'|/jpr hört man ihn dann reden? Soff, was für eine spassige Sprache? i Schwätzen so nicht die Geißbuben auf der Achcllm miteinander? Sagt, wie stimmt das zu seinem himmelstürmenden Wesen? Klingt es nicht manchmal, als ob er sich selbst travestieren wollte?
Wer weiß noch mehr über ihn? Ja, noch dies: Zu der Premiere von seinem ersten Stück wäre er auf ein Haar zu spät gekommen. Liederlich, nicht wahr? Vor allem undankbar gegen Herrn von Dalberg, seinen großherzigen Gönner. Und warum das? Nun, mit einem hübschen Kellnermädchen hatte er unterwegs herumkaressiert. Da hat man's: mit einem Kellnermädchen! — Nein, es ist wahrhaftig kein Staat zu machen mit diesem Poeten Nur daß er eben bisweilen ganz originelle Einfälle hat. Und sich aufs Rollenschreiben versteht. Aber das sehle ja noch, daß auch seine Stücke schlecht wären!
Ja, so urteilen sie über ihn, diese Unbedrängten und Auserwählten; jene, die sich nur hegen und fächeln dürfen. Selbst die Schauspieler machen billige Witze über ihn. Nirgends ein Gedanke an seinen Genius. Es fällt keinem ein, ihm die Schulden zu bezahlen, sie ziehen ihn nicht zu ihrer Tasel. Nicht ahnt ihnen, wie sehr sie erhaben wären, wenn er als Gast in ihrer Mitte weilte.
Auch heute saß er wieder allein in seiner Loge. So, als wenn er nur das unwürdige Gefäß wäre und von dem Geist, der dort im Jahrhundert- sturm über die Bretter schreitet, nichts wüßte.
Er sah da wie ein Bettler, aber um seine Schultern floß ihm der Purpur der Unsterblichkeit. Einzig ein armer Student und ein blaßes Mädchen, ein Sonntagskind, gewahrten dieses Leuchten. Der Student tobte bei jedem Aktschluß, als müßte er eine ganze Welt aus ihrem Totenschlaf aufwecken; das Mädchen weinte nur leise vor sich hin. Alle andern sahen nichts.
Auch der junge Dichter selbst wußte nichts von diesem Purpur. Er dachte doch gar nicht an sich. Da saß er mit brennenden Augen, sah nichts als diese Luise. Was war das, was dort vorging? Konnte er das, was sie so betörend, so hinreißend spielte, gemacht haben? Nein, das war nicht zu begreifen!
Hernach, als alles zu Ende war, erwartete er sie vor der Garderobe. Als sie herauskam, stand er wie ein armer Sünder da, fragte mit ein paar verlegenen Worten, ob er sie nach Hause bringen dürfe.
Die Mademoiselle sah auf ihn mit drollig erstaunten Augen. Was kam ihm nur bei, diesem wunderlichen Menschen? Noch heute morgen, in der Generalprobe, hatte er sich so hölzern gegen sie benommen — und nun dies?
Ein aufsteigendes Lachen konnte sie geschwind noch unterdrücken.
Aber dann tat er ihr plötzlich leid, wie er so kleinmütig und zag dastand. S'e dachte an die großartige Rolle, in der sic heute ausgetreten war, die ihr soviel Bewunderung und Beifall einbrachte und die er doch schließlich geschrieben hatte. Und sie gab sich innerlich einen Stoß. Ja, einen kleinen Stoß mußte sie sich noch immer geben. Und sagte: Wenn es ihm Spaß mache — warum nicht? Nein, sie hätte nichts dagegen!
Und dann wandern sie mitsammen durch die nächtliche Stadt. Eine kleine, ganz stille Stadt, obschon sie die Residenz ist. Es sind nicht viele Fenster, aus denen noch ein Lichtschein bricht, säst alles ist schon schlafen
gegangen. , .
Und er trägt sein scheues Menschentum neben ihr her, selig und unglücklich zugleich. So langsam gibt sich ein Gespräch, aber die Unterhaltung will nicht recht fort. Er weiß, es liegt an ihm. Und da wird er noch schüchterner. Ja, daheim in seiner Kammer, da ist er in seinem Reich, da fühlt er sich wie ein Riese. Aber hier, neben diesem Frauengeschopf?
Er denkt: Ich bin doch nur so ein hergelaufener Mensch, und mit solch einem delikaten Frauenzimmer kann ich nicht reden!
Er hat ihr danken und hat ihr viele schone Dinge sagen wallen — nun kann er die passenden Worte nicht sinden. Oh, wenn er jetzt die Feder zur Hand nehmen dürfte, dann wäre das ganz anders. Um einen Hymnus wäre er gewiß nicht verlegen. Wie würde es aus ihm sprühen. Aber so?
Ganz niedergeschlagen geht er an ihrer Seite.
