Ausgabe 
2.12.1935
 
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Mit dem Eiichelmond, mit dem Abendstern.

Von Hans Leifhelm.

Auch im fremden Land, Wo ich dir so fern, Wo ich lange schon verschollen war, Strahlt dein Angesicht Mit dem Abendstern, Weht am nächtigen Himmel hin dein Haar, Tanzt dein^ schlanker Fuß Mit dem Sichelmond, Winkt mir lieblich deine weiße Hand, Grüßt dein Lächeln mich. Das im Lichte wohnt, Süßer Trost im bittern Menschenland.

Durch die Fluren geht Kühl der Abendwind, Silbersaiten klingen deinem Tanz, Dunkle Brandung ruht, Und das Leid verrinnt, Silberwolken spiegeln deinen Glanz. Eine Stimme süß Ist im Tal erwacht, Horch, ein Nachtigallenflöten fern, In Vergessenheit Hüllt mich ein die Nacht Mit dem Sichelmond und Abendstern.

Ueber fremder Welt Winkt dein holder Gruß, Winkt dein Lächeln, deine weiße Hand, Mit dem Sichelmond Schreitet schlank dein Fuß, Kühler Tau rinnt nieder aus das Land. Fern am Himmel hin Weht dein nächtiges Haar, Wendet nieder sich dein Angesicht, Mit dem Abendstern Strahlt dein Haupt so klar, Meines dunklen Lebens schönes

Oie Heerschau vor Napoleon.

Von Friedrich Griese.

In seinem neuen, der deutschen Jugend gewidmeten Buche Die Wagenburg" erzählt Friedrich Griese von einem mecklenburgischen Pferdeknecht, der in der Zeit der napoleonischen Kriege nach Spanien verschlagen wird, bis er nach mancherlei Abenteuern mit seinen Pferden wieder in die Heimat zurückkehrt. Ein hohes Lied der Treue ist dieser schlicht erzählte und mit starker Spannung geladene Roman, bepi wir mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in München den folgenden Abschnitt entnehmen.

Es begann damit, daß die Soldaten querfeldein zogen, Menschen und Tiere. Sie kamen an Meierhöfen vorüber, weiterhin hob sich, das Land, und nach zwei Stunden hörten sie, daß sie am Ziel seien. Es gab da eine Ebene, wo Truppen zur Besichtigung sehr schön aufgestellt werden konnten, alle Gattungen, seitab die Fahrer. Die wurden sonst meistens nicht hinzugerechnet, nach dem hinter ihnen liegenden Feldzug sollten aber auch sie gemustert werden. Unter den meisten Offizieren war jetzt große Unruhe. Vorher waren sie ganz frisch gewesen, nun aber, kurz vor dem großen Augenblick, wurde ihnen anders zumute. Manche von ihnen beherrschten die fremde Sprache nicht zur Genüge, und außerdem fehlte es bei den meisten noch an einer ordentlichen Ausrüstung; so gab es also bei der Aufstellung der Truppen, die in mehreren Abteilungen vor­genommen wurde, Verwünschungen und Angstflüche genug. Die Fahrer würden am wenigsten ins Bild kommen; der Kaiser konnte an ihnen höchstens vorllberreiten.

Karl Johann machte sich keine Vorstellung von den Dingen, die vor sich gehen sollten. Er kannte den Namen des Mannes, den er nun sehen sollte, denselben Mann, der für seine Leute daheim im Dorf so groß und herrlich gewesen war, daß man wohl noch lange von ihm in den alten Geschichten erzählen würde. Mehr als an alles andere dachte er in dieser Stunde aber daran, daß der Mann, der diesen allmächtigen Namen trug, zuerst sein Feind gewesen war, weil er seinem Bauern Habe und Pferde und Wagen genommen und ihn selber aus seinem Dorf verschleppt hatte, daß er darauf für denselben Mann in ein fremdes Land hatte ziehen müssen, dem er dann ein Feind geworden war. Und was für ihn galt, galt auch für alle die anderen, die deutsch sprachen, und mit denen er in dem finsteren Lande da unten zusammen gewesen war, Dörfer verbvannt und Bauern gehenkt hatte. Er erinnerte sich dabei an das Wort des Landsmannes, der gesagt hatte, daß deutsches Blut zu dieser Zeit billig sei, daß es eine Heimat und doch keine habe und daß auf jedem schweren und verlorenen Posten mindestens immer ein Deutscher stehe.

