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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 68

Montag, den 2. September

Jahrgang 1955

Seine Kraft war in ihm mächtig

Bin rtändd-Roman von Brnst Alurm

war

vor

wie in einem und hielt vor

Komponisten, meines hohen

entgegen, die vom Schicksal

und zu erfreuen.

Die Londoner dankten es ihm. Es wäre auch hier wieder gegangen. Aber Händel dachte nicht daran, seinen Dubliner Vertrag, der zunächst ohnedies nur auf ein Jahr lautete, rückgängig zu machen. Er rechnete fest damit, die Stadt seiner Opernsiege und -niederlagen für immer zu verlassen. Darum traf er auch alle Vorbereitungen, veräußerte Stücke aus dem Hausrat der gemieteten Wohnung, die er sich selbst im Lause der Jahre angefchasst hatte, und bald begann das Verpacken.

Jetzt sah man, daß er wirklich ging, und laut erhob sich die Klage der Freunde in der großen Stadt. Nun sprach auch mancher rückhaltlos bei Hof für den Freund, und König Georg der Zweite hätte Händel bei­nahe durch ein Machtwort zurückgehalten. Davon riet man ab.Ein­mal", sprachen die Freunde,haben unserem Riesen schon Monate außer­halb Londons geholfen ..."

Aber auch diese Treuen wußten nichts von der neuen Partitur, die der Komponist bei seiner Abreise aus London mit sich führte. Herz­lich, aber wortkarg, verabschiedete sich Händel von seinen Bekannten, nur bei kennens begoß man die Zukunft unter vielerlei Gesprächen. Der Schriftsteller kannte von des Tondichter Hausspiel und rauhem Gesang her schon den ganzenMessias". Und er ahnte, was für Handel von der Dubliner Reise abhing: die Verklärung feines Ruhms.

Auf dieser Reise gab es eine Verzögerung. In dem Städtchen Chester hielten ihn ungünstige Winde auf, die sich zwei Tage lang nidjt fegen wollten. Händel, den Musikern der kleinen Stadt als berühmter Mann bekannt einige saßen vielleicht schon als Zuhörer in der Oper Lon­dons oder im Konzertsaal, als er dirigierte, schmauchte in einem Kaffeebaus (Sheffers gerade die Pfeife, da kam eine Burgerabordnung, und huldigte ihm. Er hatte feine Freude an den aufgeregten gutmütigen 8eufen und lud sie ein, mit ihm am Abend in feinem Gasthof zu musi­zieren. Das war freundlich und zugleich praktisch, denn Handel probte Stücke durch bei dieser Gelegenheit, die er bei den Dubliner Konzerten

Grüße und Anfragen bei Humphreys, Pope und Hamilton, wie es ginge und wann man sich wiedersehen könnet Saubere und zornfreie Briefe an die Gläubiger, kräftige Vertröstungen mit ernstem Unterton oder ruhiges Zurückweisen von unlauteren Forderungen. Händel wieder der Welt gewachsen und fähig, sie in die Schranken zu weisen

Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin

(Schluß.)

Welches andere Verhalten nun, aufmerksam und prächtig! Ein Be­such bei Freunden, mit Umarmungen und geheimnisvollen, glückseligen Redensarten! Blumen in das Haus der Sufanna Cibber! Schriftliche

spielen wollte. , , ,

Mit weiten Gefühlen verbrachte Händel den letzten Teil der Reise an Bord des Schiffes, das ihn der irischen Hauptstadt naherfuhrte. Er stand allein auf dem Deck, da die anderen Fahrgaste vor der kühlen Novemberluft sich zurückzogen in den Bauch des Schiffes Handel aber dessen abgehärteter Leib seit den Roßkuren von Aachen feder Witterung ftnnbhielt, hatte Freude an den beißenden Windstößen, nach denen fedes- mal Wellen hoch über die Schiffsränder klatschten. Und wenn es stiller wurde, glich die Wasserfläche dem Leben nach einem.Siege breit und wenig bewegt und feierlich ... Die Segel blähten sich 'N günstiger Rich­tung nach Stunden abwechslungsreicher Fahrt, und das Sch'st"a horte sich in kräftigem Gleiten dem Lande. Die Stadt Dublin mitTurm und und Dach und Haus und Hafen kam heran und wuchs aus dem Wasser.

Erwartung und Ehrfurcht stand auf den Gesichtern der Mensche . Ein Vertreter des Herzogs von Devonshire trat ihm -,ntnpnpn die Dubliner Musikfreunde begrüßten Händel festlich. Der in den letzten Monaten nicht Verwöhnte kam sich vor Märchen. Ein schöner, bequemer Wagen nahm ihn mit einem freundlichen Hause. m .

Abbeystreet", sprach der herzogliche Begleiter des ..Hier wohnen Sie, Herr Händel, künftighin als Gast

Großartig, dachte Händel, als er über die breiten Stufen schritt und

dann die behaglich erwärmten Räume betrat. Wenn sie auch noch für eine gute Tafel gesorgt haben...

Aber kräftig verstanden die Dubliner zu kochen, mit einem Schuß heimatlicher Würze, und verübelten es keinem, wenn er doppelte Men­gen ah. Sie erfreuten sich selber schöner Leibesrundungen. Und als sie sahen, daß der berühmte Mann mächtiger als sie nicht.nur im Geiste, sondern auch im Fleische war, vertrauten sie seiner Kunst um so mehr.

