Ausgabe 
5.4.1935
 
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es war ein Geist des äußeren Pompes in einige gefahren und es han­delte sich um nichts Geringeres, als in Aarau mit eigener Fahne aus­zutreten und eine stattliche Ehrengabe zu überbringen. ...

Als die kleine Versammlung einige Gläser Wem getrunken und die aute Laune im Zuge war, rückten Frymann und Hediger mit dem Vor- stblaae heraus, welcher dennoch die bescheidenen Manner etwas -uber- raickte so daß sie einige Minuten unentschlossen schwankten. Denn es wollte ihnen nicht recht einleuchten, ein solches Aufsehen zu erregen und mit einer Fahne auszuziehen. Da sie aber schon lange verlernt hatten, einem Aufschwung und einer körnigen Unternehmung ihre Stimme zu versagen, so widerstanden sie nicht länger, als die Redner ihnen aus- malten, wie die Fahne ein Sinnbild und der Auszug ein Triumph der bewährten Freundschaft sein und wie das Erscheinen von solch sieben alten Krachern mit einem Freundschaftsfahnchen gewiß einen fröhlichen Spaß abqeben würde. Es sollte nur ein kleines Fähnchen angefertigt werden von grüner Seide, mit dem Schweizer Wappen und einer guten

Nachdem die Fahnenfrage erledigt, wurde die Ehrengabe vorge- nommen; der Wert derselben wurde ziemlich schnell festgesetzt, er sollte etwa zweihundert alte Franken betragen. Die Auswahl des Gegenstandes jedoch verur achte eine längere und fast schwierige Verhandlung. Fry- mann eröffnete die Umfrage und lud Rufer, den Silberschmied, em, al- ein Mann von Geschmack sich zu äußern. Rufer trank ernsthaft einen guten Schluck, hustete bann, besann sich und meinte, es füge sich gut, daß er just einen schönen silbernen Becher im Laden habe, welchen er, falls es den Mannen genehm wäre, bestens empfehlen und auf das billigste berechnen könnte. Hierauf erfolgte eine allgemeine Stille, nur unter­brochen durch kurze Aeußerungen, wie:Das laßt sich Horen! oder: Nun ja!" Dann fragte Hediger, ob ein weiterer Antrag gestellt werden wolle? Worauf Syfrig, der kunstreiche Schmied, einen Schluck nahm, einen Mut faßte und sprach:Wenn es den Mannen recht ist, so will ich hiermit auch einen Gedanken aussprechen! Ich habe einen ganz eifernen sinnreichen Pflug geschmiedet, der, wir ihr wißt, mir an der land­wirtschaftlichen Ausstellung gelobt worden ist. Ich bin erbötig, das fein gearbeitete Stück für die zweihundert Franken abzutreten, obgleich die Arbeit damit nicht bezahlt wird: aber ich bin der Ansicht, daß dieses Werkzeug und Sinnbild des Ackerbaues eine echt volksmäßige Ehrengabe darstellen würde! Ohne im übrigen einem anderen Vorschläge zu nahe treten zu wollen!"

Während dieses Spruches hatte Bürgt, der listige Schreiner, sich das Ding auch überlegt, und als abermals eine kleine Stille herrschte und der Silberschmied schon ein längeres Gesicht machte, eröffnete sich der Schreiner also:Auch mir ist ein Gedanke aufgestoßen, liebe Freunde, der vielleicht zum großen Spaße gereichen dürfte. Ich habe vor Jahr und Tag für ein fremdes Brautpaar ein zweischläfriges Himmelbett bauen müssen vom schönsten Nußbaumholz, mit Maserfurnieren; täglich steckte mir das Pärchen in der Werkstatt, maß Länge und Breite und schnäbelte sich vor Gesellen und Lehrburschen, weder deren Witze noch Anspielungen scheuend. Allein als es zur Hochzeit kommen sollte, da fuhren sie plötzlich auseinander wie Hund und Ratz, kein Mensch wußte warum, das eine verschwand dahin, das andere dorthin und meine Bettstatt blieb mir stehen, wie ein Fels. Sie ist unter Brüdern hun­dertachtzig Franken wert; ich will aber gern achtzig verlieren und gebe sie für hundert. Dann lassen wir ein Bett dazu machen und stellen es vollständig ausgerüstet in den Gabenfaal mit der Auf­schrift: Für einen ledigen Eidgenossen zur Aufmunterung! Wie?"

Ein fröhliches Gelächter belohnte diesen Gedanken; nur der Silber­und der Eisenschmied lächelten kühl und säuerlich; doch alsbald erhob Pfister, der Wirt, seine starke Stimme und sprach mit seiner gewohnten Offenheit:Wenn es gilt, ihr Herren, daß jeder sein eigenes Korn zu Markte bringt, so wüßte ich denn etwas Besseres, als alles bisher An­getragene! Im Keller liegt mir wohloerspundet ein Fuß vierunddreißiger Rotwein, sogenanntes Schweizerblut, das ich vor mehr als zwölf Jahren selbst in Basel gekauft habe. Bei eurer Mäßigkeit und Bescheidenheit wagte ich noch nie, den Wein anzustechen, und doch liegt er mir im Zins um die zweihundert Franken, die er gekostet hat; denn es find gerade hundert Maß. Ich gebe euch den Wein zum Ankaufspreis, das Fäßchen werde ich so billg als möglich anschlagen, froh, wenn ich. nur Platz gewinne für verkäuflichere Ware, und ich will nicht mehr von hinnen kommen, wenn wir nicht Ehre einlegen mit der Gabe!"

