Ausgabe 
2.8.1935
 
Einzelbild herunterladen

Glückliche Fahri.

;en da ihr Papa mit seiner Dame, und es war

W. von Goethe.

Nebel zerreißen, Himmel ist helle, Aeolus löset ängstliche Band, säuseln die Winde,

von I.

Die der und das Es

es rührt sich der Schisser geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, es naht sich die Ferne, schon seh' ich das Land!

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Eteindruckerei,2i. Lange,

Zisch und Wein.

Sanftes Abenteuer auf der Jsola Vella.

Von Hans Leib.

Fräulein Engel Luv, ein junges Mädchen aus Hamburg, kam eines Tages auf die Jsola Bella.

Fräulein Luvs Mama war in Locarno verblieben, um sich dem Golf und einem Herrn aus dem gleichen Hotel namens Grönedal (aus Kopenhagen) zu widmen. Der Papa nun, ein stämmiger Fünfziger und ehrbarer Ueberseekaufmann, war mitgefahren und hatte während der netten Reise seiner Tochter die erdgeschichtlichen Zusammenhänge des Tessins aus dem Führer vorgetragen, um ihre Blicke von denen einiger junger Holländer abzulenken. Än Stresa jedoch tauchte eine lebhafte Dame in rundlichem Alter auf und erwies sich als eine Reifeerinnerung von irgendwo im Mittelmeer her, ja, aus Herrn Luvs kaufmännischen Wanderjahren. Sie war außerordentlich erfreut und aus Genf und hieß Madame de L'Angeaux und tat riesig vornehm, und Papa Luv redete sofort nur noch Französisch, obgleich es unmöglich klang und wie Englisch, (es war so lange her) und Madame klopfte demsüßen Töchterchen" die Wangen und riet dringlich, nicht die Inseln zu ver- säuinerx.

Es erwies sich, daß Papa nicht so große Lust bei der Wärme habe. Cs gebe auch sicher Gewitter. Aber Engel, Engel habe ia ihren kleinen niedlichen Regenflügel, ihre Fliegentüte, ihre Wetterhaut mit, wenn sie denn wolle, so solle sie nur. Ein unleidliches Erzeugnis, diese Oelseiden (sein Export liege auf anderen Gebieten), nur verständlich als Angleich zur modernen Wäsche der Damen ...

Papa Luv war sehr aufgeräumt. Die kleine, noch gar nicht recht erfahrene Engel fühlte sich nicht behaglich dabei. Und die Dame aus Genf trug beschämend große Brillanten in den Ohrläppchen, und sie tat so schrecklich vertraut mit Papa und lachte so laut über die Entgleisung mit der Wäsche, und sie duftete so übersüß, und man wußte nicht, war sie jung oder alt.

Welche denn von den Inseln?" fragte Engel Luv da kleinlaut.

Nicht die Jsola Bella!" anwortete schmelzend Madame.Da ist nur Schloß und nichts als Schloß und Eintritt. Die Madre, da ist Natur."

Tu das!" sagte aufleuchtend Papa und legte einen guten Lireschein und den Reiseführer in die Hand seiner Tochter. Wir treffen uns hier, wir bleiben eine Nacht, wegen dieser Landschaft, Kind, wunderschön, ah, wunderschön! Doch noch eins sei vorsichtigt und keine Fische! In diesem Klima sind Fische nicht bekömmlich. Und keinen Wein. Er er­hitzt den Puls. Und vergiß nicht, es heißt: Aqua minerale. Und da nun ist eine Gondola mit einem Ruderer, da hast du wenigstens ein büfchen hübsch ordentlich lange was fürs Geld. Au revoir!"

Gehorsam, doch auch dem eigenen Wunsche nicht mehr entgegen, nahm Engel Luv das Bodt. Es war nicht besonders hübsch, weder das Ganze noch das Boot. Doch immerhin hatte der Bootsmann den Mor­gen Waschtag gehabt. Seine Hose war weiß wie das Pfingstkleid der Madonna zu Al Sasso, und das Blau seiner Bluse übertrumpfte das oft über Gebühr gerühmte des Wassers.

Dove?" fragte er.

Es heißt bestimmtwo", aber ich habe den anderen Namen verges­sen, sagte sich Engel Luv.

Also bella!" erwiderte sie mit der inneren Versicherung, daß es tat­sächlich ebenso gut weiter nicht bedeuten brauche, als wenn man so sagt: Also schön! Sie setzte sich in das gewölbte Sonnenzelt. Der säuberliche Bootsmann steuerte sichtlich auf die Jsola bella zu. Sie wuchs und versank zugleich hinter einer steineren Hafenmulde. Aber ehe sie an den Steg legten, wurden sie von einer schnaubenden Barkasse überholt, in der zwei Fahrgäste saßen, liebevoll miteinander beschäftigt, und vor ihnen ausstiegen. Fräulein Luv wußte nicht, sollte sie erfreut oder be­treten fein; denn es waren ihr Vater und die adelige Dame. Schon wollte sie, unschlüssig hinter dem umfänglichen Rücken ihres in den An­blick seiner übermütig Voraustänzelnden vertieften Papas hersteigend, sich bemerklich machen, als jene munter rief (und das auf Deutsch): Komm auch schön, Dickerchen!"

