Ausgabe 
3.5.1935
 
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Wie eine Saite straff.

Von Ina Seidel.

Du handle gar nicht mehr, als es der Fischer tut, Der seine Netze senkt in undurchsicht'ge Flut.

Er weih nicht, welcher Fang ihm jeweils vorbestimmt, (Noch weiß ja auch der Fisch, wohin er blindlings schwimmt.)

Wie eine Saite straff, wie eine Tafel rein,

Bereit zur Schwingung und bereit für Schrift zu sein: Dann fällt dir zu, was du mit Mühsal nicht erlangst, Dann füllt der Gott dein Wort. Und dann vergeht die Angst.

Oer Schachspieler.

Von Julius Zerzer.

Julius Zerzer, 1889 als Sohn eines Arztes in der Untersteiermark geboren, lebt als Lehrer in Linz an der Donau. Seine ErzählungenJohannes" undStifter in Kirchschlag", 'seine Wallenstein-NovelleDas Bild des Geharnischten" und seine GedichteVor den Bergen" gehören mit ihrer zuchtvollen Form und ihrer reichen Innerlichkeit zum wertvollsten Schrift­tum des süddeutsch-österreichischen Kulturkreises. Hier erzählt Zerzer eine schelmenhaft-anekdotische Begebenheit aus der Zeit des großen Korsen in Wien.

Als Napoleon sein bei Aspern ins erste, warnende Schwanken geratene Glück bei Wagram wieder befestigt hatte, fand er im Laufe der folgenden Monate, die er in Schönbrunn mit Unterhandlungen hinbrachte, gelegentlich auch eine ruhige Stunde, um sich von den Kriegs- und Staatsgeschäften abzuwenden und zu den harmlosen Interessen des Privatmanns herab­zulassen. So hörte er eines Tages es war schon Oktober geworden, und der entscheidende Abschluß des Friedens rückte sichtlich heran, daß ein besonders geschickter Mechanikus, der Instrumentenmacher Melzel aus Wien, einen Automaten gebaut habe, der die Bewunderung aller Kenner erwecke und wohl überhaupt das Künstlichste sei, was man in dieser Hin­sicht dem verblüffenden Fortschritt dieser Zeit verdanke. Denn wenn sonst ein Automat schon Staunen erregte, der nur einige gleichsam eingelernte Schritte und Griffe oder etwa das abgebrochene Stück einer Melodie aus ruckweise hin und her geführter Flöte darzubieten vermochte, so handelte es sich hier um eine Maschine, die sich nach eigener Ueberlegung zu be­tätigen schien und die Reihen ihres Ablaufs in immer wechselnder Folge, der jeweils gegebenen Lage Rechnung tragend, mit Scharfsinn entfaltete. Um das Geheimnis etwas deutlicher auzudrücken, es handelte sich um nichts Geringeres als um eine Schachmaschine, die so manchen aus feine Erfahrung pochenden Spieler matt oder wenigstens patt setzte. Eine Schachmaschine! Hat man jemals gehört, daß man die Grenzen der Mechanik weiter hinausgeschoben, daß man das in Rädern, Hebeln und Schrauben eingebaute Gesetz dem geregelten Ablauf des menschlichen Denkvermögens erfolgreicher angenähert oder vielmehr überzeugender gleichgestellt hätte? Der Mensch die Maschine. Lamettrie hatte recht, hier wurde der Beweis des Philosophen auf dem entgegengesetzten Wege erbracht: Die Maschine der Mensch. Denn eine Maschine, die Schach spielt, die alle Möglichkeiten des geistigen Schlacht- und Kraftfeldes klar im Kopse nein, in den Schrauben hat, eine Maschine, die kombiniert, die rochiert, die den gewiegtesten Gegner in Verlegenheit bringt, eine solche Maschine braucht nur einige Hebel und Schrauben mehr um die Menschheit ganz zu ersetzen, ja den Globus völlig aus den Angeln zu heben.

Kein geringerer Ruhm für Altösterreich, daß diese Maschine in Wien das Licht der Werkstatt erblickte. Daß ein österreichischer hoher Beamter, der Hofrat Kempelen er hätte von seinen Amtsstunden keinen besseren Gebrauch machen können im geheimen ihr geistiger Vater war. Der Me­chanikus hatte ihr nur die irdische Hülle auf ihren Lebensweg mitgegeben. Vielleicht da und dort eine kleine Verbesserung angeregt. Und übrigens seinen Namen zur Verfügung gestellt. Denn es ging nicht an, dag ein Beamter beweisen sollte, das Räderwerk eines Automaten fei im großen und ganzen nicht geringerer Bewunderung würdig als das des Staates.

