Häusliches Gespräch.
Von Iustinus Kerner.
„Mir leeren die Mäuse, Spitzmäuse und Ratten, Verschlossne Gehäuse Und offene Platten. Mann! Die Apotheke Hilft sicherlich hier. Gift schaffe aus ihr, Auf daß ich es lege Dem wüsten Getier!"
Weib! Lasse das Morden! Vergönn unsere Speisen, Die bürgerlich heißen, Den schwäbischen Spatzen, Den Mäusen und Ratzen. Wenn voll die geworden, In stillem Behagen Die Mäuler sich wischen Und weiter dann sagen, Die nirgends doch klagen, Wie sehr sie gelitten. An unseren Tischen!
Durch Mangel an Fischen Und Schnepsendreckschnitten!
Das Kahentier.
Zum well-Tierschuh-Tage am 4. Oktober.
Von Felix Riemka st en.
Eines Tages war unversehens ein Katzentier in der Wohnung. Das Katzentier sah mager und schäbig aus, hatte einen graugrünen Pelzmantel, es leckte sich eine Pfote, saß in Ruhe da und blickte mit gläsern schimmernden Augen außerordentlich forschend auf die alsbald ver- ammelte Familie hin. Es war ein junges Tier, Katzenkenner schätzten es auf höchstens sechs Wochen Leben. Entdeckt wurde das Kätzchen von der Tochter des Hauses, einem Kinde, das sich gerade seit neun Jahren des Lebens erfreut, und man kann sich denken, welches elementare Toben losbrechen muß, wenn ein Kind in diesem Alter mitten in der Wohnung eine zugelaufene Katze entdeckt und von dieser Entdeckung aus'unverweilt und ohne die mindeste Zwischenstation zu dem Geheul gelangt: „Die behalten wir!" ... , „ , .. _
Der Hausherr war entschieden nicht für Behalten, auch die Frau war nicht sehr dafür. Sie war aber dafür, daß man dem fremden, jungen, armen Kätzchen zunächst einmal Milch geben müsse, und damit war bereits alles gewonnen und erobert für die Katze, denn sobald die Milch auf der kleinen Schale vor sie hingesetzt wurde, erhob sich im Innern der Katze die wundersame Musik eines vollkommenen Schreitens und herrlich in Kugellagern verrollenden Bewegens, und dann leckte ein feines und flinkes Zünglein von zartem Rot die gute weiße Milch vom Teller. Und dies war alles so hübsch und so prachtvoll einfach und so sauber und lautlos dazu, daß die Hausfrau mit aufglänzenden Augen und einem strahlenden Gefreu in jeder mütterlichen Miene kundgab: „Vorläufig kann sie hierbleiben."
Seitdem ist Kätzchen bei uns. Es ist zu merken, daß Kätzchen bei uns ist. Die Tochter vernachlässigt ihre Schularbeiten; der Hausherr wurde durch grobe Worte bewogen, aufs schleunigste eine Kiste zu holen und Sand zu beschaffen; die Hausfrau verschwendet das meiste vom Schatze ihrer Zärtlichkeit an das graugrüne Katzentier, und das Katzentier wirft Kakteentöpfe um, ohne daß die Hausfrau deswegen in Krämpfe fällt. Es war vordem einmal geschehen, daß auch der Hausherr selbst mit seinem „persönlichen" Ellenbogen zufällig einen Kakteentopf umgeworfen hatte, und aus diesem Vorfall heraus war ein langer und bitterer Krieg zwischen dem Täter und der gemarterten Hausfrau entstanden; ein Krieg, in dessen Verlauf dem Hausherrn eine außerordentliche Mißachtung zuteil geworden war, so daß es sich seiner Seele tief einprägte, wie wichtig Kakteentöpfe seien. Und nun waren Kakteentöpfe fast unwichtig, säst wie nichts waren sie, und Kätzi sollte sogar „süß" sein, trotz des umgeworfenen Topfes.
