Auch Hartl kam nicht mehr daraus zurück, sondern folgte ihm zu Elisabeth und den anderen. .
„Wir sprechen gerade darüber, wie es dir drüben gehen wird! sagte Doktor Kern und legte Ludwig die Hand auf die Schulter. „Eigentlich müßte ich als dein Arzt mit hinüberkommen und dafür sorgen, daß meine Vorschriften wirklich befolgt werden. Sonst könnte es passieren, daß dein Gewicht plötzlich wieder über eine gewisse Zahl hinausgeht!
„Das hätte nur einen vernünstigen Sinn, wenn ich auch noch mitkäme, um wieder aus Sie achtzugeben, Doktor!" ries Billy lachend. „Sie sind zwar ein berühmter Arzt, aber berühmt nicht gerade wegen Ihrer Energie!" „ v „
„Das könnte euch beiden so passen!" antwortete Ludwig. „Du mußt hierbleiben, Kindchen, schon wegen des Prinzen. Und du, Kern, alter Junge, brauchst dich nicht so zu stellen, als ob du meinetwegen deine goldstrotzende Praxis im Stich lassen wolltest, auch nur für vier Wochen! — Ich werde es richtig machen, verlaßt euch daraus! Auch allein! Nicht wahr, Lisa? — Ihr tut geradeso, als ob man mich keine Minute allein lassen könnte."
„Sollte man auch nicht. Am liebsten käme ich selbst mit! antwortete Lisa.
„Das hat Grolman direkt verboten. Er scheint der einzige zu sein, der sich ganz auf mich verläßt."
„Kommt, Kinder!" rief Bernau und drängte zum Ausbruch. „Seht ihr denn nicht, daß er es kaum noch erwarten kann, sich endlich unter seinem eigenen Dach auszustrecken? — Ein hübsches Dach! Ich darf mich selber loben, da ihr es nicht in der richtigen Weise getan habt!"
Er ging mit der blonden Inge zu seinem Wagen, der längst wieder in Ordnung war. Kern folgte ihm mit Martin und von Gerber.
„Er hat recht!" sagte Thiele am Tor zu Elisabeth, während sie den abfahrenden Freunden nachwinkten, und legte den Arm um sie. „Heute schlafen wir zum erstenmal aus unserem eigenen Grund und Boden. Das alles gehört uns!"
„Und dem Prinzen!"
„Ich werde leider nicht mehr viel davon haben. Aber das macht nichtsl Um so mehr, wenn ich zurückkomme. Allerdings mi;i) es dann gleich Herbst sein."
Sie schritten langsam durch den ganzen Garten bis zum See hinab, besuchten Pitt und Fox, die vor ihrem neuen Stall standen wie zur Parade und vor Freude jaulten, daß es weit in die Nacht hinaushallte, und besichtigten noch einmal das ganze Haus, wo sie die Lichter eines nach dem andern löschten. —
Am nächsten Tage schon kam das Telegramm aus Hollywood, das ihn abrief, und eine Geldanweisung für die Reise. Sie war dringend nötig, da Thiele fast nichts mehr besaß.
Er fuhr gleich zu Steinlen und bat um sofortige Beurlaubung. Stein- len tobte und schwur, ihn — wenn es sein müßte — durch eine Polizeiwache bis zum ersten April zurückhalten zu lassen. Ob man ihn für einen Idioten halte, der freiwillig auf eine ganze Woche verzichte? Den Verlust könne Thiele sich selbst ausrechnen. Das sei wohl die größte Unverschämtheit, die ihm je vorgekommen sei, nachdem er schon gutwillig den Äertrag für fünf Monate gelöst habe!
Thiele ließ ihn stehen und fuhr zu Henschke. Nachdem der Agent das Grolmansche Kabel genau gelesen hatte, bat er, ihm alle weiteren Schritte zu überlassen und sich im übrigen zur Abfahrt bereitzuhalten. Der Dampfer ginge am Fünfundzwanzigsten in Hamburg ab, und er werde noch heute die Kabine belegen.
Tatsächlich brachte er am nächsten Abend den Beleg für die bezahlte Passage Hamburg—Neuyork nach Nikolassee hinaus und die schriftliche Einwilligung Steinlens. Was das zweite Papier gekostet hatte, sagte er nicht. Aber er hatte die Summe schon an Grolman gekabelt.
Thieles Koffer waren gepackt.
Elisabeth und Doktor Hartl begleiteten ihn nach Kuxhaven. Sie fuhren zum Schiff, das zur Abfahrt bereit am Kai lag. Es blieb ihnen noch eine Stunde. Sie besichtigten das riesige Schiff vom Sonnendeck mit Sportplatz und Schwimmbad bis hinunter in den stahlfunkelnden Maschinenraum. Elisabeth, die noch nie einen von diesen schwimmenden Hotelpalästen gesehen hatte, war von den sinnvollen Bequemlichkeiten und dem Luxus, die auch den verwöhntesten Ansprüchen standhalten konnten, so entzückt, daß sie bei diesem Rundgang, bei dem sie von einem jungen, höflichen Offizier begleitet wurde, den Schmerz des Abschieds beinahe vergaß.
