Ausgabe 
5.4.1935
 
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England und die Engländer.

Von Botschaftsrat a.D. Harold Nicolson.

England ist ein so fernes Land, daß man es wirklich als unbekannte znfel bezeichnen könnte. Die Entfernung ist aber keine räumliche, sondern line der Gedankenwelt und Sitten.

Während der ersten Tage, die ein Deutscher unter Engländern weilt, virü er murmeln:Ich werde sie nie kennenlerncn. Sie werden mich nie verstehen!" Aber er fasse Mut. Wenn er erst einmal von ihnen anerkannt worden sein wird, hat er verlähliche Freunde an ihnen.

Man lese das Buch von Oberst Lawrence:Aufstand in der Wüste", und man wird finden, daß dieser Engländer allein in ein gefähr- iidjes Wüstengebiet zurückgekehrt ist, um nach einem von der Karawane zurückgelassenen belanglosen Araber zu suchen. Die Freundschaft der Besten »on ihnen sieht so aus.

Es ist weit leichter, im Ausland mit zahlreichen Leuten in oberflächlich Mrtraute Beziehungen zu treten: in England hingegen bedarf es vieler 3aljre des Lebens, um mit einem einzelnen Menschen in eine vertraute üerbindung zu kommen. Ist diese Verbindung aber einmal da, so ist sie üeser und dauerhafter, als man glauben möchte.

Di« Engländer besitzen nichts von dem Apparat gesellschaftlichen Um­gangs wie die Romanen. Ihre Beziehungen sind menschliche, manchmal unmenschliche, aber niemals mechanisierte.

Die Engländer sind eine seltsame verschlossene Rasse, die sich schämt, uatllrlich zu sein.

Der Engländer, selbst wenn er lustig ist, lacht nicht gern laut. Von Natur aus, in sich gekehrt, zögert er, seinen Mund und seine Zähne jremben Blicken zur Schau zu stellen.

Seine ganze Erziehung hat ihn die Ansicht gelehrt, daß ein Gentleman nie seine Gefühle äußert, seien es Lust ober Schmerz. Laut oder lange zu lochen ist eine Gefühlsäußerung. Der Engländer hält es deshalb, besonders wenn er den gebildeten Kreisen angehört, für wohlerzogener, zu lächeln. Man sollte daran denken, daß kein Engländer selbst über den besterzählten Witz laut lacht, er sei denn ein Mitglied der königlichen Familie ober

beschwipst.

Oxford, diese seltsame Universität, wo die jungen Leute in Abgeschlossen­heit leben, ist eine Stabt mit nur männlichen Einwohnern. So etwas wäre in einem romanischen Lande undenkbar. Die Engländer interessieren sich nicht für Frauen d. h für das Ewigweibliche. Sie kümmern sich eingehend um die Fußgelenke ihrer Polo-Ponys, aber sie scheren sich nichts nm einen hübschen Knöchel. Schauen sie eine Frau an, so schauen sie kaum tiefer als das Gesicht.

Wenn die Engländer des Abends mit ihren Freunden zusammensitzen, so halten sie ihre hochgezogenen Knie umschlungen, rauchen ihre Pfeifen lind reden von Sport, von Politik. Als ob es keine Frauen gäbe; Frauen lind schlechter Ton.

Am schwierigsten zu verstehen ist die Art der englischen Verstandes- hegnbung. Diese Art kann durch die Verschiedenheit sestgestellt werden, mit der Deutsche und Engländer an geistige Probleme Herangehen. Es ift eine Verschiedenheit zwischenVorstellung" auf Seite der Engländer nnbBegriff" auf Seite der Deutschen.

Die Engländer gebärden sich bescheiden. Es kann dir dort einer von «in emHäuschen auf dem Land" erzählen, und wenn er dich dorthin linlädt, findest du, daß das Häuschen ein Herrensitz von 300 Zimmern ift

England ift das einzige Land, in dem ein Mann unverblümt zu einem Tchriststeller sagen kann:Bücher? Ich habe nie ein Buch gelesen ..."

Um die Engländer zu überzeugen, vermeide eine zu schlagende Beweis- lührung. Was sie lieben, ist ein Beweisgrund, der durch die Zeit, die Erfahrung, alte Regeln und alten Brauch erprobt ift. Um sie zu etwas Neuem zu bewegen, zeige ihnen, daß sie das schon immer getan haben.

Es gibt zwei Arten 'von Witz in England. Die eine ist der eigentliche Witz, etwas, von dem man schon gehört hat, und das man sofort erkennen fann. Das andere ist dieVeröppelung". Das bedeutet einen Witz, den man noch nicht gehört hat und nicht wiedererkennt. Wenn es ein wirklich jan,3 neuer Witz ist, so spricht man vonnicht ganz gutem Ton . Denn her Engländer liebt es unter keinen Umständen, überrascht zu werden.

