Ausgabe 
4.2.1935
 
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Gießener ZamilieMätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935 Montag, den 4» Hebruar Nummer 10

HANS DOMINIK EIN

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FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 SY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

S ie Tonnen Silber, sagten ^ie, Bolton?"

Der tnurrte etwas Unverständliches, Garrison fuhr fort.

Das Kilogramm Silber notiert augenblicklich zwei Dollars. Sind immer-' hin schon achttausend Dollars. Neunhundert Kilogramm Platin, die letzte Notierung für das Kilogramm lag bei tausend Dollars. Macht neunhundert­tausend, zusammen mit dem Silber 908000 Dollars. Ziehen wir die Rech­nung der Melting and Refining Company ab, bleiben 808000 Dollars für uns."

Bolton wühlte in den Schriftstücken und zerrte ein anderes Blatt hervor.

Sie rechnen wie ein Schuster, Garrison! Hier sind unsere andern Un­kosten zufammengestellt. Ich will Ihnen nur die wichtigsten Posten nennen. Ein Flugzeug verloren. Zwei Reisen der ,City of Boston nach dem Mac- Murdo-Sund. Captain Andrews Expedition ausgerüstet. Zum Schluß noch der unverschämte Zoll, den 'ie uns in Frisko für das Erz abgenommen haben. Alles in allem rund eine halbe Million Dollars. Ich danke schön für das Geschäft was Sie so .Geschäft zu nennen belieben."

Ungeduldig griff Garrison wieder zum Bleistift und rechnete weiter. Ziehen, tvir also die halbe Million Dollars auch noch ab, so bleiben immer nock l08000 Dollars Reingewinn. Ich meine, auch damit könnten Sie zufri den sein."

B l on griff sich an die Stirn und warf seinem Partner einen wütenden Blick zu.

Sie find ein kompletter Narr, Garrison! Anders kann ich mir Ihre Rede nicht erklären. Bilden Sie sich denn wirklich im Ernst ein, daß ich mir ein volles Jahr meines Lebens um die Ohren schlage, mich in Abenteuer und Strapazen stürze, um schließlich mit einem lumpigen Gewinn von 300000 Dollars."--

308000 Dollars", wagte Garrison einzuwersen.

--von 300000 Dollars, die ich noch nicht einmal habe, herauszu-

gel en", brüllte Bolton.Ich habe sie ja noch nicht einmal. Die neunhundert Kilogramm Platin müssen erst noch an den Mann gebracht werden. Es sind zwanzig Prozent der jährlichen Weltproduktion. Wer weiß, wie der Markt darauf reagieren wird."

Man muß das Metall vorsichtig atif den Markt bringen. In kleineren Mengen, so daß der Preis nicht gedrückt wird", versuchte ihn Garrison zu beschwichtigen.

Bolton lachte auf.Die Interessenten in Chicago und New York wissen heute schon längst, daß für meine Rechnung bei der Melting and Refining Company neunhundert Kilogramm Platin lagern, und sie werden ihre teile danach machen. Der Metallhandel ist nicht besser als der Pferde- ha del."

Bolton sprach aus Erfahrung. Er hatte in früheren Jahren manchen fetten Fischzug an der Metallbörse gemacht, und kannte sich in allen dabei üblichen Tricks und Kniffen genau aus. Einen Teil seiner Millionen hatte er mit Kupfer und Zinn verdient, indem er blanko teuer verkaufte und vor dem Liefertermin die Preise durch allerlei dunkle Manöver ins Bodenlose drückte. Jetzt waren die Rollen vertauscht, und während der nächsten Wochen be­durfte es aller Gerissenheit von Seiten Boltons, um feine Vorräte abzu­fetzen, ohne daß die Preise dabei allzu lehr sauken.

Als er das letzte Kilo glücklich los war und das Fazit zog, blieb ihm gerade noch ein Reingewinn von zweihundertfünfzigtausend Dollars. Mit saurem Gesicht schrieb er den Scheck aus, der Garrison zehn Prozent davon über­wies. Die Feder spritzte, als er den Schlußstrich feines Namens zog.

So, Garrison! Da haben Sie Ihren Anteil. Einmal und nicht wieder. Bon der Antarktis bin ich kuriert."

Garrison löschte den Scheck ab und barg ihn sorgsam in feiner Brieftasche.

Captain Andrew hofft", begann er vorsichtig,daß Sie ihm die Mittel für seine nächste Expedition zur Verfügung stellen werden.---

Da hofft Captain Andrew vergeblich", unterbrach ihn Bolton unwirsch. Die nächste Reise mag ihm meinetwegen des Teufels Großmutter bezahlen. Ich nicht, Garrison! Ein zweites Mal falle ich auf den Schwindel nicht rein. Das ist mein letztes Wort in dieser Sache. Wenn Sie einen Dummen brauchen, müssen Sie sich an jemand anders wenden. Für mich ist die Sache ein für allemal erledigt."

Garrison sah das Zwecklose seiner Bemühungen ein und wollte gehen, als Bolton noch einmal anfing.Ein wahres Glück übrigens, daß mein Telegramm an den Präsidenten, das ich damals auf der .Frejus aufgab, nicht angekommen ist. Das hätte eine fchöne Blamage für mich werden können. Manchmal haben auch Aetherstörungen ihre Vortelle."

