Ausgabe 
3.6.1935
 
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Fünf oder sechs Tage lang haben wir daheim auf der Wehrtanne nicht gewußt, daß der -eier nur bis zur S)oberen hinabgekommen ist. Eines Abends beim Nachtessen hat die Mutter sich seinetwegen besonders schwer gehärmt.Ach jetzt ist der Heinrich vielleicht schon auf dem großen Weltmeer, ich hab' eine Ahnung, daß ihm das Heimweh fast den Tod gibt. Oh wenn er gar in seiner Not ins Wasser springen mürbeI Und die Haifische schwimmen um das Schiff herum mit ihren aufgesperrten Rachen, wo man mit einem Fuder Heu einfahren könnte!"

Da bringt der Schang vom Kirschgarten einen Brief, den der Bote dort für uns abgegeben. Er lautet ganz kurz:

Liebe Eltern und Geschwister! Ich bin denn also glücklich in Australien angelangt, die Gegend gefällt mir gut, und ich gedenke zu bleiben.. Wenn Ihr mir schreiben wollt, so ist die Adresse: Frau Witwe Verena Gutknecht, geborene Mäder, auf der Haderen, Post Steiniggrund. Vom wem werdet Ihr wohl erraten."

Der Vater ist gleich am andern Tag hinabgegangen und hat dem Nichtsnutz die 500 Franken wieder abnehmen wollen; aber die sind schon in einem andern Säckel gewesen. Zu mir hat der Heier, wie er nach dem Heuet als Verlobter mit seiner Vrene zum erstenmal heim auf Besuch kam, hinterm Hause gesagt: Du, Urech, wenn du von Australien eine Ahnung hättest, du wurdest morgen schon dorthin abdampfen.

Klassisches Holland.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Die Heerengracht ist das wahre Maß des inneren Amsterdam. Sie ist, wie der Name ansagt, die Straße der Herren. Häuser, Kanal und die doppelte Uferstraße zu beiden Seiten des Wassers sind sauber und ruhig. Die Zeile der Häuser, die jedes dicht am anderen stehen, spiegelt sich vollkommen deutlich im unbewegten Wasserspiegel. Bejahrte Allee­bäume, deren Kronen einander streifen, senken auf die Gracht, deren Wasser an sich schon schwärzlich ist, beschwichtigendes Halbdunkel, das ähnlich schon den Rembrandt entzückt haben mag. Von dem Gestank der anderen Altstadtseite, von den Abfallgerüchen der Gelderschekade ist in der Heerengracht keine Spur. Die Heerengracht ist die Mitte der Nobelstadt.

Einige Häuser der Heerengracht sind ganz aus weißgrauem Putz­stein gebaut. Andere Fronten tragen lichten, glatten Putz. Aber das eigentliche Hausbild ist aus Backstein gemauert. Da steht die Stirnseite lilarot, violettrot, auch schwärzlich mit kalkweißen Putzsugen, die aus­sehen wie eine Lineatur auf einer Schiefertafel. Die reine Backstein­mauerung, deren Reiz sich schweigsam vorträgt, ist von starken und klar geschnittenen Steinsockeln getragen, deren Hellgrau, deren Fahlblau matt schimmert. Die Festigkeit der Sockel verbürgt den Bauten geraden Stand: die Häuser der Herren hängen nicht vor, wie die Häuser gemeiner Alt­stadtbezirke alternd es freilich zu tun pflegen.

Die Häuser der Heerengracht sind einfach, Fenster machen die Gliede­rung hohe Fenster in schlichten Ordnungen. Die Fenster sind weiß umrandet: zuweilen mit rahmfarbig bemaltem Stein, zuweilen mit schmalen Holzleisten, die aussehen wie helle Passevoils an einer dunklen Uniform. Die Fenster sind unverziert errichtete Rechtecke: nur dann und wann ist eine Scheitellinie barock geschweift. Mitunter erscheinen, eigen­tümlich betont, weiße Fensterkreuze: sonst sind die Fenster große, kost­bare, dunkelblanke Scheiben aus einem Stück.

Nächst den Fenstern sind Dächer und Türen die Hauptzüge schöner Gliederung

Die Stirnlinien der Häuser sind weiße Säume in der Höhe droben waagerecht erstreckt über die Breite der Fronten. Es gibt keine spitzen Giebel, Stirnlinien und Dachscheitel, Simse und Firste sind dem wag- rechten Lauf der Straße, dem waagerechten Stillstand des Kanals als Parallelen zugeordnet. Das Gleichmaß, das sich ergibt, ist eine Wohltat. Und um so mehr, als man ihrer kaum inne wird, weil ihre Mittel so bescheiden sind. Hin und wieder ist die Dachlinie durch eine kremegelb gemalte Steinbalustrade ausgezeichnet, die über dem violetten Dunkel des Hauses kremegelbe Steinvasen trägt. Hin und wieder ist die Stirn von einer jener schweren Kurven umzeichnet, die dem holländischen 17. Jahrhundert eigentümlich angehören.