Seitdem ist der Hausherr in schweres Grübeln verfallen, er hat sich sogar an das Problem „weibliche Logik" gemacht, und davon wurde er beim Nachdenken natürlich saft wahnsinnig. Es gibt Probleme, die dem Denker gefährlich werden können und die der Nichtdenker viel besser lösen kann, indem er es macht wie der Pastor Nolte; der machte es so, wie er gerade wollte. Und so oft der Hausherr anfängt: „Zu mir hast du gesagt ... und zu Kätzchen sagst du gar nichts ..— dann brennt es. Kätzchen aber sitzt auf dem Tische und schaut zu, und wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, so muß man zugeben: Kätzchen hat einen wunderschönen, ernsten, löwenmähigen Dickkopf, eine zierliche Nase und zwei Augen, die immer wieder ein Rätsel sein werden durch ihre Unbedingtheit, ihre Klarheit und ihre noble, würdige Aufmerksamkeit. Es geht stets etwas vor in diesem Katzenkopfe, aber die Augen verkünden niemals mehr als di« Tatsache eines Vorganges, während sie über den Vorgang selbst Näheres nicht einmal andeuten.
sherrn nicht ganz ohne ’Jiugeni irgendeinem Grunde die Pfeif«
warfen und vernichtet. , ,, . , .
Das Kätzchen erobert die Herzen und die Wohnung. Es hat ein. Körbchen mit weichem Kiffen, aber es mag weder Kissen noch Körbchen, es mag viel lieber den Sessel, in dem der Hausherr zu sitzen hebt un», wenn er ich hinzusetzen gedenkt und als müder Mann keine Umstande mehr liebt, so sitzt dort Kätzchen und geht nicht fort, und hier oergißt Kätzchen sogar die vornehmen Seiten des ihm eigenen Charakters untu läßt es darauf ankommen, ob und wie und wie sehr der Hausherr es. durch schimpfliche Gewalt nötigen wird, vom Sessel abzuhopsen und sich, anderweit einen Platz zu suchen. So hat Kätzchen vor nichts Respekt, am wenigsten vor dem Haushern, den es freilich glatt und ohne Rest: verdrängt, besiegt und in Mißachtung gebracht hat. Nur in der Tiefe der Katzenseele schlummert eine dumpse Furcht vor der brutalen körperlichem Uebermacht des Hausherrn, und zuweilen geschehen im Innern der Katzem- ssele rätselhafte Rucke und Sprünge beim Anblick des Hausherrn, unö, diese innerlichen Schreckzustände verwandeln sich dann in unvermutet rasch« körperliche Sprünge und Stürze, und am liebsten geht Kätzi in solchem Zuständen unter das Klavier. Da kann ihm keiner...
Inzwischen ist zwischen Kätzi und dem Hausherrn Frieden entstanden, Kätzi hat zu starke Verbündete in dieser Wohnung. Man muß lieb fein,, sonst gilt man als roh. Da wahre Liebe sich am sichersten durch Liebesgaben erweist, muhte ein fetter Bückling die Friedensverhandlungen ein- leiten und den Frieden befestigen. Seitdem ist es so, daß auch auf des. Hausherrn Schoße Kätzchen sich beim Klange des Radios warm vertraut: mit Reiben und Hinschmiegen wohl fühlt, krumme Buckel macht und dem Schweif vor Wohlsein manchmal so jählings aufrichtet, daß dem Hausherrn die Zigarrenasche auf den Teppich fällt. Es liegt ganz im Zuge Der Gerechtigkeit, daß der Hausherr alsdann mit ungeduldigen Vorwurfem bedacht wird, während Kätzi nur ein Tier und damit also unschuldig ist- Immerhin ist Kätzi aber auch dem Hausherrn nicht ganz ohne Nutzem gewesen, denn eines Tages als ihm aus irgendeinem Grunde d:e 7!""“ aus dem Munde fiel und der Teppich stark voll Asche lag, schob er dies« Sünde rasch und mit kalter Seele sogleich auf das Katzentier und entrann also dem Zorn einer leidenden Hausfrau, die den ganzen lag über nichts macht als reine und kann sich totmachen damit — und ist doch m«
reine bei uns! .
