„Sn der Kletststraße wohnen Sie? Da bin ich auch zu Hause. Gestatten Sie übrigens: Lander, Zahnarzt." „
„Ange—angenehm. Lohorn; ich bin Banner. ,
Ich qlaube, ich habe Ihr Namensschild schon im Vorbeigehen gelesen Wohnen Sie nicht Nummer 18 im Erdgeschoß?
,Falsch Nummer 22 im ersten Stock!"
„Sehen Sie, ungefähr stimmt es doch." ., : ,
®in eiliger Kellner bediente. Sie tranken sich zu. „Wenn ich setzt nach Hause komme, schläft alles", sagt Herr Lohorn. „Ich werde auch niemanden wecken Gestern abend habe ich veranlaßt, daß tue Sperrkette ajcht oorgelegt wurde So komme ich lautlos in die Wohnung.
.Store Frau wird selbstverständlich aufwachen."
Der Bankier schüttelte mit verschmitztem Gesicht den Kopf. „Das Schlafzimmer liegt nach hinten heraus. Gleich die erste Tür aber, die vom Korridor abgeht, führt in mein Arbeitszimmer. Dort werde ich auf dem Diwan kampieren Kein Mensch weiß, wann ich gekommen bin.
„Ich wünsche Ihnen, daß Sie nicht, wie ich Pechvogel, Ihre Schlussel vergessen haben und hier den Tag abwarten müssen/
Der Bankier schüttelte den Kopf. „Kann mir gar nicht — pardon — gar nicht passieren." Er suchte in seinen Taschen und fand das Schlüsselbund. „Da", sagte er und hielt es triumphierend hoch.
In diesem Augenblick stand am Nebentisch ein falscher Apache auf und wollte im engen Gang vorbei. Aber er verlor das Gleichgewicht und stolperte. Al? er die Arme in die Luft warf, schlug er dem Bankier die Schlüssel aus der Hand und stieß die Gläser vom Tisch.
Alfred Bisse und der Bankier standen auf. Bisse bückte sich, er suchte die Schlüssel unter dem Tisch. Lohorn wehrte den Betrunkenen ab. Aber der meinte man habe ihn absichtlich zum Stolpern gebracht und fing mit Lohorn einen Streit an. Mit Mühe gelang es, ihn zu beschwichtigen. Er verschwand scheltend im Waschraum.
Alfred Bisse gab dem Bankier die Schlüssel zurück. Lohorn steckte sie dankend ein. „Ich muh mir die Hände waschen", sagte Bisse, „ich habe da in den vergossenen Wein gegriffen. Sie warten wohl auf mich?"
„Natürlich. Wir gehen zusammen nach Hause, da wir in derselben Straße wohnen."
Alfred Bisse ging nicht in den Waschraum, sondern verließ durch eine Nebentür die „Blaue Laterne". An der Ecke traf er den Apachen, der hier vollkommen nüchtern ihn erwartete. „Gut gemacht, Emil", sagte er. „Ich habe die Schlüssel. Der dicke Bankier hat die von gestern aus der Amsel- ftrafje. Gehe wieder hinein und halte ihn noch eine kleine Viertelstunde auf. Ich erledige inzwischen den Besuch in seinem Herrenzimmer, das er mir so gut geschildert hat."
Die Kleiststraße war nicht weit Alfred Bisse fand das Haus und öffnete es mühelos. Er stieg kn den ersten Stock. Da stand wirklich LOHORN an der Tür. Geräuschlos schloß er auch hier auf. Der Korridor lag dunkel, aber Bisse vermochte sich zurechfzusinden. Die erste Tür nach vorne heraus sollte in das Arbeitszimmer führen. Da würde der Schreibtisch stehen, zu dem gewiß der kleine Schlüssel paßte, den er am Bund entdeckt hatte. Vorsichtig drückte er die Türe auf. Sie öffnete sich lautlos. Er trat ein und schloß sie sofort hinter sich. Schon erkannte er den eckigen Block eines Schreibtisches und wollte darauf zu — da flammte Licht auf und das ganze Zimmer war strahlend hell.
Drei Männer, die er unschwer als Kriminalbeamte erkannte, standen mit erhobenen Revolvern vor ihm, zwei vom Fenstervorhang noch halb bedeckt, einer aus dem Schatten des Bücherschrankes aufgetaucht. „Hände hoch! — Stehen bleiben!"
Er ließ sich festnehmen. — Die Beamten warteten. Worauf? Es dauerte nicht lange, dann tarn der kleine dicke Bankier Lohorn, der falsche Türke aus der „Blauen Laterne". Er rieb sich die Hände. „Wundervoll sind Sie uns diesmal auf den Leim gegangen, Alfred Bisse. Ich dachte mir gleich, daß der Einbruch in der Amselstraße Ihr Werk war. Ich kannte Ihr Stammlokal und da Sie mich nicht kannten, konnte ich selber die Hauptrolle spielen Ihren Komplizen, der meinen Wein umwarf, haben wir natürlich auch "
„Wer sind Sie?" knurrte Bisse. „Kriminalinspektor?"
