Ausgabe 
4.11.1935
 
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Trost in Tränen.

Von I. W. von Goethe.

Wie kommts, daß du so traurig bist, Da alles sroh erscheint?

Man sieht dirs an den Augen an, Gewiß, du hast geweint."

Und hab ich einsam auch geweint,

So ists mein eigener Schmerz, Und Tränen fließen gar so süß. Erleichtern mir das Herz."

Die frohen Freunde laden dich, O komm an unsre Brust!

Und was du auch verloren hast, Vertraue den Verlust."

Ihr lärmt und rauscht, und ahnet nicht. Was mich, den Armen, quält.

Ach nein, verloren hab ichs nicht, So sehr es mir auch fehlt."

So raffe denn dich eilig auf!

Du bist ein junges Blut.

In deinen Jahren hat man Kraft Und zum Erwerben Mut."

Ach nein, erwerben kann ichs nicht, Es steht mir gar zu fern.

Es weilt so hoch, es blinkt so schön, Wie droben jener Stern."

Die Sterne, die begehrt man nicht;

Man freut sich ihrer Pracht, Und mit Entzücken blickt man auf In jeder heitern Nacht." Und mit Entzücken blick ich auf So manchen lieben Tag;

Derweinez, laßt die Nächte mich, So lang ich weinen mag."

Zauber im Süden.

Von Görge Spervogel.

Wir waren unser drei. Ich weiß nicht, wie es kam, ich glaube, einer von uns hatte einen von uns lange nicht mehr gesehen, wir trafen uns in diesem Hafen da, La Guaira an der Karibensee, es war ein unsinniger Zusall. Wir taten uns an diesem Abend mannhaft um, aber an Mitter­nacht fielen wir ab, wir rannten hinunter ans Meer und schwammen hinaus; aber cs nützte nichts, das Wasser war genau so einduselnd warm wie diese verrückte schwüle Nachtluft da, wir wurden nicht vernünftiger durch das Wasser. So gingen wir zurück, und wir sanden seitwegs einen Garten mit wunderbarem Rasen darin und einem blühenden Tubabaum und blühenden Sträuchern, wir stiegen über den Zaun und legten uns in dieser Nacht auf den Rasen; aber das war völlig gegen jeden Ver­stand. Die Büsche schwelten, der Duft kam wie Qualm von den Massen der Nachtblüten her und machte uns einfach krank. Bei Carsten sing es an ohne einen Grund begann er zu fingen, ein Lied, das er feit mindestens zehn Jahren vergessen hatte, so ein Schulkinderlied. Dann faßte es Winne, und dann konnte ich mir auch nicht mehr helfen, und so sangen wir, etwas leise, verstehst du, denn wir lagen da gut auf diesem seltenen Rasen und wollten so bald nicht hochgebracht werden.

Zwar ging es uns allen im Grunde ganz mächtig gegen den Strich, auf dem Rücken liegen und in den Himmel fingen, obendrein kriegt man eine schlechte Art Gedanken dabei. Und richtig, vor lauter Rührung, vor Dunkelheit und Fremde und weiß der Teufel was, verstummen wir einer nach dem anderen, Mann, in einem solchen Zustand kannst du dich mit deinem besten Freund auf Tod und Leben schlagen, da sagt eine Stimme: Aber fingen Sie doch weiter, meine Freunde." Es war eine ruhige, gute Stimme, die uns hier neben der Karibensee in unserer Sprache anredete.

Siehst du, wir waren damals ja eigentlich nichts als zutrauliche Jun­gens, die sich auf einen fremden Rasen legten und Lieder von zu Hause fangen und Gefühle hatten, die uns selbst nicht paßten, und so sagten mir: Was wollen wir denn singen; aber wir dachten gar nicht daran, nun noch weiter zu fingen, wir wären am liebsten weggegangen; aber mir kamen nicht weg, als ob wir vergiftet und gelähmt waren.Erlauben Sie nur , tagte die Stimme,Sie als meine Gäste zu betrachten. Das heißt .fugte sie hinzu,wenn Ihnen nichts besseres einfällt, als mit einem alten Manne einige Stunden zu verwachen." Carsten reckte sich ächzend Winne pfiss .Alle Mann", bann murmelten wir etwas und versuchten hochzukommen. Jo mach Licht", sagte der Mann hinter sich. Joa kam, wir standen auf, da? Licht warf Schatten auf das Haus, es war ein schönes weißes Haus. Seien Sie mir willkommen!", sagte der Herr. .

