeit, das Chaos, das Maßlose, Treibende, Glühende, Strömende, Gegensätzliche — wie du es nennen willst, aus dem in jedem Augenblick eine neue Form entstehen und wieder vergehen kann. Du bist der geborene Schauspieler. Ich will damit nicht sagen, daß -es nicht noch eine Art Schauspielerei gibt, bei der die Form, die erkannten, festgefügten Grenzen das Primäre sind. — Laß dich nicht mit der Skepsis ein, Ludwig!"
„Tu' ich denn das?" brummte Ludwig.
„Manchmal. Und das sind nicht deine besten Stunden! — Ich will es mal anders fassen. Du hast recht, wenn du dich in allem auf das Körperliche verläßt. Glaub ja nicht, daß das allem Geistigen nicht mindestens ebenbürtig ist. Meistens ist es ihm sogar weit überlegen. So ist es bei dir. Es ist der uralte, notwendige Gegensatz und der einzige fruchtbare Kampf auf der Welt. Du bist noch nie unterlegen."
„Doch! Gerade jetzt! Drüben!"
Gerber lachte laut auf. „Das sieht dir ähnlich. Weil die Mira den Grolinan geheiratet hat und dich dazu benützt hat! Das meinst du doch! So hast du es auch erzählt. Laß dich nicht mit der Skepsis ein! Wahrscheinlich glaubst du auch, öqA die vielen, die immer um dich herum sein müssen, dich nur ausnütjen tnb mit dir spielen, wie die Mira! Es sieht auch ost so aus. In Wirklichkeit aber verhält es sich gerade umgekehrt. Du bist es, der gibt, immer wieder und aus dem Vollen, Ueberlaufenben deiner Natur heraus. Das zieht sie an, und sie leben davon, von deinem freiwillig gespendeten Ueberfluß an lebendiger Kraft. Genau so war es auch bei der Mira. Sie hat dich immer wieder gebraucht, auch wenn sie
e- vor sich selber nie zugegeben hat. Wenn sie sich jetzt in einen sicheren Hasen gerettet hat, so tat sie das nur, weil sie sich ohne das ganz an dich verloren hätte, was weder für sie noch für dich erträglich geworden wäre. Es ist alles ganz richtig verlaufen. Das spürst du wohl, aber du siehst es falsch!"
Zch hab' dich ruhig ausreden lassen, Hubert, weil ich weiß, wie gern du dich sprechen horst", sagte Martin nach einer Pause. „Im allgemeinen bist du auch ganz vernünftig. Aber das mit der Form, weißt du — da kann ich nur lachen! Ich als Bildhauer und kerne Form! — Bei Ludwig mag das anders fein — was ich zwar auch nicht glaube — aber bei mir?! Man darf euch Schriftsteller nicht ernst nehmen. Ihr glaubt immer, ihr habt den Geist, die Gescheitheit gepachtet, und für uns bleibt dann nichts mehr, als was du großmütig ,bas Körperliche genannt hast. Du haft das zwar in ein paar saftige Schmeicheleien em- gepackt, aber wir sind auch ohne das damit zufrieden! Nicht wahr, Ludwig? Jedenfalls können wir mehr damit anfangen als ihr mit eurer verdammten Gescheitheit!"
Es war die längste Aeußerung, die der Bildhauer fett Jahren von sich gegeben hatte. Gewöhnlich saß er stumm unter den Freunden, hörte zu und widmete sich den Weinen. Darum sahen ihn die beiden etwas verwundert an. Er hatte sich diesmal richtig warm gesprochen.
Du scheinst mich ja prächtig verstanden zu haben. Em Beweis mehr, wie recht ich habe!" sagte Hubert mit einem zweideutigen Lächeln.
Aber Martin antwortete nur noch mit einer wegwerfenden Handbewegung und schenkte ein.
„Deiner Ansicht nach müßte ich also auf gar nichts hören was man mir vorschreibt, sondern getrost so weiterleben wie bisher? fragte Ludwig nach einer kurzen Stille und faßte mit der Hand unwillkürlich nach feiner rechten Seite.
„Tust du denn etwas anderes?"
„Manchmal!" , .
„Das sind nicht deine guten Stunden! Gott fei Dank sind sie feiten!
„Sie werden immer häufiger!"
„Das ist nur das Alter, Ludwig. Wir sind bald vierzig!'
