Nummer 5H
Zreltag, den 5. Mai
Jahrgang 1955
trat vom
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Ueberall auf seinem breiten, fächigi über der Schminke, sammelten "'<$)
ging mit schweren, hinter sich abschloß.
sich, und Ludwig Thie ; Garderobe, deren Tür
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'S ,°h er seinen kantigen Schädel mit dem schon gelichteten borstigen Blond- herB haar und unter der dicken Schminkschicht die scharsen Falten, die sem
Ltiiig ut Gesicht in breite Flächen zerlegten. Er sah die Ansätze der länglichen
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ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H, Äerlin
Der Vorhang fiel. Der dritte Akt war vorüber.
Ludwig Thiele, im Harnisch Götz von Berlichingens, stand am rechten Proszenium und lauschte mit vorgebeugtem Kops, mit halbgeschlossenen Augen auf den Applaus, der sofort einsetzte und rasch anschwoll.
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und die Notwendigkeit eines raschen Uinzuges. Er stand regung^os und musterte mit einer jähen, unnatürlichen, fast grausamen Heilßcht sein Erscheinung vom Kopf bis zu den Fußem Unter der t)albtangen W11"6
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er an sich und seine Zukunft glaubte, so daß er das oft mühsam erkämpfte Geld mit beiden Händen nach allen Seiten hin ausstreute.
Garderobe zurück.
Thiele starrte sein Spiegelbild an und vergaß einen Augenblick alles um slch h/rum d!e AZegLng der für ihn entscheidender' Pr-m'^e d'e eben noch gespürte triumphierende Sicherheit seines endlichen Stege^
GiesjenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger
das ihn beim „ , wieder und erfüllte ihn jetzt ganz, nen Intensität und zweifelte nicht im scheidenden Erfolg auch über den vierten halten, sogar noch überbieten würde.
Dem Schrank entnahm er eine volle, bauchige Flasche, füllte ein Glas bis zum Rand und leerte es mit einem Zug. Flasche und Glas m den Händen, kehrte er zum Spiegel zurück und rief dem Garderobier zu: „Her mit dem Wams, mein Junge! Und bring dir ein Glas mit! Du weißt, wo du es findest!"
Weidner kam näher mit Glas und Wams. Thiele schenkte ihm ein. , Ein alter, guter Burgunder ist das. Den trinkt man, ohne abzusetzen. — So mein Junge! — Unfug ist das alles. Abgenommen hab ich in diesen drei Monaten, mindestens sechs bis acht Kilo. Das wirst du mir zugeben. Alls mü [en mir das zugeben. Aber das wichtigste ist, daß das im Grunde vollkommen gleichgültig ist — nach dem heutigen Abend! Toi, tot, toi — er ist noch nicht ganz zu Ende. Trotzdem ist das vollkommen gleichgültig. Meinst du nicht auch, Weidner?"
Sicher, Herr Thiele", murmelte der Garderobier, während er ihm in das neue Wams hals. „Es schließt ganz leicht von oben bis unten Und das mit dem Wein, Herr Thiele ... Wir tun vielleicht Hetzer daran, wenn wir ihn wegstellen heute ... Die Frau Gemahlin ...
.Haben wir nicht mehr nötig, alter Junge! Wir waren noch nie ängstlich' weder wir noch die Frau Gemahlin. — Wetten wir, daß sie lacht, wie ich darüber lache! — Dein Wohl, alter Junge!" Es war das brüte Glas, das er leerte.
Auf vorsichtige Vorstellungen seiner Frau hin hatte er seit einigen Monaten seine Tafelfreuden rationiert und einen Trainer genommen, der schon in aller Frühe an feinem Bett erschien und ihn mit systematischer Gymnastik und harter Massage tyrannisierte. Diesem Trainer war es, trotz passiven Widerstandes, gelungen, das Gewicht des Schauspielers auf einer bestimmten Höhe zu erhalten. «
Unsinn das alles! Lächerlicher, ängstlicher Unfug! dachte Thiele und lachte plötzlich fein altes, tiefes, dröhnendes Lachen. Mit einem einzigen Ruck riß er das zerknitterte Wams auf, wobei ein paar Knöpfe im Bogen zur Erde sprangen, reckte die breiten Schultern im offenen Hemd und Spiegel weg zum Schrank, den er öffnete. Das Siegesgefühl, ieim Niedergehen des Vorhanges überfallen hatte, ergriff ihn (Er gab sich ihm hin mit der ihm eige- geringften, daß er feinen ent» und fünften Akt hinweg durch
gleich sie jetzt hinter geschickt gezogenen F^bstrichen verborgen waren, und ebenfo lene fleischige Falte hinter dem Bart, für die er sichDie Bezeichnung „Doppelkinn" bisher verbeten hatte. Obgleich er das Lederwams noch nicht geöffnet hatte, erkannte er deutlich darunter die Linien feines muskulösen, stämmigen Körpers, und die erschienen ihm in diesem Augenblick viel massiger, unförmiger, als fie in Wirklichkeit waren. Auchspure er stärker den Druck des breiten Maßgurteis von den Husten abwärts ms zum Ansatz der Beine, die im Verhältnis zu den übrigen Gliedmaßen etwas zu kurz und zu schwach erschienen.
