Ausgabe 
4.3.1935
 
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sagen, eb er nicht ein einzigesmal an sie gedacht habe Die Welt schwankte um ihn Ein festes Nein lag ihm aus der Zunge Aber er sprach es nicht aus. Und da rief sie jubelnd:Nein, du brauchst es mir auch nicht zu sagen. Schweig nur still!"

Sie legte ihren Kopf an seine Brust, und wenn Bertold, dem sein Schweigen eine schwere Lüge dünkte, nun auch dastand wie aus dem Dach der Hölle, er kannte in diesem Augenblicke weder vorwärts noch zurück. Er streichelte das Haupt des armen Fremdlings und dachte in Die Ferne, an Birge, Sie gingen dann wortlos. Arm in Arm, weiter, bis es Mitternacht schlug, Bertold war verwirrt und ergriffen von der ersten heimlichen Sünde,

Sie trafen sich am nächsten Mittag nach dem Essen zu einem kurzen Spaziergang in den nahen Wald, Und dort küßten sie sich scheu und flüchtig in der sonnigen Kälte,

Beide hatten das Tier nicht gesehen, das ihnen schlau und behend gefolgt war Hott hatte, seit Anna in der Stadt war, nichts getan, als sie und ihn 'zu beobachten. Mit der Klugheit des geborenen Zwischen­trägers hatte er Anna, nachdem er sie unter dem Vorwand, Bertold liebe sie heimlich, in die romantische Stadt gelockt hatte, immer wieder von ihm erzählt und in dem schnell verliebten und neugierigen Mädchen all­mählich eine Flamme entsacht, von der Bertold nichts wußte. Er war ihnen auch unbemerkt aus dem buschreichen Pfad nachgeschlichen, als sie in den Wald gingen,

Kaum hatte Bertold dem glühenden Mädchen den verhängnisvollen Kuß gegeben, da riß er sich blaß und jäh bewußt von ihr los. Sie sah seinen Schrecken nicht, sondern schaute ihn voll Liebe an,

Birge war wie vom Donner gerührt, als ihr der Vater einige Tage später ein schlechtes Lichtbild unter die Augen hielt. Sie erkannte Ber­told sofort und verglich im ersten Augenblick seine Gestalt mit ihren Er­innerungen an ihn. Sie wollte das Mädchen nicht sehen, das er am Waldrande im Arm hielt. Sie kannte sie auch nicht und gab das Bild mit einem" verlegenen Achselzucken dem Bater zurück. Der aber fragte sie, ob sie die schöne Anna, die neue Braut Bertolds, nicht wiedererkenne. Es lag gar kein Spott in dieser Frage, das Lächeln auf den faltigen Zügen des Vaters entsprang vielmehr der Freude über einen gelungenen Streich, bei dem sich der Alte auch beteiligt fühlte. Er war überzeugt, daß Hott die Sache fein gemacht habe, und erwartete in seinem- ver­härteten Herzen, auch Birge werde in fein gesundes Lachen ausbrechen.

Mrge aber taumelte gegen den Ofen. Sie war blaß wie der Tod, und hätte sie der Vater nicht aufgefangen, dann wäre sie vor dem Gehäuse der alten Standuhr zusammengebrochen. Er trug das Mädchen aus fein dunkles Bett in der Kammer und eilte in die Küche, um trifc Kanne aus dem eiskalten Brunnen zu holen.

Als er zurückkehrte, faß Birge am Bettrand. Sie blickte starr auf das andere Bett, das leer in der Kammer stand. Dort war ihre Mutter ge­storben, und niemand hatte sich seither in die Linnen gelegt. Sie blickte lange in die gespenstische Stille, ihr. Herz stockte, ihr Atem ging stoßweise wie ein heftig getretenes Spinnrad, und ihre Brust war in das Dunkel der winterlichen Kammer oorgebeugt. Ihr Vater stand mit der Wasfer- kanne vor ihr, regungslos wie eine Amme, der die Frau stirbt.

Auf einmal stand sie auf. Frost jagte über ihre Schultern, und ihre Zähne klapperten laut. Dann schrie sie:Das ist nicht wahr, das kommt von Hott, so wahr Gott lebt. Er soll ihn strafen für die Lüge."

Sie stürzte an das kleine Fenster und wollte es öffnen. Aber es war vereist. Sie trat einen Schritt gegen das Bett ihrer Mutter, um ja nicht am Vater vorbeizumüssen, aber es war ihr unmöglich, in den Bannkreis einzudringen, den die Tote zog. Sie fuhr zurück, als sie die roten Pfosten der Bettstatt sah, und prallte gegen den Vater, daß die Brunnenkanne übersprang. Und plötzlich war sie aus der Stube hinaus, während Friedrich ratlos stehen blieb. Sie taumelte an der hell lodernden Küche vorbei und lief wie von selber in den Stall.