Eine der Hauvtreize der englischen Geselligkeit ist die Achtung vor dem Privatleben. Da jedepersönliche Bemerkung" hier ost für eine Ungehortg- 1 eit gehalten wird, verlangt niemand eine vertrauliche Mitteilung. Nie­mand wird Fragen stellen, ob man verheiratet ist ober tnas man: fonft treibt, unb in welcher Gestalt man durchs Leben geht. ®m Schriftsteller hört hier kaum von feinen Werken sprechen unb eine Frau nicht von

ihren Liebhabern. . , ... .

Unlängst versuchte ein deutscher Gelehrter, einen «ungen Engländer, her zwei Jahre in Oxford war, über die dort lebenden berühmten Aka- hemiker auszufragen. Der Engländer kannte nicht einmal ihre Dornen. Wie sollte ich?" sagte er.Ich fing mit der Ruderei an, kaum daß ich 1 hingekommen war, unb wenn man ernsthaft rudert, lebt man in einem 1 sehr eng beschränkten Kreis." Und im Zusammenhang damit begann er ich über die junge Generation auszulassen, die verdorben werde durch Tanzen und eigenes Auto unb sich, wie er fagte. weigerte, für ihre Smu.i tu arbeiten. Das Wortarbeiten" aus dem Munde bes jungen Eng- Itinbers erstaunte den Deutschen. Er befragte ihn: ber Engländer meinte Ruabp spielen. Der Deutsche war beruhigt.

Reben diesemathletischen" Typ muß man sich mit demoft^M^en vertraut machen. Kultivierte Engländer gibt es wenige aber ihre KMtur ft dann erlesen, ihre Unterhaltung treffend und geschliffen ihr Geschmack lieber. Sie verfügen über eine Mischung von Sichgehenlassen und Herab- ioffung, die das eigene Selbstgefühl in Frage stellt.

Die englischen Richter sind fürchterlich und die Kreuzverhöre ihrer Staatsanwälte von teuflischer Beharrlichkeit.Betreten der^Wies !»oten!" bedeutet in England nichtGeh' auf diesem Rasen spaziere ..

Schaut die Engländer an. wie sie gehen: mit eher langsamen,angen Schritten. So bewegen sie sich auch durchs Leben. Sie heben es nich, man dem Schicksal aus die Fersen tritt.

(Berechtigte Uebertragung von Hans B. Wagenfeil.)

Das Fähnlein der sieben Aufrechten.

Novelle von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

Frau Hediger hatte ihren Mann indessen nicht mit Unwahrheiten be­richtet, als sie ihn zum Ausgehen veranlaßte. Die Nachricht, die sie ihm mitgeteilt, war nur zu beliebigem Gebrauch noch aufgespart unb bann im rechten Augenblicke benutzt worben. Es sanb in ber Tat eine Ver­sammlung statt, nämlich ber Gesellschaft ber sieben Männer, ober der Feste, ober ber Aufrechten, ober der Freiheitliebenden, wie sie sich ab­wechselnd nannten. Dies war einfach ein Kreis von sieben alten be­währten Freunden, alle Handwerksmeister, Vaterlandsfreunde, Erzpoli­tiker und strenge Haustyrannen nach dem Musterbilde Meister Hedigers. Stück für Stück noch im vorigen Jahrhundert geboren, hatten sie als Kinder noch den Untergang der alten Zeit gesehen und bann viele Jahre lang bie Stürme unb Geburtswehen ber neuen Zeit erlebt, bis diese gegen bas Enbe ber Vierzigerjahre sich abklärte unb bie Schweiz roieber zu Kraft unb Einigkeit führte. Einige von ihnen stammten aus ben gemeinen Herrschaften, bem ehemaligen Untertanenlanb ber Eidgenossen, unb sie erinnerten sich, wie sie als Bauernkinber am Wege hatten hin- tnieen müssen, wenn eine Kutsche mit eidgenössischen Standesherren und dem Weibel gefahren kam; andere standen in irgendeinem Ver­wandtschaftsgrade zu eingekerkerten oder Hingerichteten Revoluzzern, kurz, alle waren von einem unauslöschlichen Haß gegen alle Aristokratie erfüllt, welcher sich feit deren Untergang nur, in einen bitteren Hohn ver­wandelt hatte. Als dieselbe aber später nochmals auftauchte in demokra­tischem Gewände und mit den alten Machtvermietern, den Priestern verbunden, einen mehrjährigen Kampf aufwühlte, da kam zu dem Aristokratenhah noch derjenige gegen diePfaffen" hinzu; ja nicht nur gegen Herren und Priester, sondern gegen ihresgleichen, gegen ganze aufgeregte Volksmassen mußte ihre streitbare Gesinnung sich nun wen­den, was ihnen auf ihre alten Tage eine unerwartete, zusammengesetzte Kraftübung verursachte, die sie aber tapfer bestanden.