In der letzten Zeit war dieser kraft- und saftoolle Körper zum Gegenstand der Besorgnis geworden, nicht so sehr feiner'eigenenw f Freunde. Thiele hatte die Fünsunddreiß.g überschritten und durfte sich nicht länger verhehlen, daß in der Zunahme seines Gewlchts trotz feiner stattlichen Größe eine Gefahr lag. Eine Gefahr, über die er bisher mit feinem starken, selbstsicheren Lachen hinweggesehen hatte. Er liebte es gut zu essen und viel zu trinken. Eine volle, üppige Tafel, mü^nlg Freunden und ein paar hübschen Frauen besetzt, gehörte zu sei wie fein tiefes, dröhnendes Lachen, wie fein breiter, wiegender Gang - des ehemaligen Matrosen — und wie die unbeirrbare Sicherheit, mit ö
Ein Klopfen an der Tur.
Wer da?" rief Thiele mit voller, klarer Stimme.
Ich wollte dir nur die Hand drücken, Ludwig", antwortete der heisere Bariton des Direktors und Regisseurs Steinten. „Außerdem ...
„Kannst du auch eine Stunde später l Du kommst doch mit zu mir hinaus?" unterbrach ihn Thiele. „
„Ja — außerdem sagte man mir, daß die Kritik ...
„Morgen früh!"
„Na, bann: Götz von Berlichingen ..."
„Spiel ich heute! Auf Wiedersehen!"
„Wir hätten ihm öffnen sollen, Herr Thiele. Er ist so empfindlich, sagte Weidner nach einer Pause.
„Unsinn!" lachte Thiele. „Ich mag niemand sehen außer ... Da ist sie! Mach auf, alter Knabe!"
Weidner hatte das leise Klopfen überhort. Er eilte zur Tur und drehte den Schlüssel um. ./ . ... ..
In einem silbergrauen, bis zu den Fußspitzen reichenden Abendkleid erschien Elisabeth Thiele und trat auf ihren Mann zu, beide Hande aus- gestreckt, mit einem erregten, ausgeschlossenen Gesicht, wie er es in seiner dreijährigen Ehe nur von seltenen Augenblicken kannte.
2.
Hau ab, mein Sohn!" rief Thiele dem Garderobier zu, und Weidner drückte sich scheu an der Frau vorbei aus der Tür.
Thiele ging ihr entgegen und nahm sie in ferne Arme. Sie küßte ihn mehrmals auf den Mund, ohne daran zu denken, daß die Schminke über feinem Gesicht auf ihrer zarten, hellen Haut Flecke hinterlieh. Sie war ebenfo groß wie er. Ihr blonder Scheitel schimmerte rötlich neben dem stumpfen Gelb seiner Perücke. Ihre Gestalt auf den langen Beinen uns eng umschlossen von der silbergrauen Seide, aus der das blühende Weiß ihrer Haut über der Brust und bis tief in den Rucken Tjtnab leuchtete, wirkte neben ihm schlank und 'fast mädchenhaft. Erst, als sie sich aus feiner Umarmung loste und ein paar Schritte zurücktrat, wirkte ihre Erscheinung so, wie sie wirklich war: Ende der Zwanzig, staulich und voll CrblU@s war schön ... dein Bestes ... Ganz so, wie du es dir gedacht hast'!" sagte sie, und ein glückliches Lächeln loste alle Erregung aus ihrem Gesicht.
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Es ist entschieden — ich habe gesiegt! dachte er, und ein tiefer Atemzug dehnte seinen mächtigen Brustkorb, daß die Ringe des Panzers knackten.
' feinem breiten, sächigen Gesicht standen dicke Schweißperlen , „ j zu kleinen Bächen und liefen in den dunkelblonden " Bart, 'der das kurze, fleifchige Kinn verbarg.
Jetzt klang der Applaus nah und stark. Der Vorhang war in die Höhe gegangen, und er mußte an die Rampe hinaus, um zu danken. Dreimal, fünfmal ... Bon der anderen Seite des Proszeniums tarnen die Kollegen hinzu. Er ergriff bargebotene Hände, verbeugte sich. Und dann muhte er noch dreimal allein hinaus. Die große Pause begann. Der riesige, amphitheatralisch emporsteigende Zuschauerraum des neueröffneten Deutschen Voltstheaters leerte sich, und Ludwig Thiele W LLLL klirrenden Schritten in seine
Der Garderobier, ein sechzigjähriges dürres Männchen mit einem spitzen Vogelgesicht und einer dünnen, verschüchterten Stimme, nahm ihn in Empfang und nestelte mit eifrigen Fingern an den Riemen des Panzers. Sie losten sich, und Ludwig Thiele stand im zerknitterten Lederwams vor dem hohen, von drei Seiten beleuchteten Spiegel neben dem Schminktisch.
„Laß niemand herein, Weidner! Nur meine Frau — wenn sie kommt!" sagte Thiele, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen. Seme Stimme klang rauh, aber beherrscht, mit einem leisen fremben Unterton so baß Weidner besorgt zu ihm hinübersah, wahrend er ben Harnisch in eine Ecke stellte unb ein neues Wams bereitlegte.
^hre Sxene mit ßerfe war großartig. Haben Sie bemerkt, wie alle hinter ben Kulissen die Hälse nach Ihnen reckten?" fragte Weidner, der wußte daß Thiele das Urteil der Bühnenarbeiter oft wichtiger war als das der Kritiker und des Berliner Premierenpubllkums, und der aus der ungewohnten Haltung des Schauspielers den Schluß zog, daß er ihm etwas Gutes sagen müßte. .
Er betam keine Antwort und zog sich auf feinen Stuhl im Wmtel der


