Ausgabe 
2.9.1935
 
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sein Dasein zu wir wenig von

Ruders und des Segels bedrückende Ungewißheit Meeresernte, die dem schwärme sind ungewiß: Gunst oder der Ungunst des Meeres.

Der Mischer, der auf

Oer Fischer.

Das Bild eines deutschen Berufes.

Von Hans Ludwig Oefer.

Kaum ein Berufsstand hat so schwer um

ringen wie der des Fischers, und doch kennen seinen Mühen, Gefahren und Freuöen. In seinem im Ver­lag der Deutschen Buch-Gemeinschaft ®. m. b. H., Berlin er­schienenen BilderwerkDeutsches Land und deutsches Volk" entwirft Hans Ludwig O e s e r ein umfassendes Bild des deut-

Derantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univerj itäts-Duch» und Steindruckerei, 2L Lana«, Gießen.

hält. , , . m ,

Sein- ganze Arbeitskraft muß der Fischer einseßen, wenn sein Beruf ihn ernähren soll. Keine Arbeit ist ungewisser, als seine Netze in die Gewässer zu hängen, um einen Fischfang zu tun. Nie ist der Ertrag im voraus zu berechnen. Wohl kennt der Fischer gute und schlechte Zeiten. Wohl kennt er Wind und Wetter, die Tiefen und die Untiefen seiner Gewässer, die Lebensart, den Hochzeitszug und die Laichzeit der Fische Er erfand die geeignetsten Boote und Schisse und die besten Netz- und Fanggeräte. Er verband sich zu Genossenschaften und stellte die Wissen­schaft, ihre biologischen Institute, ihre Wetterwarten und Nachrichten­mittel in seinen Dienst. Er baute Dampfkessel und Motor in den Bauch seiner Schiffe ein und trieb sie mit der Schraubenwelle an Stelle des ~ ~ ' vorwärts. Aber alles dieses vermag nicht die

seines Berufes zu nehmen. Selbst die große Hochseefischer alljährlich winkt, die Herings- der Reichtum des Fanges hängt ab von der des Wetters und den wechselnden Strömungen

b's an den Rand mtt blitzenden Fischen gefüllt war oder sein Netz aus der Tiefe einen geheimnisvollen Schatz versunkenen Goldes oder Ge­schmeides zog. Arm sind die Häuser, Hütten und Dörfer. Kaum besitzt der einzelne mehr als ein Boot, einen Ewer, einen Kutter. Oft reicht der Ertrag des Fischfangs nicht hin, um den Lebensunterhalt für die ganze Familie zu bestreiten. Frau und Kinder müssen mithelfen, das tägliche Brot zu schaffen, und sich in ftemde Dienste naher Bauernhöfe, Guter oder Badeorte verdingen.

Drei Typen von Fischern haben sich gemäß der Landschaft ausgebildet: der Binnenfischer, der Ostseesischer und der Nordseesischer. Mit Angel, Reuse Fang- und Schleppnetzen, vom Ufer aus oder mit Kähnen und Booten wird auf den Binnenwässern gefischt. Der Binnenfischer ist kein zahlreicher Beruf mehr in Deutschland. Einst waren die Binnenfischer ein besonderes Gewerbe und ein geachteter Stand. In manchen Gegenden und Städten waren sie einbezogen in das Zunftwesen: sie hatten ihre besonderen Sitten und Gebräuche, waren frei in ihrem Berufe oder standen im Dienste großer Grundherrschaften, Abteien, Kloster oder Städte. Petrus, ihr Schutzpatron, war m seiner bärtigen Gestalt das Sinnbild ihrer Fahnen. Petri wunderbarer Fischzug, wie ihn der Evan- qelist berichtet, war auf den Schildereien ihrer Hauser oder Kirchen ge- malt Die Not des Fischers, der die ganze Nacht gearbeitet und nichts aefanqen hatte, aber auch das Wunder des reichen Fischzuges war ihnen in der Heiligen Schrift berichtet. DieFische" sind ein S ernzeichen des Jahresrings und zugleich ein geheimnisvolles, weit aus Asten her über­kommenes religiöses Symbol. Astrologisch waren die£5tfcfjer P^ueien- kinder der Luna, waren dem Mond zugeordnet. Früh schon wußte die Menschheit darum, daß der Mond alle Gewässer regiert, die Schleusen des Himmels öffnet und die Meere nach dem Gesetz von Ebbe und ^^Ein^jeder^Jstch" hat seine besondere Lebensweise, Brutstätten und Schwarmzeiten, und ein jeder wird wieder auf besondere Weise, zu be­sonderen Zeiten, selbst zu besonderen Stunden gefangen Zahlreich mb die Arten der Süßwasserfische, denen der Fischer nut Angel, Reusen und Neben nachstellt, die Karpfen, Schleie, Barsche Zander, warben Welse, Schmerlen, Aale, Neunaugen Hechte Salme, Felchen und Bachforellen. Früh des Morgens oder noch in der Abenddämmerung ist der Fischer aus den Gewässern draußen, er kennt die besten Fangstellen ,m offenen Wasser, am Schilf oder nahe dem Wasfergewachs des Ufers Er wirst oder legt die Netze aus, markiert ihre Lage durch Pfahle oder Korke er holt'den Fang ein, tut ihn in die Fischkästen, verkauft ihn im Dorfe oder auf dem Markte oder an Händler

