Ausgabe 
4.2.1935
 
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land wieder Feierschichten einiegcn und einen Teil unserer Hochöfen aus- blasen, wenn wir hier weiter arbeiten wollten. Das sind, denke rch, zwingende Gründe, denen sich niemand verschließen kann." ~

Reute fuhr sich über die Stirn, als ob er lästige Gedanken vertagen wollte. Erst nach einer Weile antwortete er.

Ich will zugeben, Herr Professor, daß Sie recht haben. Aber das andere Sie wissen, was ich meine ist das wirklich unbedingt notwendig?

Es ist jedenfalls besser, wenn es geschieht, Herr Reute, und ich freue mich, daß unsere Regierung auch hier meinem Vorschlag zugestnnmt hat.

Bon allen Seiten trommelte und dröhnte es in den Lüften. Es toten, als ob die ganze Luftflotte der Eggerth-Werke sich hier in der fernen Antarktis ein Stelldichein gäbe. In kurzen Zwischenräumen kamen die neuesten größten Stratosphärenschiffe an. Maschinen und Bauteile aller Art der- schwanden in ihren Rümpfen, und voll beladen mit Material und Menschen stiegen sie bald wieder auf, um ihre Last nach Deutschland zu bringen.

Schon seit Tagen war der Krater selbst vollkommen geräumt. Viel schneller, als sie einst entstanden waren, verschwanden nun auch die Bauten an seinem Rande. Rur noch der geebnete Felsboden verrret die Stelle, an der das große Kraftwerk so lange gestanden hatte. Verschwunden waren die ausgedehnten Wohnbaracken zusammen mit der bergmännischen Beleg­schaft, die in ihnen gehaust hatte. Nur eine kahle Stelle zwischen Erzhalden verriet dem Wissenden, daß hier einmal die Erzaufbereitung stand. Reute hatte seinen Arbeitsplatz in eine Kabine von ,St 14* verlegen müssen, die Professor Eggerth ihm einräumte. Man schrieb den siebenten April, als der leitende Ingenieur ihn dort aufsuchte und meldete.

Herr Ministerialdirektor, die Arbeiten sind beendet. Die letzten Schiffe sollen in einer Stunde nach Deutschland abgehen."

Reute nickte.Ich danke Ihnen. Glücklichen Heimslug für Sie und alle die andern."

Der Ingenieur wollte gehen, als ihn Professor Eggerth aufhrelt.

Sind die Sprengkammern geladen?"

Jawohl, Herr Professor, es ist alles planmäßig geschehen."

Ist die Zündung nach den Spezialzeichnungen vorbereitet?"

Auch das, Herr Professor. Sie brauchen nur einzufchalten, um sie scharf zu machen."

Der Professor stand auf und drückte dem Ingenieur die Hand.Dann danke ich Ihnen. Auch ich wünsche Ihnen einen guten Heimflug. Auf Wieder­sehen in Deutschland."

Der Ingenieur >var gegangen. Schweigend blieben Reute und Eggerth in der Kabine zurück. Nicht lange, dann drang das Dröhnen von Motoren zu ihnen. Eins der Stratosphärenschiffe nach dem andern schraubte sich in die Höhe und verschwand am Nordhorizont. Rur noch ,St 14* lag allein in der eisigen Einöde am Kraterrand.

Professor Eggerth erhob sich und warf den Pelz über.

Es wird Zeit, Herr Ministerialdirektor. Der letzte Akt des Dramas be- ginnt. Wollen Sie mitkommen?"

Reute schüttelte den Kopf. Er zog es vor, im Schiff zu bleiben. Ohne ihn ging Professor Eggerth über das verschneite Land zu einem Mastenpaar, das man allein von allen den vielen Masten hier stehengelassen hatte. Eine Antenne war zwischen den Mastspitzen ausgespannt. Ein Draht von ihr führte zu einem Schalter. Von dein Schalter lief ein isoliertes Kabel weiter und verschivand zwischen den Felsen. Der Professor legte den Schalter um und kehrte zum Schiff zurück. Gleich danach begann auch die Hubfchraube von ,St 14" einen dröhnenden Wirbel zu schlagen. Das Schiss stieg auf und trieb in großer Höhe langfarn nach Norden ab.

Im Funkraum stand der Prosesfor zusammen mit Reute. Tief unter ihnen lag der verlaffene Krater. Wie eine Mondlandfchast wirkte das ganze in den Strahlen der tiesstehendeu Sonne. Sorgsam stimmte Professor Eggerth selbst den Sender ab, und in einem eigenartigen Rhythmus gab er danach Striche und Punkte mit der Morsetaste. Kein Funker hätte dies Telegramm entziffern können, aber eine eigenartige Wirkung hatte es.

