Nordleuie.
Don Karl Burkert, GDS.
Sie kamen aus der Nordlichtnacht.
Das Eis hat sie so hart gemacht. Der Schnee so frisch und rein. Blau war ihr Blick, ihr Schwert geschwind, Sie brausten, brausten wie der Wind In alle Welt hinein.
Und all das Meer, und all das Land, Sie nahmen es mit kühner Hand, Und kamen sern und fern. Und nie es fiel sie an ein ©raun;
Bei dunklem Wein, bei fremden Fraun Vergilbte leis ihr Stern.
Doch einmal stöhnten sie im Schlaf.
Es war, als ob ein Speer sie traf Im feindumringten Zelt.
Sie fuhren hoch zum Reckensprung.
Zu spät! Rings Götterdämmerung Lag schwer aus dieser Welt.
Der alte Feldhusar.
Von Georg von der Bring.
Im Nachbarhause wohnte ein Arzt. Seine beiden Söhne, die von en Eltern die Spitznamen Ernst und Heiter erhalten hatten, waren «eine Freunde. Vor allem liebte ich Ernst, er war sanft; Heiter aber war lebenslustig und grob, der hätte am liebsten alle Schmetterlinge gebraten, die er sah.
Eines Tages stellte es sich heraus, daß die Flügeltüren von des Doktors Bücherschrank ausgequollen waren. Sie schlossen nicht mehr und muhten herausgenommen werden; es traf sich gut, daß es damals grade Rode wurde. Bücherschränke ohne Türen zu haben. Als wir Kinder uns tiefe drei Türen im Keller ansahen, kam der Bruder Ernst auf einen ferrlichen Gedanken; man konnte daraus ein Kasperltheater bauen.
Sogleich ans Werk! Wir nagelten die Türen mit Scharnieren so «neinander, daß die beiden äußeren rückwärts gedreht werden konnten. Die Fensterchen wurden als Hinterglasbilder mit Oelsarbe zugemalt, inmit das Publikum nicht sehen sollte, was hinter der Szene vor sich ging; aus allen Fenstern würden ihnen die seurigsten Fratzenbilder ent- «ogenschauen. Nur das obere Fenster der mittleren Tür bemalten wir iirfjt, sondern schlugen es entzwei: hier sollte die Bühne sein.
Der Arzt, der an unserem Treiben Gefallen sand, schrieb eine Post- ' Karte und ließ drei Kasperpuppen kommen, und zwar den Kasper selbst, jebann Mariechen, Kaspers Frau, und als dritte den Teufel. Eines tages traf sogar ein Buch ein, in dem all die alten Kasperstücke ausgezeichnet standen, die man in Hamburg spielt. Eisrig studierten wir iie ■ Geschichten. Sie waren sehr luftig und überaus derb, also genau gichtig für uns. Danach begannen die Proben. Wir versuchten zuerst Itejetiigen Stücke, die mit unseren drei Puppen besetzt werden konnten, s, „Kasper und Mariken", „Fies Mark Deertein", ..©rigri" und andere. Son allen Personen aber gefiel uns am besten eine Figur, die wir i'ider nicht besahen; gar zu gern hätten wir uns ihre Rollen eingeübt. U war der alte Feldhusar. Er trat auf mit den Worten:
Ich bin ein alter Feldhusar, Der lang in fremden Ländern war. Hab manche Schlacht Dort mitgemacht
Und kehr zurück recht müde nun. Mich in der Heimat auszuruhn ...
worauf er sich niederlegte, aber natürlich sogleich von dem tollen Kasper jLkitzelt wurde.
Da der Arzt sich weigerte, noch eine weitere Figur anzuschaffen, so Irschlossen wir, uns das Geld für den Feldfoldaten selbst zu verdienen, k r sollte gegen fünf Mark kosten. Eines Tages, als der Arzt mit feiner firau verreist war, gingen wir an die Arbeit. Das Kaspertheater stand in ©arten auf dem Rasen. Wir stiegen in den Salon der Frau Doktor finauf und trugen die „goldenen Stühle" in den Garten hinunter; sie B'aren der Sperrsitz, also Die teuren Plätze. Die anderen Stühle, ob aus ü ohr ober aus Holz, standen hinter den „goldenen", sie waren der erste ^latz. Dahinter gab es Raum genug für Stehplätze.