Ein Kranz von Fischerdörfern säumt von den Mundungen der Eins her an den Rändern des Wattenmeeres, auf den Nordsee- und Ostsee­inseln, an den Föhrden und Buchten, an den Bodden des Hasts d, deutsche Meeresküste. So unterschiedlich in ihrem Wesen tue Nordsee und die Ostsee sind, so verschieden sind auch Nordseefischer und Ostsee- sischer, so verschieden ihre Fahrzeuge, ihre Fischereigewasser und ihr berufsmäßiger Zusammenhalt. .

Die Ostsee ist Binnenmeer. Die Entfernungen von der Küste und den Häsen sind nicht so weit wie auf der Nordsee d,e Seegefahren nicht so groß und der Zug der Fischschwarme der Sprotten und Heringe, nicht so unbestimmt wie im offenen Meer. Der Fischfang in der Dorfgemeinschaft hat sich an der Ostseeküste langer als an de Nordsee gehalten, und früh haben sich die Dörfer zu Fischereigeno en- schäften zusammengeschloffen. So ist beim Ostsee,scher starker genossen- schaftlicher Geist ausgebildet. Ganz in der Frühe des Margens fchon ziehen die Jollen und Kutter in langer Reihe aus den kleinen Dorp häfen zu gemeinsamer Arbeit auf das Meer hinaus, und bei Dogrs- anbruch wird der Fang in die gemeinsame Fischereihalle zum Versand

eigene Rechnung und Gefahr seine Arbeit voll­bringt, bleibt arm sein Leben lang und sein Verdienst gering. Seine Lieder, Märchen und Sagen Freiten um dieses Schicksal seines Berufes und berieten von Wassergeistern oder Zauberern, die ihm einmal in seinem Leben halfen, einen reichen Fischzug zu tun, so daß sein Schiff

ober Verkauf gebracht. . , ... .

Der Nordseefischer ist verschlossener, eigenbrötlerischer, auch aben­teuerlicher und tiihncr als der Ostseefischer. Der lohnendere Hochseefii» fang auf offenem Meere auf Schellfisch ober Dorsch, Kabel,au und Herrn hat an der Nordsee Hochseefischerei-Gesellschaften entstehen tafferr Set einzelne Fischer mit seinem Segelboot, in das nur ein kleiner Motor eingebaut ist, vermag lohnend kaum noch d,e Küstenfischerei zu hetr i ben. Sein Fang sind Rotzunge. Steinbutt, Heilbutt. Flunder oder Scho le. Die Ausfahrten aus ben Münbungen ber Ems. der Weser 'mb ber E..c sinb reich an Sandbänken und Platten, an Untiefen, an Lochern und- Gründen, reich an Winden und Stürmen und stehen unter hffl ®e* von Ebbe und Flut. Selbst die Küstenfischerei ist in der Nordsee m*t ungefährlich und verlangt eine genaue Kenntnis ber Fahrtrinnen nn ber vielen Seezeichen.

Viele ber Norbseefifcher stehen heute im Dienste von Fischereiae'en schäften, die Großunternehmer mit modernen Schiffen sind. Ihre dampfer sind mit technisch besonders konstruierten Fangwerkzeugen 'm* eisgekühltem Lagerraum, mit Funkanlage ausgerüstet, stehen in - bindung mit dem Seewetterdienst und schnellen Suchbook-n, die Zug der Schwärme auskindig machen. Diele Fischerei-Handelsaesellima, len'haben die dörkliche Fischereiaemeinschaft van ber Hochleemmere, ne- bränqt. Wenn bie Millionenzüge ber .^eringsschwärme geftielbet sind, stetem die Dampfer in See. Drei bis vier Wochen lang werden b'e großen jte e burch bas Meer gezogen, eine Unzahl ber gefangenen Fische emgeei > aber eingesalzen. Wochenlang sinb oft Stürme ober Mmterkalte zu be­stehen ehe die Flottillen wieder in den Fischereihafen zuruckkebreb um ihre Fracht abzuliefern. Eine ganze Industrie hat sich um so Fischerhöfen gebildet. Eisfabriken. Korbflechtereien. Nekmirkere er Räuchereien. Bratfisch- und Marinieranftalten. an deren Ma'cknnen ur Defcn fmnberte von Frauen und Mädchen beschäftigt sind, rm men _ Rauch ihrer Schornsteine und ben Teer- und Fischgeruch des sondere Eisenbahn-Güterwagen fahren die emneeiften oder in .W। und Büchsen Kisten und Körben verpackten Filche durch ganz Deuua, land in die Dörfer und Städte. Fische sind Volksnahrung geworden.

scheu Fischers.

