GiehenerZamilieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1935
Montag, den 4. November
Nummer 86
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Hollanöer
Hammer sich aus dem Atem Wille hält ihn am Geben. Atem hält ihn am Geben.
Kraft holte. Sophie nennt das aber: Sein Das ist eine bessere Erklärung als: Sein Sie steht und starrt, nachdem der Arzt
Copyright 6y August Scherl G.m.b.h., verliu
13. Fortsetzung.
Der Sanitätsrat kann es nicht sagen. Es ist seiner Ansicht nach nicht eine eigentliche Krankheit. Das Herz ist nur überanstrengt und verbraucht. Gewöhnlich hört es dann eben eines Tages auf zu arbeiten. Aber wenn der Herr wirklich atmen kann, und wenn das Atmen Wunder verrichtet ... „Es verrichtet Wunder", sagt Sophie, mehr zu sich. Sie will sich Mut machen. Im Grunde glaubt sie so wenig daran wie der Sanitätsrat. Dabei hat sie ein paarmal erlebt, wie Rout
gegangen ist, ins Flutztal. Das Sägewerk wird schon vom Abendschatten zugedeckt. Gangfam wandert der Schatten flußauf. Oberhalb von Haus Rebstock hört man riesiges Männergeschrei. Eine helle, angenehme Stimme, die Stimme Körners, füllt das Tal. Die Männer haben ihr Floh fertig und schwimmen langsam den abendlichen Fluh hinab. Ein paar Frauen kommen aus dem Haus und laufen ihnen winkend entgegen. Ob Barbara dabei ist, kann Sophie nicht erkennen. Aber sie nimmt es als sicher an. Barbara ist eben doch wie alle anderen Frauen. Kaurn hat sie einen Mann für sich erwischt, kümmert sie die ganze Welt nicht mehr. Sie hat einen dunklen Zorn auf die Freundin. Oder vielleicht auch auf das Schicksal. Menschen, die lieben können, werden nicht geliebt. Alle Giebe fällt auf die Kalten und Hartherzigen. Sie dreht sich um. Rauihammer steht hinter ihr. „Sie sollten doch liegenbleiben", sagt sie sanft, „vollkommene Ruhe ... meint der Sanitätsrat ..
Rauthammer winkt ab: Man kann sich nicht nach den Aerzten richten. Alles, was die Mediziner wissen, bezieht sich auf den Menschen, abgesehen von seinem Geist und seinem Willen. Also eigentlich auf den Tiermenschen. Wenn der Mensch aber ein Ziel hat, entzieht er sich allen Prognosen.
„Es ist schon mancher umgesallen, bevor er sein Ziel erreicht hatte , sagt Sophie und schaudert zusammen. Die Abendschatten, die langsam den Abhang herauskriechen, werden sie gleich im Genick packen.
„Mancher mag umgefallen sein", sagt Rauthammer, „mir geht es ausgezeichnet." .
Sophie muß das zugeben. Er ist wohl noch magerer, noch spitzer geworden. Die vorspringende Nase beherrscht setzt das Gesicht wie ein Geierschnabel. Aber die Augen sind voller Geben. Sie sind heiter und sommerlich. Wären die Krähenfüße nicht um die Augen, wäre die Glatze nicht und der weißgraue j>aarrant) rings um den Schädel, man könnte ihn für einen Menschen halten, der mitten in feinem Geben steht. Und noch eins ist mertroürbig: Während er bisher immer eilig war und zum Beispiel auf der Herreise das Flugzeug bis Stuttgart nehmen mußte, während Sophie immer ungeduldiger wird, ist Rauthammer ganz ruhig. Er wird nicht einmal böse, als sie ihm gesteht, daß sie Barbara durch die Schilderung seiner Krankheit herauslocken wollte.
>Es wird jetzt alles in Ordnung kommen", sogt er, „äußerlich bin ich schon in einer Glücksträhne drin. Ich habe vorhin ein Telegramm bekommen. Von einem Berliner Geschäftsfreund. Er hat mich hier aufgestöbert Warum meinen Sie? Nur, um mir ein ausgezeichnetes Geschäft anzutragen. Warum er das tut? Weil ich eigentlich im Augenblick feine Gelchäfte machen wollte. Das glaubt er mir nicht. Er glaubt vielmehr, daß ich mitten in großen Unternehmungen drinstecke, und de halb nimmt er mich in sein Geschäft mit herein. Allerdings kann er meinen Rat brauchen ... aber den könnte er billiger hoben. Verstehn Eie nun, wie das ist?" .. , . . ....
Rein, Sophie versteht es nicht, und wenn sie es auch sehr schon findet, daß er einen materiellen Erfolg haben wird, so ist er ja nicht bergcfommen, um sich von dem Geschäftsfreund verfolgen und aufstöbern zu lassen. Sondern um Barbara zu finden. „Gassen Sie nur . lacht Rauthammer, „wenn man Glück hat, hat man m allen Dingen Glück. Das ist doch ein Gesetz. Gleich wird der Geschäftsfreund auf- taudjen ... und bald wird Barbara kommen. Eines ergibt sich aus dem anderen. Ganz klar." . ...
Sophie Wohnke versteht den Zusammenhang ganz und gar n cht Rauthammer beginnt zu erklären. Er geht an Sophies Arm hm und her und spricht. Die Sonne blitzt noch durch den Kammwald des
anderen Flußufers. Dann wird es auch in Rauthammers ©arten dunkel.