Während Ernst und ich das Spiel vorbereiteten, ging Heiter mit dem § peisezimmer-Gong durch die Straßen und Sandwege unserer kleinen 6-tabt. UeberaU, wo Häuser waren oder Kinder sich im Sande wälzten, i rsrtünbete er, daß wir heute nachmittag Kaspertheater machen wollten tnb daß es Eintritt kostete: Sperrsitz 4 Pfennige, 1. Platz 2 und Stehplatz 1 Pfennig. Aus den Eintrittsgeldern, die in die Kaffe fließen wür- ten, sollte der Feldhusar gekauft werden; zwar zogen wir in Rechnung, taf; man mehrmals würde spielen müssen, um gegen fünf Mark zu- silmmenzubekommen.
Am Nachmittag, zu der angekündigten Stunde, drängte es sich vor hm Gartentor, lauter Volk, Kinder mit zerrissenen Hosen und ungeschorenen Köpfen. Die stärksten Jungen der ganzen Gegend waren ge- isrnmen, sie starrten mit Begeisterung durchs Staket auf unser Theater Md auf die „goldenen Stühle". Als wir ihnen das Tor öffneten, stellte «s sich heraus, daß diese Jungen überhaupt kein Eintrittsaeld zahlen
wollten. Sie hatten gar nichts mitgebracht und bezahlten mit Hosen» knöpfen, die damals allerdings ziemlich hoch im Wert standen, wegen dem Knopfspiel.
Da sie in starker Uebermacht gekommen waren und bereits auf den „goldenen" und den anderen Stühlen sahen und ihre Witze rissen, machten wir gute Miene zum bösen Spiel, sammelten die Knöpfe ein und begannen die Vorstellung. Wir führten alle Stücke vor, die wir eingeübt hatten, bis wir heiser waren. Die Zuschauer spendeten viel Beifall. Zuletzt aber wollten sie die Puppen näher betrachten und wurden grob. Jetzt zeigte es sich, daß wir so etwas vorausgesehen hatten, denn plötzlich traten wir drei mit Säbeln und Dolchen bewaffnet aus dem Kasten und befahlen die Räumung des Gartens. Die Menge gehorchte angesichts der schweren Bewaffnung, die wir trugen; unsere Schwerter und Dolche waren scharf und kostbar und echt chinesisch, wir hatten sie von der Wand des Wartezimmers genommen.
Unsere Einnahme war: ein ganzer Sack voll Knöpfe. Für Knöpfe konnte man den Feldsoldaten nicht kaufen. Also roar's ein Fehlschlag. Für dies Volk würden wir nicht wieder Kaspertheater spielen. Auf welche Weise konnte man zu fünf Mark kommen? Das war die Frage.
Eines Tages kam Bruder Heiter auf einen Gedanken. Er hatte bemerkt, daß einer von den „Ungeschorenen", die jetzt häufig an des Doktors Hause vorbeistrichen und am Staket erschienen, immer die Backen voll Bonbons hatte. Er rief ihn an und bekam einen Bonbon geschenkt, den er hernach, bevor er ihn in den Mund steckte, unter der Pumpe abwusch. Sodann hatte er herausbekommen, daß jener nicht nur Bonbons besaß, sondern eine Menge Nickelgeld. Woher mochte es ihm zugeslossen sein? Er war bei einem Kaufmann angestellt, wo er es hätte verdienen ober stehlen können.
Heiter hielt sich auf feiner Fährte. Er stellte fest, baß jener auch bie anbern „Ungeschorenen" mit Leckereien versorgte. Unb halb barauf glückte ihm feine wichtige Beobachtung. Er kam also zu uns unb beutete an, baß wir am fommenben Montag in ber Frühe (wir hatten Sommerferien) einen ersten Fang machen würben, bem noch weitere folgen sollten.
„Bonbons ober Hosenknöpfe?" fragte Ernst.
„Diesmal Gelb", sagte Heiter.