Napoleon galt selbst für einen ausgezeichneten Schachspieler. Wenig­stens unter seinen Vertrauten, von denen es wohl keinem rötlich scheinen mochte, ihn matt zu setzen. Uebrigens würden wir gar nicht bezweifeln, daß er, der die Möglichkeiten des Schlachtfeldes so scharfsinnig überblickte, auch auf dem Schachbrett unüberwindlich gewesen sei wenn nicht doch dies sei der Folge der Erzählung anheimgegeben. Napoleon hatte also kaum von dem mechanischen Schachspiel Kunde erhalten, als er auch schon Befehl gab, dieses samt seinem Erbauer Melzel nach Schönbrunn zu befördern, da er die Absicht hege, es persönlich einer Probe zu würdigen.

Nun aber tut es not, daß ein Schleier gelüftet werde, soll das Weitere durchaus verständlich fein. Ich lüfte ihn ungern, denn em Gunter Schleier ist zuweilen lockender als die Sache selbst, und ich mußte mich sehr irren, wenn dies nicht gerade für alle Arten von Automaten feine Richtigkeit hätte. Doch greifen wir entschlossen ins Triebwerk, und wenn es auch em wenig knistert und kracht seht, dahinter steckt der Mensch verborgen, der noch nicht völlig, der durch die Maschine ersetzte Mensch, dessen Räder­werk eben doch ein wenig künstlerischer ist, weil er aus der Werkstatt eines größeren Mechanikers kommt, und weil der Plan der schopfung Dinge in sich beschließt, die selbst dem gewiegtesten Hosrat über die Hutt schnür gehen. Die Schachmaschine, so schlau sie ersonnen war, wirkte doch nicht ganz aus eigener Kraft. Sie war nur der hölzerne Arm zu c niemals gezeigten Fach, darin saß der Schachspieler, der 'hr Getriebe beherrschte. Und da man den Ruf der Maschine zu wahren suchte, steckte man einen guten Schachspieler in das geheime Fach, Darum also spielte die Maschine so ausgezeichnet, darum berechnete sie ihre Gegenzuge so überraschender Sicherheit.

Begreislich, daß die beiden Verschwörer, der Hosrat mb Melzel, in keine gelinde Erregung gerieten, als ihnen der Befehl Napoleons hinter­bracht wurde. Sie hatten schon so viele Leute jedes Standes und Alter« mit ihrer Maschine zum besten gehalten. Sollten sie es mit dem großen Eroberer gleichfalls wagen? Jedoch das Geheimnis ihrer Erfindung öffentlich preisgeden und anders hätte sich eine Weigerung schwerlich begründen lassen war mehr, als ihr Stolz vertrug. Lieber wollten sie mit der Ehre das Leben zugleich in die Schanze schlagen. Galt es nur, den' richtigen Partner für den Kaiser zu finden. Der Hofrat machte diesen und jenen Versuch bei vertrauten Freunden, aber keiner zeigte besondere Lust, in eine Maschine verpackt nach Schönbrunn zu wandern, um dort mit dem launischen Korsen unter so zweifelhaften Umständen näher be­kannt zu werden. Endlich fand sich doch ein mutiger Mann. Der Pater Josef aus dem Schottenkloster, der als Schachspieler einen gleichfalls gefürchteten Namen hatte, erklärte sich nach mancherlei Ausflüchten endlich bereit, das Abenteuer zu wagen. Bestimmend war ihm, daß Melzel feine Maschine begleitete und hoch und teuer versprach, ihn nicht allein zu lassen und für seine schleunige Rückreise alle erdenkliche Sorge zu tragen. Außerdem lockte es ihn, den Kaiser, der im Schottenkloster nicht zum wenigsten seines Rufes als Schachspieler hoch im Ansehen stand, auf dem friedlichen, einem frommen Drbensmanne angemessenen Felde der Ehre die Spitze zu bieten.

So fuhrwerkte also Melzel seinen fraglichen Automaten, der gleich dem trojanischen Rosse in seinem Bauch den listigen Gegner verbarg, nach Schönbrunn hinaus, wo ihm auch alsbald in einem abgelegenen Raume des Schlosses Gelegenheit ward, sein Kunstwerk für den hohen Besucher zur Schau zu stellen. Hier sollte er warten. Er wartete lange, und mit jeder halben Stunde wurde ihm bänger zu Mute, denn die Türen des kleinen Saales war von Chasseuren der Garde besetzt, die mit ihren ungeheuren Pelzmützen, ihren weih verschnürten Uniformen und mar­tialischen Bärten einen bedrohlichen Eindruck machten. Die verstanden gewiß keinen Spaß, und wenn ihr Kaiser man traute ihm ja einen übernatürlichen Scharfblick zu dem verwünschten Blendwerk des tzof- rats Kempelen auf die Schliche kam, fo würde ihm selbst und seiner Ma­schine wohl das letzte Stündlein geschiagen haben.

