Ausgabe 
4.3.1935
 
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Der Schäfer putzte sich zum Tanz.

Von 3. SB. von Goethe.

Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz: Schmuck war er angezogen.

Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll.

Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

So ging der Fiedelbogen.

Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen.

Die frische Dirne kehrt sich um

Und sagte:Nun, das sind' ich dumm!

Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

Seid nicht so ungezogen!"

Doch hurttg in dem Kranze ging's, Sie tanzten rechts, sie tanzten links, Und alle Röcke flogen.

Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm. Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

Und Hüft' an Ellenbogen.

Und tu mir doch nicht so vertraut!

Wie mancher hat nicht seine Braut

Belogen und betrogen!

Er schmeichelte sie doch beifeit, Und von der Linde scholl es weit: Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

Geschre und Fiedelbogen.

Mensch in Maske und Verkleidung.

Von Dr. Johannes Günther.

Die Zeit des Faschings ist da. Die Menschenmaskieren" sich: sie stecken sich in fremde, feltsame Kleider, tun sich Masken vors Gesicht oder bedecken die Augenpartie mit Larven, und so drängen sie hinaus auf Straßen und Plätze, tummeln sich in Sälen und Gaststätten. Aber es mag doch hie und da jemand fragen, wie denn der ruhige Alltags- menfch, der ehrsame Bürger, der etwas aus sich hält, der vielbeschästigte Sorgenreiche wie es ihm denn zuzutrauen sei, daß er an diesem Mummenschanz teilnehme!

Die erste Antwort liegt schm in der Frage selbst, liegt schon in den Ausdrückender Bürger, der etwas auf sich hält", dervielbeschäftigte Sorgenreiche" usw. Das sind Ausdrücke, die von einem Zwange zeugen Der zivilisierte Mensch ist eingefpannt in die Konvention. Die Konven­tion hat gewiß ihre Berechttgung: als notwendige Rücksicht des einen auf den andern oder auf die anderen. Aber der Mensch ist eben nicht bloß bewußt und rücksichtsvoll, er ist auch ein gut Teil Geschöps und Kreatur. Und diese Bestandteile seines Seins verlangen auch einmal Befriedigung. Wenigstens einmal! Sie sind da und möchten einmal zu ihrem Recht kommen: zur Rücksichtslosigkeit, zur Ausgelassenheit. Aber um rücksichtslos und ausgelassen sein zu können, dafür meint der Mensch sich unkenntlich machen zu müssen. Rur wenn er ein Mittel hat, feine Persönlichkeit, sein Aussehen verbergen zu können, nur bann wagt er es, einmal die Schranken der Bürgerlichkeit zu durchbrechen und sich los­zulassen. Die Mittel sind Kostüm und Gesichtsmaske. Das ist psychologisch interessant. Das ist ein Stückchen Vogel-Strauß-Politik. Wenn der Mensch sein Gesicht verdeckt, wenn er seine Augen verdeckt, bann meint er wohl, sich nicht schämen zu müssen umgekehrt: wenn er sich schämt, bann schlägt er bie Augen nieber ober bebetft bas Gesicht, roenbet bas Gesicht weg usw. Die Maskenfreiheit hat viele verschieben^ Grabe. Der eine wirb bas Ventil nur ein wenig öffnen bas genügt ihm schon Der anbere kennt bann keine Binbungen mehr, er wirst alle Fesseln von sich. Dazwischen liegen viele, viele Stufen. In bie Lust, sich in ber Maskierung gehen zu lasten, spielt nun noch bie Freude am Jrreführen und am Rätseln hinein. Wir haben Spaß daran, uns unerkannt an einen Menschen heranzumachen und zu beobachten, wie er auf uns reagiert. Umgekehrt raten wir, selbst maskiert, wieder an anderen Mas­ken herum: wer wohl bahinkerstecken mag! Dieses Spiel, das sich beson­ders im Erotischen auswirkt, wird bann in ber Stunbe berDemaskie­rung" aufgelöst. Diese Reize entgehen benjenigen, bie einem Maskenfeste ein Kostümfest vorziehen: sie sinb nur kostümiert, ihr Gesicht ist unver- beckt. Nun, in ben großen Stabten kennt ja ohnehin meistens ber eine den anderen nicht, da mag man auch ohne Gesichtsmaske, auch ohne Larve, das Gefühl haben,unterzutauchen" undnicht erkannt" zu wer­den. Vielleicht hat aber überhaupt der moderne Mensch bie Hemmung überrounben, bie noch bie Menschen vor zwanzig, breißtg Jahren hatten. Er wagt es, sich loszulasten auch ohne daß er schamvoll bas Gesicht bebetft.

