Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer (8
Montag, den Marz
Zchrgang 1935
Copyright 19 L 8 b y
(Fortsetzung.)
sorgsam in die
ihm die Wut,
quellen.
Siebentes Kapitel.
Wirrnisse.
Bertold war in seiner Kammer lange im Vollmond wach gelegen unt> hatte an Birge gedacht. Aber ihr Bild wurde immer wieder verbringt von der rätselhaften Gegenwart Annas. Sie war ihm in den
Süden ging.
Da stand der Dom vor ihm. Er erschrak und schloß die Augen. Dann irertete er sich ins Innere des Domes, indes seine Seele übermächtig HL (ItC.
Er setzte sich in eine Bank, bis er ruhiger wurde. Dann blickte er auf.
Zwei Fremde, die er bisher nur wie in einem Schleier durch den R-um hatte gehen sehen, fesselten ihn nun. Der Blonde hatte sich in liie Bank gesetzt und barg feinen Kopf in den Händen, während der Dnifle die Schulter des Freundes umschlang und ruhig mit dem Auge bi, Halle durchmaß. Der Sitzende stand endlich auf und ging mit dem Dunklen Hand in Hand hinaus.
Es war Bertold, als bliebe fein Herz plötzlich stehen. Der Blonde war Dito, sein Freund vom Gymnasium her, Otto, der Dichter, den er sich in mancher trüben Stunde heiß herbeigewünscht hatte.
Nun war er da. , ■
Er folgte den beiden. Sie standen auf dem Domplatz. Der Dunkle deutete den Dom ab. Otto folgte seiner Hand. Bertold stellte sich in die Rihe. Der Dunkle sagte:
„Wer hebt aber wieder das Bild des Meisters aus dem Grabe? Es jdeint versunken und niemand gewaltig genug, es zu heben."
Der Dunkle schwieg. Otto wandte sich langsam um und sah Bertold w sich stehen. Sie flogen sich in die Arme und sprachen lern Wort. Denn nahm Otto Bertolds Hand und führte chn vor den Dunklen.
„Das ist mein Freund", sprach er und legte beider Hände ineinander. Bertold griff herzhaft zu und fühlte im ersten Augenblick, daß sie sich gewogen seien. Erich, der anfänglich erstaunt war, wandte sich plötzlich ab und ging einige Schritte seitwärts. e
„Laß ihn", sprach Otto, „er muß es erst fassen, daß wir auch zusammengehören. Er ist es aber wert, daß du um ihn kämpfst."
Sie gingen nun zu Erich, nahmen ihn Arm in Arm in die Mitte und wallten durch die Stadt, bis sie sich gefunden hatten. Sie sahen sich v»n nun an jeden Tag und hatten bald kein Geheimnis mehr voreinander.
In jenen Frühlingstagen erhielt Bertold einen Brief von Anna. Sie teilte ihm in ungelenken Buchstaben mit, er möge sie doch einmal besuchen, sie habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Tag und Stunde waren angegeben, und so stieg Bertold in der Abenddämmerung die vier Treppen eines alten Hauses hinauf, in dessen Dachkammer Anna, wenn sie vom Dienst heimkam, schlief.
Er fand sie in der Ecke unter dem schrägen Dache sitzen. Die Lampe brannte und es rührte Bertold, zu sehen, wie Anna sich Mühe gab, in einem Buche zu lesen, das sie auch nicht aus der Hand legte, als Bertold schon im Zimmer stand. Sie. sah ihn erstaunt an, als er sich bemerkbar machte, sprach ihr „Ach so!" und lud ihn erst dann zum Sitzen ein, während sie das Buch aufgeschlagen neben sich legte. Dann fing sie rasch und etwas hastig zu erzählen an; sie sprach in der Eile von allen fernen und nahen Dingen, kochte dann Tee und bewirtete ihn. Ihre Hände zitterten, als sie die goldgeränderte Tasse vor ihn stellte.
Als sie nichts mehr wußte, bat sie ihn, zu erzählen. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, war eiegentümlich genug. Er war gemischt aus Scham und Zärtlichkeit. Beides hätte Bertold lieber vermißt. Er erzählte aber tapfer, was ihm wähnenswert schien. Und plötzlich war er in der Heimat, bei Birge. Als er ihren Namen zum erstenmal aussprach, glühte leise Röte auf Annas Wangen. Aber sie ermunterte ihn selbst, weiter zu sprechen, als er stutzte; sie stellte ihm hundert Fragen und Bertold gab unbefangen Antwort. Er merkte nicht, wie sich Anna immer tiefer in ihr Unglück hineinredete, und pries Birge nach Herzenslust.
Plötzlich sah er Anna hochatmend und blaß dasitzen. Sie verstummte. Bertold betrachtete sie forschend. Als sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte, fuhr sie auf, erschrocken. Sie zitterte und sah an Bertold vorbei. Graue Schatten liefen über ihr Gesicht. Sie griff nach dem Herzen und stöhnte leife. Es war ihr nicht mehr möglich, zu sprechen.
