Ausgabe 
4.10.1935
 
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Fertig. Endgültig fertig. Der Mldwesthut springt ins Auto. Die dr« Zylinder steigen nach. Das Auto wiegt sich wieder um die Ecken. HM halt!! Otto Schreiner hat sich erlaubt ... in seinem Hotel ist ei, kleines Frühstück serviert ... ganz ohne andere Gaste ... nicht mai Tante Anna weiß es.

Man sitzt in einem sonnigen Hotelgarten mitten in der Stadt. Mi Kellner stehen zur Verfügung. Sie marschieren im Geschwindschritt hi» tercinnnber ouf, tote in einer Operette. Man rounoert fin) Wirklich, oa$ ie beim Servieren nicht singen. Denn es gibt auch Sekt, wie in einei Operette Es gibt hellbrau gerösteten Kaviartoast, ein zartes Gemüse im eigenen Saft gedünstet, etwas Erdbeercreme. Alles ist auf Barbani abqeftimmt. Auch die kleine Hotelkapelle, die alle Lieblingstanze San baras spielt und der Stimmungssänger, der das schöne Lied fingti: Nicht mehr zu dir zu gehn, beschloß ich." Er singt es (eife unb ohni Pathos mit einer winzigen Stimme vor sich hm ... wie eine Erzählung Genau, wie es gesungen werden muß. Es ist überhaupt ein richtige.- ^öarbarafeft Äuch roeil es fo turj ift. Onkel Otto nämlid) noch

einer Verhandlung« Keine Angst: Er wird rechtzeitig um zwei Uhr in

der Kirche sein. , .

Wieder etwas Fahrwind um die Ohren. Aber nur noch zwei Zylinder im Wagen. Um halb eins erst ist man zu Haufe. Diel zu spat. Die Tra» Hätte beginnen schon zu erscheinen, unter ihnen Dr. Philipp Stallmann der Sinologe der einzige Bruder der Mutter. Man muß sich ihm etwir widmen sonst reist er gleich wieder ab. Er steht im Garten, schlichtem und abweisend, in einen sehr hohen Kragen eingezwangt. Er lächelt eim mal, als er Barbara begrüßt, er nimmt schweigend eine Pastete un), eine Bouillon. Er antwortet mitJa" undNein . Von seiner gra: weiß er nichts zu berichten, und sein Sohn telegraphiert zu ,edem Weih nachten aus Neuyork:Happy New Year! Kurt." Seine Arbeit geh vorwärts. Wann irgend etwas erscheinen wird, ist nicht abzusehn. (h sind bisher fünf Bände alter Texte ... aber mit elf Banden früheste ist hie Arbeit ein Ganzes, mit dem man was anfangen kann.

Damit sind scheinbar alle Themen erschöpft. Barbara will sich ziv nächst verabschieden. Die Friseuse wartet. Da nimmt sie der Onkel bei? feite, ganz geheimnisvoll.Weißt du auch", sagt er sehr streng,duz du deiner Mutter immer mehr gleichst? Weißt du, daß wir StaUmanni, alle Sonderlinge sind? Daß wir ganz einsam werden, jepenfaUs im Alter? Daß alles Heiraten nichts nützt dagegen? Wir sind für Die Eh zu herrisch oder zu wild. Ich weiß das jetzt. Bei deiner Mutter ging e-s noch Die war sehr liebevoll. Aber schwer genug war es für sie. WeG du das? Nein? Ich finde, du mußt das wissen "

Damit schiebt er sie weg. Sichtbar erleichtert. Er hat seine PsW erfüllt. Er würde vielleicht gerne abreifen.

Barbara aber sitzt gleich daraus vor dem Spiegel, und die FnjeO beginnt zu arbeiten. Das ist ein süßliches, vergrämtes Fräulein, roiii man leicht begreift, wenn man bedenkt, daß sie wie ein Beamter omi| dem Fernbahnhof lebt, immer andre Leute in die Ehe hineinschickt um) selber draußen bleiben muß.