Diese Rede, während welcher die drei früheren Antragsteller bereits gemurrt halten, war nicht sobald beendigt, als Erismann, der andere SBirt, das Wort ergriff und sagte:Wenn es so geht, so will ich auch nicht dahinten bleiben und erkläre, daß ich das Beste zu haben glaube für unsere Absicht, und das wäre meine junge Milchkuh von reiner Ober­länder Rasse, die mir gerade feil ist, wenn ich einen anständigen Räufer­finde. Bindet dem Prachttiere eine Glocke um den Hals, einen Melk- stuhl zwischen die Hörner, putzt es mit Blumen auf"

Und stellt es unter eine Glasglocke in den Gabentempel!" unter­brach ihn der gereizte Pfister, und damit platzte eines jener Gewitter los, welche die Sitzungen der sieben Festen zuweilen stürmisch machten, aber nur um desto hellerem Sonnenscheine zu rufen. Alle sprachen zugleich, verteidigten ihre Vorschläge, griffen diejenigen der andern an und warfen sich eigennützige Gesinnungen vor. Denn sie sagten sich stets rund heraus, was sie dachten.

Als nun ein Heidenlärm entstanden war, klingelte Hediger kräftig mit dem Glase und redete mit erhobener Stimme:Ihr Mannen! Erhitzt euch nicht, sondern laßt uns ruhig zum Ziele gelangen! Es sind also vorgeschtagen ein Pokal, ein Pflug, ein aufgerüftetes Himmelbett, ein Faß Wein und eine Ruh! Es sei mir vergönnt, euere Anträge näher zu betrachten. Deinen alten Ladenhüter, den Pokal, lieber Ruedi, kenn' ich wohl, er steht schon seit vielen Jahren hinter deinem Schaufenster, ich glaube sogar, er ist einst dein Meisterstück gewesen. Dennoch erlaubt seine veraltete Form nicht, daß wir ihn wählen und für ein neues Stück

ausaeben. Dein Pflug, Chüeri Syfrig, scheint doch nicht ganz zweckmäßig erfunden zu fein, sonst hättest du ihn seit drei Jahren gewiß verkauft! Wir müssen aber darauf denken, daß der Gewinner unserer Gabe auch eine unverstellte Freude an derselben haben kann. Dein Himmelbett dagegen, Heinrich, ist ein neuer und gewiß ergötzlicher Einfall, und sicher würde er zu den volkstümlichsten Redensarten Veranlassung geben. Allem zu seiner schicklichen Ausführung wäre eine Ausrüstung in fernem und hinreichendem Bettzeug erforderlich und das überschritte die festgesetzte Summe zu stark für nur sieben Röpfe. Dein Schweizerblut, ßtenert Pfister, ist gut und es wird noch besser sein, wenn du einen billigeren Preis ansetzest und das Faß endlich für uns selber anstichst, auf daß wir es an unseren Ehrentagen trinken! Deiner Ruh endlich, Felix (Erismann, ist nichts nachzusagen, als daß sie beim Melken regelmäßig ben Rubel umschlägt. Darum willst du sie verkaufen; denn allerdings ist diese Un- tugend nicht erfreulich. Ader wie? Wäre es recht, wenn nun ein braves Bäuerlein das Tier gewänne, es voll Freuden feiner Frau heimbrachte, die voll Freuden melken würde und dann die süße, schäumende Milch auf den Boden gegossen sähe? Stelle dir doch den Verdruß, den Un­willen und die Täuschung der guten Frau vor und die Verlegenheit des guten Schützen, nachdem der Spektakel sich zwei- ober bretmal wieber- holt! Ja, liebe Freunde! nehmt es mir nicht übel! aber gesagt muß es jein: Alle unsere Vorschläge haben den gemeinsamen Fehler, bah sie bie Ehrensache bes Vaterlanbes unbebaut unb vorschnell zum Gegenstand des Gewinnes unb ber Berechnung gemacht haben. Mag bies tausend­fältig geschehen von groß unb klein, wir in unserem Rreife haben es bis jetzt nicht getan unb wollen es ferner so halten! Also trage jebek gleichmäßig die Rosten der Gabe ohne allen Nebenzweck, barmt es eine wirkliche Ehrengabe sei!"