Der zweite Grunb unseres Vergnügens an Maske unb Kostüm ist ber Darstellungstrieb. Es gehört Mut unb Überlegenheit bazu, sich selbst wesentlich barzustellen. Das hieße also in biefem Zusammenhang: sich selbst zu karikieren. Die meisten Menschen werben etwas barzustellen versuchen, was sie selbst im allgemeinen Leben nicht sinb, was sie aber vielleicht fein möchten, wozu sie also eine Sehnsucht brängt unb wozu sie keimhafte Ansätze in sich oder an sich tragen. Freilich gehört nun auch dazu wieder eine Ueberlegenheit, ein Abstand von sich selbst, um diese Sehnsüchte zu ironisieren. Nun stellen aber bie Menschen nicht nur

eigene Eigenschaften bar, sondern manchmal auch das, was sie an ihrer Umgebung zum Spotte reizt. Wenn es sich um große Maskenfeste handelt, dann ist das ein rein mimisches Vergnügen. Bei kleinen Festen im Be­kanntenkreise ist es ein Mittel, diesem und jenem etwas am Zeuge zu flicken natürlich wiederum im Schutz der Maske denn m unserer gewöhnlichen Erscheinung am Alltag Hütten wir nicht den Mut dazu. Aus solchen Scherzen können kleine Szenen entstehen, wenn der Zufall sein übriges tut und wenn die Beteiligten gelöst und schlagfertig genug sind. Wir gehen nicht fehl, wenn wir im Karneval einen der Ursprünge Des Theaters sehen. DieCommedia dell arte" mit Gozzi und G 0 1 - d o n i in Italien, bieFastnachtsspiele" aus ben Kreisen eines Rosen- plüt, Hans Volz unb Hans Sachs in Deutschlanb beweisen bas. Die Darstellungsfreube, bie zur Maskierung brängt, finbet ihre Kultur in ber Auswahl ber Masken unb Kostüme, in ber persönlichen Note unb geschmackvollen Aufmachung eines Kostüms, in ber eigenartigen unb bildhauerisch wertvollen Modellierung einer Gesichtsmaske und im Steg­reifspiel der Maskenträger (unter sich und zum Vergnügen des zufälli­gen Publikums). Und endlich m dem Gesamtcharakter, der von den Ver­anstaltern einem ganzen Masken- und Kostümfest gegeben werden kann: indem es unter ein Motto gestellt wird, unter ein bestimmtes Thema, so daß bann alle Masken unb Kostüme in ihrer Gesamterscheinung ein harmonisches Bild darstellen.

Und eine dritte Antwort auf die Frage nach dem Grunde unseres Vergnügens an ber Maskierung Wir stehen noch im Zusammenhang mit ben Kultformen ber Vorzeit Der Mensch bes Ursprungs glaubt an Dämonen, bie ihm Segen ober Verberben bringen. Er denkt sich diese Dämonen in bestimmten Gestalten. Und um diese wichtigen Dämonen an sich heranzuziehen unb günstig zu stimmen ober von sich sernzuhalten unb abzustoßen, steckt er sich in eine Maske, in eine Verkleibung, bie ber Erscheinung bes Dämons ähnlich (ein soll Auf bicfe Weise, gleich­sam als Seinesgleichen, glaubt er ihn anzulocken ober wirksam zurück- zustoßen. Solche zauberische Dämonbegegnungen treibt ber Mensch bes Ursprungs auf Höhepunkten bes Lebens unb zu wichtigen Zeiten bes Jahres Sie hat sich aus ber Vorzeit her erhalten in gegenwärtigen Volksbräuchen, bei Hochzeiten unb Erntefesten unb, wenn man bie Ueberroinbung bes Winters burch ben Frühling feierlich begeht gerabe bies ist ja auch bie Zeit, in bie ber Fasching fällt. Die kultischen Zu­sammenhänge werben bem klar, ber sich ber unausweichlichen Dämonie ber Maske hingibt, besonbers ber mobetfierten geschnitzten Gesichts­masken wie sie von Volkskünstlern im Volke selbst zu ben heiligen Bräuchen hergestellt werben. Mir haben neuerbings burch Hermann Reichs Forschungen auf bem Gebiete bes Mimus, burch Bi11ingers Theaterstücke burch Mary W i g m a n s , Herta Feists unb Wy M a - gitos Tänze, burch Louis Trenkers Film vomVerlorenen Sohn" lebhaftes Verständnis für die zwingende Kraft der Masken Wir haben auch ein eindringlich lehrreiches Bilderbuch: von Ilse Schneider- L e n g y e I über die Gesichtsmasken aller Völker. Und wenn wir uns auch der Freude des Karnevals hingeben, so wollen wir doch nicht ganz die kindliche Furcht einbühen. die uns beim Anblick einer Maske ergreift, besonders einer gewaltig burchgesührten Gesichtsmaske! Eigentlich macht ja erst ber Maskenträger bie Maske Die Starrheit wirb in ber Be­wegung erst recht bämonisch. Daher auch bie tiefste Wirkung ber Maske im Maskentanz! Da faßt uns wahrhaftig bas Ewige an.