Barbara sieht in ein schön erregtes Barbaragestcht, hinter dem imrnsf wieder katzenhast, schattenhast das vergrämte Friseusengesicht austauchr Einsam? denkt sie. Daß alles Heiraten nichts nützt? Wie? Herrisch uni) wild? Stimmt, stimmt. Aber sie ist ja auch die Tochter ihres Vatm, und darum sehr sachlich, übermäßig gerecht, sehr still und vertrag!» Einsam allerdings ist der Vater auch. Und sie? Ist sie selber benn mdjtk Na das wird man ja sehn. -Sie ist doch selbst wer ... und bie|® Selbst, dieses Fräulein Selbst wird die Sache in die Hand nehmen um gut zu Ende führen. Die Haare ordnen sich willig. Der Schleier erschein! im Spiegel zuerst als eine Nebenwolke von Tüll, als ein Wolkenscheip rings um den Kopf. Dann formt sich das Tüllgewölk, schmiegt sich oem Kopf an, der Brautschleier selbst, der slandrische Schleier der Mutter um) Großmutter, ein Maiglöckchenschleier kommt darüber. Dann der Myrtem kränz. Das Hochzeitskleid wird vorsichtig angezogen. Ein Kleid mit einem winzigen Ausschnitt. Hat gerade Platz für die Granatkette. Fertig.

Barbara steht vor dem Spiegel. Das Herz hämmert. Nutzt au® Heiraten nichts ... hat der Onkel gesagt. Man ist zu einsam, zu hernM. zu wild. Sie lächelt. Es ist ihr, als ob sie zum erstenmal mitten in ihrem Leben stehe. Ja, sie erkennt auf eine hellsichtige Art ihre ganje -out' gangenheit und hat schon ein Bild der Zukunft in sich. Man muh M das spürt sie sehr viel weiter nach allen Seiten strecken, als oi > Eltern es getan haben. Man darf nicht einfach das hinnehrnen und fertig^ leben, was sie einem mitgegeben haben. Man muß darauf aufbaue.-

und weiterkommen. Man muß _. k

Da taucht das Katzengesicht der Friseuse wieder auf und spricht:toi" Sie zufrieden, gnädige Frau?" ... .

Jawohl, die gnädige Frau ist zufrieden. Sie hört die Autos über offl Asphalt surren und halten. Sie hört unter den Stimmen der Gaffe ou Stimmen von Weppen und Dr. Kleesand, die mit den jungen MaoE" die Scherze von gestern wiederholen und ausbauen. Auch Stößler. i«, Internist, ist angekommen, fein Baß dröhnt tonnenhaft unter der tu im Garten. hli.

Jetzt kommt IDleimberg und wird mit Hallo begrüßt. Jetzt fahren " ersten Gäste in die Kirche ab. Jetzt klopft es, und Sophie Wahnke 1» ein, sehr hübsch, in einem teefarbenen Kleid, sehr stark parfümiert, naq Jasmin duftend. Barbara winkt aus dem Spiegel heraus. Sie kann nicht von ihrem weißen Spiegelbild trennen und von ihren weiten i bauten.Komm, Sophie", fagt sie unb schließt bie Freundin m Arme. Unb Sophie flüftert ihr bas uralte Freunbinnenlieb ins Ohr, vn ber Ewigkeit ber Freunbschaft, bie burch keine Ehe gelöst ober werben könne, unb weiß boch ganz genau, baß ihre Freunbschaft np- fo bleiben kann, wie sie ist, unb wahrscheinlich langsam welken an sterben wirb. Sie sehen sich lange in bie Augen. Sie benfen dabei - e- an Raulhammer unb an ihre Gespräche am Tag zuvor. Barbara 9« bas Gefühl: Das liegt ganz weit hinter ihr. Ist winzig geworor Man kann es schon nicht mehr erkennen, Rauthammer? Ricyfig . war eine Geschichte, bie spielte vor fünf Jahren unb vor einem

(Fortsetzung folgt.)