Dann aber gab die Sirene das Zeichen, das Schiss zu verlassen. Minutenlang lag sie an Ludwigs Hals und brachte kein Wort heraus. Hartl führte sie über den schmalen, steilen Steg auf den Kai zurück. Der Steg wurde eingezogen, und die beiden Schlepper vor und hinten begannen ihre Arbeit.
Aus dem Deck intonierte die Bordkapelle ihr traditionelles Abschiedslied. Die letzte stählerne Halteirosse wurde losgeworfen, und der gewaltige Schiffsrumps entfernte sich langsam, fast unmerklich von der Kaimauer.
In der Mitte des Promenadendecks stand Ludwig an der Reling und hob zum letzten Gruß die Hand. Elisabeth hielt sich aufrecht und lächelte, während ihr die hellen Tränen über die Wangen liefen.
Schon war das Schiff so weit entfernt, daß Ludwigs Gestalt in der Menge der winkenden Passagiere nicht mehr genau zu erkennen war. Da griff Elisabeth nach dem Arm Doktor Hartls und wandte sich ab. Ihre' Tränen waren versiegt, und das Lächeln schien wie erstarrt.
Auf der Rückfahrt nach Berlin sprachen sie kaum ein Wort. Nur zweimal schossen unvermittelt die Tränen wieder in Elisabeths Augen, und die drehte den Kops weg, damit er sie nicht sehen und nicht versuchen sollte, sie mit Worten zu trösten.
22.
Gleichzeitig mit Ludwig Thiele hatte auch Billy ihren Vertrag mit dem Deutschen Volkstheater gelöst und war dabei auf viel geringere Widerstände gestoßen. Steinlen hatte sie seinerzeit für die kleine Rolle nur engagiert, weil Thiele sich dafür eingesetzt hatte.
Nun wohnte sie in dem neuen Haus, und zwar in einer bescheidene, Kammer im Giebel, die nur durch ihre schöne Aussicht aus den See be merkenswert war und im Sommer noch schöner sein würde, wenn d« dichte Grün der Bäume die Aussicht umrahmte. Das und das morgendlich, Bad im See vom .eigenen' Steg aus und die Anlage einiger breiter Beet, für Frühgemüse mit Glasdach gegen die Nachtfröste malte sich Billy i, den verlockendsten Farben aus, während sie ihre wenigen Habseligkeitei in der Kammer verteilte — das geringe Eigentum eines völlig allein stehenden Mädchens, das feit feinem sechzehnten Jahr sich sein Brot felbi verdienen mußte und nur durch die zufällige Bekanntschaft mit Ludwtz Thiele beim Theater gelandet war. Sie stammte aus einem Dorf in äußersten Ostpreußen, wo ihre Eltern Bauern gewesen waren und wo noq ein Bruder von ihr nach dem zwangsläusigen Verlaus des Hoses auf einen Gut in Dienst war.
Billy hatte sehr viel zu tun in den ersten Tagen nach Ludwigs Abreist Schon bei der Rückkehr aus Hamburg sand Elisabeth das Haus vom Daq bis in den Keller sauber und blank vor. Eine Köchin, von der Besitzen, des „Waldwinkels" empfohlen, war verpflichtet und, hatte ihren Bien) angetreten. Auch nach einem tüchtigen Chauffeur, der jetzt für den Wage, notwendig geworden mar, hatte Billy Umschau gehalten. Unter den zahl, reichen Bewerbern, die sich während Elisabeths kurzer Abwesenheit vor gestellt hatten, hatte sie drei, die ihr besonders gefielen, ausgesucht ua! führte sie jetzt nacheinander Elisabeth vor. Der letzte, der den schöne« Namen Konstantin führte, wurde eingestellt. Nach den ersten Woche, schon lag die Leitung des ganzen schwierigen Haushaltes völlig in Bill,; Händen.
Ihre schlimmste Sorge aber waren die beiden Hunde Pitt und Fox Tagelang nach der Abreise Ludwigs weigerten sie sich, irgendwelche Nah rung zu sich zu nehmen und knurrten sogar Elisabeth an, als sie sich ihm, in ernster Besorgnis näherte. Nur Billy duldeten sie in ihrer Nähe, ouq als ihre Trauer darüber, daß ihr Herr gar nicht wiederkommen wallst so weit gestiegen war, daß sie nur noch klägliche Winseltöne von sich gaben Sie waren nicht einmal dazu zu bringen, ihren Statt aufzusuchen, sonder« lagen, zu Mitleid erweckenden Gerippen abgemagert, nebeneinander a.i ihrer Kette und weigerten sich hartnäckig, ihre Plätze auch nur zu einem kurzem Spaziergang zu verlassen, aus Angst, sie könnten dabei die Heim- kehr des Herrn versäumen.
