Ausgabe 
2.12.1935
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (955 Montag, den 2. Dezember Nummer 94

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

(2. Fortsetzung.)

zu brechen.Und gar nicht teuer! staunt. Gewiß, es

einem langen Blick an. , , .___

Ist es nicht ein stattlicher Kerl?" fragte Lars, um ihr Schweigen ... 7 ' gQr teuer!" setzte er hinzu. Ich war ganz er- . ist ein wenig pflastermüde und auch das jüngste nicht mehr. Aber was macht das? Es wird sich hier draußen auf der Weide schon mit der Zeit erholen und die Arbeit ebenso gut tun rote ,edes andere, das ein paar hundert mehr kostet. Hinten ,st es ein wenig kuhhessia, das ist richtig", fuhr er fort, um zu zeigen, daß er auch von Pferden etwas verstünde.Nun, es soll ja bei uns auch nicht in einem Zirkus auftreten, nicht wahr?"

Aber Lena ging ohne ein Wort zu erwidern ins Haus, und als Lars, der den Kleinen auf das Pferd gesetzt und es auf die kleine Weide neben dem Kartoffelacker gebracht hatte, auf die Diele kanr sah er, daß sie mit zusammengezogener Stirn am Herd stand und sich bückte, um das Feuer ein wenig zu schüren.

, Du magst d-as Tier nicht recht leiden?" fragte er Sena.

/O, was das betrifft", antwortete Lena still,ich verstehe zu wenig i)aD°2)u kannst dich ja ganz auf mich verlassen", sagte Lars,und wenn du bedenkst, daß ich das Geschirr ohne iebejBeredinung dazubetommcn habe, so muß man doch sagen, daß es wirklich nicht ZU hochbezalstt ist. Pflug und Egge haben wir schon, und mit der Zeit wird auch e n Wagen hinzukommen. Aber damit hat es noch bis zum Herbst Zeitz Vielleicht habe ich über Sommer mal Gelegenhech irgendwo so ein D ng auf einer Versteigerung zu erstehen. Da braucht man mitunter nicht den halben Preis zu bezahlen."

'Za,"'d!°mnf?d°ch einsehen, Lena, daß ich den Ackei- nicht niU den Händen umwühlen kann", fuhr Lars fort, gereizt durch die Gleich gültigkeit, die Lena an den Tag legte.

Es war ein stattliches Tier, das muhte Lena zugeben, so wenig sie auch davon verstand, schwarzbunt und mit einem Euter, das reichlich Milch zu geben versprach.

Lars erklärte ihr, daß man das schon an den Adern sehen könne, die sich unter dem Bauch bis ins Euter zogen. Nein, es gehörten keine großen Kenntnisse dazu, um auf den ersten Blick zu erkennen, daß er mit dem Tiere nicht betrogen sei.

Dann hast du gewiß sündhaft viel dafür bezahlt?" fragte Lena.

Na, geschenkt habe ich sie nicht bekommen, das ist richtig. Aber man kann auch nicht sagen, daß sie teuer ist. Im Gegenteil. Dafür hab ich sie auch sofort blank auf den Tisch bezahlt! Ich kann dir sagen, man machte Augen. Aber dafür hab ich nun auch den längsten Kredit auf die zweite."

Nein", sagte Lena und war entsetzt.Das ist zuviel. Lars. Du über­nimmst dich einfach. Kaum hast du eine gekauft, denkst du schon an die zweite."

O, keine Sorge", antwortete Lars.Das hat natürlich Zeit. Aber laß mich nur machen. Du wirft dich noch wundern, sage ich dir. Jetzt muß ich erst sehen, daß ich ein Pferd kriege."

Nun höre aber auf! Du bist leichtsinnig, Lars. Ich habe dich nie wieder gefragt, woher du das Geld nimmst und will es auch jetzt nicht tun. Ich weiß, daß du es nicht liebst. Aber du mußt zugeben, Lars, dies kann unmöglich mit rechten Dingen zugehen."

Meinst du?" sagte Lars.Aber du siehst doch, daß ich bezahle, was ich kaufe, ist das nicht genug?"

Lenau getraute sich nicht, noch ein Wort zu erwidern, und Lars zog die Kuh ins Haus, band sie am Stallpfosten fest und machte sich daran, sie nach dem langen Wege, den sie hinter sich hatte, zu futtern und zu

Wirklich schob er es noch auf, ein Pferd zu kaufen. Als aber die Arbeit auf dem Felde allmählich drängender wurde und fein Versuch, sich bei einem der Nachbarn ein Pferd für ein paar Tage zu leihen, mißlang man brauchte die Pferde dort ebenso nötig wie er, tarn er eines Tages doch mit einem Gaul auf den Hof gezogen.

Ohne ein Pferd bin ich mit der Arbeit einfach aufgeworfen , sagte er zu sich selber,bas muß Lena doch einsehen."

Er band das Tier vor dem Hause fest und rief Lena und Jan her­aus, damit sie es sehen und bewundern konnten.

Aber diesmal sagte Lena kein Wort zu dem Kauf, so groß ihre Ueberraschung auch war, betrachtete das Tier nur und sah Lars mit

Mach du nur alles so, wie du es für richtig hältst", sagte Lena, wendete sich um und ging daran, das Abendbrot zu machen.

Eine desto größere Freude hatte Jan an dem Pferd. Er lief den ganzen Nachmittag hinter ihm drein und gewahrte mit seinen kleinen, greisenhaften Augen jeden Halm, den es abbiß.

