Ausgabe 
2.9.1935
 
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Schlaf drangen rufend und verheißend die Melodien, die Gottes Nahen verkündeten, fein Erscheinen und Leiden auf Erden in Menschengestalt.

Susanna Cibber, die Sängerin mit der großen Seele, erlebte nun die Höhe dessen, an den sie glaubte, als er noch im Streit mit der Eitel­keit der Menschen stand. Sie, deren kleine, aber ausdrucksvolle Stimme schon so viele Töne der Händelschen Welt, leidende und hoffnungsvolle, getragen hatte, sang nun auch den Ton seiner Gewißheit. Ihr lebendiges und doch leidenschaftsloses Antlitz, die Wärme ihrer hellen Augen und die Haltung ihrer hohen Gestalt begeisterten Händel wie das Dasein einer Schwester aus dem Himmel, und als einmal nach ihrem Gesang der eijor' einsetzte und etwas daran zu fehlen schien, wußte er nach einem Blick auf die Cibber, was es sei. Stürmisch streckte er die Hand aus, zeigte mit dem Dirigentenstab aus sie, während er rief:

Singt so! Singt so!"

Die Dubliner ahnten, was er meinte. Sie strengten sich nicht bloß an, schön und recht zu singen. Die Herde ihrer Seelen folgte zitternd und erregt dem feurigen Befehl sie sangen alle, wie die Cibber sang, nicht klingend, sondern gläubig...

Und es schrieb in diesen Tagen die Zeitung von Dublin aller Zeiten wunderbarste Ankündigung:

, Zur Hilfe der Gefangenen in mehreren Gefängnissen, zum Besten von Mercers Hospital und der Charitable Jnformary ... wird am 13. des Aprils Herrn Händels neues Oratorium,, genannt Der Messias, aufgeführt ... Erscheint, Frauen ohne Reifröcke, auf daß viel Platz im Saal geschaffen werde für den guten Zweck! Dubliner! Bringt alle­samt offene Ohren mit und festliche Seelen..."

Es kam so, daß sich vor dem Eingang zur Musikhalle in der Jishamblestreet die Menschen stauten. Und doch kam, wie von selbst, wundersam Ordnung in den Strom der Leute. Sie fluteten in das Haus, suchten ihre Plätze auf und saßen still, doch nicht steif, sondern feierlicher Erwartung voll. ,___

Das Podium füllte sich mit den Musikern und Sangern. Sie sahen alle aus wie Werkzeuge eines Höheren, gehorsam und dienstbereit, aber nicht knechtisch, sondern in Ehrfurcht ergeben. Leise nur prüften sie den Ton ihrer Instrumente noch einmal, räusperten sie ihre Kehlen frei. Jetzt trat er selbst aus dem Nebenraum, angetan in die nämlichen Kleider, die er am Tage der Erleuchtung trug, und ging festen Schrittes zu auf das Pult des Dirigenten.

Damals, wie zu allen Zeiten, da du den Sterblichen dich offenbarst, blendetest du die Geschöpfe der Erde und betäubtest sie schier, unend­licher Vater, und gabst einem, der dir stark und würdig dazu schien, Gewalt über die anderen. Aber dir konnte es nicht genug sein denn herrlich bist du und dein Maß ist das Uebermah! nicht genug, daß jener die Gewalt voll und schön ausübte, daß ein Saal von Menschen sprachlos lauschte und den Dingen des Irdischen entrückt nach Hause ging, Wohntüren verfehlend, den Gruß der Höflichkeit vergessend, daß die Gespräche der Stadt in den nächsten Tagen und Wochen Heiliges berührten, daß Zeitungsschreiber Worte fanden, die Gebeten nahekamen. Nicht genug war dir, allmeächtiger Gott, der Triumph zu Dublin!

Du sandtest Boten aus nach der größeren Stadt, in welcher jener, den du würdig jetzt deines Tones hieltest, jahrelang irrte und mit ge­bundenen Flügeln um sich schlug, ehe er sich erhob ... Boten schicktest du nach dem verärgerten London und ließest melden: Der Messias, Georg Friedrich Händels neues Werk, hat uns bezaubert, wie noch nie Musik. Wir Irländer tun, was ihr versäumtet: wir ehren den Künstler, weil wir ihn lieben, jedes Haus bei uns ist sein Daheim, er findet Freunde, wo er weilt, er ist uns Gast aus Gottesland habt ihr denn je empfunden, daß er Gast aus Gottes fernem Lande sei?

