Ballade.
von ErnstMoritzArndt.
Und b* Sonne machte den weiten Ritt
Um die Welt;
Und die Sternlein sprachen: wir reisen mit
Um die Welt;
Und die Sonne, sie schalt sie: ihr bleibt zu Haus!
Denn ich brenn euch die goldenen Aeuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt.
Und die Sternlein gingeni zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Laß uns wandeln mit dir! denn dein milder Schein Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein.
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.
Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht!
Ihr versteht, was still in dem Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht.
Byrd überfliegt den Südpol.
Von H. H. Hauben.
Vor kurzem wurde gemeldet, daß der bekannte Polarforscher Admiral Byrd seine neueste Expedition in die Antarktis abgebrochen habe. Man weiß noch nicht, welche Ergebnisse der kühne Entdecker und seine Gefährten diesmal mit nach Hause bringen. Mit großer Spannung erwartet die Welt den genauen Bericht über die wissenschaftliche Ausbeute, die den Kamps um den Südpol zweisellos um ein gutes Stück vorwärts gebracht hat. Es sind jetzt vier Jahre vergangen, seit Byrd seine Ueberfliegung des Südpols mit Erfolg durchführte. Davon erzählt H. H. H o u b e n in dem im Verlag Ullstein, Berlin, erschienenen Buch „Sturm auf den Südpol".
In der amerikanisch-britisch-norwegischen Ansiedlung Klein-Amerika, die drei Funktürme, ein großes Verwaltungsgebäude, ein Maschinenhaus als Licht- und Kraftquelle, ein Schlachthaus, eine besondere Villa für die Norweger, Lebensmittelmagazine, drei Hauptverkehrsstraßen und eine Bibliothek von 3000 Bänden besitzt, wird mit Ablauf des Winters der bevorstehende Polflug das Tagesgespräch. Im Lesezimmer geht es laut zu, wenn dort der Pol-Ausschuß tagt, der sechs Mitglieder und noch etliche Beiräte hat...
Bald ist überall Hochbetrieb. Der Polflug soll die Gesamtübersicht über den ganzen Roßbarrierensektor vermitteln, aus der Vogelschau; die wissenschaftliche Arbeit muß nach wie vor am Boden kriechend geleistet werden. Byrd legt auf die Untersuchungen der Geologen sogar das Hauptgewicht; sie sollen die Königin-Maud-Berge erforschen, müssen dazu ganz wie Ä m u n d s e n mit einer großen Schlittenexpedition über die Rohbarriere ziehen, hin und zurück über 2000 Kilometer, eine Reise von drei Monaten mindestens. Am 15. Oktober geht eine Depotabteilung vorauf; die Gelehrten schließen sich probeweise an, kommen aber schon nach zwei Tagen recht verstimmt zurück. So genau man auch Amundsens und andere Schlittenfahrtberichte studiert hat, in der Praxis sieht das immer etwas anders aus. Ein Motorschlitten, den auch Byrd bei sich hat, schafft seine volle Ladung 120 Kilometer weit, bleibt aber dann mit gebrochener Achse liegen. Am 4. November zieht die Geologengruppe endgültig ab, sechs Mann mit fünf Hundegespannen; auf 81° 45' hat die Vorhut ein Depot angelegt, für die weiteren muß die wissenschaftliche Abteilung selbst sorgen. Ihr bleibt nichts von den Strapazen und Gefahren erspart, "*e ® b ackleton, Scott, Amundsen und andere Pioniere der Antarktis zu überwinden hatten.
Inzwischen wird auch der „Floyd Bennett" aus dem Winterschnee geschaufelt, am 13. November mit Schneeklötzen im Gewicht von 5900 Kilo beladen und auf Probe in die Luft geschickt. Er hat drei Motoren; !n*‘ nur einem würde er, nach komplizierten physikalischen Gesetzen, bei Belastung höher steigen und schneller fahren können. Aber «yrd halt drei für sicherer; versagt der einzige Motor, bann ist alles aus; versagt von dreien einer, dann kommt man mit zweien immer noch vorwärts, wenn auch langsamer; setzt auch der zweite aus, genügt der dritte immer noch für eine sanfte Landung. Bei der Probefahrt kommt oer „Fioyd Bennett nicht über 3000 Meter Höhe. Ein neuer Vergaser wird eingebaut; d,e zweite Prüfung ergibt 3700 Meter.
