Oktober.
Von Lina Staab.
Der Morgen weht mit Straßen feucht und blaß und spiegelt einen blauen Frühling vor. Doch früh am Abend hocken Sträucher naß und fröstelnd am verschlossnen Gartentor. Von kleinen Feuern knistert rings das Land. Den Bäumen fällt das Goldne aus der Hand, sie merkens nicht, sie scheinen halb im Schlaf. Das Dunkle nistet heimlich in den Kronen. Bald wird in Aesten, die der Tod schon traf, nur noch das Braune und das Leere wohnen, bald wird das Helle ohne Heimat fein — die Tage ducken sich schon wie zur Flucht.
So fall noch einmal, Himmel, in mich ein! Ihr Gärten, schließt mich auf mit letzten Blüten, ihr kleinen Feuer, sammelt Licht und Schein in mir, so wie in einer warmen Bucht.
Ich will das Sanfte, das sich sehnt und sucht, in einem Lächeln winterlang behüten.
JRoalb Amundsens Hunde.
Von Helmut Giese.
Wie bunte Tiere liegen die Fischerhütten im Gras und Moos der Insel. Vor den gelben, roten und grauen Häuschen blühen kleine Gärten. Ein kupferstichklarer Himmel wölbt sich über dem Granit und Gneis der Felsen. Zerzauste PZachholderbüsche klammern sich an ihre Schroffen.
Das Meer um die Insel ruht nie. Selbst in klarem, stillem Wetter zerrt und saugt seine Unterströmung an Strand und Stein. An Sturmtagen aber fegt die Brandung wie ein gewaltiges Schneegestöber um Schären und Sandbänke. Fels, Erde und Hütten zittern. Um die gefähr- detsten Holzhäuser ziehen die Fischer bann dreifach und vierfach starke Taue, die sie mit Ankern beschweren und um Felsblöcke festlegen. Denn der Sturm packt die Dächer wie Segel und weht sie wie ein Schiff auf die See. An solchen Tagen und Nächten geht keiner der zweihundert Menschen, die hier leben, zur Ruhe. In der Postmeisterei, in der niedrigen Gaststube des Kaufmanns fitzen die Fischer und Fangleute, rauchen, wechseln wenige Worte miteinander und horchen auf das Tosen des Meeres. Auf dem Pfarrhof und im Hause des Lehrers brennt Licht. Ueber den Sandstrand aber stürzen, knurren und heulen die Wellen wie Rudel riesiger, grauer Wölfe. Boller Salz und Schaum ist die Luft. Bor dem Orkan sind alle Vögel geflüchtet, große Scharen von Möwen und Eideroögeln, die sommertags wie schwarze und weiße Wolken auf den Schären liegen, und deren heiseres Schreien als ein einziger, ewig schwingender Ton über dem Lande steht.
Der Sommer ist kurz im Haalogaland. Die Insel, erwacht bann gleichsam zum Leben wie am ersten Tage, ba sie aus bem Meer stieg. Den Menschen geht bie Sonne ins Blut wie ein süblicher Wein, ber das Lachen löst und ben Mut. Sie sprechen untereinander mehr als bisher mit eigenen, lebhaften Bewegungen und find neu erfüllt und,erregt doh ber Hoffnung auf gute Fahrten und Fang. So hofften jedes Fruhiahr ihre Väter, Großväter und Vorfahren schon auf den großen Fischzug, der sie von allen Sorgen und ben kleinen Schulben beim Kaufmann befreit, unb so hoffen sie auch: diesen Sommer werden riesige Henngs- schwärme in die Treibnetze gehen, diesen Sommer kommen die Boote mit großem Tiefgang voller Dorsch unb Kohlfisch heim ...
Die gelbe Lampe ber Mitternachtssonne hängt in ben Felsen rote eine mächtige Schiffslaterne über bas Kreuzrah am Großmast. Und schaukelt sie nicht in der Dünung des Nordmeers? Segelt die ganze Insel nicht, ein gewaltiger Kutter aus Stein mit kleinen Kajüten unb Kombüsen, mit Beibooten, Netzen, Tieren und Mensechn iedes Jahr um bie Erde? Frühling, Sommer, Herbst unb Winter wehen über seine Borbe. Grünes Gras, weißer Schnee wechseln die Schiffsiarben. Cb- unb Flut werfen Wellen um Bug unb Kiel. Cm?^^r Fischer ist Mann im Ausguck. Der sichtet bie silbernen Schwarme im Meer unb bie goldenen ber Sterne am Himmel. Sohn unb Enkel losen ihn ab. So w r es seit taufenb Jahren unb so soll es bleiben. Denn so ist es gut..