Und vieles mehr wäre zu berichten von Kätzi — von Kätzis erftauneno, rätselhaftem Derschwundensein und dem Wiederfinden Kätzis im Schalloch« des Sprachapparates; oder von der enormen Tragödie beim Hinfetzem des Hausherrn auf einen Stuhl, auf dem ungesehen bereits Kätzi lag! und schlummerte; oder von dem Brief der Lehrerin „... hat ihre -toajter feit längerer Zeit nicht mehr die erforderliche Sorgfalt bei den häusliche« Arbeiten ..." Und dann abends die große Katzenjagd, denn über Nachi soll Kätzi nicht im Zimmer bleiben. Kätzi weiß das bereits und sicht zur: rechten Zeit zwischen die Sprungfedern der Matratze. Dann muß Die Matratze angehoben werden, wobei es an harten Zurufen an den Hausherrn selten gebricht, und wenn Kätzi heraus ist aus den Sprungfedern,, so ist sie im gleichen Augenblick schon wieder hinein in etwas anderes. Einmal schlief sie im Bücherschrank. Und einmal warf sie eine große, teure Vase um. Da war die Stunde des Grimmes gekommen, des allgemeinem Pfuirufen? und des wahrhaftigen Zorns. Und da man Kätzchen sucht« um es zu vernehmen, war es zuletzt zu finden im Puppenwagen Den Tochter, faß als wollener, warmer, lebendig atmender Klumpen hiniell den Gardinen des Wägelchens und schaute uns alle an, ganz ohne Bor- rourf, fast mit Gnade, und fo ruhig und fein wie ein sehr, sehr vornehmer alter Graf, der sich in di« Zeiten schickt und das grobe Boiu wohl duldet, aber ohne sich etwas zu vergeben.
... Und da kannst nix machen!
Somit ist Kätzchen von vorn ohne Zweifel fabelhaft vornehm, untadelig und sogar interessant. Aber von hinten ist Kätzi gar nicht ... also wirklich gar nicht angenehm. Es riecht furchtbar! Je furchtbarer es riecht, um fo maßloser erheitert fühlt sich der Hausherr, denn dann kommt die Hausfrau zu ihm und ruft feinen männlichen Schutz zum mindesten [einen ehekameradfchaftlichen Trost an. Sie klagt und klagt, derweil es riecht und riecht. In solchen Stunden kann der Hausherr das Wort wagen, daß es vielleicht doch besser sei, wenn man ...
Aber wenn das die Tochter hört, das Kind von neun Jahren —
Und Kätzi schleckert und ledert sich satt an Milch,Katz, sitzt aus dem Schoß und auf dem Arm, sitzt wohlig, fett und angenehm und laßt sich mit aufmerksamem Zublick der kreisrunden Glimmeraugen sagen, daß es ein armes, gutes Kätzchen fei, und der da, das fei ein bofer: Tlann.
So bö e der Mann auch ist, gemein ist er trotzdem nicht. Er wirst nicht mit Stiefeln, er pustet auch keinen Rauch in Katzis Nase, er begnüg sich mit Seufzen, und zuweilen, wenn Seufzen nicht zulangt bei so viel innerlichem Druck, geht er minutenlang hinaus auf den Balkon, um zu platzen. ..
Das liebe Kätzchen! Es fitzt am Fenster, um die leckeren Plepvogelchen fchärfstens zu betrachten, und wenn ein solcher fliegender, kalter Braten sich gar außen auf das Gesims des Fensters setzt, setzt Kätzi sich innen vom Fenster auf die Fensterbank und runxt und raunzt vor Aufregung, und nun verlieren sogar die Augen den edlen, müden Stolz der spanischen Granden, und unversehens springt Kätzi in das Gewebe der Gardin- binein und muh durch einen Klaps auf die für Morallehren vorgesehen« Stelle des Körpers ermahnt werden. Bei solchen Gelegenheiten, die dem Hausherrn sehr gelegen kommen, gefällt sich der Hausherr in -Berner- tungen darüber, daß alle Katzen weiter nichts als mordluftige 'Raubtiere feien, und an diese Bemerkung knüpft er eine übermäßig genaue, haarkleine Beschreibung der widerlichen Scheußlichkeit des Wühlens Der Raubtiere im dampfenden Leibe ihrer klagenden Opfer. Dann wird Der Hausfrau fo lila im Magen, daß sie dem Hausherrn gebietet, davon auf- zuhören und Kätzi bleibt trotzdem in der Gnade — ja, Katzi bekommt sogar frische Milch, durch die ihr eine frömmere Denkungsart angewohnt werden soll, während der Hausherr Vorwürfe erhält wegen feiner widerlichen Schilderungen. In allen Stücken ist demnach der Hausherr Der-
werantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Studltnb Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. «.Lana«, Dieben-


