Ausgabe 
4.11.1935
 
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widerstehn."

(Fortsetzung folgt.)

öeiulivtli«.|l«u1.9 v.. Mehren der Weisen der feste

Glaube des Kanzlers von Mandfchukuo ist.Man sieht ja , so nef G«- riefedaß Japan, die europäisierte Macht Asiens, in dauerndem Vor­dringen ist, man sieht ja, daß die Mandschukuoleute mit ihrer Selbst- bemeisterung nicht eine feindliche Kompanie zum Stillstehn bringen

Wohnidyll, halb Barock, halb Rokoko eingerichtet. Man erwartet also eine zierliche lächelnde Dame. Es kommt aber eine schwere, asthmatische Per- |on herein, eine unglückliche alte Frau in tiefer Trauer, die nichts anderes mit diesen Möbeln zu tun hat, als daß sie sie immer besaß und darum weiter besitzt. Sie hat ihren Anwalt bei sich, einen sachlichen breiten Herrn mit Glatze, der zunächst nicht zu Wort kommt. Denn die Frau beginnt ihre Anklage herunterzureden, eine sicher schon oft geredet^ einen Haßgesang aus ihren verstorbenen Mann, auf seine Geliebte und Lebens- qesäbrtin für die sie nur einen Strahenausdruck findet. Sie spricht und spricht im Kreise. Man muß sie sich erst austoben lassen. Dann beginnen die sachlichen Verhandlungen. Die Frau sagt zu allem nein, nein tote sagt als dritten Satz:Man hat mich um mein Leben betrogen, letzt will man mir auch noch mein Geld stehlen." Sie sagt:Freiwillig auf etwas verzichten? Niemals!" Sie sagt:Liebe kann man nicht halten. Ader Geld kann man halten ..." Sie sagt:Wenn die andere mir einen Teil der Liebe gelassen hätte, könnte sie jetzt einen Teil des Geldes haben. Aber so muß die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen."

Unten im Hause spielt jemand die zweite Sonate von Beethoven für Klavier und Violine. Das Adagio wirbt um Einsicht. Um em bißchen menschliches Verstehen. Um ein wenig Verzeihen und Vergeben, um ^Alfred Meimberg versucht:Da der Kampf nun ausgetämpft ist und Sie, gnädige Frau, gesiegt haben, sollten Sie da nicht milder denken?

Sie antwortet mit einer Frage an ihren Anwalt:Was wurde das Gericht sagen? Steht das Recht auf meiner Seite ober nicht? Und, als der Anwalt nickt:Dann soll es da stehnbleiben. Die Ehe gibt nicht nur Pflichten. Sie gibt auch Rechte. Ich will nicht ewig hier oben wohnen bleiben. Ich will wieder das ganze Haus haben, wie wir es hatten. Das "Vehr poltert dazwischen: Warum sie denn das ganze Haus bewohnen will? Das bringt doch nichts als Last. Sie antwortet starr:Ich will es wiederhaben." . . , . , an-

Dann erzählt sie von neuem, wie ihr Mann sie belogen hat. Wie er Versteck gespielt hat. Wie er nicht die Wahrheit zu sagen gewagt hat, auch als er wußte, daß sie alles gemerkt hatte. Ist das etwa eine Ehe? Nein nein, in der Ehe muh vor allem Offenheit und Vertrauen Herr- schen Und bann brehen bie Figuren biefes verlorenen Lebens wieder

I vorbei: Mein Mann, ich, mein Mann ... biefe, diese ... ich ... mein TOaUm zwölf Uhr muh Alfred die Unterredung ohne Ergebnis abbrechen. Was man nicht juristisch hier holen kann, kann man menschlich bestimmt nicht kriegen. Er geht noch mit Fehr ein Glas Wein trinken. Er kann nicht so abfahren. Er ist vollkommen erschöpft.

.Siehst du nun, wie die Frauen sind?" fragt Fehr.Die einen bestehn aus ihrem Recht, und die andern lügen. So sind die grauen, wenn man sie gewähren läßt. Das ist alles, was ich sagen wollte."

Alfred wehrt heftig ab. So kann man bas boch wirklich nicht sagen. Ober will Fehr etwa feine Frau auf bie gleiche Stufe mit biefen Frauen fteLegn ber Abschwächung", murrt Fehr,wirb etwas Aehnliches in jeder Frau stecken, also auch in deiner Frau. Es mag noch (o roemg fetn.

Es ist gar nichts", sagt Alfred,kein bißchen."

Er wird von einer stürmischen Sehnsucht nach Barbara gepackt. Einer­lei, was es noch für Mißverständnisse gibt, er muh sie schnell sehn, und er muh sie noch schneller sprechen. Er meldet ein Gespräch nach Haus Rebstock an. Er hat die Verbindung gleich. Hallo ... hallo ... die Görne- witz ist am Apparat. Frau Meimberg? Ach, sie wird sicher gleich wieder- kommen. Wenn sich ber Herr Meimberg boch zehn Minuten, eine Viertel- ftunbe gebutbet. Sie begleitet nur gerabe Herrn Rauthammer em Stuck- dien. Sicher ist sie gleich wieder da.