ßanafam zieht sie sich zum Standesamt an, ein hellgraues Kostüm trägt Hennen hellgrauen Hut, ber wie ein Wildwesthut gebogen ist, eine rofa Blume. (Rosa steht dir entzückend", hat Alsred gesagt.) Sie nimmt aus der Vase eine der Moosrosen, die der Vater ihr geschenkt.hat.eine Knospe, die gerade erst aus dem Moospelz heraussieht, und steckt sie in den Revers. Sie reibt wieder ein wenig Rot in die Haut, denn sie ist doch zu blaß heute, zieht ein bißchen die Lippen und die Augenbrauen nach. Immer noch sitzt der Schatten in den Augen. Aber er wird bald erlösen a^ tQmmt h^unter, gerade als die Tante Anna auch erscheint. ,Bravo", sagt die Tante,du siehst wunderbar aus. Zart und elegant. Na also! Es ist alles in Ordnung. Kriegst einen famosen Mann. Fange an, dich zu verstehn. Wie ihr gestern getanzt habt! Es war ein Schau­spiel. Vorbildlich! So ist es richtig. Man muß tn bie Ehe hineintanzen Das Stolpern unb Hinken lernt sich später von selbst. Erlaube mir, daß ich bir setzt wirklich gratuliere." , .. , .

Vielen Dank", lächelt Barbara,ich suhle mich auch sehr gut unb ^Danach geht alles winbschnell. Der Prosessvr kommt aus ber Klinik. Sein Tagewerk ist vollbracht. Ein Patient ist gestorben, em anberer ge­rettet. Für bieten Tag ist nichts Ausregenbes mehr zu erwarten. Er hat für seine Tochter eine Kette von roten Granaten mitgebracht, die Kette ihrer Mutter, ein wenig vergrößert und mit einem perlenumrahmten riesigen Granaten als Schlußstück versehen. Die Kette paßt ausgezeichnet zu der rofa Bluse und der Moosrose. Barbara kommt sich em bißchen fremdländisch vor, ein bißchen wildwestlich und abenteuerlich. Recht so: Es beginnt ja auch eine abenteuerliche Reise, die Reise mit einem frem­den, unbekannten Mann in ein unbekanntes Leben.

Nun kommt der Bräutigam den Gartenweg herauf. Barbara erwartet ihn in der Haustür, umrahmt von einer Rofengirlande, die der Lohn­diener gerade noch rechtzeitig angebracht hat.

Guten Morgen!" sagt sie.Was für ein wunderschöner Tag! Diese Sonne ... unb noch bazu heiraten wir." Meimberg aber küßt sie unb antwortet:Guten Morgen! Hier bin ich also, falls bu mich noch nimmst. Siehst großartig aus. Wie eine Zigeunerin. Gefällst mir überhaupt im­mer besser. Wenn bas so weitergeht, begreife ich gar nicht, warum ich bich eigentlich heiraten wollte, als bu mir noch lange nicht fo gut gefielst.

Du, ich habe bir einen Photoapparat besorgt", erzählt Barbara,sieh mal hier! Schön, nicht wahr?"

Jawohl. Vielen Dank!" Alsreb fmbet ihn sehr schon, obwohl ihm im Augenblick nicht nach Photographieren zu Sinn ist. Er fmbet näm­lich, baß man nur bas zu photographieren brauche, was unwichtig ist. Denn bas Wichtige vergißt man nicht. Dies Bild zum Beispiel eben: Barbara in ber Tür. Unb ba hat er ben Apparat gezückt und aus Bar­bara eingestellt ... Aber Barbara ist mit einem leichten Schrei ins Haus geflohen. Sie mutz sich erst an den Apparat gewöhnen. Gestern, nicht wahr, hat sie Rauthammer damit eingefangen. Sie ist einen Augenblick ganz verwirrt.Ich finde mich durchaus nicht unwichtig!" ruft sie, indem sie vorsichtig wieder hinaussieht.