Wir kamen in eine weitläufige Halle und weiter aus eine Terrasse, und da stand so eine Sorte Liegestühle oder Liegesofastuh e oder Liegesesei, es waren die besten Liegedinger, die wir je erlebt hatten, standhaft und handfest und an chmiegsam, und neben jedem stand em niedriger Tisch. Joa kam mit einem Leuchter und einem fahrbaren Wanfdjen unb o ein Schränkchen mit den hervorragendsten Flaschen der Welt und Eis und Gläsern und Schüttelbechern, na, wir sagten nichts "»«'ter dazu und liehen es mit uns geschehen. Der erste Schluck es war nicht möglich, das Glas abzusetzen. Dazu ein Tabak, schwarz, saftig, der wie bittersüßes Gift, nach Nüssen und Feuchte roch. .... ra».

Der Hausherr starrte in das Licht. Ich sah ihn an. A^^^rotes - sicht, eine ruhige Stirne, darüber schlohweißes Haar. Dieser Mann, das

sah ich, hakte seine Kräfte ausstrahlen und die Segnungen der Abennteuer durchstehen dürfen. Seine Pläne und Gedanken hatten die harten Prü­fungen der Wirklichkeit bestanden. Nun besaß er dieses weiße Haus, Gärten und Ländereien, besaß Reichtümer und den klaren Rückblick auf ein ausgefülltes Leben.

Wir dagegen? Als Jungens wollten wir schon hinaus um gerade des Lebens willen, das dieser Mann wirklich gelebt hafte, um das zu er­reichen, was uns hier so mühelos und nahe umgab. Gedanken, Pläne genug, aber sieh uns jetzt an, uns drei: so oft wir Heuer haben, so oft liegen wir auch als Beachcornber und Stowawan, als teere Hand und überflüssiges Stück in Häfen und Sielräumen. An uns also hat sich dieser Weißhaarige gewendet, gut. wir sind Landsleute, gut, aber was sollen wir hier? Wir lassen uns unser eigenes Leben verhaßt machen.

Was sollten wir hier? Dies alles war nichts für uns. Ich blickte zu Wmne hinüber und sah, er sprach mit dem Herrn, und ich hörte, daß sie über Musik sprachen. Ja, Winne, er sollte Lehrer werden, ehe es ihn packte und er hinaus mußte und von allem wegging und eine Heuer vor dem Maste nahm. Sie sprachen über Musik, der Herr verwunderte sich wohl über unseren Kameraden, der kleine braune Joa mußte eine Geige holen gehen. Ich wollte den Freunden sagen, was ich dachte; aber sie schienen die Dinge anders zu sehen, sie waren wohl recht glücklich in oieser Nächt. Sie tranken nachdenklich und sprachen so versonnen; sie waren stark aus ihrer Art. Mir war, als gehörte ich nicht mehr zu ihnen.

Winne nahm die Geige behutsam auf, fo als traue er seinen Händen nicht mehr. Er zupfte einige Töne, stimmte, versuchte ein paar Läufe, und bann tat er einen tiefen, dunklen Strich. Er verlor sich schnell. Viel­leicht war es das Feuer, das in den Gläsern gefunkelt hatte und nun in unseren Adern rann, vielleicht auch die Traurigkeit von vorhin, die uns schon alles aufgeben gemacht hatte wir verloren uns ganz, wir wehten unter den Sternen dahin und atmeten, es war, als käme die Musik aus unserem Blut. Der grell besternte schwarze Raum über uns verlor seine Drohung, Licht stäubte durch ihn her, ich sah den durchsichtigen, kühlen Himmel der Heimat. Ich glaube, uns allen wurde in diesem Augenblick so leicht und froh und zuversichtlich zumute, diese ruhige, sichere Melodie ich habe sie später wiedergefunden, sie ist von Bach nahm alle fremdländische Verzauberung von uns, wendete traurige Müdigkeit und Sehnsucht in heiteren Gleichmut und angefüllte Ruhe. Wir wurden ganz still.