Dieser teuflische Zauber gleißenber Mitternachtssonne! Ich kenne nüchterne Amerikaner, bie fromm unb gerührt unter ij)r
Generale ber Heilsarmee. Ewig träumt man in ihrem knstallenen Licht! Summe, fortschrittliche Träume. Abergläubische alte Dinge und®e- banfen. Gebauten, bie wie bunte Bälle unter den Hanben eines Jongleurs kreisen. Die in bas Metall des Himmels steigen und aus ihm stürzen wie die grünen, roten, blauen, gelben Kugeln, Sterne und B men des Nordlichts. .. ..
Die fielliateit die durch bas schmale, halboerhängte Fenster in die SbidiersUibe des Pfarrers fällt, gräbt das Gesicht lies Freundes mit funkelndem Meißel aus dem Dunkel des Raumes.
„Hören Sie, Lonkin, Polfahrer, Waler Spitzbergen,ager S.e wissen es auch: die Insel segelt mit uns durch den Raum, und ihr -weg , die Zeit. Wenn einer hier stirbt, das ist so seltsam. Der Pfarrer bei dem wir wohnen, sieht aus wie ein Schlffszimmermann, und ruber st- einen Toten im Sarg mit ihren Nordlandbooten auf das Netz drüben, dann denke ich immer: ber Sarg ist eine ..9. 6ee._
geglättet mit Schmierseife, unb über sie gleitet ber Tote, eine deine
kiste in ben Hänben, ein eisernes (Blieb der Ankerkette an ben Füße«, nicht in bie Erbe, sonbern in die See.
Hier sterben bie Menschen nicht wie im Binnenlanb, hier mustern sie ab wie alte Matrosen, bie ber sieben Meere biefer Welt mübe sind. Die letzte Heuer für bie große Fahrt in ben ewigen Frieben nehmen sie bei einem Kapitän, ber anbere als bie irbischen Meere mit seinem Schiff befährt. Der Pfarrer hier ist nur eine Art Heuerbaas für ihn. Jebesmal, wenn er bas Vaterunser am Grabe spricht unb Amen sagt, bann ist es mir, als ob er im Herzen hinzufügt: „Gute Reise!"
Unb ben Kapitän, Lankin, ben sehen bie toten Fischer unb Matrosen in biesem Augenblick zum ersten Male auf ber Kommanbobrücke stehen. Unb unter feinert Augen setzen sie bie Segel ber Ewigkeit...
Der Norweger nickt: „Ja, der Kapitän, das muß wohl Gott sein. Man mag sich wehren, wie man will. Am Ende ist es doch jener unsichtbare Menschsischer, der einem aus bem Meer ber Zeit in seine höllischen ober himmlischen Treibnetze holt. Unb man mag laufen wie bie Rosse ber Hedschra, die den Propheten von Mekka nach Medina trugen, oder die Hunde Amundsens, die ben Sübpol eroberten. Er holt einen ein. Uebrigens, bas mit ben Hunben Amundsens, will ich Ihnen erzählen. Es hat nichts direkt mit unserem Gespräch eben zu tun und liegt nur an feinem Rande, wenngleich es feinen Kreis vielleicht doch auf eine andersgültige Art überschneidet. Sie wissen, daß England Roald Amundsen einen Teil der Mittel für feine Fahrten gab. So rüsteten sich, fast gleichzeitig, in jener säst beinahe verschollenen Epoche ber Polschifse unb Hundeschlitten — heute schreiben wir bekanntlich in der Polar- forschung das Zeitalter der Flugzeuge und Luftschiffe — zwei Expeditionen. Die Norweger unter Amundsen wollten zum Nordpol. Das Ziel der Engländer, die Robert Scott führte, war der Südpol. Wir wissen nicht genau, warum Amundsen damals sich plötzlich entschloß, den Kurs seines Schiffes „Fram" statt nach Norden, nach Süden zu wenden. Die Gründe find hier auch gleichgültig. Genug, es entspann sich ein Wettlauf zwischen Norwegern und Engländern, die auf getrennten Wegen über das Eis vordrangen, zum Südpol. Ein Wettlauf, in dem englischer Sportgeist, wenn man so sagen will, bas Letzte hergab. Der Sieger aber würbe Roalb Amunbsen. Fünf Wochen später als er tarnen bie Englänber an jenen sinnlosen Ort ber weißen Wüste, ben wir den Südpol nennen. Sie sahen dort an einem überreiften und vereisten Fahnenmast ein rotes Kreuz im blauen Feld. Die reine norwegische Flagge. In diesem Augenblick muß eine Kraft von ihnen gewichen fein. Sie mögen Aehnliches gefühlt haben wie bie alten preußischen Offiziere Friedrichs bes Großen nach ber Schlacht bei Jena. Nationale Kräfte finb unwägbar unb irrational. Waren Aufbruch und Vorstoß der Engländer über bas Eis eine einzige Saga bes Mutes, ber Hoffnung, ber Tat, so wurde ihr Rückmarsch ins Winterlager eine endlose Straße ber Niedergeschlagenheit, ber Hoffnungslosigkeit, ein einziger Passionsweg. Der Glaube eines-ganzen Volks, ber sie bis an ben Pol getragen, hatte sie verlassen. Unb bie eigenen Kräfte vermochten nicht mehr sie zu retten. Robert »Scott unb feine Begleiter schlafen im Schnee. Ihre Tagebuchblätter aber, bie man neben ihnen fanb, leben ...
