Nummer 77
Zreitag, den 4. Oktober
Jahrgang 1955
wird wohl einen Tag cmfzuschi
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Holländer
Copyright 6y August Scherl S.m.b.H., Berlin
(4. Fortsetzung.)
Das Fest wird nun wirklich lustig, nachdem alle Damen in die rechte Beleuchtung gesetzt waren und nachdem man ein paar Frösche durch die Büsche hat knallen lassen, damit alle wieder in den Tanzraum zuriick-
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GiehenerZamilienvMer
Unlerhallungrbeilage zum Gießener Anzeiger
gehen.
Gegen ein Uhr geht Barbara ein wenig müde durchs Zimmer. Otto Schreiner trägt gerade dem Amtsrichter seine Ansichten über die Wertewährung vor, und ob ihm der Amtsrichter vielleicht sagen kann, wie die Neger in die Lage zu versetzen seien, Schreinersche Nadeln zu beziehen. Pritzke, der Oberst, tanzt mit der Amtsrichterin den Walzer seiner Jugend, schwungvoll, mit wippenden Knien und riesigen Schritten, Kleesand sagt den jüngsten Damen aus der Hand ihren Charakter, den er im Lauf des Abends aus ihrem Benehmen erfaßt hat; die Brettwitz hat endlich ihren Ahnenstreit mit der Tante Anna, geborenen Löpel, begonnen ..
Barbara setzt sich einen Augenblick ins Halbdunkel in den Sessel hinter das Klavier. Sie hat unter aller Zufriedenheit wieder diesen leisen Druck verspürt Sie wünscht sich, daß dies ganze Fest schnell zu Ende gehen soll. Sie merkt, sie hat schon Abschied genommen, alles hinter sich gelassen. Sie will in ihr neues Leben hinein. Jetzt gleich. Schade, daß sie ihren Alfred nicht unter den Arm nehmen kann und mit ihm in die neue Wohnung ziehen. Jetzt, in dieser Sekunde. Sie hat eigentlich gar keine Lust, wegzureisen. Eine Heirat ist eine Reise an sich, weiter als irgend- eine Reise, wenn es einem Ernst ist.
Nun setzt sich Kleesand ans Klavier. Er ist em großartiger Spieler. Und an diesem Abend führt er seine Glanznummer vor: berühmte Klavier- spieler, paradiert an Chopins Nocturne As-Dur. Edwin Fischer, Giese- king, Elly Ney, Eduard Erdmann. Das Klavier schüttert und lustert. Die Gäste schreien vor Lachen. Barbara sieht ängstlich zu ihrem Bater hinüber. Das Nocturne As-Dur war das Lieblingsstück ihrer Mutter. Sie spielte es sehr schön. Sehr heftig, sehr trotzig und sehr weich. Es entsprach genau ihrem seltenen Charakter, den nur einer verstand und mit dem nur einer fertig wurde: er, der Vater.
Barbara sieht, rote die Brettroitz zu ihm kommt und ihm etwas zu- flüstert. Sie sieht, wie er verstimmt hinausgeht. Sie geht leise hinterdrein. Nein ... er ist nicht qeslohen. Er steht draußen am Telephon Er spricht ruhig und sachlich, ein wenig ärgerlich. „Nein , sagt er, „ichi kann morgen unmöglich. Meine Tochter heiratet Sie werden das einsehen Es wird wohl einen Tag aufzuschieben sein. Tut mir leid. Richt zu andern.
'ersieht die Tochter stehn. Sie sagt: „Soll ich das da drinnen ab- stellen . den Chopin ...es geht ganz gleicht. Kleesand kann auch was anderes spielen oder überhaupt aufhören." ™ „ h
Schreiner aber antwortet etwas Merkwürdiges: Wenn man e dadurch wieder lebendig machen könnte. Aber sonst laß nur. Es tut des- ^'Barbara^le^ihre Arme fest um (einen Hals, Sie denkt: Warum hat er niemals mit mir darüber gesprochen, wie weh es tat? Warum muhte ich jahrelang denken, er hätte sie über feiner 2Irb«it fafl oeroeffen? Warum sind diese Männer so schweigsam und fressen alles in Jirf) hmem Aber Alfred soll sprechen lernen. Und ich will mit ihm sprechen. Ich will ihm sagen was ich bin, was ich denke und was ich will. Und sie sagt. „Ich danke dir für alles. Für heute, für gestern und für morgen
Der Professor kann nichts Feierliches vertragen. Darum agt er indem er ihre Arme von seinem Hals nimmt: „Dieser Rauchammer - weißt du: der Mann, den wir heute vormittag sahen — bat eben ange rufen. Wollte mich sofort sprechen. Behauptete, es sei lebenswichtig. Nun,
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„ „I-,,-. .ntworkl ».r <M»r. .* wollen ja nicht Über Patienten sprechen. Damals war er übrigens ganz
TUes ist das Letzte, woran sich Barbara noch genau erinnern tanm Und sie weiß noch,'daß sie hastig zwei Glas Bowle getrunken hat, daß Sophie Wahnke sie etwas gewaltsam für ein paar Mwuten 'n ben Gar ten führte, um ihr zu erzählen, warum sie so spat flammen roar. ganz komische Geschichte: Rauthammer war bei ihr Wie Ja w e. Cr kam die Treppe herauf und läutete. Gerade als Sophie gehen wollte. Cr
sagte: „Ich habe vorhin lange Ihre» Apparat angerufen. Warum haben Sie sich so spät gemeldet? Ich will jetzt ihre Freundin sprechen. Jawohl, ich muß sie sprechen!" Das hat er immer wieder gesagt. Saß verbissen in einem Sessel. Rauchte ohne Pause. Erzählte, daß er sich damals den Kops zerbrochen habe, warum plötzlich jede Verbindung zu Barbara abrih. Seit heute wüßte er cs. Es läge an —--
Bis dahin konnte Sophie Wahnke nur erzählen, da kam Alfred Meim- berg, hakte die beiden unter, führte sie hinein. Dann begann der lange Tanz mit Alfred. Barbara tanzte, tanzte, während Kleesand spielte. Tanzte, und die Welt fing an, mitzudrehen und mitzurollen. Schrumpfte zusammen. Die Gesichter verwischten, und es blieb nichts vom Saal, von den Mensche», von den Wänden, von den Blumen als eine große, rollende Scheibe, aus der sie mit Alsred tanzte. Niemand tanzte mehr außer ihnen. Sie tanzten fünf Minuten, zehn Minuten. Die Gäste klatschten den Takt mit.