Aber ich weiß nicht, was in Winne steckte und nun oder nie aus ihm herausmußte, er setzte die Geige wieder an, und jetzt kam eine von die­sen Melodien, die mich krank machen und klein, hilflos und schlecht und bösartig vor Rührung und Siebe. Ich stand auf und kümmerte mich um gar nichts und wollte gehen, ich tat ein paar Schritte und sah nichts mit meinen Augen und kam in die Halle, und da stand jemand und war auch so zitternd und krank von der Musik in dieser Nacht geworden, es war ein Mädchen, es stand da, ich spürte, wie es sie schüttelte. Es gibt Menschen, die sich gegen Musik nicht wehren können, ihr Herz liegt zu­tage. Vielleicht war das Mädchen von dieser Art, vielleicht hatte es auch einen großen Schmerz erfahren oder Liebe, ober es hatte kein Glück.

Ich versuchte, bes Mäbchens Gesicht zu erkennen, die Kerzen flackerten auf, und ich sah das Gesicht: es war schon und naß von Tränen. Ich tat einen Schritt, mein Herz klopfte, sie fiel mit der Schulter gegen mich, und dann sanken ihr die Knie. Ich fing sie auf und hielt sie und streichelte sie altes gegen meinen Willen, ich wollte fort; denn ich wußte, ich war jetzt bösartig und schlecht, voller Grausamkeit und zielsuchender Wut. Da", sagte ich und zeigte auf Winne,der!" Sie machte sich los und trat in den Lichtschein hinaus, sie ging wie nach langem Suchen Aus der Straße fiel mir ein, ich hätte Winne ein paar Worte sagen sollen, ober wenn nicht Winne, so boch Carsten; aber mir wurde alles mit jedem Augenblick gleichgültiger. Ich kam durch Straßen, in denen noch Leben war, ich ging weiter, ich hörte Stimmen und Gelächter, und plötzlich kam durch die Nacht ein gewaltiger Ton, der jedes andere Geräusch nieder­dröhnte und einen Atemzug lang erschrecktes Schweigen hinter sich ließ, ein geliebter und gehaßter Ton: die Sirene des Schiffes, meines Schiffes, das mich rief. Ich rannte, bas Wasser lief an mir herunter, ich erreichte bie Kaje unb fiel in ein Boot, unb eine Stunbe später liefen wir aus. Der Alte schrie, unb ber Erste schrie, unb überhaupt alle schrien, es lag eine schlechte Nacht hinter jebem.

Das war in La Guaiva an ber Karibensee. Ich sah Carsten ein halbes Jahr später in Suez, sein Schiff lief aus unb an unserem vorbei, er rief, aber ich verstaub nichts, benn ich muhte an meine Winsch unb konnte nur winken. In Diamonb Harbour, bem Kalkutta-Hasen, kam er zu mir an Borb. Er sah fürchterlich aus. Sein Kapitän hatte ihn nicht abmuftem lassen; so war er von Borb ausgerissen unb hatte sich drei Wochen in den Sunberbunbs herumgetrieben, um auf mein Schiff zu warten unb mir ben Schluß ber Geschichte zu erzählen. Ich muß sagen, er überraschte mich zuerst. Mit ber Zeit aber erschien er mir mehr unb mehr nötig unb folge­richtig.

Es kommt einmal auf den Mann an, und zweitens auf die ihm zuge­hörige Waffe. Für jeden Mann gibt es eine bestimmte Waffe, die ihn allein an fein nur ihm bestimmtes Ziel heranbringt. Solche Waffen sind untereinander so verschieden wie ihre Anwendungsweise unb bie Art, wie sie zum Ziele führen. Ein Gebaute kann eine Waffe unb genau so nützlich fein wie Dummheit, Armut vermag so hinzureißen wie Reichtum, Weh» lofigteit ist oft stärker als alle Gewalt. Winne brauchte als Waffe ein» Geige, bie ber Zufall ihm bot, unb bie burchaus nicht seltene Fähigkeit, barauf zu spielen. Damit bezauberte unb siegte er. Vielleicht braucht man zu dem ganzen auch nur Glück zu sagen.

Carsten sagte Glück. Der kleine Joa Zauber. Der alte Herr unb feint Tochter sagten Schicksal. Und Winne? Winne brauchte nichts zu sagen, es geschah ihm ja alles nur. v , .

Später einmal schrieb er mir einen Brief. Wir sollten doch einmal m La Guaira bei ihm hereinsehen. Der Tubabaum blühte im Garten, btt Liegestühle ftünben bereit.

Wenn es Carsten jetzt schlecht ergeht, sagte er, nun hatte er ben Hals