Ausgabe 
4.1.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener AWiger

Jahrgang 195^*5" Freitag, denHanuar !MM? M Nummer l

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HANS DOMINIK EIN STIEIRN FIEL^ÜMHIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANC G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Ein eigenartiges Bild bot sich seinen Blicken. Er stand auf einer Art von Gebirgskamm, der eine Kreislinie zu bilden schien. Ein Kreis, in gleichmäßigen Abständen mit hohen Gittermasten besetzt, die in etwa dreißig Meter Höhe mächtige Starklichtlampen trugen. Jetzt begriff er die Ursache der sonderbaren Lichterscheinung, die ihm während der Fahrt so rätselhaft war.

Aber noch etwas anderes erblickte er. Dort zur Linken in einer Ent­fernung von kaum hundert Meter lag der schimmernde Rumpf eines Stratosphärenschiffes. Viel größer und gewaltiger war der Metllbau als der von ,St8, den er kannte. Das mochte wohl ein Schiff der neuen stärkeren Type sein. Und zur Rechten lag auch solch Flugschiff und noch andere lagen daneben. Acht der riesenhaften walfischartigen Ungeheuer zählte er. Eine ganze Flotte von Stratosphärenschiffen hatten die Eggerth-Werke hierhin entsandt.

Nachdenklich schritt er langsam weiter, den Hang hinab. Er kam nicht roelt Der Boden hörte plötzlich wie abgeschnitten vor ihm auf. Jäh ver­hielt er den Schritt und erkannte im Augenblick, daß er am Rande eines gewaltigen Kraters stand, durch den vor undenklichen Zeiten viel­leicht eine Vulkan seine Glutmassen emporgeschleudert haben mochte. Regungslos stand er am Rande der steilen Kraterwand, schaute hinab und sah auch in der Tiefe dort unten Lichter, erkannte Menschen, die sich dort unten bewegten. Ein dumpfer, hämmernder Lärm drang aus dem Schlund empor, als ob Maschinen auf seinem Grunde arbeiteten.

,^)err Ministerialrat Schmidt!" Der Ruf war hinter ihm erklungen. Er drehte sich um. Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand Reute. Nur mühsam fand Dr. Schmidt Worte.

Ich begreife das alles nicht, Herr Ministerialdirektor. Eine Flotte von Stratosphärenschiffen hier! Diese Arbeiten grade hier am magne­tischen Pol, wo wir unsere Messungen machen wollen."

Ein leichtes Lächeln glitt über die Züge Reutes.

Ich fürchte, Herr Ministerialrat, daß der Ort wenig dafür geeignet ist. Sie werden keine große Freude an ihren Messungen erleben."

Wie meinen Sie das? Hier ist der Pol, die Magnetnadel weist hierhin."

Das Lächeln auf Reutes Gesicht wurde stärker.

.Kein Wunder, Verehrtester. Dort auf dem Grunde liegen schätzungs­weise fünf Milliarden Tonnen reines Eisen. Das ist für die Magnet­nadel schon ein triftiger Grund, hierhin zu weisen. Wir kannten den Ort schon früher. Mein Kompliment, Herr Kollege, daß Sie ihn nach Ihren magnetischen Messungen auch so genau ermittelt haben.

Während Reute sprach, wurde das Gesicht des langen Schmidt immer verdutzter. Ein paar Sekunden starrte er den Sprecher mit offenem Munde an, bevor er etwas zu sagen vermochte.

Ja, aber ja ja, dann Herr Ministerialdirektor müssen wir alle Bedingungen haben sich verändert dann müssen wir aufs neue auf die Suche gehen das ist ich verstehe, eine so enorme Eisenmasse muß natürlich eine Störung in den erdmagnetischen Fluß bringen aber ich begreife nicht warum kommt die Störung erst jetzt. Wir haben im vergangenen Winter in unserer Station am Shackleton-Pol nichts davon gemerkt, die Störung muß erst später aufgetreten fein wie ist das möglich, Herr Ministerialdirektor"

Reute griff ihn unter den Arm und zog ihn mit sich.

Das ist eine lange Geschichte, lieber Ministerialrat. Zu lang, um Sie Ihnen hier draußen zu erzählen. Kommen Sie mit in mein Haus. Da wollen wir in Ruhe darüber sprechen."

Wie benommen ging Schmidt neben Reute her. Er schaute kaum um sich, als der ihn an einem Stratosphärenschiff vorbeiführte, und sah erst auf, als sie vor einem Haus standen, das in seiner Ausführung den Ge­bäuden der Willeschen Station sehr ähnlich sah. Neben dem Haus erhob sich ein Mast, an dem die Flagge des Deutschen Reiches in leichtem Winde flatterte.

Treten Sie bitte ein", sagte Reute.Herr Wille ist schon hier. Wir müssen diese Angelegenheit zu dritt gründlich besprechen."

*

Hätte Berkoff den Gebrauch voraussehen können, den Bolton und besonders Garrison von den ihnen überlassenen Werkzeugen machten, so wäre er vielleicht etwas weniger freigebig damit gewesen. Auf die Gefahr

hin, die beiden Dankees zu Rohköstlern zu machen, hätte er ihnen dann vielleicht nicht einmal Streichhölzer und Feuerzeuge dagelassen.