Sie bekommt Zeit, sich wieder zusammenzunehmen. Denn es treffen schon wieder Blumen ein, die Brettwitz rast atemlos herein auf der Suche nach zwei Suppenkellen, Onkel Otto Schreiner, Trauzeuge Num­mer zwei, kommt im Zylinder, vergnügt trotz der Neger, die infolge der Weltwende nicht mehr in der Sage find, Schreinersche Nadeln zu kaufen. Und es kommt Trauzeuge Nummer eins, Professor Schreiner, in einem funkelneuen Zylinder, einem hochmodernen, den man eigentlich etwas schief aufsetzen müßte und der, professoral gerade aufgestülpt,, un­korrekt wirkt.

Es ist zehn Uhr. Vor ber Tür stehen bie Kinder der Nachbarn. Haus­frauen mit Einkauftafchen haben sich bazugestellt. Man geht also durch ein kleines Spalier zum Auto. Vom Hause winken Tante Anna Schrei­ner, Fräulein von Brettwitz; Klothilde von Löpel, bie Filmnichte, hat noch einen Apparat gezückt. Der Moment bes Autoeinsteigens muß unter allen Umftänben für bas Familienarchiv festgehalfen werben. Unb fo stehn benn um bas Auto brei Herren im Zylinber unb eine schlanke, sehr ernste Dame im Wildwesthut mit Granatkette und Moosrosenknospe im Revers, stehn, nicken zufrieden, als es geknipst hat, die beiden älteren Herren nehmen im, Fond des Wagens Platz, Braut unb Bräutigam vorn.

Neun Zylinder", sagt Onkel Otto,drei wir unb sechs bas Auto ...

bamit werben wir ia in bie Ehe kommen."

Alfreb fährt ziemlich schnell, aber sehr sicher. Man wiegt sanft um bie Ecken, gleichmäßig schwanken bie brei Zylinber hin unb her. Onkel Otto macht noch einen Witz. Aber ben kann man nicht aufschreiben. Dann spricht niemanb mehr, bis man vor bem Stanbesamt hält. Die vier gehen burch einen in Amtsölfarbe gestrichenen, angenehm kühlen Flur. Sie warten fimf Minuten in einem Vorraum, in bem nur noch ein Tvbesfall unb zwei Geburten sitzen", biegleich erlebigt fein wer­ben" wie ber Diener versichert.

Sie kommen in einen hellen, großen Raum, ein profanes Zimmer, bas einen gewissen Ehrgeiz zeigt, eines -Tages eine Kapelle zu werben, ein Kapelloib also (wie Alfreb meint).

Der Stanbesbeamte ist sehr sachlich unb erfreulich schnell. Vielleicht ein bißchen zu schnell. Man wirb atemlos vom Zuhören. Er rasselt bie Namen herunter, mit Punkt und Komma, mit ausgeschriebenen Jahres­zahlen. Stimmt es? Ja, es stimmt. Unterschrift bitte? Hier ... genau hier ... Dr. Alfred Meimberg ... Und bie Braut bitte ... Genau hier ... Bitte ausfchreiben ... Barbara ... Achtung ... halt ... Bar­bara Meimberg ... ganz recht, geborene (ausgeschrieben) Schreiner. Hier bie beiben Zeugen. Ausgewiesen durch Paß. Danke. Hier bitte: Otto Schreiner, Fabrikant. Hier bitte: Max Schreiner, Ordentlicher Professor für Chirurgie, Leiter der Medizinischen Klinik.

Fertig. Gratuliere. Danke sehr. Trinkgeld an ben Diener. Spenbe. Ein paar Verbeugungen. Wieder das Vorzimmer. Jetzt ist geradeeine zweite Trauung" eingetreten, so wie eine Zwillingsgeburt. Zwei Jungen. Alle gratulieren dem etwas mickrigen Vater, ber vor Stolz glührot ift. Er ift selbst auch ein Zwilling. Die Jungenfinb nach mir geschlagen."