Wie frei und hoch konnte hier der König seiner Kunst das Haupt erheben! Wie tat ers gern und natürlich! Ob in seinem Hause, wo jeder Abend ein Ereignis wurde, oder bei den Proben im Konzertsaal dec Fishamblestreet. Hier sah ein Orchester, ein Chor zu ihm auf, dessen Mitglieder selbstlose, begeisterte Menschen waren, Wohltäter der Armen und Diener der Kunst Händel brauchte wenig zu rügen, und wo er es um des Werkes willen mußte, tat ers anders als in London. Gewiß verlangte er auch hier viel "Leistung und hielt sehr streng Zucht. Doch die Dubliner Musiker nannten ihn keinen Unterdrücker, wie es die Opern­sänger taten. Hier klangen Händels Befehlstöne so selbstverständlich, daß keiner sie als unpassend empfinden konnte. Und auch das Publikum ging freudig mit, obwohl ihm Händel fast keine Pause ließ und in einem Winter zwölf Konzerte gab. Begeistert schrieben die Blätter der Stadt, Herkules sei unter ihnen und die Bürger sollten sich der Nähe seiner Kraft und Seelenmaße würdig zeigen. Es bedurfte dieser Mahnung nicht. Dublin war händelselig. Die Leute fühlten sich bei dieser Musik bald selber über den Alltag erhoben,' und manche wagten nach Konzert- schluh das kühne Wort, es wäre ihnen gewesen, als sei Gott nicht ferne..

Und dann kam er wirklich, kam so, daß die Menschen sagen mußten: er war d a, wir schwören es! Ehe diese Stunde schlug, nahm Gott der Herr von ihm, in dessen Werk er mächtig wurde, alle Erdenschatten, alle Sorge und Scham. Aus den Erträgnissen der zwölf Konzerte zu Dublin zahlte Händel auf das Pfund genau und ohne ein Wort, außer dem Rechenzettel, an Straba und andere Gläubiger in London seine Schul­den. Zugleich verlangte er, daß Anwürfe gegen seine Person, die er sich im letzten Jahr als scheiternder Opernunternehmer hatte sagen lassen müssen, vor der Welt zurückgenommen würden von den Verleumdern.

Feierlich erklärte Händel danach, als sein Haupt sich völlig über den Staub der Erde erhoben hatte, den Musikfreuden Dublins, daß er ihren Grundsatz, nur für Wohltätigkeitszwecke zu spielen oder zu fingen, ehren wolle, indem er noch ein dreizehntes Konzert gebe. Dessen Einnahmen müßten ungeschmälert in edler Weise Verwendung finden nach seinem Wunsche. Freudig stellten sich die Musikvereine Dublins abermals zur Verfügung. Noch wußten sie nicht, welches Werk er einstudieren wollte. Händel selbst sprach nur von einem neuen Oratorium, den Titel nannte er nicht. Erst als er die Orchester- und Singstimmen ausschreiben ließ, hörten die Musiker und Sänger voneinander, das Oratorium heiße Der Messias" ...

Nach dem Aschermittwoch des Jahres Siebzehnhundertvierzigundzwei setzte Händel mit den Proben ein. Die Cibber, für den Sopran in dieser Aufführung bestimmt, traf aus London ein. Diese Tage bis zur 'Ausführung des Werkes wurden den Musikfreunden der irischen Haupt­stadt unvergeßlich. Sie gehören mit den späteren Proben und Aufsüh- rungen desMessias" unter Händels Leitung nicht in die Kunstgeschichte, sondern in das Buch des Lebens. Sie waren, nach den Berichten der Zeiiaenossen und nach dem mitempfindenden Schlag unseres Herzens, das "Verklärteste, was je auf ErdenGottesdienst" hieß, und sie find der Beweis daß ein Mensch, wenn er Gott in sich trägt, bei ganz rückhalt- loier Weitung der Seele ihn auch nach außen bringen lassen kann, den eigenen Körper und die Welt in Strahlen setzend ..

Zuerst war Schweigen bei den Proben. Händel erklärte knapp, wie Ordnung zu bewahren sei, wenn die Stimmen zusammenströmen wür­den sagte auck, daß keiner der Mitwirkenden mit Ausdruck (paren Dürfe. Unb Vorsicht bei ben ersten Schritten! Er selbst übte sie. Den Musikern büeb bas BildSchritte" haften, als Hänbel begann. Es war ihnen, als setze sich ein Elefant in Bewegung, erregt unb kraftgesammelt. UeberaU aber suchte er zunächst noch zu schonen, ober er wartete ab bis bas Dickicht sich teile ... Doch halb kam er ins Trampeln. Er suhlte: von ihm aus muhte bas Zeichen kommen, und Einhalt bürste es bann keinen mehr geben. Die ersten Chöre breiteten sich aus. Hänbel sucht das Maß. Doch bann lag es nicht am Umfang der einzelnen Stücke, sondern am Verhältnis zum Mittelpunkt hin. Eine seltsame Wirkung wohnten diesen Musiknummern inne; sie zogen und zogen. Je klarer Handel das Werk nickt nur auf Papier, in Noten, sondern auch schon einstudiert und auf- aeführt sah desto lückenloser trieb er sich und die Mitwirkenden zur Arbeit an Der Elefant tarn ins Rasen. Er stampfte alles nieder, was dem Werk im Wege stand, sogar die Essenszeit, die freilich herzhaft nach- aebolt wurde Doch er fühlte auch bald das Essen and die anderen Ver­richtungen des Alltags nicht mehr, wenn er sie aussührte. In feinen