„Meinst du, es fei wirklich nur das? Vielleicht, aber man geht daran zugrunde!" . , «
Der Schriftsteller zuckte die Achseln. „Mag sein. Ist es nicht besser, genau so zugrunde zu gehen, wie man gelebt hat? Früher oder später. Das mag tragisch fein. Ich kann das nicht entscheiden. Aber ich kann mir nicht denken, daß der Tod schrecklicher oder schöner fein soll als dieses Leben. Er kann genau so unser Freund sein wie dieses Dasein!
Es war kurz vor Mitternacht. In der offenen Ateliertür erschienen die Umrisse einer weiblichen Gestalt und dahinter ein kleiner männlicher Schatten. Ludwig sah sie zuerst.
„Billy!" rief er halblaut. „Wie kommst du hierher?"
„Ganz einfach!" antwortete Billy und trat ein, gefolgt von Doktor Kern, dem es nicht gelang, eine gewisse Verlegenheit zu verbergen. „Kern kam am Abend zu uns hinaus, und ich hab' ihn auf der Rückfahrt begleitet." ,
Ludwig spürte, daß sie nicht ganz die Wahrheit sagte.
Kurz nachdem der Bildhauer im Haus am See angerufen hatte, war Doktor Kern dort eingetroffen. Elisabeth hatte ihm mitgeteilt, wo Ludwig geblieben war, und daß es in Martins Atelier wahrscheinlich zu einem ausgedehnten Gelage kommen werde. Vor ihr hatte Kern seine ärztlichen Besorgnisse verschwiegen, nicht aber vor Billy. Als Elisabeth zu Bett gegangen war und er aufbrach, hatte Billy ihn gezwungen, sie in seinem Wagen mitzunehmen, und hatte ihn in Martins Atelier dirigiert. — Der Bildhauer holte zwei weitere Gläser vom Regal herab und schenkte von neuem ein. Aber alle spürten, daß die Fröhlichkeit des Arztes nur eine Maske war und daß auch hinter Billys burschikoser Ausgelassenheit ein fester Entschluß verborgen lag.
(Berber begann, den Arzt zu ironisieren, der auch zu einem Gelage „verheiratet" erscheine, und seine Ironie bekam schärfere, persönliche Spitzen. Ludwig trank sein Glas aus und erhob sich plötzlich. „Du kommst wieder mit hinaus, Billy? — Oder gedenkst du überhaupt in der Stadt
zu bleiben?"
„Nein, mein Lieber!" lachte Billy. „Ich komme mit."
Martin knurrte etwas Aergerliches über den frühen Aufbruch vor sich hin, was jedgch niemand verstehen konnte. Aber auch Gerber zeigte keine Luft, noch zu bleiben. .
„Es war nett bei dir. Ich komme bald wieder!" sagte Ludwig zu Martin, der ihn über den Hof bis zur Haustür begleitete. „Eigentlich sollten mir alle jetzt zu mir hinausfahren!"
„Nein, nein! — Es ist zu fpät!"
„Seit wann kriechst du um Mitternacht in die Federn?"
,Lch meine ja nicht in der Zeit, Ludwig!" jagte der Bildhauer ein wenig rätselhaft und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Ludwig schloß seinen Wagen auf. Dicht dahinter hielt das Fahrzeug des Arztes, das im Vergleich zu der glänzenden Limousine verbrauch- und altmodisch aussah. Billy küßte den Doktor und setzte sich neben Ludwig. Kern brachte von (Berber nach Hause.
Auf der raschen Heimfahrt sprach weder Ludwig nach Billy ein Wort. Erst als der Wagen in Nikolassee von der Hauptstraße abbog nach dem still und dunkel daliegenden Haus am See, beugte sich Ludwig einen Augenblick zu Billy hinüber.
„Es ist gut, daß du gekommen bist!"
Billy gab keine Antwort. ,
Als sie sich in der Diele trennten, gestand sie in ihrem alten sachlichen Ton: „Kern hat mir alles gesagt. Ich habe Angst um dich, Ludwig. Aber sie ist vorbei. Lksa weiß nichts davon!"
„Du bist ein wachsamer Kamerad! — Gute Nacht, Billy!"
Klang sein Lachen heute nacht nur darum so leise, weil er mernano auswecken wollte? dachte Billy bekümmert, als sie in ihr Zimmer
hinausstieg.
(Fortsetzung folgt.)