Alfred hängt ein.Was ist los?" fragt Fehr, als er zuruckkommt. Du siehst ja so käsebleich aus. Du schlotterst ja."

Ich habe zuviel geraucht und zu schnell getrunken , sagt Alfred.

Also wirklich blaß wie der Tod", lacht Fehr,na, dann werde ich Samstag mal 'rauskommen und nach euch sehn." Damit fährt Alsted los. Rasend schnell. ....

Drüben aber die (Sörnewitz steht noch immer am Apparat. Sie kachelt liebenswürdig. Sie lächelt böse. Hätte hie kleine Meimberg oder Schrei­ner, oder wie sie heihen mag. nur Vertrauen zu ihr gehabt, sicherlich hatte sie eine Ausrede gefunden. Aber so ist sie auf Meimbergs Seite. Auße^ dem: Wenn sie ihr nicht sagt, was eigentlich los ist, kann man sie boch

können." ., ,

Man sieht" erroiberte Rauthammer,wenn man mit unseren Augen sieht. Vielleicht haben Sie sogar recht für Iahrhunbertaugen. Aber mW den Augen der Jahrtausende gesehen, ist es anders Denken Sie mal. Kein Herrschergeschlecht Chinas beinahe war chinesischer Abstammung. Aber keines konnte sich schließlich dem chinesischen Geist entziehn Der Kanzler von Mandschukuo hat zum Beispiel keine Angst vor den> Erobe rem Den Lehren der Weisen so sagt er kann auch der Soldat nicht

gar nicht schützen.

Wie war das? Ms Barbara vom Telephon kam, sahen schon alle und schrien nach der Bowle, die Körner ansetzte. Man hörte ihn singen: .Kennst bu mein Herz in Wien bei Nacht?" Hauptmann Gericke aber unb Rautham­mer hatten sich bereits in ein Gespräch verbissen, lieber Ostprobleme natürlich, lieber bie Fragen bes neuen Reiches Mandschukuo, bas Raui- hammer wie kein anberer Deutscher kennt. Gericke ist Solbat. Natürlich glaubt er nicht an Mandschukuos Wang Tao als ©runblaqe berPoIihr. Wang Tao, bas, wie Rauthammer erklärt hat, als die Lehre von der Sclbftbemcifterung durch die Befolgung der Lehren I

Sie geht langsam durch Die Wiese. Sie hat wieder die Schuhe aus- gezogen. Der Tau ist kühl und angenehm. Da: Man ruft sie.Frau Meimberg! Frau Meimberg!!" Vielstimmiger Chor, lustig gerufen, lustig gelungen.Frau Meimberg!" Heber allen schwebt Korners helle Stimme. Famss, wenn man so zufrieden nut sich ist wie Korner. Zwei Filme, zwei Erfolge ... Jetzt rennen bie Filmproduzenten hinter ihm her mit gezückten Schecks. Soll er nicht zufrieden sein?

Frau Meimberg! Frau Meimberg!!" Sie antwortet. Sie schwenkt ihren Blumenstrauß, als könnte ihn jemanb in ber beginnenden Sternennacht sehn. Der kleine Körner kommt angesturzt.tote werden am Telephon verlangt ... schnell ... Ihr Mann ..." Er stürzt davon, kommt zurückgestürzt:lind es ist auch noch Besuch da ... em Herr I ... schabe ..."

Ein Herr", sagt Barbara,was für ein Herr?" Der Kleine ist aber schon wieber bavon, um ihre Ankunft vorauszumelden.

Die Gäste sitzen vor dem Haus, um ein paar Tische, auf benen Winblichter brennen. Das Grammophon steht zwischen ihnen unb zwitschert unnatürlich unter dem echolosen Himmel. Alle fmb ver­sammelt. Gericke unb ber Oberlehrer unb Frau Gericke. Herr unb Frau Körner, bie Kichermäbchen unb ber Globetrotter, der alle Frauen verehrt, unb ein neues Gesicht ist badet, eine Frau van Kleymer aus Holland (schon angetünbigt von Frau Görnewitz, hält ihr Mann ihr vielleicht auch aus Eifersucht ben Revolver an bie Schläfe?), unb an ber -Cur fteyt bte Görnewitz in langen blauen Hosen mit einem scharlachroten Gürtel, ben Kopf gegen ben Türpfosten gelehnt, unb neben ihr ... ja natürlich, neben ihr steht Rauthammer. Unb natürlich saßt er an seinen Panamahut und hält ihn grüßend über seine Glatze, unb seine Augen blicken ruhig unb freundlich. Was ist zu tun? Barbara geht an ihm vorbei, reicht ihm flüchtig bie Hanb unb geht ans Telephon, bas im Küchengang steht. Sie nimmt ben Hörer. Drüben, Meimberg in der Telephonzelle bes Restaurants ist ganz ungebulbig geworden.Ja ... hallo ... endlich ... Na, wie geht es?"Danke", antwortet Barbara,es geht recht schlecht. Es' geht sogar ohne dich nicht mehr weiter. Du mußt sofort kommen.