Als die Unruhe unter den Kommandierenden immer noch groß genug war und man es manchem ansah, daß er für die nächsten Stunden viel lieber anderswo gewesen wäre, seinetwegen sogar im spanischen Berg­busch, merkte man, daß der Kaiser mit seiner Begleitung herankam. Eine dichte Staubwolke wirbelte in der Ferne auf, sie näherte sich über­mäßig schnell, und bald darauf hielt eine große Zahl reichgekleideter Generäle vor den aufgestellten Truppen. Karl Johann wußte sogleich, wen er für den Kaiser zu halten hatte. Dieser eine war unter den Reitern

der schnellste gewesen, und obwohl sich die anderen Mühe gegeben hatten, ihm ebenso schnell zu folgen, hatten sie sich doch nur sehr schwer anhängen können. Karl Johann hatte noch niemals ein Pferd mit dieser Schnellig­keit heransausen sehen. Er sah aber auch, daß der, der daraus saß, kein guter Reiter war; und er dachte daran, daß unter den Soldaten erzählt wurde, der Kaiser reite wohl schneller als jeder andere, er halte auch länger aus und könne einen Tag und eine Nacht ohne Äushören reiten, wenn nur immer unterwegs schnelle Pferde zum Wechseln da seien, er sitze aber doch nicht so sicher, wenn es darauf ankomme, und er sei sogar schon bei einer ganz gewöhnlichen Gelegenheit vom Gaul gefallen.

Dieser eine, den Karl Johann für den Kaiser halten mußte, war nicht sehr groß, er war auch sehr einfach gekleidet, trug einen grünen Rock mit einem Kreuz und einem Stern daran. Das machte ihn nicht zum Kaiser; aber Karl Johann sah es an der Art, wie sein Auge über die Soldaten ging. So konnte nur einer Menschen ansehen, dem sie in seinem Sinne alle gehörten. Er beschäftigte sich länger als eine Stunde mit den ausgestellten Truppen, und es war zu merken, daß er sie gern hatte. Sie mußten Hebungen machen, einzelne Teile darauf geschlossen; und wenn die Kommandierenden vorher schon in großer Bestürzung gewesen waren, dann verdarben nun einige von ihnen alles, was sie sonst wohl noch gekonnt hätten. Karl Johann sah, daß der Kaiser lächelte; er sah auch, daß einige Soldaten einzeln herantreten mußten, und daß ihnen eine bestimmte Art des Feuerns gezeigt wurde. Dann konnten sie es.

Später sprach er zu den Truppen, er sprach sehr schnell, aber Karl Johann verstand ohnehin nichts von seinen Worten; trotzdem wußte er meistens, was der Kaiser sagte, weil dessen Art so deutlich war, daß man gar nicht irren konnte. So merkte er, daß die Soldaten für die ausge­standenen Kriegsnöte gelobt wurden; der Kaiser sah dabei diejenigen an, die im schlimmsten Aufzug dastanden und sich vorher deswegen geschämt hatten. Er lobte sie auch für bewiesene Tapferkeit; mehrere mußten hervortreten, von denen jeder wußte, wie sie sich da unten geschlagen hotten. Sie bekamen ein Kreuz; einer der Generäle hängte es ihnen an.

Darauf verstummte der Kaiser so schnell, wie er angefangen hatte; er war inzwischen abgefprungen und stand vor den Truppen. In seinem Inwendigen ging eine Veränderung vor, von der er selber wohl gar nichts wußte. Er stand zuerst nachdenklich, machte dann ein paar Schritte, und wie es schien, hatte er alles um sich herum vergessen. Wieder folgten einige rasche Schritte, die man fast ein Laufen nennen konnte; so kam er bis an das Ende der aufgestellten Truppen, er stand ganz in der Nähe der Fahrer, Karl Johann am nächsten.