„Ja", sagte der kleine Herr. „Sie sind bei mir eing«t>rochen. Allerdings heiße ich nicht Lohorn. Das Schild an der Tür haben wir nur für eine Nacht angebracht. Mein Name ist Türk." Und er nahm den roten Fez ab und lächelte, als bringe er eine kleine Pointe.
Hans Sachs, der Klassiker des Fastnachtsspiels.
Von Dr. Paul Junghans.
Ein Kupferstich, der in Hans Sachfens letztem Lebensjahr entstanden ist, zeigt uns einen alten knorrigen Mann, dessen Antlitz von langen weißen Haaren und dem aus den Pelz herabfallenden ehrwürdigen weißen Bart umrahmt ist. Nicht das Gesicht eines Gelehrten ist es, aber dennoch das eines Weifen, der mit wachen, beobachtenden Augen in die Welt schaut und viel von seinem inneren Licht über sie hin- faücn läßt. Zur ehrsamen Zunft der Schuhmacher gehört Hans Sachs, und er versteht sein Handwerk wohl; auch die philosophische Natur seiner Zunstgenossen hat er besessen, die, tief über die Schuhe ihrer Mitmenschen gebückt, oft seltsamen Gedanken nachspinnen. In ihrem alten, heute vergessenen Berusswahrzeichen, der mit Wasser gefüllten Glaskugel, die das Tageslicht hell auf den arbeitenden Händen sammelt, spiegelt sich die ganze Außenwelt: die Besitzer der Schuhe kehren ein und verweilen ein roentg bei dem Meister, um seinem Tagwerk zuzusehen, ihren Frohmut zu verschenken oder ihren Kummer zu klagen und den schrulligen Worten des ^chmters zu lauschen, in denen ein geheimes Lachen klingt: und die Schuhe selbst erzählen schließlich von den Schicksalen ihrer Herren und von langen Wegen über hartes Straßenpflaster und über staubige Landstraßen.
Eiwas von diesem Urbild des Schuhmachers, der wie jeder Handwerker ein besonderes Berufsgepräge hat, das durch Arbeit und Werk
geformt wurde, ist in dem Bildnis des 77jährigen Nürnberger Schuhmachers und Poeten zu entdecken. Aber auch das Besondere und Einmalige dieses Meisters seiner Zunft leuchtet in den festen sicheren Zügen seines Gesichtes. Er ist ein Bücherwurm und Vieleswisser, der am liebsten bei seinen alten Büchern fitzen blieb, tn denen Volkswitz und Weisheit in wunderliche Worte und rührend einfache Reime gefaßt find, zugleich ist er aber auch ein Betrachter der lebendigen Welt, die er mit den ausgezeichneten Geschichten vergleicht. Er verleiht ihnen dann, wenn sie bestehen können, in der Gegenwart neues Leben, da Lachen und Tränen ewig dauern. „Der so fröhlich die Töglichkeik sah, wußte, so war es immer gewesen: die Guten und Bosen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie Flamme und Rauch: wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben am liebsten geschäftig." Mit diesen Worten hat Wilhelm Schäfer in einer seiner Miniaturen die Lebensweisheit des Nürnberger Schuhmachers und Poeten beschrieben, aus der soviel fromme und lehrsarne Meinungen und derbfröhliche Schwänke hervorgingen. Sein Dichten war ihm niemals nur eine Nebenbeschäftigung, sondern etwas seinem Wesen und Beruf Zugehöriges, das sich nicht von ihm trennen lief). Der Siebenjährige war zur Lateinschule gegangen, um dort Grammatik und Musik zu lernen, und danach in die Schusterlehre gekommen. Die Wanderjahre führten den jungen Hans durch den ganzen deutschen Süden; während er so anderer Meister Kunst und Geschick in seinem Handwerk erlernte, übte er sich gleichzeitig in der Kunst des „Meiskersingens", um selber einmal eine „Schule" dieser Kunst für feine Zunftgenoffen zu halten. Als Meister der Ahle und Feder lebte er dann in der Stadt Dürers, aus derselben Erde erwachsen und von gleichem realistischen Gegenwartsbewußtsein und wundersamer EwigkeUs- bezogenheit.
