Brot.
Von Bruno Nowak.
Aus Ackerkrume steigt Halm um Halm in Frühlingslust und Sommerglast.
Auch fallender Nebel und ziehender Qualm sind auf dem Felde Gast.
Kraft aus der Erde und Kraft aus der Luft, sie ziehen, o Wunder, ins grünende Korn.
Und wo noch heute die Lerche ruft, fchreit morgen des Donners Zorn.
Als einst übers Feld hinging der Pflug, da war die Arbeit wie ein Gebet.
Und wo ein Korn in den Boden fchlug, es zehnfach nun auferfteht.
Es nahm das Feld den Segen, das Glück, die Schönheit, den Schweiß, die Hoffnung, die Not. Es nahm. Und gibt doch wieder zurück den Menschen alles, vergißt kein Stück.
Und gibt uns das Brot.
Oie JReife nach Austra,.en.
Eine Bergbauerngeschichte von Alfred Huggenberger.
Aus der Heimkehr von einem Weidegang klopft der Wehrtanner Urech Leu seinem Bergnachbarn vom Heiletsboden auf die Achsel. „Heut bin ich Übermaßen gut aufgelegt", sagt er. „Heut will ich dir einmal erzählen, wie mein Bruder Heiri vor Jahr und Tag nach Australien gereist ist. Eines mußt du zum voraus wissen, der Heier hat daheim einfach nicht gut getan. Das heißt nicht etwa, er sei ein fauler Hund gewesen, o nein, beim Bauernschafsen hat er in allen Stücken seinen Mann gestellt. Nur an den Webstuhl wollte er um des Teusels willen nicht heran, den Webkeller nannte er die kleine Höll', und die wollte er nach seiner Behauptung mit dem, was er bis jetzt angestellt, noch nicht verdient haben. Der Vater, wie er denn immer ein Hartkops gewesen ist, hat gesagt: „Da hindurch geht's, Bub, biegen oder brechen. Wenn du nicht bei schlechtem Wetter am Webstuhl schaffen willst, dann stell' ich dich vors Haus."
Der Heier nimmt allogleich die Türsalle in die Hand und ruft schon durchs offene Fenster in die Stube herein: „So, draußen wär' ich, wenn's nur an dem fehlt, du brauchst dir keine Mühe zu machen. Aber wissen möcht' ich doch, ob ich mit meinen 23 Jahren nicht einen Zehrpfennig aus den Weg verdient habe." Der Vater lenkt ein und geht ans Fenster: „Und die Straße, Bub? Sonne oder Mond?"
Der Heier ist nicht gleich beschlagen. „Hä nun — zuerst roill i<i) ein» mal ein Jahr lang laufen, immerzu, bis mir wo ein Ort recht ist. Hundert Stunden weit, auch zweihundert. Der Berg kann mir gestohlen werden und der Webstuhl da unten dazu."
„Einem Vaganten geb' ich kein Geld zum Verschleißen", sagt der Vater. „Du muht dir ein Ziel oorstecken, ein richtiges Ziel, und auf das mußt du zuhalten, immer gerade aus."
„Dann fahre ich nach Australien", erwiderte der Heier kurz und gut. „Australien ist auch aus der Welt. Bloß nach Amerika zu gondeln, das wäre mir zu blöd, nach Amerika kann jeder Lass reisen."
„So etwas laß ich gelten, der Handel ist abgemacht, sagt der Vater. „Ich geb' dir fünfhundert Franken in die Hand. Wenn du dem Spargeld dazulegst, so kannst du's machen. Aber ich will einen Bries von dir aus Australien bekommen, darunter tu ich's nicht."
„Den Brief bekommst du. Wenn ihn der Briefträger bis in zwei Jahren nicht bringt, so ist das Schiff untergegangen.
So haben die zwei den Vertrag durchs Fenster abgeschlossen, und am andern Tag früh ist der Heier schon gcftiefelt und Scstrahttmit seinem Säcklein unter der Haustüre gestanden. Am obern und am untern Kir i)- garten ist er vorbeigewalzt, wo man schon mit Heuen anftng, $ nur mit einem Aug nach rechts oder nach links zu schielen. Auch vom Berg hat er nicht ein einziges Mal mit Stillstehen oder Augenauspuhen Abschied genommen. Den kann ich mir dann wieder angucken, wenn ich einmal von Australien zu Besuch heimkomme, hat. er zu sich selber 9 l Beim Höflein zur Haberen steht die Witfrau des beim Holzen verunglückten Sali Gutknecht auf dem Stiegentritt und ruft ihn an: „Wo 'naus, Heiri, wo 'naus?" ......