Die Kühe standen dort in langen Reihen zu beiden Seiten des Ganges. Eine Laterne, die vom atemfeuchten Balken herabhing, verbreitete gelbes Licht über Stroh und Tierfelle. Birge wußte nicht, wie es kam, aber auf einmal stand sie neben der Kuh, die vor mehr als zwei Jahren in der Herbstnacht mit Bertold auf den Hof gekommen war. Als Birge die Wärme des mütterlichen Tieres an ihren Wangen spürte, da kamen ihr die Tränen herauf, und sie schluchzte herzzerbrechend.

Als Friedrich, der langsam und spürend auf den Flur gegangen war, ffe so meinen hörte, sagte er sich, Birge sei nun über das Schlimmste hinaus, sie werde nun nicht mehr gegen ihr Leben angehen, das in den Tränen Uebermacht über sie gewonnen habe, und er ging in die Stube Zurück, um den Bries Hotts noch einmal zu überlesen. Dieser Brief, in der Eile hingeschrieben, teilte die nackte Tatsache mit, daß nach dem Augenschein Bertold und Anna sich demnächst verloben würden. Das Bild, das die beiden zeige, lasse wohl keinen Zweifel mehr. Er hoffe, noch vor seiner tierärztlichen Prüfung einmal auf dem Berghofe vorzusprechen, um Friedrich allerlei zu erzählen und sich gleichzeiUg in der Stadt nach einer Wohnung umzusehen, die er als künftiger Tierarzt beziehen werde. Er bitte ergebenft um gute Aufnahme und, wenn es erlaubt sei, einen schönen Gruß an Birge.

, 3m Sopf des Alten gingen, als er gelesen und verstanden hatte, selt- ame Gedanken um, Ungetüme, böse Gedanken, die sich auch vom leisen Weinen Birges nicht einwiegen ließen. Er haßte seinen stolzen Nachbarn toDlich Wie, wenn er ihm jetzt einen Streich spielen könnte, gerade jetzt, da jener durch eine leichte Krankheit geschwächt war? Wenn er jetzt vor fernen Todfeind treten und ihm die Verlobung (einer Tochter Birge mit Hott anzeigen mürbe? Vielleicht mürbe Matthies lachen, aber dies Sachen mürbe ihm ben Nest seiner Gesunbheit kosten. Und der stolze Hans, der mT0,5 an d'c -Lust befördert, mürbe vor Zorn die Dielen mit ben o a0Cl®enrrc?cno®5 6°b nichts Schöneres für Friebrich in diesem Augenblick, als ben Zorn der Ohnmacht anzuschauen.

Als Friedrich in den Stall ging, um nach Birge zu sehen, war das Mädchen verschwunden. Er hörte ihre Schritte oben in der Kammer gehen. Sie deckte bas Bett auf. Auch Friedrich ging schlafen. Ehe er aber in die hohe Bettstatt stieg, rührte er mit dem Knöchel an die Trommel, die an der Wand hing. Er probte einen Wirbel, und die Trommel grollte dumpf durch das stille Haus.

Alte Leute wissen, wie schnell ein Gerücht über Täler und Berge springt. Als der Briefträger einmal den Brief Hotts heimlich gelesen hatte, verständigte er schon am nächsten Tage gegen ein gutes Frühstück die Familie Annas. Diese, zunächst betreten, weil niemand wußte, was Bertold eigentlich studiere, und ob er auch einen allgemein anerkannten Beruf wählen werde, dann aber beruhigt, weil Anna so auf jeden Fall für immer aus der Heimat verschwinden würde, beeilte sich, die Neuigkeit weiter zu tragen, wobei Bertold zum Doktor und künftigen Professor befördert, Anna aber mit allen Mitteln reingewaschen und seelisch wieder geadelt wurde. Das Gerücht lief weiter und wurde immer glänzender.