Türen nehmen die Würde von Portalen an: aber die Portale sind schlicht, und ihre Würde ist lauter Maß. Sie greifen in den ersten Stock hinauf, umschließen seine Mitte; dies ist alles. Dies und der schwergrüne ober jargschwarze Lack der Holztüren, ber sorgsam gepflegt wirb. Kein Schmuckstück an ber ganzen Front es sei benn ba und bort einmal eine ruhig ausgebildete Steingirlande.

Nirgends ist in diese Fronten das Schaufenster eines Ladens ein­gebrochen. Welche tief zu empfindende Annehmlichkeit, in einer Straße zu gehen, die keine Schaufenster hat! Vordem haben die Straßen der Städte wohl sämtlich so ausgesehen, mehr oder minder; hier aber, in der Heerengracht, hat der Verzicht auf Schaustellung den Grad augenschein­lichster Vollkommenheit erreicht und behalten. So wenig will aus diesen Häusern heraus etwas dargestellt werden, daß Fenster und Türen sich vielmehr so sehr zu verschließen scheinen, als sie es überhaupt vermögen. Die Türen sind zu, fest im Schloß: an den Fenstern sind Spitzenvorhänge herabgelassen oder zugezogen; niemand schaut heraus, und niemand kann hineinschauen. Mauern, Fenstern, Türen sind eine undurchdringliche Scheidewand zwischen der familiären oder geschäftlichen Jnwendigkeit der Häuser und einer Oeffentlichkeit, die an dieser Stelle freilich den Charakter des Auserlesenen trägt. So verschwiegen, mit solcher Zurück­haltung von aller Mitteilsamkeit stehen die Häuser da, daß es schon wie eine Ansvrache, ja wie eine Vertraulichkeit anmutet, . wenn vor den Fenstern Markisen herausgestellt sind. Beinahe ist dies auch die einzige Art der Häuser, ins Profil vorzutreten. Wären die Markisen nicht, und

wären nicht die kleinen, reinlichen Vortreppen mit den blanken i ländern, so wären die Häuserfronten bare Flächen.

Nur zuweilen und beinahe gegen das Gesetz der Erscheinung aljnt man seltsam jäh den kolonialen Hintergrund: obwohl die Häuser btr Heerengracht wahrlich dazu angetan sind, ihn zu verschweigen. Denn in ber Tat: biefe Häuser finb ba, um nichts zu verraten. Hier bauten in Jahrhunberten große/ aber stille Kaufleute. Sie nahmen gäben de- Welthanbels in bie Hänbe: aber niemanb hatte je im minbeften bie 21t. sicht, sich besten zu rühmen. Doch wie verrät sich bie alte, noch immer überjeugenb hergebrachte, noch heute mit lauter echter Autorität zwar unscheinbar, aber wirksam gesättigte Wichtigkeit bieser Straße? Darin verrät sich diese Wichtigkeit, daß sie, obwohl die reichen Leute, feitbem neue Bezirke feinen Wohnens weiter braußen gegrünbet unb bezogen haben, als ein unoeränberlidjes Antlitz ebenso nachwirkenber als gegen­wärtiger Stärke sichtbar bleibt ein gemäßigtes Menschenzeichen gleich­sam unbebingter Standfestigkeit. Darin etwa betunbet sich bie Wichtigkeit ber Heerengracht, baß ein Briefträger an ber buntlen Lacktür steht, uni) Postsachen bringt, bie Marken aus Nieberlänbisch-Jnbien tragen.

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In ben Häusern ber Heerengracht ist eine Sachlichkeit ausgesprochen, bie biefes Namens wert ist. Eigentlich läßt sich von biesen Häusern wenig, anderes sagen, als dies, daß sie daftehen; daß sie das phrasenlose, ji unberedte Gesetz des einfachen Standes erfüllen: daß ihr Dasein ein einfach-statistisches Dasein ist.

Aber ist damit wirklich altes ausgesagt? Ist über dies Statisch) hinaus nicht doch noch ein Charakter nachzufühlen?

In der Tat. Das Sachliche, das Einfach-Statische wirkt auch als eire Form des holländischen Humanismus, der niederländischen ßatinital Aber es genügt, zu sagen, daß diese Häuser klassisch sind: daß sie bas Unbedingte, das Allgemeingültige, das Jmmergültige des Klastischen ait sich haben. In der Verbindung mit ihrer Umwelt scheinen sie auch be schöne Metrik des Klassischen zu besitzen. Auf klassische Weise scheint b e Heerengracht Vers und Strophe zu sein. Wie bie Häuser .ber Gracht, jebes in sich unb alle im Verhältnis zueinanber, kaum etwas Prächtiq- Unterscheibenbes suchen, wie sie nur eben bie eingeborene unb grunl- legenbe Klassizität ber allernächsten Norm zu verwirklichen wissen und bie Einheit bes Niveaus barzustellen, so ist ja selbst bie boppeüe Kaistraße zu beiben Seiten bes Kanals bem Silbe ber Häuser noch gleichgesetz!: bie Straße ist mit Klinkersteinen gemauert, in benen bie Backsteinmauern ber Häuser im rechten Winkel sich sozusagen fortsetzen. Die Straße aus Klinkersteinen mutet an, wie eine aus ber Senkrechten in bie Waagrechie umgelegte Mauerfront. Daß diese Straße kein Trottoir besitzt, ist für bit Gleichheitlichkeit bes Ganzen wichtig: auch hierin spricht bie Gegenseitig­keit ber Dinge sich eigentümlich aus.