Die sieben Männer waren nicht weniger als unbeträchtlich; in allen Volksversammlungen, Vereinigungen und dergleichen halfen sie einen festen Kern bilden, waren unermüdlich bei der Spritze und Tag unb Nacht bereit, für die Partei Gänge und Geschäfte zu tun, welche man keinen bezahlten Leuten, sondern nur ganz Zuverlässigen anvertrauen konnte. Ost wurden sie von den Parteihäuptern beraten unb ins Ver­trauen gezogen, unb wenn es ein Opfer galt, da waren die sieben Männer mit ihrem Scherflein zuerst bei der Hand. Für alles dies be­gehrten sie keinen anderen Lohn, als den Sieg ihrer Sache und ihr gutes Bewußtsein; nie drängte sich einer von ihnen vor ober strebte nach einem Vorteil ober nach einem Amte, und ihre größte Ehre setzten sie barem, gelegentlich einem ober bem anbernberühmten Eibgenossen" schnell bie Hanb zu drücken; aber es mußte schon ein rechter fein unb sauber übers Nierenstück", wie sie zu sagen pflegten.

Diese Wackern hatten sich seit Jahrzehnten aneinander gewähnt, nann­ten sich nur beim Vornamen und bildeten endlich eine feste geschlossene Gesellschaft, aber ohne alle andern Satzungen als die, welche sie im Herzen trugen. Wöchentlich zweimal tarnen sie zusammen, unb zwar, ba auch in biefem kleinen Vereine zwei Gastwirte waren, abwechselnd bei diesen. Da ging es bann sehr kurzweilig und gemütlich her; so still unb ernst die Männer in größeren Versammlungen sich zeigten, so laut und munter taten sie, wenn sie unter sich waren; keiner zierte sich unb keiner nahm ein Blatt vor ben Munb; manchmal sprachen alle zusammen, manchmal horchten sie anbächtig einem einzelnen, je nach ihrer Stim­mung unb Laune. Nicht nur bie Politik war Gegenstanb ihrer Ge­spräche, sonbern auch ihr häusliches Schicksal. Hatte einer Kummer unb Sorge, so trug er, was ihn brückte, ber Gesellschaft vor; bie Sache würbe beraten unb bie Hilfe zur gemeinen Angelegenheit gemacht; fühlte sich einer von bem anbern verletzt, so brachte er seine Klage vor bie sieben Männer, es würbe Gericht gehalten unb ber Unrechthabende zur Ordnung verwiesen. Dabei waren sie abwechselnd sehr leiden­schaftlich ober sehr ruhig unb würbevoll, ober auch ironisch. Schon zwei­mal hatten sich Verräter, unsaubere Subjekte unter ihnen eingeschlichen, waren erkannt unb in feierlicher Verhanblung verurteilt unb ausge- stahen, bas heißt burch bie Fäuste ber wehrbaren Greise jämmerlich zerdläut worben. Traf ein Hauptunglück bie Partei, welcher sie an- hingen, so ging ihnen bas über alles häusliche Unglück, sie verbargen sich einzeln in ber Dunkelheit unb vergossen bittere Tränen.

Der Wohlredenbste unb Wohlhabenbste unter ihnen war Frymann, ber Zimmermeister, ein wahrer Krösus mit einem stattlichen Hauswesen. Der 'llnbemittelfte war Hebiger, ber Schneider, dagegen im Worte gleich ber zweite nach Frymann. Er hatte wegen politischer Leibenschastlichkeit schon längst seine besten Kunden verloren, dennoch seine Söhne sorg, fällig erzogen, und so besaß er keine übrigen Mittel. Die andern fünf Männer waren gut versorgte Leute, welche in ber Gesellschaft mehr zu­hörten als sprachen, wenn es sich um große Dinge handelte, dafür aber in ihrem Hause und unter ihren Nachbarn um so gewichtigere Worte hören ließen. ...

Heute laaen wirklich bedeutende Verhandlungen vor, über welche sich Frymann und Hediger vorläufig besprochen hatten. Die Zeit der Un­ruhe des Streites und der politischen Mühe war für diese Wackern vorüber und ihre langen Erfahrungen schienen mit den errungenen Zu­ständen für einmal abgeschlossen. Ende gut, alles gut! konnten sie sagen und sie fühlten sich siegreich und zufrieden. So wollten sie sich denn an ihrem politischen Lebensabend ein rechtes Schiustvergnügen gönnen und als die sieben Männer vereint das eidgenössische Freischießen besuchen, welches im nächsten Sommer zu Aarau stattfinden sollte, das erste nach der Einführung der neuen Bundesverfassung vom Jahr 1848. Nun waren die meisten schon längst Mitglieder des schweizerischen Schützenvereines, auch besaß jeder, mit Ausnahme Hedigers der sich mit feiner RoMinte begnügte, eine gut» Büchse, mit welcher sie in früheren Jahren zuweilen bes Sonntags geschossen. Ebenso hatten si-> »wzeln schon Feste besucht, so bah bie Sache gerabe nicht absonderlich schien. Allein