„Mir ist nicht gut", sprach sie endlich.
Wollen wir nicht ein Stück an die Luft gehen", fragte Bertold. Sie holte eilig ihren Mantel und stieg mit ihm die Treppen hinab. Bald waren sie aus der Stadt am Flusse. Bertold nahm Annas Arm, ihre warme Hand preßte unwillkürlich immer wieder die seine, wahrend ihr Gesicht regungslos zur Erde gewandt war.
„Es ist doch schön", sagte Bertold, „wenn man jemand aus der Heimat bei sich hat."
„Den man noch nicht vergessen hat, antwortete Anna etwas unbe- ^o^^Nun" lachte Bertold, „das habe ich wirklich noch nicht vergessen, Anna, wie wir beim Paten Garben geworfen haben."
Das hast du nicht vergessen", antwortete Anna. „Aber mich hast du doch sicher in der Zeit vergessen! Oder hast du einmal an mich ge- ba^8ertolb besann sich. Er wollte ehrlich sein. Nein, er hatte kaum mehr an Anna gedacht, mit keinem Liebesgedanken, seit dem schlimmen Heimweg am Dreschabend. Durfte er ihr das sagen? Er ließ lange aus eine Antwort warten, während der Mond durch die bläulichen Aeste schien. Warum hatte er eigentlich so wenig an sie gedacht? Sie war doch schon und hatte ihn nie gekränkt. War es der heimliche Makel, daß sie Hott geliebt hatte? Und plötzlich fragte er sie, wann sie Hott zum letzten Male gesehen habe Das war hart und sicher ein Vorwurf. Aber Anna schien das gar nicht zu fühlen. Sie sprach lachend: „Das weißt du doch ganz qut daß ich mit Hott nichts mehr habe. Ich habe ihn übrigens nie gemocht und bin froh, daß ich das jetzt alles hinter m*r habe, du!"
Und plötzlich stand sie vor ihm und verstellte ihm den Weg. Sie schaute ihn mit halb geschlossenen Augen an und bat ihn, er möge ihr
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letten Tagen in der Stadt auffallend oft begegnet, war aber immer feiiem Blick ausgewichen. Sie sah sehr blaß aus und trug sicher einen Stimmer, vielleicht wegen Hott, um dessentwillen sie, wie Bertold ver- niitete, in die Stadt gekommen war. Er hatte die beiden im Anfang auch ofrr zusammen gesehen, an lauen. Abenden unten am Fluß. Vielleicht hssten sie einen schweren Streit gehabt, und nun suchte die halb Ver- fti'jene Zuflucht bei ihm. Aber wie konnte er ihr helfen?
Träume verschlangen seine Gedanken.
Endlich, gegen Morgen, läutete eine große, schwere Glocke. Bertold hechte, bis sie ausgeklungen hatte. Der tauende Schnee troff von den Aichern und die Sonne strahlte herein.
„Frühling!" rief er, sprang aus dem Bett und wusch sich kalt ab.
Als er aus die Straße trat und die vielen luftigen Menschen sah, io;u den rosenroten Rauch aus den Dächern, zweifelte er nicht mehr: 15 wurde Frühling.
Und plötzlich fliegen vom Stadthügel die durchbrochenen Dolden le- Domtürme vor ihm auf. Er glaubte, sie noch nie recht gesehen zu joen, so herrlich standen sie jetzt im frühen Licht.
Aus den Büschen, die aus den großen Plätzen standen, dämmerte ftfpn ein goldener Schein, ohne daß Knospen oder Blätter sichtbar waren, feine ganze Lust drang in jenes Bergtor, durch das der Weg nach
Die Hochzettskuh
Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner
Birge aber gab ihm die Hand und führte ihn hinein, sorgsam m die Sfobe. Der Vater fühlte, als er mit ihr unter die Lampe trat, wie schon sie war. Er schämte sich vor ihr, schließlich aber siegte in ihm die Wut, bat. seine Birge vom Nachbarn für immer verschmäht war. Er zog sich eilig aus und kroch ins Bett.
Hätte Birge glücklich sein sollen, daß Hans als Brautwerber nun sicher nicht mehr über den Hof kommen werde? Daß der Weg zu Bertold Ur rein und frei war, wenn auch der Vater noch ehrenhalber einen Wverstand bei kleinem Feuer anblafen werde? Nein, Birge war durch- air nicht glücklich. Sie sah ihren Vater verkommen und immer finsterer ttirben. Durch ihre Träume zogen wie Ahnung eines großen Unglücks in. diesen Nächten Totenfratzen mit länglichen Gesichtern und rauchigen Lebern. Sie drängten sich an sie heran und suchten sie zu verschlingen.
Das dauerte so lange, bis im Frühling die Blumen aus der Erde