Am Abend, als Lars es auf die Diele holte, und in den Stall führen wollte, scheute es ein wenig vor dem ungewohnten Durchgang und rutschte mit den Hinterhufen aus.

Hoppla!" rief er lachend und tätschelte es begütigend auf die Hinter­hand.Und Hoppla soll es auch heißen! Vor allem darum auch, weil es so frohe Laune ins Haus getragen hat!" Dabei schielte er zu Lena hinüber, die am Herde stand und Kartoffeln in die Pfanne schnitt.

Aber Lena überhörte die Anspielung. Lars wußte nicht, ob es mit Absicht geschah. Aber mochte es damit fein, wie es wollte, er wollte sich nicht länger die Laune verderben lassen. Lena verstand nun einmal nichts von der Landwirtschaft und mußte erst langsam in das Leben hier draußen hineinwachsen. Nun, gewiß, sie hatte den guten Willen, Lars sagte nichts dagegen. Aber sie machte ihm den Anfang nicht gerade leicht. Wer A gesagt hatte, mußte auch B sagen. Sonst hätte man in der Stadt sitzen bleiben müssen, und Lars hätte weiterhin an jedem Tage, den Gott werden ließ, zum Hasen gehen müssen, um zu sehen, ob Arbeit für ihn da fei. Da war es doch ein anderes Ding, wenn die Arbeit auch genau so sauer war, die der Tag hier draußen verlangte.

Er ging und suchte den Melkschemel, den er sich zurechtgezimmert und den der Kleine bei seinem Spielen verschleppt haben muhte, sand ihn, schon ein wenig ärgerlich, nach einigem Suchen und setzte sich zum Melken unter die Kuh, denn Lena traute es sich noch immer nicht recht.

Was war es doch für ein Leben, das er hinter sich hatte, wenn er daran zurückdachte! Da konnte er doch heute stehen und gehen, wie er wollte! Nein, ihm machte es nichts aus, und er wäre auch zufrieden gewesen, wenn alles noch langsamer vorangekommen, wäre. Denn nun hatte er doch eine Möglichkeit, zum Satan noch mal, und er war ein Esel gewesen, daß er sie nicht schon längst benutzt hatte. Bedenken hin, Bedenken her! Hätte bas Geld vielleicht lieber Schimmel ansetzen sollen? Jahr und Dag hatte es doch einfach dagelegen und darauf gewartet, daß er kam und es benutzte. Und was die Frage betraf, ob Krick vielleicht eines Tages wiederkam gewiß, er hatte damals davon gesprochen, und man mußte wohl damit rechnen. Aber hatte er vielleicht in der ganzen Zeit, seitdem er fort war, auch nur ein einziges Mal ein Wort von sich hören lassen? Wenn er nun vielleicht überhaupt niemals wieder­kam? O, Lars wünschte ihm nicht etwa den Tod, das wäre das letzte gewesen, aber war es denn so unwahrscheinlich, daß er überhaupt nicht mehr lebte? Möglich war es ja auch, daß er drüben auf irgend eine Weise zu Geld gekommen war, wer konnte es wissen, und nun dachte er gar nicht daran, jemals wieder zurückzukehren, und er saß hier im Moor und zerbrach sich den Kopf über Möglichkeiten, die kein Mensch übersehen oder entscheiden konnte.

Nein, er wollte einfach nicht wehr darüber nachdenken. Gedanken waren überhaupt nicht feine Sache. Sie verwirrten ihn nur, bedrückten und lähmten ihn, das hatte er oft genug erfahren, ja, sie waren schlim­mer als die Pestilenz, und alles Grübeln und Nachdenken sollte der - Teufel holen. Man wurde nur unglücklich dadurch. Darum war es ja auch von Anfang an unmöglich gewesen, mit Lena über die Dinge zu reden. War es nicht genug, daß er sich allein mit ihnen herumschlug? Denn wenn er ihr etwa erzählt hätte, wie die Dinge zusammenhingen und wie es möalich geworden war, sich hier draußen anzukaufen und die Wirtschaft in Gang zu setzen, hätte sie längst keine ruhige Stunde mehr gehabt. Gewiß, sie quälte sich auch so, in der Ungewißheit, die für sie mit allem verbunden war. Aber es war trotzdem noch besser, sie hinzu­halten, als ihr klaren Wein einzuschenken, wenn es mitunter auch chwierig genug war, ihren Fragen auszuweichen. Aber in der letzten Seit hielt sie sich damit ja auch schon mehr zurück, und wenn sie erst sah, daß alles gut ging, würde sie vielleicht eines Tages ganz über ihre Un­ruhe toegtommen. So etwas wollte Zeit Haden.

Er war beinahe heiter, als er von feinem Schemel wieder aufftanb, bie Milch durchseihte und sie in die tönernen Satten goß, aus denen Lena bann ein paar Tage später ben Rahm zur Butter schöpfte.

Lächelnd fetzte er sich mit den Seinen hinter die Pfanne mit Brat­kartoffeln die Lena auf den Tisch gestellt hatte. Dazu gab cs eine Schüssel mit saurer Milch und für jeden eine Schnitte des derben Schwarzbrotes, das Lars in dem alten steinernen Backofen hinter dem (Saufe selber backte. . , .

Nun Lena", sagte er, als alle gesättigt waren, und empfand es als"eine 'Befreiung, das Schweigen zu brechen, das zwischen ihnen qeftanben hatte,ist es nicht herrlich? Nun haben wir eine Kuh unb em Pferd, brei Schweine im Stall und ein Volk Hühner du mußt doch jagen,' daß wir vorankommen?"