Erst nach einer Woche begannen sie zu verstehen, daß der Herr nidjl tot, sondern nur fort sei und eines Tages wiederkehren würde. $ih saß stundenlang bei ihnen aus der Erde, in Nässe und Kälte, und rebelt, ihnen zu, brachte ihnen Stücke von ihm, an denen sie wenigstens noa- feinen Geruch fanden, einen Schuh, einen Hut oder ein Taschentuch, uiui erzählte ihnen von ihrem Herrn, daß er wiederkommen und sie stark ungesund wiedersinden wollte, bis sie endlich einen Bissen aus ihrer S)on:! annahmen. Außer sich vor Freude, stürzte Billy mit der Nachricht p Elisabeth. Denn alle wußten, daß es wirklich um das Leben der Hund« ging.
Eines Nachmittags saßen Elisabeth und Billy allein beim Kaffee. 3». Hartl war in die Stadt gefahren. Elisabeth hielt das Mädchen zurück, al.; es die leere Tasse zurückschob und sich erheben wollte, um eine häusliche Arbeit zu beenden.
„Bleib einen Augenblick hier, Billy. Ich habe mit dir zu reden", be: gönn sie und lächelte, als Billy erschrockene Augen machte. „Du hast je® glücklich die Leitung des Haushalts an dich gerissen. Du brauchst dich nid»; zu entschuldigen. Das ist kein Vorwurf, ich versichere es dir. Ich bin nidff eifersüchtig aus meine Stellung als Hausfrau. Im Gegenteil. Ich bin frei darüber, daß du mir das alles abnimmst, namentlich für die nächste Zck und in einer Weise, wie es nicht besser geschehen könnte. Ich selbst würde alles, ich will nicht gerade sagen schlechter machen, aber langsamer un' unübersichtlicher. Das mit Pitt und Fox wäre mir nie gelungen. — Alp arbeite du ruhig so weiter! Nur mußt du mir etwas erlauben."
„Ich Ihnen etwas erlauben, Elisabeth?" stotterte Billy, vollkommen verwirrt vor Ueberraschung.
„Ja ,da smußt du jetzt. Du mußt mir nämlich erlauben, dir ein halt auszusetzen. — Rede keinen Unsinn, sondern laß mich erst aus sprechen! Du opferst dich für uns auf. Seif langem. Für Ludwig ums mich. Wir haben schon vor seiner Abreise darüber gesprochen. So geht d°; nicht weiter. Ich kann das nicht länger annehmen und Ludwig auch nidjit wenn er auch nicht da ist."
„Aber ich bin doch froh, daß ich das Theater los bin und hier mein Brot verdiene. Rechnen Sie einmal nach, was ich hier koste. Und sch«» gekostet habe seit bald einem Jahr drüben im .Winkel'. Ich kann Jhnm die Zahl sagen. Denn sie hat mich schon lange gedrückt", antwortete BW die sich gefaßt hatte, mit sachlicher Ruhe.
„Ich will das nicht wissen. Billy. Ich rechne auch gar nicht so wie diu. sondern auf meine Weise. Dabei kommt heraus, daß wir tief in deine-' Schuld sind. Nicht umgekehrt. — Du bekommst von jetzt ab jeden fDlon«# dein Gehalt, wie jeder, der feine Arbeit macht. Damit basta! — Wem du jetzt aussprichst, was du auf der Zunge hast, werde ich dir crnftlia böse fein!" „
„Aber was sott ich denn damit anfangen? Ich brauche das Geld boa nicht."
„Dann lege ich es in deine Schublade, wenn du nicht das Bediirfnw haft, dir auch mal ein Kleid zu kaufen ober fönst was, was dir gut stehl
„Aber ich habe so viele Kleider von Ihnen, die ich noch nicht einmal für mich geändert habe!" .
„Du bist ein Schaf, ein eigensinniges, bockbeiniges Schas, Billy! de wie du jetzt bist, bist du zwar der zuverlässigste, tüchtigste Kerl, den im kenne, aber du wirst nie einen Mann finden."
Billy lachte trocken. .
„Tu nicht so, als ob dir nichts daran gelegen wäre! Mir brauchst " - nichts vorzumachen. Ich bin auch eine Frau! Seine Frau! Und daß du bin einmal sterblich in Ludwig verliebt hast, ist kein Grund, daß du eine ol» Jungfer wirst. Wie ich dich kenne, hast du's auch schon halb überwunden..
(Fortsetzung folgt.)