Meimberg lacht.Ich rufe ja gerade an, weil ich noch nicht kommen kann. Es war so schwer, die Leute zusammenzukriegen. Fehr und den Anwalt unb bie Arztfrau. Jetzt gehn wir überhaupt erst hin. Ich benke, ich bin um eins fertig. Eher auf keinen Fall. Ich bin bann gegen brei Uhr wieber ba."

Nein ... bas geht nicht", sagt Barbara. Rauthammer ist gerade an die Flurtür gekommen, sieht herein unb nickt.Du mußt gleich kommen", wieberholt sie. Und wieder nickt Rauthammer, als erwarte er Alfred Meimberg ebenso dringend.

Jetzt lacht Meimberg in Stuttgart nicht mehr. Jetzt merkt er, daß wirklich etwas Ernsthaftes passiert ist.Ich kann nicht kommen", sagt er heftig,bas muht bu einsehn! Das geht wirklich nicht."

... Unb wenn ich bir sage ..., bah Rauthammer aufgetaucht ist ...?" Meimberg schweigt einen Augenblick. Dann fragt er töricht:Aufgetaucht? Wann aufgetaucht?" Barbara antwortet nicht gleich. Da fällt es ihm ein: Natürlich Barbara ist boch am Morgen früh weggegangen. Das fanb er so merfroürbig. Jetzt ist bie Sache ja klar.

Ist er heute morgen aufgetaucht?" fragte er böse.

Ja", antwortet Barbara,ich habe ihn heute morgen gesehn.

... Unb bas hast bu mir nicht gesagt?" ruft Meimberg.Wie lange willst bu noch biefes Spiel treiben?"

Darauf antwortet Barbara nicht. Sie sieht Rauthammer an. Das so oft erinnerte Gesicht ist fremb geworben. Die Geiernase, bie bünnen, trockenen Sippen, bie Haut, bie sich schon langsam faltet. Zum ersten Male wirb es ihr klar, bah er einer anderen Generation angehört, einer fremden Welt also, in der sie nicht leben kann. Ja, in diesem Augenblick, in dem er ein Lächeln beweist das zu siegen meint, löst sie sich von ihm. Nein ... er fährt auf seiner Welt ihrer Welt davon. Leider kann Alsred Meimberg bas nicht spüren.

Bist du noch ba?" sagt er ungebulbig.Warum antwortest bu nicht?

Ich will nicht barauf antworten", flüstert Barbara,ich will, bah bu kommst, und dann werden wir darüber sprechen."

Wenn Alfred nicht gerade die unglückselige Unterredung mit Fehr gehabt hätte, dem Frauenarzt und Nichtkenner ber Frauen (benn er kennt ja nur ihre Beschwerben unb Leiden und nicht ihre Kräfte unb ihre Freu- ben) bie Unterrebung, in ber Fehr ihn beschworen hat, boch ja gegen bie Tyrannis ber Frauen vorzugehn, bie offene unb bie versteckte, sich doch ja männlich gegen seine, sicherlich bedeutende, Frau durchzusetzen, er hatte wahrscheinlich aus dem Ton Barbaras gehört, daß es jetzt für ihn wich­tiger ist als alles andere, nach Haus Rebstock zu fahren, bah er alles liegenlassen mühte. So aber jagt er:Gut ...ich mache so schnell wie möglich. Ich hoffe. Ich bin um brei bort. Dann ist ja auch noch Zeit zu sprechen. Ich werde bich wecken."

Gut", antwortet Barbara. Er soll nur feinen Kram fertigmachen. Unb sie benkt: Ich werbe auch ohne ihn fertig werben. Ich brauche ihn nicht als Mauer. Ich will mich in keinen Schicksalsschutz mehr flüchten. Sie benkt: Es muß jetzt beenbet werben, und ich allein kann bas beenden. Sic denkt: Ich will nicht feige sein wie die anderen Frauen, die ihre Männer bas in Drbnung bringen lassen, was sie verwirrt haben. Sie sagt noch einmal:Also, bitte, so schnell bu kannst."

... so schnell ich kann", wieberholt Alfteb in seiner verräucherten, verschwitzten Telephonzelle in Stuttgart unb hängt ein. Denn Fehr hat schon eine ganze Weile ungebulbig unb kopsschüttelnb an bie Scheiben geklopft unb immer wieber auf bas Schild gezeigt: Fasse bich kurz. Abieu!" sagt er unb geht hinaus. .

Aus Wiebersehn!" sagt Barbara noch unb:Ich liebe bich."

Das hat Alfred nicht mehr gehört. Es ist- in bie leere Luft gesagt. Es ist als Gelöbnis gesagt. Es ist als Hoffnung in bie Zukunft gejagt.

Fehr unb Alfteb sitzen im Auto unb fahren burch buntiampige Ge­schäftsstraßen, burch laubige Villenstraßen. Sie kommen in eine winzige Villenwohnung, bie in bas Dachgeschoß einer Villa eingebaut ist, mitten in ben Kronen großer Bäume gelegen. Eine reizende Wohnung, ein