Kaum hatte der Professor das letzte Zeichen gegeben und die Hand von der Taste zurückgezogen, als das Land um den Krater zu erzittern und zu beben begann. Einen Augenblick schient, als ob das ganze Ringgebirge sich von seiner Unterlage ablösen und in die Höhe steigen wollte. Dann brach es in sich zusammen, kippte von allen Seiten nach der Mitte hin und ließ unendliche Gesteinmengen in den Kraterschlund stürzen. Graugelber miß- karbiger Qualm, durchzuckt von roten Stichflammen, brach aus den stürzen- ocn Gesteinsmengen hervor, und im Augenblick war das Bild verwandelt, nur noch eine trümmerbefäte Ebene, wo sich vor Sekunden noch deutlich daS riinde Ringgebirge zeigte.

Noch starrte Reute aus das so vlötzlich verwandelte Gelände, als der Don­ner der gewaltigen Sprengung bas Schiss erreichte und ihn für Sekunden säst taub machte. Rollend und grollend verdröhnten allmählich die ge­waltigen Schallwellen und das Geräusch der Schiffsmoforen drang wieder durch.

,SI 14' änderte seinen Kurs und kehrte zu der ©teile zurück, an der früher die Kraterstation stand. In verschiedenen Höhen kreuzte es über dem Platz und immer zufriedener wurde dabei das Gesicht des Professors.

Fürchterlich!" sagte Rente. Es war das erste Wort, das seit der Spren­gung Über seine Lippeii kam.

Großartig, Herr Rente!" erwiderte der Professor.Genau so dachte ich eS mir. Die tausend Tonnen Dynamit haben genau so gewirkt, wie ich es wollte. Kein Mensch wird hier noch einen Bolidenkrater vermntcn. Run mögen die Amerikaner, Norweger und wer sonst noch will in den nächsten Monaten hier spazieren fliegen, soviel sie Lust haben. Was hier einmal war und was hier noch ist, das werden sie niemals entdecken."

Er gab einen neuen Befehl in den Führerstand. ,St 14* drehte nach Norden ab und setzte seinen Kurs auf Deutschland.

*

»Tag, Schmidt, da sind wir wieder." Dr. Witte sagte es auf der Schwelle von Schmidts Arbeitszimmer, während er sich die Schneeflocken vom Pelz schüttelte. Nur langsam tauchte die lange dürre Gestalt Schmidts aus seinem Wust von Papieren und Tabellen empor. Es bedurfte einiger Zeit, bis seine Gedanken sich aus dem Reich der Theorien und Zahlen in die Wirklichkeit zurückfanden, und die schmalen Lippen sich zu ein paar Worten bequemten.

Schon wieder hier, Herr Witte? Schon wieder sechs Monate vorüber? Die Zelt ist schnell vergangen, aber ich bin auch gut weiter gekommen."

Er griff nach einer Kurvenkarte, und ehe Dr. Wille noch dazu kam, feinen Pelz abzulegen, hatte er ihn fchon in ein gelehrtes Gespräch Über seine Entdeckungen verwickelt. Eine Weile ließ ihn Wille gewähren, bann winkte er ab. _

Das Neueste, lieber Schmibt, bas wissen Sie ja noch gar nicht- Tas Neueste ist, baß wir jetzt auf Wunsch unserer Regierung bie Zelte hier toieber abbrechen unb hunbert Kilometer weiter nach Süben gehen. Die Schiffe, bie den Transport besorgen sollen, sind fchon zufammen mit unferent ange» kommen. Aber Sie hören und sehen ja nichts, obwohl sechs Stratosphären­flugschiffe bei ihrer Landung doch einen ziemlichen Krach machen. Wenn nicht wenigstens der neue Mafchinist herauskam, wäre überhaupt tem Menfch zu unferem Empfang dagewefen."

Schmidt kniff die Lippen fest zufammen und brummte etwas Unver­ständliches vor sich hin. Immer noch knurrend und murrend begann er bie Unmenge von Tabellen unb Aufzeichnungen, bie ben großen Arbeitstisch vollkommen bebedten, zusammenzulegen und in einzelne Mappen einzu­ordnen. t ,

Schweigend Überließ ihn Dr. Witte seiner Beschäftigung und ging kops- schüttelnd in den Vorraum zurück.

Was hast du, Vater?" fragte ihn Rudi.

Der gute Schmidt fängt an, wunderlich zu werden. Ich glaube, mein Junge, es war nicht gut, daß wir ihn hier ein halbes Jähr allein gelassen haben. Es wird höchste Zeit, daß er mal wieder nach Deutschland unter andere Menschen kommt, sonst schnappt er uns am Ende noch über. Das nächste Mal muß er mit, ob er will oder nicht."---

Schon in den nächsten Stunden begannen die Abbauarbeiten. Es wieder­holte sich das alte Spiel, das die Station schon einmal erlebt hatte. Die 'Stationsgebäude wurden auseinandergenommen und alles, was nicht niet» und nagelfest war, verschwand in den Laderäumen der Stratosphärenflotte. Als vorletztes Frachtstück verstauten sie den Dieselmotor der Maschinen­anlage, als letztes den langen Schmidt mitsamt einem Berg von Mappen.