„Sic hat eine wirkliche Leidenschaft", sagte die Tante Anna, geborene Löpel, zur Generalmajorin, „und ich finde, daß Leidenschaft uns Frauen rettet." Die Generalmajorin nickte höflich. Sie sand diesen Ausspruch unfein. Sie sah ihrem Sohn zu, wie er mit offenen Lippen, die Haare immer noch glatt gestrichen, tanzte, wie er durstig die Lust trank, wie er zu lächeln anfing... Nein, die Generalmajorin wandte sich von diesem Schauspiel ab und ging zu ihrem Sessel zurück.
Das Paar aber tanzte, bis der Prosessor auf den klavierspielenden Klecsand zuging, ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Genug, glaube ich..." .
Kleesand hörte auf. Aber die Welt Barbaras drehte sich rasend weiter. Sie hielt sich an Alfred fest, sie nahm ihn an der Hand, führte ihn, ein wenig wankend, hinaus — aber immer noch lächelte sie — und draußen im Flur sackte sie lautlos zusammen.
Der Professor mußte bann kommen — so erzählte man es am andern Tag, und cr hatte sie in ihr Zimmer hinaufgetragen, hatte sic ins Bett gelegt, hatte ihr ein sehr schönes Nachthemd angezogen, hatte sie zu- gedeckt und sie hatte gesagt: „Das war aber mal eine schöne Hochzeit, eine sehr schöne Hochzeit, wenigstens jetzt, zuletzt, und nun wollen wir mal schnell absahren, du und ich.' .......
Es war dabei nicht ganz klar, ob sie den Prosessor gemeint hatte ober ihren Alfreb.
Auherbem war es ja erst ber Polterabend.
' , 7.
Der Hochzeitsmorgen. Barbara sitzt im Bade. Sie spielt mit dem Thermometer. 35 Grad, 38 Grad, 40 Grad. Endlich beginnt das Dunkle vom Abend zu schmelzen. Sophie hat gestern noch etwas von Raut- Hammer erzählt, das Barbara jetzt einfällt. Daß er die letzten Jahre am S)of des neuen Reichs von Mandschukuo gelebt hat und daß er vom Minister und Lehrer des Königs etwas ganz Neues gelernt Hai, ein neues Weltprinzip: Sieg über die Materie durch die innere Erkenntnis.
Darunter kann man sich nun sehr viel ober gar nichts uorftcllen. Aber noch etwas Seltsames hat Rauthammer gesagt: Daß bas Leben des Menschen sich vollenbe, baß es zu Enbe gebe, wenn er auch seine Gegenprinzipien ersaßt. Unb Barbara sei feinem Gegenprinzip verwandt. Deshalb habe er sie vor fünf Jahren nicht begreifen können und je|« begreife er sie. Und Sophie hat geantwortet, daß 'bann seine Jagd nach Barbara doch geradezu eine 3ao|b nach seinem eigenen Tobe sei. Und Rauthammer: „So mag es sein."
Ein bißchen unheimlich, wie? Ist sie etwa bieser geheimnisvollen Fra- gen wegen zusammengeklappt? Weil sie nicht schulb sein will an ^aut- hammers Tob? Unsinn! Ober weil sie erkannt hat, daß Rauthammers Zuneigung, man mag es brehn unb roenben, wie man will, boch eine Art Liebe ist? Aber man kann ja auch biefes mißbrauchte Wort »er- meiben Daß in Rauthammer eine Kraft wirksam ist, gegen die ber Mensch sich im allgemeinen nicht zu wehren vermag. Daß es einen Blitz gibt . ber burchsährt ben Menschen, unb er muß nun rettungslos brennen Nein ... nein ... bas finbet sie nicht gut, das paßt ihr nicht. Aber bennoch: Wenn sie benn wirklich brennte? Davor furchtet sie sich boch nicht. Wenn sie etwa Rauthammer liebte unb Alfreb nicht f Wie einfad) wäre bas noch heute. Sie würde die Hochzeit abfagen unb zu Rauthammer gehe». Aber so ist es nicht. Sie liebt Alfreb ... unb dahinter lauert biefes Vergangene ... Das wirb sie sich nicht gefallen (affe» Das wirb sie herauslocken unb erlebigen. Fertig!
Sie steht mit einem Ruck aus betn Wasser auf. Sie braust schars unb falt Atmet heftig. Sie wirb bas erlebigen. Sie läuft in bas Zimmer bes Vaters hinüber. Der Professor ist aber schon in bic Klinik gesahren. Sie geht hinunter: Die Sdjeuerfrau ist am Werk, bie Köchin Rosa, Fräulein von Brettroitz. In ber Küche zählt ein Lohnbiener Silber »nb Lwtelstühle, bie von einer Verleihsirma gekommen sinb. Die Kochsrau spickt einen riesigen Braten, winzige Rartoffeln werben geschalt, fflemufe brobcln. Die Hochzeit ist im Rollen, man braucht nur einzusteigen. Barbara wirb emfleigen.