q. lf®Pri3 (™artet init Ungebufb, daß die Geologenabteilung endlich den Fuß der Berge erreicht. Am 27. kommt Goulds Meldung: „Anqelangt g anzendes Wetter.' Noch um 10 Uhr abends wiederholt er: „Unverän
dert schön." Wird es sich morgen halten? Wetterwart Haines nickt. Am Mittag des 28. ist klare Sicht, nirgends Wolken. Haines holt Byrd aus dem Lesezimmer heraus: „Jetzt wird es Zeit. Diese Gelegenheit kehrt vielleicht nie wieder!"
Um 3.30 Uhr steigt der „Floyd Bennett" wieder auf und skiust auf dem 143. Längengrad nach Süden. B a l ch e n am Führerstand, die Augen gebannt auf Motoren und Schaltbrett, wo ein Dutzend Zeiger zittern. June, um den Kopf eine Strahlenkrone von Drähten, bedient das Funkzeug, die Filmkammer, die verzwickten Hähne der sechs Benzinbehälter und löst zwischendurch Balchen am Steuer ab. McKinley macht Ausnahmen, seine Meßbilder sind der Hauptzweck des ganzen Polflugs. Byrd — Karten, Pläne und Bilder vor sich — leitet die Fahrt. Jeder denkt nur an den „Buckel", ob das Flugzeug das Polplateau schaffen wird. Hohe Schneegipfel glühen in der Sonne wie feuerspeiende Berge. Um 8.15 Uhr sichten sie, 500 Meter hoch, die beiden Seite der Geologen, werfen mit dem Fallschirm Gebirgskarten für ould und andere Grüße herab — dann beginnt der Anlauf nach oben. Die Steiganzeiger rücken sprunghaft auf 900, 1000, 1200, 1400 Meter. Die Paßhöhe des Livgletschers ist breiter als die des Axel-Heiberg- Gletschers — also dort hinauf! Kurz nach 9 Uhr fliegen sie, 3000 Meter hoch, über ihr Depot weg, sehen es aber nicht. June schüttet den letzten Brennstoff in die Hauptbehälter. Durchschnittsverbrauch 240 Liter in der Stunde, mehr als Byrd erwartete, aber noch ist ein Ueberschuß da. Wie ein gefrorener Wasserfall quillt der Livgletscher dem Flugzeug entgegen. Fallwind von oben läßt den Riesenvogel erzittern. Kommt er denn nicht höher? Die Luft ist sehr dünn; das Steuer setzt sich nicht recht durch. Mehr Auftrieb! June legt die Hand an den Auslaß des Hauptbehälters — ein Druck und 2500 Liter Benzin ergießen sich ins Freie. Balchen ist noch nicht zufrieden und brüllt: „lieber Bord! lieber Bord! 100 Kilo!" Ein Sack Nahrungsmittel wird zur Falltür geschleift, 57 Kilo, und wirbelt zum Gletscher hinab. Das hilft, aber der Fallwind verstärkt sich. Balchen flucht. „Noch einen Sack!" McKinley schiebt den zweiten durchs Loch, 114 Kilo Lebensmittel, Monatsproviant für vier Mann, zerplatzt auf dem Gletscher. Das ist die Rettung — das Flugzeug springt hundert Meter höher — sonst hätte die Bildkammer drangemuht! Der „Buckel" ist überwunden, schnurgerade voraus, kaum 500 Kilometer, liegt der Südpol! Die Firnebene dacht sich schüsselförmig ab. 3250 Meter Höhe. Plötzlich ein Schreckensruf: „Der Steuerbordmotor kotzt!" Balchen setzt schon zum Gleitflug an, June stürzt zum Benzinauslaß, ein paar Handgriffe, alles ist wieder in Ordnung. Byrd und McKinley knien am Boden beobachten den Triftanzeiger und geben die Richtung an. Zwischendurch frühstücken sie etwas gefrorenes Butterbrot und Kaffee aus der Thermosflasche — aber wer fühlt bei dieser Aufregung Hunger!
