Ihre wenigen Worte waren für ihn die Bestätigung seiner Empfindung für die er vergeblich nach einem Ausdruck gesucht hatte. Während er sie schweigend ansah, trat in seine Augen ein so starker Glanz, daß sein Gesicht wie von innen erhellt schien, gleichsam durchsichtig wurde und nichts mehr enthielt wie Güte und Dankbarkeit. Beide fühlten in diesem Augenblick des Schweigens ihre tiefe Verbundenheit, und dieser Augenblick erschien ihnen noch viel später wie ein kostbares, unvergeßliches Geschenk. Sie drehte ein wenig den Kopf, und ihr Blick fiel auf die fast leere Weinflasche. Das Lächeln, das bisher auf ihrem Gesicht liegengeblieben war, verschwand. Ihm war, als wehte plötzlich ein kühler Luftzug durch die heiße Garderobe. Sofort aber gab er sich einen Ruck, als schüttle er alles, was ihn und sie in den letzten Monaten bedrückt hatte, von sich ab, und sagte mit seinem mitreißenden, unbeschwerten Lachen: „Komm, Lisa, du mußt mit mir anstohen und alles andere vergessen i Es gehört nicht zu mir und auch nicht zu dir. Ich hab mit Weidner gewettet, daß du mich verstehst — heute und immer. Alles andere hat nichts zu sagen."
Er ging zum Schrank und holte eine zweite Flasche hervor, die er entkorkte. Elisabeth stand noch auf dem gleichen Platz und folgte jeder seiner Bewegungen mit den Augen. Als er sah, daß diese Augen über alle Zurückhaltung hinweg ihm recht gaben, kam es über ihn wie ein Rausch.
„Hier, das ist mein Glas. Das nimmst du. Aus diesem hier hat mir der alte Weidner Bescheid getan. Das nehme ich. Wir haben schon öfter aus einem Glas getrunken, Weidner und ich", sagte er und schenkte die Gläser voll.
„Dein Wohl, Lisal — Ich glaube, nur du allein weißt, wie es tatsächlich in mir aussieht."
„Sein Wohl!" antwortete Elisabet und stieß mit ihm an. Ihr Lächeln war nicht zurückgekehrt. Doch waren ihre Haltung und die Geste, mit der sie das Glas an die Lippen führte, frei von jedem inneren Vorbehalt. „Kommt Steinlen nachher mit hinaus?" fragte sie.
„Ich denke, ja. Er war eben hier an der Tür, und ich habe ihn daran erinnert."
„Bann wird es bas beste sein, du nimmst ihn zu dir in den Wagen.
„Und du?"
„Ich fahre voraus mit dem Doktor Kern, der auch Martin, Hubert und Billy mitnimmt. Dann bist du ganz frei, wenn der Agent mit dem Film-Menschen dich nachher sprechen will.
„Bisher hat sich keiner von ihnen sehen lassen."
„Sie werden kommen, verlaß dich daraus."
„Wir werden ja sehen! Auf keinen Fall gebe ich ihnen heute mehr als eine halbe Stunde."
Elisabeth berührte mit der Hand leicht seine Schulter. „Wirst du wirklich vorsichtig und vernünftig mit ihnen umgehen? Gerade diese Leute verstehen deine Art so schwer."
„Keine Sorge, Liebe."
Aus einmal war ihr Lächeln wieder da. „Brauche ich wirklich gar keine mehr zu haben von heute ab?"
„Nein, meine Gute!"
„Auch nicht — Miras wegen?"
„Wie kommst du darauf?"
„Sie ist wieder da und sitzt im Theater mit ihrem ewigen Schatten, der Aenne ..."
„Mira ist im Theater —?" wiederholte er gedehnt und machte ein paar Schritte durch die enge, heiße Garderobe. „Das ist endgültig aus und begraben!" sagte er nach einer längeren Pause und hielt den Augen Elisabeths stand.
„Das klingt ein wenig zu stark und zu sicher, Ludwig! — Du kennst leider die Frauen nicht. Noch immer nicht!"
„Gott sei Dank!" warf Thiele dazwischen.
„Sie wird zu dir kommen."
„Mag sie!"
„Du hast nie nein sagen können ihr gegenüber."
„Sie wird es einmal erleben — heute! Aber sie wird gar nicht kommen. Dazu ist sie viel zu stolz. So weit kenne ich sie."