Der Türke aus derBlauen Laterne"

Auch eine Faschingsgefchichte von Frank F. Braun.

DieBlaue Laterne" öffnete ihre Pforten nachts um 4 Uhr, gerabe zu ber Zeit, wenn bie Ball-Lokale schließen mußten Kurz nach vier Uhr war bas Lokal baher ber Treffpunkt aller Nachtschwärmer, bie noch nicht nach Hause finben konnten. In biesen Wochen bes Faschings unb der Bälle erlebte es eine Hochsaison.

Alfreb Bisse saß hinter der Zeitung an einem Ecktisch und rauchte. Sein Grog war kalt geworden; er hatte bas Getränk vergessen Dieser Zeitungsbericht verlangte seine ganze Aufmerksamkeit

Frecher Einbruch. Gestern in ben frühen Morgenstunben würbe in ber Amfelstraße ein kühner Einbruch verübt. Einbrecher statteten ber Wohnung bes Stabtrats K einen Besuch ab unb ließen Bargelb sowie Schmuckstücke im Werte von mehreren taufenb Mark mitgehen ©tabtrat K., ber sich auf einem Wohltätigkeitsfest befanb, muß seine Schlüsse! verloren haben, beim Türen unb Behälter waren in ber Wohnung ohne jebe Beschäbigung geöffnet worben Für bie Ergreifung ber Täter unb Herbeifchaffung bes Raubes ist eine gute Belohnung ausgesetzt Sachbien- liche Mitteilungen an bie Kriminalinspektion A. IV erbeten ober an die nächste Polizeistation

Alfred Bisse ließ das Blatt sinken. Er lächelte schwach Dann legte er bie Zeitung ganz beiseite Cs kam gerabe ein neuer Schwarm Be­sucher herein

Der kleine bickliche Herr mit ber Golbbrille blieb an ber Tür stehen. Höflich nahm er seinen roten mit einer Quaste verzierten Türkenfez vom Kopf. Jrgenb jemanb lachte. Da fetzte er ihn roieber auf. Ratlos blickte er sich um. Alles besetzt. Nur an Alfreb Bisses Tisch schien noch Platz. Entschlossen gab sich ber falsche Türke baher einen Stoß unb steuerte heran. Man erkannte, er war nicht mehr ganz nüchtern; aber er er­reichte sein Ziel noch glatt.Wenn Sie nichts dagegen haben .

Gewiß nicht", antwortete Bisse freundlich.

Nämlich, die Amorsäle haben eben geschlossen."

Gespräche beginnen zuweilen auf absonderliche Weise. Alfred Bisse fand sich zurecht.Sie waren dort? War es schon?"

Ganz hup großartig. Sonst wäre ich auch eher weggegangen Nämlich, meine Frau ist nicht mit. Sie hat sich erkältet Es ist nicht die Grippe. Nur ein Schnupfen. Aber Frauen sind so eitel Mit einer roten Nase wollte sie mich nicht begleiten Da bin ich ohne sie gegangen."

Ihre Gattin wird Sie jetzt nicht gerade herzlich empfangen1"

Ich wohne nicht weit", erklärte ber Türke,in ber Kleiststraße; ich gehe auch halb."