Du wußtest, Herr, als du die Meldung schicktest, daß sie vorerst nur den Aerger noch verschärfen würde in der großen Stadt. Ihr lobt sein Werk, wir kennen es noch nicht, schrieben die Londoner zurück. Er soll sich damit bei uns zeigen, weshalb fuhr er doch zu euch? Und König Georg wurde zornig und befahl, daß Händel käme und in London den Messias spiele!

Härtest du ihn befehlen, Vater im Himmel, wie er es gewohnt ist und wie's alle seines Ranges tun? Du wolltest, daß er so befehle. Und nicht den Stolz des Künstlers stelltest du ihm entgegen, sondern «bu ließest jenen das Königswort befolgen. Er kam aus einem Orte, wo alles ihn verehrte, zurück in eine Stadt, wo wenig Freunde seiner harrten. Er brachte Sänger aus Dublin und suchte andere dazu in London, mußte mit Musikern verhandeln, hatte den Widerspruch der Geistlichen zu zerstreuen, ehe ihm die Westminsterabtei als Auffüh­rungsort seines Werkes freigestellt wurde, und keine Zeitung war, die für ihn schrieb. Das alles sahst du, Herr, und schwiegst.

Aber du ludst dir hohe Gäste ein und senktest Erwartung in alle Seelen. Da sah der König aus seinem goldenen Stuhl, der Adel hoch­mütig wie er, die reichen Bürgersleute ausgeputzt, die Verkünder des Urteils über Wert und Unwert des Werkes lässig zurückgelehnt auf ihren Plätzen. Kaum eines Menschen Auge leuchtete auf, als Händel, wieder­um in Festtagskleidern, erschien und sich auf seinen Posten stellte.

Dann aber, Herr, brachst du los über die Versammelten! Brausend ösfnctest du die Pforten deines Reiches und übertrafst im Nu den Glanz Westminsters und die kostbaren Kleider und die Titel der Menschen im Raum! Doch dies war erst das Nahen deiner Erscheinung. Mächtig und erdrückend kamst du näher, unruhig begleitete das Volk deinen Streit mit dem Teufel auf Erden, sah deinen Sohn sterben, wehklagte und weinte. Du aber schienst es nur zu prüfen, schienst auch deine Feinde nur prüfen zu wollen! Vater aller Dinge, warum locktest du die Herr­scher auf solche Höhen, wo sie Mißbrauch trieben? Weshalb hemmtest du, ewig seit das Leben ist, dich sefber?

Torheit des Mundes, so zu fragen, wenn das Auge dich aiiferstehen sieht! Wenn wie in Westminster damals, Herren und Zweifler über­wältigt dein Kommen ahnten, es miterlebten, wenn eines Menschen Gestalt ihnen makellos und beauftragt von dir erschien, mit einemmal kein Operndirektor mehr, sondern ein göttlicher Befehlshaber im Raum! Riß er, gewohnt, zu donnern und einzuschüchtern, jemals die Hörer

seiner Musik so empor wie heute? Gehorchten sie ihm fe so gerne? Keiner war, der dir in ihm, Vater aller Welten, widersprach, als die unendliche Größe deiner Macht gesungen wurde, und alles, olles aner- kannte dich... Aber du wolltest mehr als dieses Staunen bloß. Und es geschah: wie deines Preises jubelnder Gesang eintrat und du in Menschenmusik durch Händelkvaft zur Erde stiegst, da stand der König Englands aus, erhob sich feierlich und demütig vor dir mit seinem Volk, stand als ein Kind des Staubes unter gleichen Kindern und ehrte dich, denn herrlich bist du und unbeschreiblich in Gewalt und Güte, unser Vater, wir fühlen es, wenn du dich zeigst, und möchten dich erfreuen, du hörst's im Sünderstammeln wie im Ruf der Reinen

Halleluja! Halleluja! Halleluja!

Kehr ein bei mir!

Von Friedrich Rückert.

Du bist die Ruh, Der Friede mild, Die Sehnsucht du, Und was sie stillt.

Ich weihe dir

Voll Lust und Schmerz Zur Wohnung hier Mein Aug und Herz.