Dann brach die Flotte auf. Schneewüste und eisige Einöde war wieder, wo fast ein Jahr lang das deutsche antarktische Institut seinen Platz hatte.

Hundert Kilometer südlicher ließen sich die Schiffe vorsichtig finken und fuchten nach einem brauchbaren Landungsplatz. Anders sah das Gelände an dieser Stelle jetzt aus wie damals, als Professor Eggerth und Reute es nach der Sprengung verließen. Wie ein weißes Tuch hatte der Schnee sich darüber gelegt und alle Schroffen unb Schrunden, alle Narben unb Wunben mit» leidig verbeckt, bie ein gewaltiges Naturereignis unb menfchliche Technik, der alten Erdkruste hier geschlagen hatten. Erst als die Werkleute bie Schisse verließen und aus die Suche nach einer passenden Baustelle gingen, merlten sie, wie uneben und zerrissen das Land unter der Schneedecke war.

Nach längerem Suchen fanden sie eine Stelle, die allen Anforderungen genügte, und auf den Abbruch folgte nun der Wiederaufbau. Zwei Tage und zwei Nächte nahm er in Anspruch. In Wechselschichten arbeiteten die Mannschaften, die in ben Schiffen mitgekommen waren. Dann war bas Werk vollenbet. Fertig unb arheitsbereit staub bie Station an bem Ort, an bem man noch vor kurzem uneubliche Golbmengen aus ber Tiefe holte.

Ein kurzer Abfchieb, ein letztes Winken unb Grüßen, unb bie Strato- sphärenflotte stieg zum Rückflug nach Deutschlanb auf. Rur auf sich selbst angewiesen waren bie wenigen Menschen toieber allein, bie im Dienste ber Wissenschaft unb im Kampfe mit einer unwirtlichen Natur schon so viele Monate in ber Antarktis verbracht hatten. Als läge kein Urlaub, kein deutscher Frühling und Sommer dazwischen, nahm die altgewohnte Arbeit wieder ihren Anfang.

Aus Tagen ivurdeu Wochen, und bie Wochen begannen sich zu Monaten zu summen. Schon war die Mitte des kurzen antarktischen Sommers er­reicht. Dr. Wille befand sich mit den Fahrzeugen ber motorisierten Station auf einer Forschungsreise, bie ihn bis zu ben Hängen des Markhan-Gebirges führen sollte. Der lange Schmidt war in der festen Station zurückgeblieben, eifrig damit beschäftigt, das letzte Kapitel feines neuen Werkes nieberzu- schreiben.

Zu seinem Leidwesen konnte auch Hagemann an der Expedition nicht teilnehmen. Dr. Wille hatte ihn mit dem fehr bestimmten Auftrag zurück- gelassen, sich um Doktor Schmidt zu kümmern und dafür Sorge zu tragen, daß ber immer mehr in seine Arbeit verbiesterte Gelehrte wenigstens bie Mahlzeiten regelmäßig innehielt.

Ein mächtiger Raupenwagen, ber gleiche, ben vor Monaten ,St 11* an Borb bet ,City of Boston* absetzte, glitt nach Süben hin burch bie Antarktis. Jetzt verlangsamte er seine Fahrt unb hielt aus dem verschneiten Feld. Eine Tür öffnete sich, Captain Andrew kletterte hinaus und ging ein paar Schritte über den Schnee. Parlett folgte ihm, würdig wie ein englischer Lord, obwohl er mit allerlei Gerätschaften beloben war. Vor Captain Anbrew begann er sie aufzubauen. Ein breisüßiges Stativ zuerst, auf bas er sorgsam einen Theoboliten mit allem Zubehör aufschraubte. Ein Tischchen kam baneben, auf bem ein Präzisionschronometer unb ein elektrisches Chronoskop ihren Platz fanben.

Captain Anbrew wollte auf Garrisons Wunsch noch einmal eine genaue Ortsausnahme machen. Er ging ans Werk. Immer wieber visierte er bie Sonnenscheibe an, drehte an Mikrometerschrauben, las feinste Skalen mit der Lupe ab, schrieb endlose Äffern in ein Buch, Winkelgrabe unb Winkel« minuten unb die dazu gehörigen mit dem Chronoskop ermittelten Zeiten. Griff dazwischen zu astronomischen Tabellen unb versuchte zu rechnen, während ihm die Finger klamm wurden.

Mr. Parlett erschien wieder auf ber Szene, um Captain Andrew einen heißen Toddy zu bringen. Der trank davon und stürzte sich dann nengestärkt wieder auf seine Rechnung. Parlett trat näher an das Stativ heran. Das blinkende Fernrohr des Theoboliten interessierte ihn. Spielerisch drehte er es hin und her und brachte dabei ein Auge an das Okular, um hindurch zu schauen. Plötzlich zuckte er zusammen.

Mr. Andrew I"

Captain Andrew blickte von seiner Rechnung auf.

lSchlich folgt.)