Sie denkt: Nein, wie ,st das Leben doch komisch! Das ist nun der Dichter, dessen Geist und Sprache diesen Abend so herrlich in ihr geglüht und geklungen! Gedanken, Worte, die man auf dem ganzen Erdenrund und noch drüben im Licht des Ewigen hören und verstehen kann. S denkt: Ist das nun wirklich dieser Dichter?
Sie kommen durch Gassen, die in mondweißer Stille liegen
Sie schreiten unter einer Lindenzeile dahin und riechen dar junge ° Sie sehen, wie sich ein vollerblühter Kirschbaum über eine alte Gartenmauer neigt und bleiben ein paar Augenblicke davor stehen.
Die Mademoiselle ist ganz ergriffen von der Magie dieses Baumes. Sie denkt: Was wird er nun sagen? ~ ....
Sie wartet umsonst. Er sieht ja gar nicht den Baum. ’ W nur sie. Einen halben Schritt hinter ihr stehend betrachtet er mit glanzenden Augen ihr seines Profil. Und denkt: Wie sie schon ist!
Die” Madeinostell e™versucht, wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, SÄÄr Schiller?" fragt sie nach einer Weile.
„Ja", sagt er. Als ob das eine Antwort wäre!
Dann bleibt sie plötzlich stehen. „Nun bin ich zuhause , sagt sie. „Gute Nacht! Und haben Sie auch schönen Dank! —
Da spürt sie mit einmal etwas 'n ihrer Hand. m,. ; h ift
Sie hebt es in das Mondlicht und sie sieht, daß es eine M'matur llt. Sie schaut ihn an mit großen, wundergroßen Augen Sie fragt „W Bild, Herr Schiller? — Aber sagen Sie bloß, was foU teft . f.
Zwei, drei Sekunden steht er wortlos vor ihr, nut fas! bta Blicken sieht er sie an. Dann sagt er: „Ja, sehen Sie, Mademoiselle, bin ebe e kurioser Kauz — sell kann i Ihne net sage.
Und damit wendet er sich und geht, läßt sie allein mi h '
Als dies geschah, schrieb man den 15. April des Jahres 1784.
Oer Dichter Paul Alverdes.
Von Rolf M e ck l e r.
Wie kaum ein zweiter unter den jüngeren deutschen Dichtern wächst Paul Aloerdes in Zurückhaltung und Bescheidenheit heran, zugehörig der stillen und ernsten Menschenart, die dem Lärmen des Tages und dem falschen Schimmern der Welt sich verschlossen hält, weil sie sich allein geborgen fühlt in der Ordnung ursprünglichen und natürlichen Lebens. Das mag auch die Ursache sein, daß Aloerdes, obwohl seine dichterische Kraft als ungewöhnlich gelten darf, bisher nur wenig bekannt wurde. Er ist gleichen Alters wie Karl Benno von Mechow, und mit diesem verbindet ihn nicht nur aufrechte Freundschaft, sondern viel mehr noch das gleiche seelische Empfinden, das bei beiden von Anbeginn in der Reinheit des dichterischen Bildens unverhüllt zum Ausdruck kommt.
Aloerdes, der im Jahre 1897 zu Straßburg im Elsaß geboren wurde, verlebte feige frühe Jugend in Düsseldorf am Rhein. In jenen Jahren, unmittelbar vor Ausbruch des Weltkrieges, wurde feine Entwicklung in eine entscheidende Richtung gedrängt durch das Erlebnis der Jugendbewegung. Bei Beginn des Krieges meldete er sich mit seinen Jugendfreunden als Freiwilliger zur Front. Schon im Frühsommer 1915 wurde er durch einen Kehlkopfschuh schwer verwundet und lag hernach lange Zeit bis zur glücklichen Heilung. Das später aufgenommene Studium, das vornehmlich der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte galt, beendete er mit dem Doktorrat der Philosophie. Seit jenen Studienjahren erkannte er München als seine Wahlheimat, in der er, von einem Kreis verläßlicher Freunde umgeben, bis auf den heutigen Tag als freier Schriftsteller zu Haufe ist. Nun ist freilich die Bezeichnung „Schriftsteller" schon eine Un- genauigfeit, weil sie eine Beschränkung ausspricht, die dem Alverdesschen Künstlertum keineswegs verträglich ist. Sein Können, das niemals von außen, von der Oberfläche her, bestimmt wird, sondern immer nur innerem Vermögen entspringt, läßt ihn in d i e Sphäre hinaufreichen, die allein des Dichters ist und die sich eben darum aller nützlichen und zweckvollen Neigung geläufiger Tagesschreiber verschließt. Wie noch jeder wahrhafte Dichter erleidet auch er die Gnade, schreiben zu müssen, im Gegensatz zu jenen, die aus vermeintlicher Berusenheit ihrer einfältigen Willkür, um jeden Preis schreiben zu wollen, häufig genug erliegen.