Elisabeth schüttelte leicht den Kopf. „Du warst immer ein Kind, was sie betrifft. Sie ist einfach wieder da, wie immer, wenn etwas Entscheidendes mit dir geschieht. Genau so, wie sie verschwand, wenn das vorüber war. Und du glaubst, das hat nichts mit dir zu tun!"
„Ihre Sache! Du kannst wirklich ganz ruhig sein."
„Ich glaube, ich bin nicht mehr eifersüchtig. Wenigstens nicht auf sie. — Trotzdem ..."
„Du überschätzest sie."
„Du hast sie zu lange nicht gesehen. Heute ist es schon saft ein Jahr." „Ich tjabe sie ganz einfach vergessen und Wichtigeres zu tun von jetzt ab. Weiß du, was ich damit meine?" Er umfaßte die ganze Figur mit einem langen, zärtlichen Blick, über den sie vor Freude errötete.
Schnell kam sie auf ihn zu, küßte ihn und flüsterte in fein Ohr: „Mag sie Herkommen, die Mira! Was kann sie mir .jetzt noch wegnehmen?"
Ueber feine Schulter hinweg sah sie plötzlich im Spiegel ihr Gesicht und entdeckte die gelben Flecke, die feine Schmink« darauf zurückgelassen hatte.
Die Klingel über der Tür schrillte.
„Mein Gott, wie seh' ich aus!" rief sie erschrocken, machte sich von ihm los und trat zum Spiegel, wo sie sich mit Puder und Quaste zurechtmachte. „Und du sagst mir kein Wort! Du hättest mich so hinausgehen lassen, zum Gaudium des ganzen Parketts. Wahrscheinlich hast du nicht einmal bemerkt, wie du mich zugerichtet hast, Barbar, der du bist! So genau siehst du mich an! — Ueber mein Kleid hast du mir auch kein Wort gesagt, obgleich du es jetzt erst zu Gesicht bekamst. Aber da ist bei dir nichts mehr zu ändern. Das weih ich nun schon. — Heute verzeihe ich dir überhaupt alles. Sag wenigstens jetzt noch schnell, daß es dir gefäUtr
„Es ist entzückend!"
„Dank«. Und halb so teuer, wie du glaubst. — Adieu! vielleicht komm' ich nach Schluß noch auf einen Moment."
„Du mußt!"
„Du wirst gar keine Zeit haben."
„Du mußt!
Weidner öffnete vorsichtig die Tür, tarn herein und schlich zu seinem Stuhl im Winkel. Elisabeth war mit ihrer Toilette fertig und ging rasch an ihm vorbei zur Tür.
„Auf Wiedersehn!"
Sie nickte ihm zu und war hinaus, bevor er sie noch einmal erreichen konnte.
3.
Elisabeth Thiele ging durch die schmale Tür, die die Bühne mit dem Zuschauerraum verband. Der uniformierte Diener, der sie bewachte, grüßte mit einer höflichen Verbeugung Der breite Gang zwischen den Garderoben und dem Parkett war überfüllt von dem Strom des Publikums, das nach Beendigung des Zwischenaktes auf feine Plätze zurückkehrte.
Elisabeth schob sich langsam vorwärts; sie hatte den ganzen Halbkreis des Theaters zu umschreiten, erwiderte Grüße nach rechts und links und war etwa in der Mitte ihres Weges angelangt, als aus dem Gewirr ringsum eine bekannte Stimme bis zu ihr drang.
„Hallo, Lisa ...!"
Sie blieb stehen, stemmte sich gegen den Strom und sah sich um, konnte jedoch den Gesuchten nirgends entdecken.
„Wo stecken Sie beim, Doktor?"
„Einen Augenblick. — Es ist nicht ganz so einfach."
Hinter einer korpulenten, schwerfälligen Dame, die am Arm eines ebenso starken Herrn im Smoking hing, tauchte ein kleiner, schmächtiger Mann auf, der behend durch die entstandene Lücke bis zu Elisabeth vor- brang.