Nur wer den frommen und lehrsamen, den kämpferischen und bekennenden Hans Sachs kennt, versteht auch den schelmischen Spötter und Tadler der menschlichen Schwächen und Tücken recht, nur wer verfolgt, wie Sachs feine Mitbürger belehren und erziehen will, erfaßt auch die Fülle und den tiefen Sinn feiner burlesken, derben Schwänke. Wohl ist er dort zumeist trocken und dürr für unsere Ohren, hier jedoch saftig und kräftig. Aber immer sind feine Spiele, die von einer lebendigen spielfreudigen Jugend in den letzten Jahrzehnten wieder aus den Studier- ftuben der Philologen auf die Bühne gestellt wurden — fei es das vom „Fahrenden Schüler im Paradeis" ober das vom „Kälberbrüten" ober eines ber vielen Dutzend anderen — in ein weltweises gütiges Lächeln getaucht. Alle die knappen Szenen, in denen das ganze Alltagsleben der deutschen Städte und Dörfer feiner Zeit wie aus einer farbenkräftigen Chronik wieder ersteht, strahlen eine bezwingende Fröhlichkeit aus, die nie in Bitterkeit mündet; der Kummer ber Getäuschten und Betrogenen und der Triumph ber durch List und Schläue Ueberlegenen klingen zuguterletzt stets in freundliche belehrsame Reime aus, die den Schwank zum Gleichnis machen, wie es heute noch die Kalendergeschichten tun. An alte Scherzworte und Schwänke anknüpfend, hat Hans Sachs feine Spiele aus dem Volk selbst geschöpft und sie für das Volk geschrieben, das sie in ursprünglicher Spielfreude am einzigen dafür erlaubten Tag, zu Fastnacht, barfteUte unb beifaUsfreubig aufnahm.
So finb die Fastnachtsspiele des Hans Sachs ein Keim geworden, aus dem unser weltliches Theater emporwuchs. Zu seiner Zeit war Theaterspiel geradezu der Darstellung dieser Fastnachtsschwänke aleichzn- setzen. „Das gesamte weltliche Drama des 15. Jahrhunderts darf in Deutschland als Fastnachtsspiel angesehen werden" (Scherer); neben dem frommen Mysterienspiel, aus dem die überwuchernden komischen Szenen ausgeschlossen wurden, erblühte in den Fastnachtsschwänken aus unverlierbarer Spiellaune des Volkes die profane Theaterkunft. Immer wieder haben größere Meister des Wortes als Hans Sachs aus seinen Fast- nachtsschwänken geschöpft und sich durch ihre übersprudelnde Luft am Spiel zum Theater hinleiten lassen. Goethe hat sich „in der Jacke von Hans Sachs", dessen „Narrenschneiden" er im Weimarer Liebhabertheater zur Ausführung brachte, eine Zeitlang sehr wohl gefühlt und seinen Dank an Meister Sachs mit ehrlichen freimütigen Worten abgeplattet: „Hans Sachs, der wirklich meisterliche Dichter lag uns am nächsten Ein wahres Talent, freilich nicht wie jene Ritter und Hofsänger, sondern ein schlichter Bürger, wie wir uns auch zu sein rühmen. Ein didaktischer Realist sagte uns zu, und wir benützten den leichten Rhythmus, den sich willig anbietenden Reim bei manchen Gelegenheiten. Es schien diese Art so beguem zur Poesie des Tages und deren bedurften wir jede Stunde!"
Das letzte Geheimnis dieser tiefgehenden Wirkung der kleinen Fastnachtsschwänke des Hans Sachs liegt in ihrer Sprache nicht minder als in ihren uralten Schwankgestalten. Es ist die Sprache des Volkes, in der es seine Reime und Lieder dichtet, ohne viel Kunst, aber voll Gemüt und Tiefe, voll Kraft und Klang. Das war sicherlich des Schuhmachers und Poeten größter Vorteil, den er durch fein Handwerk gewann; es ließ ihn mitten im Volk hören und sprechen, mit Vornehmen und Armen, mit Städtern und Bauern, mit Männern und Frauen, mit Soldaten und Kindern. Ihre herzhaften Morte drangen in ihn ein und strömten dann in seine lustigen Schwänke: er .vergalt, was er empfing, so wie er auch bekannte, wem er Dank schuldete. Sein Lobgedicht auf Nürnberg wird so zu einem Ruhmeswort für alle Lande, in denen die deutsche Sprache, Hans Sachsens lebendige und gemütvolle Dichtersprache, erklingt:
„Aus hoher Gunst ich mich verpflicht. Zu vollenden dieses Lobgedicht Zu Ehren meinem Vaterland, Das ich so hoch lobwürdig fand Als ein blühender Rosengart, Den Gott ihm selber hat bewahrt Durch seine Gnad bis auf die Zeit, Gott geb noch lang, mit Einigkeit, Auf das Lob grün, blüh und wachs. Das wünschet von Nürnberg Hans Sachs."
Verantwortlich: l^r. Hans Thyrivt. — Druck undDerlag:Drühl'sche Antversitäts»Duch» und Steindruckerei, A. Lange. Gießen.