Scharfe Handbeile und Aexte, Sägen und Stemmeisen hatte er ihnen damals in die Erzkiste gepackt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Bäume zu fällen und sich eine menschenwürdige Behausung zu errichten. Aber die Herren Bolton und Garrison hatten ganz und gar nicht die Absicht, sich auf ihrer Insel seßhaft zu machen. Auch jetzt noch der Kalender, den Garrison nach Robinsons Vorbild in Kerbschnittmanier an einem Baumstamm angelegt hatte, zeigte bereits den dreißigsten Tag bestand ihre Behausung nur aus einem primitiven Zelt, das aus drei Baumstämmen und ein paar wollenen Decken zusammengebaut war. Ihre ganze Arbeit galt einem anderen für sie viel wichtigeren Zweck.

Während der ersten zehn Tage ihres Aufenthalts auf der Insel be­schäftigte sich jeder der beiden auf seine eigene Art. Bolton schoß Ziegen und allerlei Geflügel und betätigte sich nach erfolgreicher Jagd als Koch.

Garrison kehrte immer wieder nach jenem waldlosen Gipfel zurück, den sie schon am ersten Tage aufgesucht hatten. Viele Stunden lang saß er hier, machte Schattenmessungen, schrieb und rechnete.

Auf der Suche nach neuem Papier das letzte Blatt seines Notiz- buches war mit Zahlen vollgekritzelt machte er sich auch über die Kon­serven her. Vielleicht, daß das Papier, mit dem die Blechbüchsen beklebt waren, für weitere Rechnereien einen brauchbaren Untergrund liefern konnte.

Büchse um Büchse ließ er durch seine Hände gehen. Kondensierte Milch, Corned Beef und Ochsenschwanzsuppe, und was sonst noch die Vorrats­kammer von ,St 8 für sie hergegeben hatte. Plötzlich stutzte er. Eine Büchse nach der Aufschrift enthielt sie Hummer war ihm in die Hände gekommen. Aus irgendwelchen Gründen die Wege der Reklame sind bisweilen unerforschlich hatte der Erzeuger dieser schmackhaften Kon­serven es für zweckmäßig gehalten, eine Karte der Südsee auf der Büchse anzubringen.

Mit zitternden Fingern drehte Garrison den kostbaren Fund hin und her. Dicht an die Augen brachte er die Büchse, um die Darstellung in allen Einzelheiten zu prüfen. Mit unbeschreiblicher Freude stellte er fest, daß er nicht irgendeine Phantasievorstellung, sondern eine richtige Karte mit eingetragenem Gradnetz entdeckt hatte.

Tiefer sank die Sonne. Die Flinte über die linke, ein halbes Dutzend Tauben über die rechte Schulter gehängt, kam Bolton von der Jagd zurück. Verwundert schaute er feinen Gefährten an. Der lag der Länge nach im Grase eine Konservenbüchse und fein Notizbuch vor sich, und zirkelte in einer unbegreiflichen Weise an der Büchse herum.

He, Garrison, was haben Sie da? Hat's Ihnen der Hummer von Jenkins & Parry angetan oder fehlt Ihnen sonst was?"

Garrison sprang auf und streckte Bolton die Konservenbüchse mit einem so mächtigen Schwung entgegen, daß der einen Schritt zurücktrat.

Bolton! Ich weiß, wo wir sind. Hier! Sehen Sie, hier!"

Er wies auf ein Bleistiftkreuz, das er auf die Büchse gemacht hatte.

, Hier sind wir. kaum zweihundert Kilometer von Tahiti entfernt. Da müssen wir hin, Bolton."

Kopfschüttelnd nahm ihm Bolton die Büchse aus der Hand und sah sie sich genau an.

Gott segne Jenkins 8- Parry, daß sie uns diese Karte sandten. Aber zweihundert Kilometer ein langer Weg, Garrison. Wie sollen wir über das Meer kommen?"

In einem Boot natürlich, Bolton, wie andere Leute auch."

Erst eins haben, Garrison. Wo sollen wir auf dieser dreimal ver­fluchten Insel ein Boot finden?"

Wir werden uns eins bauen, Bolton!"

Lange noch lag Garrison während der Nacht wach in dem Zelt. Stunden hindurch konnte er keinen Schlaf finden. Zu sehr arbeiteten die Gedanken in seinem $Virn. Immer festere Formen aeroannen dabei feine Pläne. Bis in alle Einzelheiten hatte er sie durchdacht, als er endlich einsckllummerte.

Während der nächsten Tage führte Garrison ein Wanderleben. Er d^chstreifte die Uferwaldungen, bis er nach langem Suchen fand, was ihm für feine Zwecke brauchbar dünkte.

Er entdeckte es an einer Stelle, an der ein steiler Felshang dicht an das Ufer henantrot. Nur einen knappen Steinwurf breit war der flache sandige Strand davor. Aus niedrigem Gehölz ragte dort ein mächtiger