Der war in diesem Augenblick bei dem Pferd des Kaisers; es gefiel ihm nicht, obwohl er noch niemals ein so schönes und ebenmäßiges Tier gesehen hatte. Er meinte, es sei gar kein Pferd mehr; denn gewiß war es so sehr abgerichtet, daß es von seiner Art nichts mehr in sich hatte. Es sah frisch und feurig aus, aber das täuschte; vor den Ohren dieses Tieres konnte man gewiß eine Kanone abfeuern, man konnte die unsinnigsten Sachen anstellen und ihm den sremdesten und tollsten Gaul vor Augen und Nüstern bringen, er würde sich nicht rühren. So jung und schnell und prächtig es war, so zahm und alt war es in seinem Wesen. Es war also so, wie die Soldaten erzählten, der Kaiser war ein Reiter, dem man die Pferde besonders zurichten mußte.

Als er das dachte, kam er mit einem Ruck zu dem zurück, was vor ihm geschah oder doch geschehen sollte. Der Kaiser stand gerade vor dem Beißer"; er hatte sich hastig umgewandt und drehte dem Tier den Rücken zu. Sein Blick ging über die Truppen; sie standen, wie sie da unten in manchem Lager gestanden hatten. Das Gesicht des Kaisers veränderte sich; er wußte, daß alles, was die Soldaten erlitten hatten, für ihn geschehen war. Er wußte auch, daß neben jedem einzelnen von ihnen zehn Tote Aufstellung genommen hatten, die in jenem düsteren Lande geblieben waren. Darüber dachte er jetzt wohl nach, sein Gesicht wurde finster, sein Rücken schmal, es war etwas in ihn gefahren, das ihn verändert hatte. Seine Stirn wurde bleich, und wenn die Augen darunter nicht gewesen wären, hätte man denken können, fein Gesicht wolle einfallen, wie das eines Sterbenden. Karl Johann merkte: Der Kaiser sah etwas; er hatte inwendig etwas vor sich, und das sah er nun.

In diesem Augenblick hob eines der beiden Tiere den Kopf; es war der Beißer. Er hatte sich von seiner wölfischen Art noch nichts abgewöh­nen können, obwohl die letzten Monate Ruhe und Pflege gebracht hatten. Karl Johann wollte vorspringen, weil er voraussah, was nun sogleich geschehen mußte. Es war gar nicht zu umgehen; die Bestie braucht nicht einmal einen Sprung nach vorn zu machen, ihre Zähne waren ohnehin über der Schulter des Kaisers. In dieser Weise griff sie ja am liebsten an. Das Tier hatte den Kopf schon oorgestreckt, die Zähne gebleckt; aber es tat dann gar nichts, es zog den Kopf wieder zurück, schüttelte ihn und blieb im übrigen völlig unbeweglich. Was sich vor ihm befand, war nicht vorhanden; es stand nun selber wie ein gut zugerich­teter Gaul.

Niemand außer Karl Johann hatte den Vorgang beobachtet; niemand außer ihm sah auch, daß das Tier den Kopf dann seitwärts kehrte, als ob da vor ihm etwas sei, was es gewaltsam zurückhalte. Dabei hob es die Oberlippe wieder und legte alle Zähne bloß; es tat so, wenn es einem an den Leib wollte, aber nicht konnte, well man ihm vorher eine scharfe Kette durch das Maul gezogen hatte. Diese Kette fehlte heute. Karl Johann duckte den Kopf. Er erschrak.

Der Kaiser kam wieder zu sich, er ging zu feiner Begleitung zurück, die sich zurückgehallen hatte, wohl well sie solche Augenblicke an ihm schon kannte. Er bestieg sein Pferd, sah noch einmal über bic Trup­pen hin, grüßte sie und stob dann mit feinen Generälen so eilig ab, rote er gekommen war. In der Ferne sahen sie nun wieder die Staubwolke.

Dann war alles vorüber. Die Soldaten ordneten sich zum Abmarsch, und bald waren alle auf dem Heimweg. Unterwegs hatte Karl Johann genug zu tun, den Beisier ohne Uebeltat zurückzubringen. Es ging nun wieder nach der alten Weife; ja. er kehrte sie besonders hervor, so. als ob er soeben etwas vor sich gehabt habe, wovon er sich nun befreit fühle.

-verantwortlich; Dr. Hans Thtzriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Duch. und Steindruckerei. L anae, Gießen-