Ist er stillgestanden und hat die hübsche junge Frau mit schiesgedreh- tem Kopf ein bißchen ins Auge genommen. „Ich geh ab! Den Berg könnt ihr behalten." „ . . .
Das Wohin darf man fcheint's nicht erfahren , .kommt es von der Stiege zurück^ „Läufst du etwa bloß der Nase nach, ms Blaue hinein
„Nach Australien geht's, wenn dich jemand fragen sollte."
„Ist das weit?" .. _, , „„„„„„ -
„Du bist ja o lange wie ich in die Schule gegangen. ....
„Jetzt möcht' ich nur noch aus dem Wunder kommen, ob heut der letzte Tag ist, wenn man nach Australien will.
„Es fährt nicht bloß ein Schiff auf dem Meer" gibt der Hcei' zuru
Die Vrene besinnt sich auch nicht lang. „Dann konntest du vorher noch ein gutes Werk tun: du könntest wir die Tobelwies abmahen, ist m da fast zu steil. Das andere bringe ich dann schon fertig.
„Also. Macht man das."
Der Heier legt sein Bündel In den Schopf, bengelt «hie Sense mS. ängt an zu mähen. Die Sonne brennt heiß an die steile Halde, er mäht, Mittagessen in der freundlichen Stube. Er dengelt und mäht roiebea, Einesmals steht bie Witfrau hinter ihm. „Nur g'ftät, es reicht jetzt schon« Aus einen Tag wird's dir nicht ankommen, Australien springt nicht fort Wie wollten wir das viele Heu morgen eintragen, ich und die (Britt?" Heiri putzt das Sensenblatt mit einem Graswisch blank und schaW mit Gabel und Rechen, „Auf einen Tag kommt's mir nicht an."
„Was kostet eigentlich das Schiff, wenn einer nach Australien fahren will?" fragt Vreni nach dem Abendessen. Er weiß ihr nicht genau Anschluß zu geben. „Das wird halt schon ein wenig auf den Wind ankommen; aber man hat mir in Schönau auf der Sparkasse gesagt, als ich mein Geld holte, es werde schon so um die sechshundert Steine herum rumpeln."
Sie schlägt die Hände zusammen. „Ein Sündengeld! Mit so viel wäre mir für alle Zeit geholfen. Ich darf mich ja, was die Schulden angeht, jeden Abend getrost ins Bett legen; aber bares Geld kommt einem nicht ins Haus geregnet. Das Waisenamt plagt mich nämlich, ich soll der ©ritte, meines seligen Mannes Schwester 700 Franken in die Kasse tun. Nun— bis Jakobi habe ich noch Zeit, bis dahin wird sich vielleicht Rat inben lassen."
Der Heier ist im stillen überzeugt, der Rat sei schon halb und halb gefunden. Auf seinem Lager in der Dachkammer fällt ihm ein, daß chon viele Auswanderer den Schifflohn mit Kohlenschausein verdient hätten. Er betrifft sich nachher unversehens auch noch über einer andern Erwägung. „Jetzt denkt sie unten im Bett vielleicht an das gleiche wie ich", geht es ihm vor dem Einnicken durch den Kopf.
Ob er nicht noch einen Tag, einen allereinzigen Tag bleiben würde? ragt und bittet Vrene, während sie ihm am Morgen den duftenden Eierkuchen neben das Kaffeetöpfchen hinstellt. „Was ich abgemäht habe, das trage ich auch noch ein", erwidert er ohne aufzufehen.
Das Wetter läßt sich herrlich an, man kann gleich nach dem Mittagessen mit Eintun ansangen. „Du machst so verrückte Bürden", meint Vrene, als sie ihm wieder einmal beim Binden zusieht, und er meint daraus kurz: „In Australien werd' ich wohl kein Heu eintragen dürfen."