Das Gleichheitliche ber Heerengracht ist auch eine gesellschaftliche Er­scheinung. Denn hier ist eine Republik von Häusern. Aber sie besitzt ta natürliche Vornehmheit ber Klassizität. Sie ist nicht monumental gi in jebem einzelnen Stück bezeugt sie wie im Ganzen ben ausbrütflidjeit Verzicht auf bas Monumentale: gleichwohl ist bie Straße herrschaftlich Es läßt sich nicht verkennen, baß biefe Straße von einer Demokratie gewirkt worben ist: aber wie in jeder klassischen Welt, so ist bie Demo­kratie in bieser Straße patrizisch. Wohl scheinen Maß unb Enthaltung ber kalvinistischen Welt jebe Hierarchie auszuschließen: auch geschieht e;, baß ber Kanal ber Heerengracht Schleppkähne mit Steinlabungen trätet unb also mit ber körperlichsten Welt ber Arbeit in Berührung gerät. 5-c, man würbe sagen können, zwischen ben Herrenhäusern ber HeerengraÄ unb ben Bauernhäusern hollönbischer Dörfer bestehe bie Uebereinftinr mung einer unablässig sich sortsetzenben Ebenmäßigkeit. Aber nicht miiv ber unverkennbar ist, baß bieser bemokratische Zustanb burch bie Heeren­gracht hin sich in jene Erlesenheit ber Vollenbung gesetzt hat, bie bem klassischen Geist entspricht.

Um biefes Verhältnis völlig zu verstehen, tut man gut, es auch vm einem jenseitigen Stanbpunkt zu betrachten, bem venezianischen. Amste n bam hat mit Venebig Ähnlichkeit, unb von ber Heerengracht ließe M nicht ohne Fug behaupten, sie sei ber Canale grande ber Nieberlande. Auch Amsterbam ist eine Art ßagunenftabt, unb an ber Heerengracht siind in Jahrhunberten ihre regierenben Patrizier zu Hause gewesen. Inbessst ber Vergleich bezeichnet auch bie Gröhe bes Unterschiebs. Die Häuf« bes venezianischen Canale grande finb wahrhafte Paläste: die Häusxr der Heerengracht sind es nicht. Die Paläste bes Canale grande sind bem gemeinen Wesen leibenschastllch entrückt; sie finb in ben stärksten Gegen­satz wider das gemeine Wesen gestellt. In der Heerengracht hat bw gemeine Wesen sich mit bem patrizischen Wesen in bas Verhältnis b«r Gleichung gerückt. Das Aristokratische ist hier nur eine entwickelte B (> Ziehung bes Allgemeinen.

Die Heerengracht steht still. Blaugrau, graulila filtert sich bas LiÄi bes nieberlänblschen Himmels in diesen vornehmen und ein wenig unter' weltlichen Norden herab. Ruhe, Stummheit ist bas Gesetz dieser MM bie nicht nur dieser einen Stadt, sondern auch der ganzen Erde als eine bestimmende Achse angehört. Sehr selten geschieht, daß eine Tür f 4 öffnet. Wenn ein Schiff mit Arbeitern und Steinen oder ein Schiff nm ber lauten Neugier ber Fremben durch den Kanal fährt, bann rührt sich ber Spiegel unb macht ben Wiberschein ber Häuser im Wasser gittern; aber es ist nicht bie Regel, baß bies geschieht. Wenn ein Auto über bsn Kai rattert, ist es eine ßäfterung. Jeber ßärm, jebe Geschwinbigkeit, iilt in bieser besonnenen Zone ausgeschlossen. Wäre bie Heerengracht Musn-, so wäre sie ein ßargo Wäre bie Heerengracht ein Mensch, so wäre 'tr ein Phlegma aber bas Phlegma würbe Adel und Macht besitzen.

Dies ist das Antlitz der Straße, in der die Generalstaaten mit ibr*r protestantischen Zähigkeit, mit der starken Widerständigkeit und Sei " ständigkeit ihrer weltgeschichtlichen Politik, mit der klugen unb besckM denen Gefaßtheit ihres Reichtums Wohnsitz, Ausbruck unb Gleicht gefunben haben.

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