Garrison hielt den gegenwärtigen Augenblick nicht für geeignet, Bolton darüber zu unterrichten, daß jene Depesche in Wirklichkeit niemals abge­gangen war. Er verabschiedete sich, um vorläufig nach Pasadena zurück­zukehren.

Bolton machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Sein Hirn spielte be­reits mit anderen Ideen, die ihm während der Abwicklung des Platinge­schäftes gekommen waren. Sie waren vielleicht nicht ganz mit den Gesetzen der amerikanischen Union in Einklang, aber sie versprachen einen schnelleren und größeren Gewinn als das antarktische Unternehmen, an das er in späteren Jahren nur noch mit flüchtigem Bedauern zurückdachte.

Ein neuer Tag brach in der Antarktis an. Wie in flüssiges Gold getaucht, erschienen die Industriebauten am Bolidenkrater in den Strahlen der wieder , hochkommenden Sonne. Anderthalb Jahre waren verflossen, seitdem man hier mit dem Abbau der wertvollen Erzadern begann. Achtzehn lange Monate hindurch hatte der Donner schwerer Sprengungen den Krater durchtost. In steter Arbeit hatte der elektrische Strom in den Aufbereitungs­anlagen das gediegene Gold aus dem gewonnenen Erz gezogen, durch fast fünfhundert Tage und ebenso viele Nächte war ununterbrochen das dröh­nende Spiel der Münzstempel erklungen, die es zu Kronen und Doppel­kronen ausprägten. Jeder Ader, die das gelbe Metall enthielt, waren die Sprengungen in die Teufe nachgegangen, soweit sie lief.

Nun ging die Arbeit zu Ende. Das Goldnest war leer, war restlos aus­genommen. Professor Eggerth und Ministerialdirektor Reute, die am Rande des Kraters standen, die Abbaupläne des Kratergrundes in den Händen, konstatierten es in der gleichen Sekunde.

Ihre Schätzung traf genau zu, Herr Professor", sagte Reute.Mit dem letzten Gold, das unsere Schiffe heute nach Deutschland mitnehmen, kommen wir auf zwanzig Milliarden und ein paar Millionen."

Professor Eggerth faltete die Pläne nachdenklich zusammen.

Reute ging ein paar Schritte weiter zu dem Kraterrand hin und Professor Eggerth folgte ihm.

Beide blickten in den Schlund hinab. Es war still dort in der Tiefe, wo noch vor kurzem der brausende Takt rastloser Arbeit dröhnte. Nur noch wenige Lampen erhellten den dunklen Grund, Werkleute waren an der Ar­beit, Bohrmaschinen und Feldbahngleise zu demontieren und die einzelnen Teile zu den Fahrstühlen zu bringen.

Kehraus, mein lieber Reute!" sagte der Professor.Es stimmt immer wehmütig, wenn man mit ansieht, wie eine Arbeitsstätte aufgegeben wird."

Der Ministerialdirektor schüttelte den Kopf.

Es will mir immer noch nicht recht eingehen, Herr Eggerth, daß wir den Abbau schon aufgeben. Die Regierung in Berlin hat es beschlossen und als Beamter muß ich den Beschluß ausführen. Aber mit vollem Herzen bin ich nicht dabei. Die vielen Tausende von Tonnen reinen Nickeleisens, die da unten noch lagern und bann vor allen Dingen die Unmengen von Platin, die man aus dem Erz ziehen könnte. Ich sehe nicht ein, warum man das nicht ausnutzen will."

Der Professor konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Es lag noch auf seinem Gesicht, als er Reute antwortete:

Haben Sie vergessen, Herr Ministerialdirektor, wie sehr der Platin­markt schon durch die paar hundert Kilo erschüttert wurde, die wir uuserm Freunde Bolton zukommen ließen? Der Platinbedarf der Welt ist nur gering. Es gibt genug vollwertige Ersatzstoffe dafür. Kämen wir auch nur mit ein paar Dutzend Tonnen dieses Metalles auf den Markt, so würden die Preise sofort ins Bodenlose stürzen. Es lohnt sich wirklich nicht, den Abbau hier noch fortzusetzen, so verlockend er auf den ersten Blick vielleicht auch -scheinen mag."

Reute schüttelte den Kopf.Ich weiß, Herr Professor, daß der Beschluß unserer Regierung zum Teil auf Ihr Gutachten zurückzuführen ist. Trotz­dem will es mir nur schwer eingehen, daß wir die Kraterstation aufgebeu sollen."

Professor Eggerth merkte wohl, daß die Angelegenheit dem Ministerial­direktor ernstlich zu Herzen ging, und er wurde selbst ernst, während er weitersprach.

Sie dürfen überzeugt sein, Herr Reute, daß mein Gutachten auf sehr genauen Berechnungen basiert:Wir müßten das Rickeleisen hier mit immer­hin ziemlich erheblichen Kosten gewinnen und um den halben Erdball nach Deutschland schaffen. Das ergibt schließlich einen Preis, der um fünfzehn Prozent höher liegt, als für den Stahl, den wir in unfern deutschen Werken aus einheimischen Erzen erzeugen. Dazu käme noch, daß wir unserer ein­heimischen Industrie damit eine Konkurrenz bereiten. Wir müßten in Deutsch-