Reich an Gewässern aller Art ist Deutschland. Große Seen liegen im Alpenvorland, am Rande der Heide und der Moore, und eine ganze Seenkette zieht sich von Ostpreußen her bis nach Schleswig-Holstein über das Tiefland hin. Ein Netz von Bächen, Flüssen und Strömen ist über das Land gebreitet vom Hochgebirge bis an die Meeresküste. Graben, Tümpel und Teiche sind bie Gewässer ber Nieberungen, ber Bruche unb Sumpfwälder. Wattenmeer, Föhrden, Buchten, Bodden und Haffe deh­nen sich zwischen Festland und den meerumrauschten Inseln, Halligen und Dünen-Nehrungen. m _rir .

Alle diese Gewässer und die beiden deutschen Meere, die Ostsee und die Nordsee bis hoch hinaus nach Schottland und nach Island, sind die Landschast des Fischers und das Reich seines Berufes. In Wind und Wetter gleich dem Schiffer und Seemann vollbringt der Fischer seine Arbeit draußen; gleich dem Bauern wohnt er in dörflicher Gemeinschaft, ist er an ererbtes Land und an seine Heimat gebunden; gleich ihm be­wahrt er Tradition und Sitte, achtet er religiöse und überlieferte Lebens­bräuche, ist seine Lebenshaltung durch Jahrhunderte hin gleichmäßig be­dingt Aus dieser Geschlossenheit seines Daseins und seiner Arbeit kommen ihch die Kraft und das Wissen für seinen Berus, der besonders aus dem Meere mühsam und schwer ist und ihn oft tagelang, wochenlang fern vom heimatlichen Fischerdorf ober Hafen in Einsamkeit unb Gefahren

fmnben wie fürsorglich siebende Brüder. In treuer und herzlicher Karne- | radschast Helsen sie einander unb suchen sie einer ben andern über fern trauriges Geschick hinwegzutrösten. Eine stille, unverlierbare Gemeinschaft ist errichtet die erst ber Tob jäh zerreißt. Noch tiefer berührt das un­vergeßliche BuchReinhold oder die Verwandelten . Hart und grau am ist das Leben des Krieges und schmerzhaft vom Tob gezeichnet. Doch bie We­sensmächte, bie sich göttlicher Knabe unb Heilskraft verbinden, Mi en ben Weg zur furchtlosen Ueberroinbung. So muß ber junge Bemholb, wie alle seine Kameraben, inmitten ber schrecklichen Verwesung bes Krieges, inneroerben, baß es gut ist, an bieGerechtigkeit bes unsichtbaren Va- terlanbes" zu glauben, auf baß man es zu lieben begehrt wie ben niemals qeoffenbarten Gott. Verwanbelte sinb sie alle, bie reiften, um innerlich ben Tob zu überroinben, weil er sie wieder die Demut der Unterwerfung lehrte unter das unveräußerliche Gesetz göttlicher Ordnung.

Was darum diese Erzählung so wertvoll macht ist die ernste, männ­liche Haltung, bie aller Anfechtungen tn rounberbarer Gefaßtheit Herr mirb Keine unmutige Klage wirb laut unb keine schwächliche Zagheit vernehmlich. Bonbern ruhige unb gefestigte Menschlichkeit, bie jegliches Pathos verabscheut, ist Zeuge eines neuen tatbereiten Helbentums.

Bei aller Ernsthaftigkeit ist Alverbes von erfrischenb humorvoller Laune Mochte bas auch in jenen Erzählungen nicht säuberlich stark zutage- treten bennoch bleibt ber Humor ein rühmenswerter Teil seines Wesens. In ganz eigner Weise spricht er uns an in ben anmutigen Tagebuchblat­tern berKleinen Reise". Diese Schilberung einer Reise vorn Bobensee hinüber ins italienische Laub nach Bellagio bis hinunter nach Mai and, die nachdenklich und frohmlltia die Landschaft erschaut, erfüllt ein seltener Zauber. Zugleich mit ben beschaulichen Zwiegesprächen strahlt em Fülle E'Hcher Silber auf, von jener pastellzarten Feinheit, beren persönlicher Reiz nur von bem Reichtum eines frohlockenben Herzens herruhren kann.

Nicht zum wenigsten wirb auch bas neue BuchDieWaldbrüb e r", eine Entwicklungsgeschichte junger Menschen, uns erneut gewahr werben lasten daß die Bücher von Paul Alverbes, kraft ber Reinheit unb Schlicht­heit ihrer Sprache, edelste deutsche Erzählerkunst und darum Bürgen eines neuen dichterischen Geistes sind, ber roieber um ben Abel feiner Bestim­mung weiß.