Er spricht vom Geheimnis der goldenen Blüte, vom Meister Gü Dsu, der gesagt hat: Den Entschluß muß man mit gesammeltem Herzen ausführen. Nicht den Erfolg suchen. Dann kommt der Erfolg von selbst. Er spricht von den zwei Aktivitäten: der nach außen gehenden, die auf die Materie losgeht, und der nach innen gehenden, die den Menschen umformt und erst vermittels des Menschen die Materie. Und daß er jetzt die zweite Aktivität ergriffen hat, durch die man auch Macht über sich selbst und Macht über Menschen bekommt, die magische Aktivität also. Er versucht diese magische Aktivität an Beispielen zu erläutern und setzt gerade an, von Barbara zu sprechen ...
Da wird er von der Straße her angerufen. Der Geschäftsfreund ist schon da. „Sehn Sie", lacht er, „nun werde' ich Barbara auch bald sehnl" Der dicke Kaufmann beginnt schon dreißig Meter vor der Gartenpforte zu sprechen. „Das war ein Stück Arbeit. Aber es wird sich lohnen. Das Geschäft ist so gut wie perfekt. Wir brauchen nur noch jemanden, der die Gegend kennt. Jemanden, der vielleicht im Herbst mal hinfährt. Kurzum, wir brauchen Sie."
Die Männer gehn ins Haus. Sophie Wahnke bereitet ein Abendessen. Sie trägt das Essen auf, und während sie anbietet, ab und zu geht mit Tee, mit Schnaps, mit Wein, mit Zigaretten, erlebt sie, wie in einer Stunde mit wenig Berechnungen, mit zwei Telegrammen, mit einem Blitzgespräch nach Berlin ein Geschäft eingefädelt wird, das jedem der Beteiligten ein kleines Vermögen bringen wird, ohne daß sie etwas anderes einsetzen als einige Kenntnisse und einige Verbindungen. Das findet sie ganz erstaunlich ... ja, eigentlich magisch. Und sie beginnt zu hoffen, daß Rauthammer auch im Seelischen der gleiche Zauberer sein könnte.
Während der kurzen Verhandlungen wird es langsam dunkel, rot dämmerig erst durch einen theatralischen Sonnenuntergang jenseits des Flusses, bann grün dämmerig durch einen Himmel, der hellgrün ist, während die Wälder langsam ergrauen. Ziemlich früh noch bricht der dicke Kaufmann auf, und Rauthammer begleitet ihn, feinen Bambus- stock fröhlich schwingend.
Unter dem hellgrünen Himmel sitzt Barbara, fünfhundert Meter vom Haus Rebstock entfernt, am Bahndamm. Sie ist gleich vom Abendbrottisch hierhergegangen. Sie hat einen großen Strauß Sommerblumen gepflückt, Bahndammblumen, von der Sense verschonte, Mohn, Kornraden, süß duftende Wicken, krauses Johanniskraut, riesige Glockenblumen und violette Vogelkralle. Es ist ganz still. Man kann den Tau fallen hören. Marienkäfer und Ameisen laufen über ihre Hand. Sie sitzt unbeweglich und horcht in die Stille. Sie will nicht zurückgehn, ehe sie nicht das Auto Meimbergs kommen hört. Ehe sie sich nicht unter feinen Schutz stellen kann. Wozu — nicht wahr? — ist man verheiratet, wenn man' dann keine Mauer hat, hinter die man sich bei Gefahr flüchten darf? Er soll nur schnell kommen. Sie muß ihm alles rückhaltlos sagen. Sie muß ihm sagen, daß dieser Rauthammer noch immer nicht ganz ausgelöscht ist in ihrem Herzen. Ist das Untreue? Nein, gewiß nicht. Es wird Alfred nichts genommen, was er hatte. Nur kann er nicht so ohne weiteres das bekommen, was schon da war, ehe er da war. Ist ihr Gefühl zu Rauthammer nicht eigentlich sogar Treue? Treue zu sich selbst? Daß sie ja sagt, zu dem Weg, den sie gegangen ist? Das kann sein. Sie will aber keine großen Worte darum machen. Sie will nur vollkommene Klarheit schaffen.
Sie wird noch heute lange mit Alfred sprechen. Sie wird ihm jene ganze heiß-kalte Giebe vom Februar vor fünf Jahren erzählen. Wird sie? Soll sie? Hat er ihr von seinem früheren Geben mit Frauen erzählt? Hat sie ihn darum gebeten? Natürlich nicht. Sie will keine Einzelheiten wissen. Aber eine andere Frage: Bitte, wie würde sie sich dazu stellen, wenn jetzt etwas von Alsreds früherem Geben lebendig würde? Wenn jetzt da drüben im Haus am Hang eine junge Dame von früher hauste und lauerte auf ihn? Nein ... das würde ihr nicht paffen. Das ist also klar. Sie nimmt ihren Strauß. Sie will nun doch langsam nach Hause gehn. Meimberg muß ja gleich kommen.
S>e überklettert den Bahndamm. Sie spürt, wie die Schienen zittern und schwingen. Schnell. Ein Zug kommt. Da taucht er schon auf. Mit gelbroten Äugen und einem guten runden Kopf kommt die Gokomotive fauchend angerannt. Zwei Wagen hinterdrein. Ausflügler. Sommerfrischler. Zwei Bauersfrauen, die in einer Ecke schlafen.
Der Fluß neben ihr beginnt wieder zu reden, zu schurren. Seit ein paar Tagen denkt sie immer, wenn sie ihn hört, wie das Geben wegläuft daß man schneller sein müßte in allen Dingen des Herzens, damit man eher zum klaren Geben kommt. Und jetzt spürt sie zum erstenmal, wie Rauthammers Geben wirklich schnell verrinnt und versickert. Daß er am Ende ist. Sie denkt das ohne Angst und ohne Mitleid. Muß man denn Mitleid haben mit denen, die vor uns fahren, weil sie auch vor uns in den Schatten hineinfahren? Unsinn