Endlich klappten fast lautlos die Türen auf. Der Gewaltige war ein­getreten. Nur begleitet von Savary, dem Herzog von Rovigo, seinem Generaladjutanten. Melzel machte die tiefste Verbeugung feines Lebens. Sie wurde so wenig beachtet, als ob der Automat sich verneigt hätte. Napoleon trat mit raschen, kleinen Schritten heran. Das also sollte das gepriesene Wunderwerk sein! Das kraß bemalte Holzbild einer Figur, eines Weibes, geschmacklos und veraltet gekleidet, mit starren, gläsernen Augen. Davor der Tisch mit dem Schachbrett. Sehr wahrscheinlich ein plumper Schwindel! Napoleon ging um den ganzen Aufbau herum, setzte sich, schnupfte rasch eine Prise Tabak. Das Spiel war ausgestellt, bot ihm die weihen Figuren. Ziehen wir also an! Der Königsbauer eröffnet die Schlacht, geht über zwei Felder vor. Der Automat erwidert mit den entsprechenden schwarzen Bauern. Das Spiel entwickelt sich. Napoleon tut hastig Zug um Zug, als wollte er feinem Gegner nicht Zeit lassen, sich zu besinnen. Der überlegt bedächtig und scheint allmählich den Eroberer ins Gedränge zu bringen. , v

Melzel hatte sich inzwischen so weit gefaßt, daß er nun den seine Wenigkeit nicht beachtenden Kaiser von der Seite zu mustern wagte. Grüner Uniformrock mit roten Aufschlägen, weiße Hosen, dunkles, wenig gepflegtes Haar. Das Gesicht gelblich, blaß. Die Augen vermochte er nicht -u sehen, aber es schwankte in seiner Erinnerung, als hätten sie ihn mit schwarzen Dolchen durchbohrt, früher, als die Flügeltür auseinanber« klaffte. Der Kaiser nimmt eine Prise nach der anderen, schneuzt sich geräuschvoll, spricht keine Silbe. Savary steht halb hinter ihm, soldatisch geschmeidig, neigt sich ein wenig vor. Folgt hem Spiele taktvoll belustigt, die Herablassung seines Gebieters teilend.

Da geschah etwas, das dem guten Melzel das Herz zum Stehen brachte. Nur einen Augenblick lang, dann war alles vorüber. Aber in diesem Augenblick büßte er alle seine Mechanikerschliche für diese Zeit und die Ewigkeit. Der Kaiser hatte offenbar auf bequeme Lorbeeren gerechnet. Vielleicht war er auch von anderen Dingen in Anspruch genommen und hatte seinen Kopf nicht fo frei für das Spiel wie fein versteckter Gegner, der Schottenmonch, der auf dieser Erde keinen weiteren Ehrgeiz kannte. Genug Napoleon sah sich in übler Lage. Ein überraschender Zug seines Gegners hatte ihn in entscheidenden Nachteil versetzt. Er blickte rasch in die Höhe nach den Augen des Automaten. Sie waren gläsern und blicklos wie immer. Eine Maschine? Ein denkendes Wesen? Ein verkapptes Gleichnis der Austria, die es so gut verstand, ihn immer wieder hinter das Licht zu führen? Der Kaiser überlegte nicht lange. Er tat einen uner­laubten, nie gesehenen Rösselsprung, nahm ganz einfach die Dame des Gegners, fetzte sie außer Gefecht. Savary lächelte.Alexander zerhaut den Knoten der Oesterreicher." Er wollte etwas sagen, aber er erkannte noch rechtzeitig etwas im Wesen Napoleons, das es ihm geraten erscheinen ließ, den Gewaltstreich nicht zu bemerken. Weniger nachsichtig aber war Pater Joses. Freilich hatte er keine Gelegenheit, die finsteren Brauen feines Gegners zu sehen. Er gewahrte nur dessen Verstoß gegen alle Regeln. Und der war allerdings unerhört. Hätte der Gewaltsame noch einen Bauern als Opfer feiner Willkür beiseite geschafft, es mochte ihm vielleicht hingehen. Aber die wirksamste Figur des ganzen Spiels, deren Verlust allein nicht viel weniger als die Niederlage bedeutete, die konnte man sich nicht einfach gefallen lasten. Und so geschah, was Napoleon nicht weniger unerwartet kam als der Widerstand der Oesterreicher bei Alpern und Eßling Der Automat tat den falschen Rösselsprung wieder Zurück und setzte hierauf die Dame an die frühere Stelle. Der Kaiser sprang in die ^öbe. Ging es ihm vor, daß hier mehr als ein Automat ihm Widerpart hielt? Ahnte er das Geheimnis, ohne es doch fasten zu können? Noch einen giftigen Blick schoß er nach den veralasten Augen des hölzernen Weibes. Dann fegte er mit der Rechten über das Schachbrett bin. daß alle Figuren reglos durcheinanderstürzten. Er batte zum zwell'"mal den gordischen Knoten durchschlagen. Und schon brebte er sich auf dem Absatz herum und war mit wenigen Schritten verschwunden.