So war bald das ganze Tal und die Berge noch hinter den Tälern von diesem undurchdringlichen Gerede überspannen, dessen Ursprung nie­mand kannte, dessen Fäden aber jeder mit unerhörter Lebhaftigkeit seinen Nachbarn weitergab, nicht ohne sie vorher mit dem eigenen Speichel gehörig befeuchtet zu haben. Und leis« wurde auch Birge eingesponnen. Bertold haßte sie nicht. Er war hinter eine Tür gegangen und stand nun in einem fremden Raum, zu dem sie keinen Zutritt mehr hatte. Auch auf Anna konnte sie nicht böse fein; sie war jetzt eine Städterin, mit der sie nicht mehr wettlaufen wollte. Beide mochten tun, was sie wollten, es kümmerte sie nicht mehr. So sagte sie sich in Stunden stummer Ver­schlossenheit, wenn sie stark war. Ader das war nicht oft. Viel häufiger meinte sie einfach vor sich hin, am Tag in irgendeinem Winkel, wenn sie sich allein wußte, und besonders nachts in ihrer Kammer, wenn die Ge­schwister nebenan schliefen. Daß sie Bertold schreiben und von ihm eine Erklärung fordern könnte, fiel ihr gar nicht ein. Empfindliche und stolze Seelen fragen nicht, wenn sie gekränkt werden. Ja, wenn jetzt auch Bertold vor ihr gestanden wäre und hätte sie um Verzeihung gebeten, sie hätte sich von ihm abgewandt. Sie war so weit, daß sie ihn auch verschmäht hätte, wenn das alles, was fetzt über ihn gesprochen wurde, nicht wahr gewesen wäre. Sie witterte in der bloßen Tatsache, daß sich ein solches Gerücht überhaupt um ihn hatte spinnen können, etwas Unreines, Ungeschicktes, das Bertold zur Last fiel. Sie hatte ihn groß und leuchtend im Gedächtnis getragen, daß sie ihn lieber völlig begrub, als ihn noch ein einzigesmal, geschändet von einer Fahrlässigkeit, die nur sie voll empfand, zu sehen. Aber es war ein langer und bitterer Weg, ehe sie sich von ihm losgerungen hatte.

Es wurde Ostern, ehe Bertold von der ganzen Lüge erfuhr. Weder seine noch Annas Angehörige hatten ihm das leiseste Wort geschrieben. Da stand er eines Tages im Universitätshof.

Plötzlich war Hott vor ihm. Bertold schaute den gelben Gesellen ver­wundert an. Hott näherte sich ihm mit einem in den Mundwinkeln ge­frorenen Lächeln und sprach:Schon lange nicht mehr gesehen; gratu­liere zur Verlobung!"

Bertold nahm die verquollene, porige Hand nicht an. Er schaute dem Gratulanten fest ins Gesicht. Was ging jenen Birge an? Hott aber fuhr fort:Man hat mir geschrieben, Annas Verwandte schaffen schon tüchtig an der Aussteuer. Birge soll ein paar Wochen geheult haben; sie hat sich aber inzwischen beruhigt."

Jetzt stutzte Bertold. Hinter diesen Reden mußte ein böser Sinn lau­ern. Aber er konnte nicht fragen, er verachtete Hott zu sehr.

So fuhr er gespannt und erregt in die Osterferien. Er hatte nicht einmal ausgiebig Abschied von seinen Freunden genommen. Je näher er der Heimat tarn, desto unruhiger wurde er. Von allen Kuppen floß ihm das Bild Birges entgegen. Einige Haltestellen vor feinem Dorf stiegen Be­kannte ein, Angestellte des nahen Bergwerks, die jeden Abend mit der Bahn nach Hause fuhren. Sie taten fremd und verlegen.

Auch der Vater war merkwürdig fremd. Cs schnürte Bertold das Herz zusammen, als er den gealterten Mann mit dem grauen Bart hinter der Lampe sitzen sah, mißtrauisch und jede Rechtferxigung durch Stummheit ab­wehrend. Er schüttelte den Kops, als Bertold das Gerede als eine Lüge bezeichnete, und fuhr erst gegen Mitternacht mit der Wahrheit auf, Birges Vater habe sogar ein Verlobungsbild von den beiden, auf dem sie sich während eines Kusses hätten abbilden lassen.

Bertolds Zorn war unermeßlich. Warum hatte ihm kein Mensch von diesen Dingen geschrieben? Auch Birge nicht? Er warf ihr in dieser Nacht furchtbare Herzenshärte vor und tat ihr in jähen Gedanken jedes Un­recht. Ja, sie hatte dem Gerede der Leute, den Einflüsterungen irgend­eines gleichgültigen Menschen mehr geglaubt als feinem Wort. Sein gekränkter Stolz kannte keine Grenzen. Er schwor sich, Birge nie mehr ZU sehen.

Am nächsten Morgen fuhr er, ohne Abschied zu nehmen, wie ein Wirtshausgast, dem Berghof zu. Er hatte sich plötzlich entfchlossen, vor Birge zu treten. Nur wenige Worte wollte er mit ihr wechseln, aber sie sollte erfahren, daß sie ganz allein schuld daran sei, wenn er sie jetzt für immer aus feinem Herzen stoße. So panzerte er sich immer dicker und stachliger in seinen Zorn, als er den gefrorenen Berg hinausstieg.

Als er die beiden Häuser vor sich sah, dämpfte er unmerklich den Schritt, als wolle er Birge überraschen. Aber sein Plan nahm ein völlig anderes Ende, als er gedacht hatte.

Er sah auf einer braunen Eislache mitten in der Straße einen Mann stehen, der ihn unbeweglich anftarrte und den er bis auf wenige Schritte vor lauter Gedanken nicht gesehen hatte. Cs war der Pate; Bertold blieb vor ihm stehen.

I (Fortsetzung folgt.)