Kehr ein bei mir, Und schließe du Still hinter dir Die Pforten zu!

Treib andern Schmerz Aus dieser Brust!

Voll fei dies Herz Von deiner Lust.

Dies Augenzelt, Von deinem Glanz Allein erhellt, O, süll es ganz!

Die erste Luise.

Von Karl Burkert.

Der Vorhang ist zum letztenmal gefallen, unwiderruflich zum aller- letztenmal. Die Beifallsstürme sind vertost. Ein paar Hände, die noch nachklappen, kommen schon zu spät, erregen einige Verwunderung. Auch« die Tränen 'gelten jetzt nicht mehr, werden, wo sie noch in einem Äug', an einer Wange glänzen, verlegen und eilig fortgewischt.

Schon sind die Türen geöffnet. Die weiche, würzige Luft der Aprik- nacht wogt herein, spült das letzte Fetzlein Illusion hinweg und bringt die Menschen wieder zu sich selbst. Nun wissen sie, daß das alles nur eim Spiel war. Aber welch ein topiet! Nein,Kabale und Liebe" werden aUc die heute diefe Premiere erlebt haben, nie und nie vergessen.

Und wer hätte sie nicht erlebt? Die ganze Residenz war heute auf' den Beinen. Aber nicht nur das. Auch von Heidelberg, Worms, Speyer' und Mainz war man, zu Roß und Wagen, nach Mannheim gekommen,, und wenn auch die wenigsten eine Loge erhalten konnten, man war schon: zufrieden und glücklich, wenn man nur hineinkam.

Aber das ist jetzt vorbei. Noch eine kurze Weile blitzt und flirrt es. von Degen und Tressen, von seidenen Fräcken und bauschigen Krinolinen. auf dem mondhellen Platz vor dem kleinen kurfürstlichen Theater, bann: rollt eine Karofse nach der andern davon, verlieren sich allmählich audji die Fußgänger, und dann wird es still.

Aber es wird heute und morgen und in den folgenden Wochen noch, viel von dieser Premiere gesprochen werden. Seit denRäubern", bei: denen es beinahe zu einem Skandal kam, bei denen man schluchzte, auf schrie, die Fäuste ballte und in Ohnmacht sank, sich wie ein Jrrenhau-. gebärdete, giltKabale und Liebe" für die größte Sensation, die da- Nationaltheater bis da gesehen hat. Die einen jubeln über die hohe, freie: Gedankenwelt, die in diesem Stück emporflammt, die andern schaudern vor dem Chaos, das es, nach ihrer Meinung, unabwendbar heraufbeschwöreni muß, und sie prophezeien den Untergang aller menschlichen und göttlichen Ordnungen. Auch mit den Darstellern des heutigen Abends wird man Mi noch lange begeistert beschäftigen. Man weiß, man kann sich sehen lagen, mit diesem Ensemble. Die glänzendsten Namen, die die deutsche Buhne, kennt, hat Herr v. Dalberg, dieser weitberllhinte Intendant, in [einer Truppe vereinigt. Die Frauen, wenn sie von Jsfland sprechen, der dies-- mal die Rolle des Ferdinand hatte, bekommen ekstatische Augen. l*n01 wenn die Männer an Mademoiselle Baumann und ihre Luise denken,, diese erste Luise inKabale und Liebe", dann möchten sie am liebsten niederknien. . , , ,

Nur von einem ist kaum einmal die Rede, von diesem jungen Ineatc dichter. Was weiß man von diesem Herrn Schiller? Nicht viel. Und oa > Wenige, was über ihn in Umlauf ist, das kann ihn schwerlich empfehlen.

Er sei ein davongelaufener Regimentsmedikus, der dem Herrn v Dalberg binnen Jahresfrist, für lumpige dreihundert Gulden, drei abeno- füllende Stücke schreiben müsse, wolle er nicht mit Schimps und n davongejagt werden. Er habe Schulden bis über den fjaarbufa) ptn i und wohne bei einer armen Beamtenwitwe in einer kahlen, schimmlig Kammer. Er ist ein Rebell, sagt man, ein Rebell, der mit seinem pho ' tastischen Gänsekiel die Kirchen und Schlösser brechen will und vonnea) wegen gehört er aus die Veste Asperg oder sonst an einen sichern u