Schon fein erster Gedichtband „Die Nördlichen", der 1922 inmitten einer verworrenen Zeit erschien, verrät mit feiner frühen Reife zugleich feine schöpferische Eigenart; aus diesen ernsten Gedichten um bas Erlebnis himmlischer und irdischer Schöpfung tönt ein unsagbar reiner und schöner Klang. Um die gleiche Zeit schrieb er mit Alfred Happ zusammen das Spiel „Die ewige Weihnacht", in dem das Mysterium der Geburt Christi in, die unmittelbare Gegenwart einbezogen wird. Seine ursprüngliche erzählerische Begabung offenbart sich dann in den ersten veröffentlichten Novellen, deren er vier in einem Buche vereinigte, ausgenommen die umfangreichere Erzählung „K i l i a n". Ihre Inhalte gelten zumeist dem Erlebnis der Liebe und Freundschaft, von dem der junge Aloerdes während jener Jahre durch mannigfaltige Begegnungen zutiefst bewegt gewesen fein mochte. Namentlich die Novelle „Kilian", vom Mißgeschick eines Jünglings erzählend, der um die Freundschaft leidet, weil sie ihm verwehrt und unerfüllt bleibt, bis der Tod ihn mit tröstlicher Gewißheit verklärt, ist nicht allein wertvoll geworden als Zeugnis einer neuen tiefen Besinnung und einer innerlich geläuterten Menschlichkeit. Sie verkündet auch am reinsten den epischen Gestaltungswillen, der Aloerdes eigen ist. Er erzählt alle diese Begebenheiten — wie auch die vor einigen Jahren erschienene prächtige Verdeutschung von Coopers Jndianergeschichte „Der Wildtöter" — in einer schlichten, ausdrucksvollen und erwählten Sprache, getrieben von dem Atem eines tiefen rhythmischen Gefühls, das sich in kunstvoll entwickelten und dennoch einfach gefügten Handlungen verströmt. Hier zeigt sich Aloerdes schon als ein ganz und gar Eigener, dessen Wert auch der Hinweis nicht zu mindern vermag, daß es gewißlich ernsthaften Ringens bedurfte, um an dem als Vorbild beschworenen Genie Kleists nicht zugrunde zu gehen. Vollends deutlich wird dieser Widerstreit in dem Trauc-Giel „Die feindlichen Brüder", feinem einzigen bisher bekannt gewordenen Drama. Dieser unversöhnliche Kampf zweier Brüder, die im gleichen Volk Blut wider Blut in Aufruhr bringen, ist ein Gleichnis des ewigen deutschen Zwiespaltes von wahrhaft bestürzender Gewalt. Man muß es ungerecht heißen, daß dieses Drama, wunderbarer Verse voll und in großen dramatischen Schwüngen die Handlung vorwärts reißend zu höchst gesteigertem Leben, dennoch heutigentags völlig vergessen ist.
Die tiefgreifende Wendung, gewissermaßen die Erfüllung der den frühen Arbeiten innewohnenden künstlerischen Versprechen, erreichte Al- verdes mit der Erzählung „Die Pfeiferstube" und in allererster Linie in fortschreitender dichterischer Klärung, mit dem Novellenbuch „Reinhold oder die Verwandelte n". Die jugendliche Freuud- schaft, von der in den ersten Novellen die Rede war, wird jetzt, in ein größeres Erlebnis verflochten, auf ihre menschliche Bewährung hin geprüft denn alle diese Erzählungen handeln mittel- ober unmittelbar vom Erlebnis bes Krieges. Jubessen bleibt Aloerbes barauf bebacht, von biesem Krieg nicht mit lauten unb schallenben Worten zu prahlen, bie bald an- tlagenb halb unmännlich verzweiselnb bas unentrinnbare Schicksal ob feiner verborgenen Gerechtigkeit nur vergeblich zu beuten versuchen. Seine Darstellung erstrebt jene höhere bichierische Wahrheit, bie immer unb allein erst allgemeingültige Verstänblichkeit verbürgt. Deshalb steht bei ihm stets ber Mensch im Mittelpunkt ber Betrachtung, ber einzelne ebensogut wie die Gemeinschaft, unb bas Material, gleichsam alle unbeseelte Erscheinung, wirb barüber unwesentlich unb tritt fast gänzlich zurück. Die Pfeiferstube" nun. eine Erzählung eigenen Erlebens, handelt von dem i'angeroährenben Aufenthalt im Kriegslazarett. Gemeinsam mit drei anderen Kehlkopfverwundeten, darunter einem gefangenen Engländer, lebt er ein neues verwandeltes Leben: die Sonderlichkeit ihrer Verletzung, ine den Verlust ihrer Stimme mit sich brachte und fie zwang, durch ein kleines silbernes Pfeifchen zu atmen, hatte sie enger, als je draußen an der Front nwglich gewesen wäre, zusammengeführt unb alsbald miteinander ver-