Doktor Felix Kern, praktischer Arzt unb Spezialist für Hals- und Nasenleiben, mußte in jeber Umgebung auffallen; hier unter dem Premierenpublikum in Smoking unb Abendkleib um so mehr, sowohl burch sein saloppes Aeußere wie durch seine Kleinheit unb Magerkeit. Obwohl er sich nicht bireft vernachlässigte, wirkte er stets ungepflegt. Sein bunt« les strähniges Haar war aus ber hohen Stirn zurückgestrichen unb zu lang. Vor ben klugen, nußbraunen, kurzsichtigen Augen trug er einen Klemmer mit bicken schwarzen Hornrändern, ber auf bem Buckel seiner schmalen Hakennase nie ben richtigen Halt fanb, sonbern ftänbig abwärts rutschte, so baß er gezwungen war, ihn in kurzen Abstänben zurechtzurücken. Um ben weichen, schöngeformten Munb, auf ben eingefallenen Backen unb bem vorspringenben spitzen Kinn wuchs ein so starker schwarzer Bart, baß seine Spuren burch bie schärfsten Rasuren nur für wenige Stunben ganz zu beseitigen waren. Dieser hagere Kopf saß auf einem zu langen Hals mit kräftigem, beweglichem Adamsapfel, unb biefer Hals wuchs roieber aus einem Körper heraus, ber kaum bie Höhe unb ben Umfang eines sechzehnjährigen Jungen erreichte unb über bem auch ber bestgeschnittene Anzug ins Schlottern kam. Doktor Kern war vierzig Jahre alt, Junggeselle unb Schweizer von Geburt. Viele ber prominenten Sänger, Schauspieler unb Redner Berlins gehörten zu seiner ausgedehnten Klientel unb vertrauten willig ihre Kehlen unb Stimmbänder seinen erfahrenen Händen an.
„Warum sind Sie nicht mitgekommen, Doktor? Sie wissen, wie sehr Ludwig sich gefreut hätte ... gerade heute!"
„Nichts mehr davon, Lisa. Natürlich haben Sie recht. Aber ich habe auch recht, wenn ich mich erst kurz vor Mitternacht bei ihm melde."
„Wohin waren Sie denn so plötzlich verschwunden?"
„Ich habe ein wenig sondiert und Stimmung gemacht, und ich kann Ihnen sagen, Lisa, daß die Presse — wenn nicht noch ein sinnloses Unglück passiert — einmütig begeistert ist."
„Ihnen gegenüber! Und morgen früh sieht das wieder ganz anders aus!
„Unsinn, Lisa! Ich kenne doch meine Leute. Diesmal hat der Blitz eingeschlagen und gezündet!"
„Und damit gehen Sie nicht schnurstracks zu Ludwig?"
„Noch zu srüh — für ihn!"
„Zyniker!" Elisabeth lachte angesteckt unb froh erregt von feiner festen Ueberjeugung. Sein Urteil war ihr unb ihm stets eines der wertvollsten.
„Ich bin ja nebenbei auch noch sein Arzt!" sagte Sem.
Im Strom, ber an ihnen oorbeibrängte, tauchten zwei Damen auf, bie langfam näherrückten. Mira von Alten unb Aenne, ihr ewiger Schatten, wie nicht nur Elisabeth sie genannt hatte, irgenbeine entfernte Kusine Miras, bie man stets an ihrer Seite erblickte unb von ber niemand Genaueres wußte.
Mira von Alten war etwas kleiner als Elisabech, schlanker und dunkler von Haar und Hautfarbe. Das elfenbeinfarbene Kleid mit tiefem, spitzem Ausschnitt auf der Brust und im Rücken ließ den bronzenen Ton ihrer Haut noch dunkler erscheinen. Das halblange Haar war in kunstvollen Wellen wie ein wirksamer Rahmen um das längliche, ganz ebenmäßige Oval ihres Gesichts gelegt, aus dem die großen schwarzen Augen unter den erhöhten Bögen Der Brauen in einem matten, unnatürlichen Feuer brannten. Auch die Linien des Mundes fügten sich in diese gewollte künstliche Form und waren um eine Nuance zu rot. Doch ber schlanke trainierte Körper unter ber hellen weichen Selbe erschien vollkommen in seiner zarten, aber febernben Biegsamkeit.
Sie hatte den rechten Arm leicht unter den der Kusine geschoben, die in ihrer Länge neben ihr wie ein hartes Knochengerüst und um mindestens zehn Jahre älter wirkte. Die beiden befanden sich jetzt in gleicher Höhe mit Elisabeth und Doktor Kern. Als habe Mira die Frau des Schauspielers erst in diesem Moment erkannt, löste sie plötzlich den Arm aus dem der Kusine, drängte sich durch die Dazwischenstehenden und hielt, den schmalen Kops zu einem Gruß leicht vorgebeugt, dicht vor Elisabech.
(Fortsetzung folgt.)