Die fünf Gewinnluftigen, welche beschämt bte Ropfe hatten hangen lassen, riefen jetzt einmütig:Gut gesprochen! Der Chäpper hat gut gesprochen!" unb sie forderten ihn auf, selbst einen Vorschlag zu tun. Aber Frymann ergriff das Wort und sagte:Zu einer Ehrengabe scheint sich mir ein silberner Becher immer noch am besten zu eignen. Er behalt seinen gleichen Wert, wird nicht verbraucht und bleibt ein schönes Er­innerungszeichen an frohe Tage und an wehrbare Männer des Hauses. Ein Haus, in welchem ein Becher aufbewahrt find, kann nie ganz ver­fallen, unb wer vermag zu sagen, ob nicht um eines solchen Denkmals willen noch manches mit erhalten bleibt? Unb wirb nicht ber Runft Gelegenheit gegeben, burch stets neue unb schöne Formen Mannigfaltig­keit in die Menge ber Gesäße zu bringen unb so sich in ber Erfindung zu üben und einen Strahl der Schönheit in das entlegenste Tal zu tragen, so daß sich nach und nach ein mächtiger Schatz edler Ehren- geschirre im Vaterlande anhäuft, edel an Gestalt und im Metall! Und wie zutreffend, daß dieser Schatz, über bas ganze Lanb verbreitet, nicht zum gemeinen Nießbrauch bes täglichen Lebens verwenbet werben kann, sonbern in seinem reinen Glanze/in seinen geläuterten Formen fort unb fort bas Höhere vor Augen stellt, den Gebauten bes Ganzen unb bte Sonne ber ibeal verlebten Tage festzuhalten scheint! Fort baher mit dem Jahrmarktströbel, ber sich in unfern Gabentempeln anzuhäufen be­ginnt, ein Raub ber Motten unb bes gemeinsten Gebrauches! unb festgehalten am alten ehrbaren Trinkgefäß! Wahrhaftig, wenn ich in ber Zeit lebte, wo bte schweizerischen Dinge einst ihrem Enbe nahen, so wüßte ich mir kein erhebenberes Schlußfest auszubenken, als bie Geschirre aller Rörperschaften, Vereine unb Einzelbürger, von aller Gestalt unb Art, zu Tausenben und aber Tausenden zusammenzu- tragert in all' ihrem Glanz ber verschwunbenen Tage, mit all' ihrer Erinnerung, unb ben letzten Trunk zu tun bem sich netgenbcn Baten lanb"

Schweig! bu grober Gast! Was sinb bas für nichtswürbige (ge­bauten!" riefen bie Aufrechten unb Festen unb schüttelten sich orbent- lich. Aber Frymann fuhr fort:Wie es bem Manne geziemt, in träftiger Lebensmitte zuweilen an ben Tob zu beuten, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende feines Vaterlandes ins Auge fassen, damit er die Gegenwart desselben um so inbrün­stiger liebe; denn alles ist vergänglich und bem Wechsel unterworfen auf bieser Erbe. Oder sind nicht viel größere Nationen untergegangen, als wir sind? Oder wollt ihr einst ein Dasein dahiuschleppeu wie ber ewige Jube, ber nicht sterben tann, bienftbar allen neu aufge­schossenen Böltern, er, ber bie Aegypter, bie Griechen unb Römer begraben hat? Nein! ein Bolt, welches weiß, baß es einst nicht mehr sein wirb, nützt seine Tage um so lebendiger, lebt um so länger unb hinterläßt ein rühmliches Gedächtnis; denn es wirb sich feine Ruhe gönnen, bis es die Fähigkeiten, die in ihm liegen, ans Licht unb zur Geltung gebracht hat, gleich einem rastlosen Manne, ber fein Haus bestellt, ehe benn er bahiu scheibet. Dies ist nach meiner Meinung bie Hauptsache. Ist bie Ausgabe eines Voltes gelöst, so tommt es auf einige Tage längerer ober türzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon an ber Pforte ihrer Zeit! So muß ich benn gestehen, daß ich alljährlich einmal in schlafloser Nacht ober auf stillen Wegen solchen Gebauten anheimfalle unb mir vorzu- ftellen suche, welches Völterbilb einst nach uns in diesen Bergen walten möge? Und jedesmal gehe ich mit um so größerer Hast an meine Arbeit, wie wenn ich dadurch die Arbeit meines Volkes beschleunigen könnte, damit jenes künftige Dölkerbild mit Respekt über unsere Gräber gehe! Aber weg mit diesen Gedanken und zu unserer fröhlichen Sache zurück! Ich dächte nun, wir bestellen bei unfeim Meister Silberschmied einen neuen Becher, an dem er keinen Gewinn zu nehmen verspricht, sondern ihn so wertvoll als möglich liefert. Dazu lassen wir von einem Rünjtler eine gute Zeichnung entwerfen, welche vom gedankenlosen Schlendrian abweicht; doch soll er, wegen der beschränkten Mittel, mehr auf bie Verhältnisse, auf einen schonen Umriß unb Schwung bes Ganzen sehen, als auf reichen Zierat, und ber Meister Rufer wirb danach eine saubere unb solibe Arbeit Herstellen!"

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: l)r. tzans Thyriot. Druck unb Berlag;(Vrübl'sche Untversitäts-'Luch« unb Steindruckerei,A. Lange, Gießen.