Am Montag in aller Frühe machten wir uns unter Heiters Führung zum Hafen auf,, tarnen in bie Nähe ber Schisferkneipe „Zum Angelhaken", umschlichen sie, bis wir bie offene Kegelbahn vor uns hatten, unb versteckten uns gegenüber in einem leeren Güterwagen. Noch war es still. Nur in ber Kegelbahn rührte sich etwas; es war gewiß ein Betrunkener, ber noch vom Sonntag her bork lag unb feinen Rausch ausschlief. Die Wirtsfrau aus bem „Angelhaken" war stadtbekannt; sie pflegte, sobald sich ein Gast in der Wirtsstube mausig machte, denselben am Rockkragen vom Stuhl zu lupfen unb in bie Kegelbahn hinauszutragen, wo sie ihn fallen ließ
Währenb wir vom Wagen aus ben Betrunkenen beobachteten, besorgte Heiter ben Kunbschafterbienst. Er war schon eine Weile fort, als wir ein lautes Geschrei vernahmen. Gleich darauf kam Heiter geschlichen und sagte:
„Der kommt nicht wieder. Ich habe ihm die Nase platt gehauen, er wird sie erst kühlen müssen. Es war der Ungeschorene, damit ihr es euch denken könnt ... bleibt aber still!"
Wir gehorchten, denn eben war die Wirtin aus der Gaststube getreten. Sie trug einen Korb Kartoffeln und einen Eimer mit sich, füllte diesen an der Pumpe und setzte sich in die Kegelbahn, wo sie mit Kartoffelschälen begann. Von Zeit zu Zeit steckte sie sich ein Stück Kartoffel in ben Munb, blinzelte in bie Sonne unb taute es auf. Ernst, ber neben mir hockte, stieß mich an unb schüttelte sich bei biefem Anblick. Dann stieß er seinen Bruber an unb flüsterte mit ihm. „Ne Viertel- ftunbe noch", hörte ich Heiter sagen. Also Gebulb.
Die Viertelstunbe mochte verstrichen fein. Cs begann warm zu werben. Die Wirtin schälte unb taute fort. Plötzlich erhob sie sich und trug Eimer und Korb ins Haus. „Jetzt Achtung!" machte Heiter. Wir konnten uns nichts denken . . Nachdem wieder eine Zeit vergangen war, wurde die Saaltür geöffnet. Darauf erschien ein Besen, der einen ganzen Hausen Staub und Dreck aus dem Saal nach draußen kehrte. Wieder unb roieber erschien ber Besen. Zuletzt schloß sich bie Tür.
In biefem Augenblick tat Heiter einen leisen Pfiff. Er glitt aus dem Wagen. Wir schlichen ihm nach bis vor die Saaltür. Schon kniete er vor dem Dreckhaufen unb begann zu wühlen. Auch Ernst unb ich wühlten, hastig unb lautlos, minutenlang ... bann mit der Beute auf und davon. Erst in des Doktors Garten schnauften wir aus. Jeder von uns hatte Geld gefunden, mehrere Groschen und auch Pfennige, und Ernst sogar ein Fünszigpfennigstück.
Das war natürlich kein sauberes Geschäft. Aber als wir es noch an drei Montagen wiederholt hatten, konnten wir den Feldhusaren kaufen. Sofort wurde er bestellt. Als er im Paket ankam, verhörte der Arzt feine Söhne. Sie sagten ihm die Wahrheit, worauf er sehr lachen mußte.
Man muß in Rechnung ziehen, daß meine Geschichte vor dem Kriege spielt; damals lag das Geld ja auf der Straße. Auch wir drei hatten es dort gefunden und ben Felbhusaren also mit echtem Straßengelb bezahlt.
Es war ein herrlicher Tag unserer Iugenbzeit, als wir zum ersten Male bas Stück „Der alte Felbhusar" unseren Eltern unb Tanten Vorspielen bürsten. Sie saßen nicht auf ben „golbenen Stühlen", fonbern lagen im Sommergras auf großen Decken, trugen Helle Kleiber unb waren ebenso luftig wie wir. Als bann ber Feldhusar, in Rot mit silbernen Schnüren — nun ber tolle Kasper in enblich in Ruhe ließ — sein Leibstückchen anstimmte:
Noch einen Kuß von rosigen Lippen ...
ba kannte bie Fröhlichkeit unserer Zuhörer keine Grenzen mehr. Wir Kinber spielten mit hohem Eifer, unb keiner von uns Dreien bachte daran, wo sich das Geld für diesen prächtigen Husaren gefunden hatte.