Nun steht er schon mit der schweren Last auf den Beinen und wirst sie mit gewaltigem Ruck auf dem Nacken zurecht. Sie streift flink die herabhängenden losen Halme ab; da kommen unter dem Heuversteck hervor ein paar sehr gewichtige Worte:
„Australien liegt weit. Morgen ist mein letzter Tag hier — cs wäre denn, du sagtest, ich sollte dableiben. Halt nicht bloß als Knecht, du weiht schon, wie ich es meine."
Sie braucht nicht lange nachzugrübeln. „Willst du nicht zuerst^ bie Bürde hinauftun und dann nachher zu mir in die Stube kommen?"
Nein, jetzt will ich es wissen — da unter Gottes Heu, in dieser Minute!"
Er dauert sie wahrhaftig unter feiner Last, sie darf ihn nicht lange Hinhalten. „O du! — Ich habe dich ja schon gern gesehen, als der Sali noch das Leben hatte? Ist vielleicht stark Sünde gewesen, aber du hattest es — im anderen Fall — sicherlich nie zu wissen bekommen."
Da wirft er die Bürde kurzerhand ab und nimmt das Vreni in bk Arme. Das geht so schnell, daß sie ihm nicht hätte aus dem Weg gehen können, auch wenn ihr daran gelegen gewesen märe. Sie läßt sich freilich mit Not zu einem Kuß herbei. „Eh — du Junggesell, du bist noch nicht in Australien!"
Dem Heier läuft die Arbeit nachher erst recht wie geölt aus den Händen. Einmal sagt er zu seiner Meisterin im Verstohlenen: „Du, Vreni, ich habe beim Hinauflteigen manchmal so ein Gefühl. Es ist mir gar nicht zumut, als ob ich fremdes Heu auf dem Buckel hätte."
Mit dem Einschlafen hapert es diese Nacht, obwohl es am Müdesein nicht fehlt. Einmal pickt ihn der ©wunder so stark, daß er sich halb anzieht und barfuß die zwei Stiegen hinabgeht. Bei der untern knarren die Tritte recht unverschämt, als wollten sie einen Dieb verraten. Er muß immer wieder stillstehen und sich auf den Rückzug besinnen.
Endlich steht er doch in der stockdunklen Stube. Die Wanduhr heft hart, sie ist in diesem Augenblick fein böses Gewissen:
Tick — tack — Lumpenpack!
Nink — pink — schäm dich — Fink!
Zweimal hat er die Knöchel gespitzt, um an die Iure zu pochen — erft das drittemal gibt es einen leisen Ton, vor dem er doch wie ein Verbrecher zusammenfährt.
Stille im Haus, keine Maus regt sich.
Soll er zum zweitenmal klopfen? Nein. Jetzt würde er selber erschrecken wenn ein Laut aus der Kammer käme. Er drückt sich hinaus, die Türe hat er vorsorglich offen gelassen. Fast eine halbe Stunde laßt er sich Zeit, Stufe um Stufe in (einen Verschlag hinaufzusteigen. Jetzt kann er schlafen wie einer, der ein gutes Werk getan hat.
Die Vrene fragt am andern Tag, während sie ihrem Mähder aiy ber Steinhangwiese einen Trunk einschenkt: „Du, Heiri — bist du nicht in der Nacht in der Stube gewesen?"
Er muß sich verlegen abroenben. „Ich habe halt gebacht, du ersorgest dich jetzt wieder bis zum hellen Morgen. Da wollte ich dir nur schnell sagen, daß du das Geldlein für die ©ritte von mir haben könntest.
Ich habe dir das zugetraut, Heiri", gibt sie zurück. „Senn ich weiß, daß" du ein Guter bist. Wenn wir nicht da auf der Wiese wären, wollte ich dir jetzt einen Kuß geben. Du bekommst ihn dann aber doch, es wird sich schon einmal schicken. Ich will es dir jetzt bekennen, ich habe das Klopfen gehört. Einen Augenblick habe ich ans Aufmachen gedacht. Aber ich habe halt am Abend das Büdlein ein wenig zu mir ins Bett genommen Da ist es mir dann eingeschlafen, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, das Kind zu wecken. Gelt, du nimmst mir das nicht übel?
„Wenn ich dir das übelnähme, dann würdest du mich besser nach Australien schicken."--