Die Royal Geographica! Society in Lonbon ehrte Roalb Amunbsen nach seiner Rückkehr bnrch ein Fest. Und als ber Chairman ben Toast ausbrachte, ba trafen, sei es bewußt ober unbewußt, feine Worte noch anbers, als er es ahnte unb vielleicht wollte, ben Forfcher wie eine Harpune ins Herz. „Wir wollen, meine Herren", sagte ber Professor ber Geographie, „neben bem Sieger nicht bie Sieger vergessen, beren Kraft unb Ausbauer ben Sübpol eroberte. Ich bitte Sie, Ihr Glas auf bie Hunbe Amunbfens zu leeren, auf bie schnellsten Hunbe ber Welt!"
Da ftanb Roalb Amundsen auf und verließ stumm den Raum. Was begreifen Professoren von Polarmenschen, deren Reisen und Ergebnisse sie aus Berichten kennen unb in Kompenbien verwerten? Der Grönlanb- sorscher Lauge Koch erzählt irgenbroo von einer alten Eskimofrau, bie wissen wollte, bevor sie starb, warum jedes Frühjahr ein ferner, stählerner Glanz in die Augen der Männer trat, der sie unwiderstehlich aus den Schneehütten auf die große Jagd unb Reife trieb. Jahr um Jahr begleitete sie, eine Tagereise lang, alle Expeditionen, bie in bas Inlanb- eis aufbrachen. Nach bem ersten Rasttag blieb sie zurück. Aber lange bewahrten bie Männer, bie sich oft nach ihr umwandten, wie sie sttimm und ernst, die alte Eisfrau Grönland selbst, mit ihrem Blick Menschen und Hunden folgte, die bann ber Schneenebel verschluckte. Jetzt konnte sie heimkehren. Denn sie hatte jenes innere Feuer sich in den Herzen ber Männer wie bas Norblicht am Himmel entzünben sehen, bas ben Fuß ber Forscher ewig auf jungfräuliche (Erbe führt, auf Schnee unb Erbe, bie keines weißen Mannes Fuß vor ihnen betreten.
Sie hätte Roalb Amunbfens wortloses Verlassen bes Hauses in London besser begriffen als die gelehrten Herren, bie alte Frau. Sie unb Robert Scott selbst. Es ging nicht um bie kleine Kränkung. Es ging um ganz anbere Dinge.
Roalb Amunbsen hat jene geringe Schulb, wenn es überhaupt eine mar, vor einigen Jahren überreich bezahlt. Er hat sie Nobile bezahlt. Mit feinem Leben.
Cs gibt zwei Arten von Ruhm. Den Ruhm bes Kampfes unb ben Ruhm ber Liebe. Der Ruhm bes Kampfes birgt wohl immer einen Tropfen Schulb im Siegesbecher. Der Ruhm ber Siebe aber füllt ihn mit bem Weine Gottes. Aus biefem Wein hat Roalb Amunbsen ben Tob getrunken, bie Italiener bas Leben Diesmal leerte er bas gebotene ©[äs unb trat bie große Expebition an. Unb die Hunde, die den Südpol eroberten, alle Hunde Roald Amundsens ziehen wieder seinen Schlitten aus ber Reise in bie Ewigkeit ..."
2Ius Mitternacht ist es Morgen geworden. Das Gelb ber Sonne hat sich in Gold unb Rot geroanbelt. Weit öffne ich bie beiben Flügel bes Fensters. Wir legen uns nieber. Das Rauschen bes Meeres aber erfüllt die niedrige Stube wie bie Orgel Gottes.