Kurz nach Mitternacht zeigt sich die Sonne — bas ermöglicht eine Ortsbestimmung: 89" 4' — noch 103 Kilometer vom Pol. Um 1.14 Uhr ist bas Ziel erreicht — ber Südpol — eine öde Schneefläche, vom Sturm wellig gestrichelt, keine Landmarke, kein Hügel, nichts.
Byrd läßt noch zehn Kilometer weit hin und her kreuzen, um den Pol einzukreisen, berechnet die Mitte und wirft hier das Sternenbanner ab, beschwert durch einen Stein vom Grabe seines Freundes Floyd Bennett, mit dem er den ersten Arktisflug machte. Um 3 Uhr gibt Balchen nochmals Vollgas und steigt auf 3600 Meter, damit McKinley noch ausgedehntere Karten aufnehmen kann. Mit 200 Kilometer Geschwindigkeit rast bas Flugzeug wieber nach Narben, bem Depotplatz zu, dessen Benzjnvorrat jetzt unentbehrlich ist. Das Flugzeug nimmt das Gletschertor und schwimmt schon im Freien. June errechnet einen Benzinüberschuß — nochmals nach Osten, um durch die Kamera zu beweisen, daß Carmenland nicht existiert! Und bann zum Depot! Aber wie anders sehen die Berge plötzlich aus! Byrd schwindelt es vor den Augen — welcher von diesen Gipfeln ist nun der Ruth-Gade-Berg? Ein paar gräßliche Sekunden — endlich findet er sich zurecht, da ist auch der Nansen- berg mit seinen Vorhügeln. Ein paar Korkenzieher nach unten — ein schwarzer Punkt wird sichtbar, das Depot. Um 4.47 Uhr setzt June das Flugzeug sanft dort nieder.
Blechgefäße öffnen, zu June hinausreichen, die Arme leisten es kaum mehr! Um 6 Uhr ist alles fertig, der Cndflug beginnt. Schon bäumen sich schwarze Sturmwolken über dem Bergwall, aber sie holen den „Floyd Bennett" nicht mehr ein. Um 10 Uhr kommen die Funktürme von Klein-Amerika in Sicht — einige Minuten später ist ber Polflug beenbet.
Auf einem zweiten Flug entbeckt Byrb Anfang Dezember jenseits des 150. Längengrades neues Land, das er Mary-Byrd-Land nennt und für Amerika in. Besitz nimmt. Am 19. Januar 1930 kommt auch die Geologenabteilung wohlbehalten nach Hause, und einen Monat später holt die „City" Byrds siegreiche Expedition zurück in die Heimat
Die Geschichte der Südpolarforschung ist auf einen Höhepunkt gelangt, der schwer zu überbieten sein wird.-Der Forschung selbst ist kein Ende. Von allen Seiten pirscht sich die Wissenschaft heran, denn je weiter die Uebersicht, um so zahlreicher werden die Probleme. Die Frage, o(* Kontinent, ob Archipel großer Jnselmassen? rückt mehr und mehr in den Brennpunkt, und F i l ch n e r s großer Plan der Ueberquerung der Antarktis vom Roßmeer zum Weddellmeer beschäftigt neue Expeditionen. Byrd ist wieder darunter. Amundsens Framheim hat der Eisboden verschluckt. Klein-Amerika steht an seiner Stelle, noch ragen seine Funkturme wie weiße Zahnstocher gen Himmel, wenn der Sturm sie nicht gefällt hat; noch liegen dort seine Flugzeuge, wenn ein Orkan sie nicht zerstörte. Die Welt wartet auf neue Kunde aus der Antarktis, die längst den wie verlassen daliegenden Nordpol überholt hat. Wer löst das Rätsel des sechsten Erdteils? Die Favoriten sind Byrd, Wilk ins und E l l s w o r t h. Am Totalisator ber antarktischen Rennbahn überbieten sich die Einsätze. Wer wirb als Erster durchs Ziel gehen?
verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Brühl',che Unlverfitäts.Buch. und Steindruckerei. D. Lange, ©lebe*.