Bestürzt und taktvoll hemmte sich Engels Schritt, sie blieb zurück, unbeachtet, unerkannt. Langsam nur getraute sie sich aus dem Schatten der Hafenmauer aus den Weg. Sie hatte ihren Bootsmann nicht mehr beachtet, er hatte auch kein Geld gekriegt. Und sie fühlte sich nun doppelt verlassen. Ihre Mama und ihr Papa hatten einen Flirt, sie hatte nichts. Auch im Hotel nicht. Selbst in Hamburg kaum. Die jungen Leute, die dem Alter nach in Betracht kommen mochten, hatten einen

Sporiskalender km Kopf und ekn Motorrad zwischen den Knien und an Stelle des Herzens ein paar mäßige Filme. Das war entschieden z« mager. Seeleute, das war das einzige. Das war noch rechte Mänw lichkeit von Jugend auf. Sie begab sich wieder zur Hasenbucht, sah hinab zum Steg. Leer und still lag die Gondel an einem blauweiß gt< streiften Pfahle. Es war schrecklich heiß. Man müßte nun etwas trinken, redete sie sich gut zu. Sie sagte abermalsAqua minerale" vor sich her, um es beim Bestellen glatt über die Zunge zu bringen. Als sie ein Lokal betreten wollte, saßen da ihr Papa mit feiner Dame, und es war unzweifelhaft eine tüchtige Flasche Wein, was ihnen da die Hebe getobt hinwippte. Hier zu stören, nein, das lag Engel Luv völlig fern. Ihr Durst war sonderbarerweise auch gelöscht. Sie entzog sich dem. Es schien ihr fast um so etwas wie Familienehre zu gehen, und sie gelangte an ein Gartenbeet. Dort setzte sie sich auf eine tröstlich kühle marmorn« Bank, legte Mütze und Mantel neben sich und versuchte zu beten, was ie seit Kindertagen nicht mehr getan hatte. Ihr Anliegen war kurz dar, raß durch denvino rossa1' (sie hatte diese Bemerkung von den befriedig, zwitschernden und überroten Lippen der Genferin deutlich gehört) ben Puls ihres verehrten Papas nicht allzu sehr erhitzt werden möge.

Unter Palmen und Tulipanen zu ihren Füßen girrten unbeirrt zärt­lich zwei untadelige weiße Tauben. Sie sah ihnen zu. Ihr Herz klopsl« unsinnig. Vielleicht war es das Gewitter, das in der Luft lag.

Auf einmal kam ihr Bootsmann daher, pflanzte sich blauweiß roi« ein Anlegepfahl vor sie hin, und feine Hände und sein Gesicht mann tief braun wie Holsteiner Landbrot. Dahinter war die helle Schloßmauer. Er machte eine sanfte Bewegung und zog ein Buch aus seiner Bluse Das habe das Fräulein im Boot vergessen.

Er sagte es deutsch und sagte Boot und nicht Gondola, und das roo« angenehm und männlich .Ja, soviel Deutsch könne er, und es klang ham­burgisch breit, er sei nämlich Jahrende aus deutschen Schiffen gefahren

Er sagteJahrende" (das ist die norddeutsche dritte Steigerung; form von Jahr) und das war wunderschön. Sie fühlte sich wie zu Haufe

Er sei auch Fremdenführer deshalb, fuhr er fort und könne ihr alles

zeigen. m

Sie folgte ihm vertrauensvoll in den Palast. Er benannte Oemalbe Grasen und Ereignisse. In einem Zimmer stand ein riesiges Bett. Dm große Napoleon und andere Souveräne hätten hier...

Sie unterbrach ihn. Sie sei Republikanerin von Geburt und Napo­leon sei der Unterjocher Hamburgs gewesen anno dazumal, sie möchb: nichts davon wissen. Und sie fragte rasch:Wie heißen Sie eigentlich?"

Giovanni Baptista Botticelli."

Aus einer klassischen Sünftterfamilie und Seemann? Mein Gollt wie gelungen! Ich heiße nur Engel Luv. Aber aus erster hanseatisch» Familie."Luv?" lächelte er.Das ist Seite, wo Wind herkommt." Ut* als ob er wüßte, daß man Eigennamen nie mit den Begriffen ber JIßirfb lichkeit in Beziehung bringen soll, setzte er vor Höflichkeit schnüffeln!» hinzu:Sehr gute Seite und sehr guter Wind!"

Es ist nur Mohn!" lächelte sie zurück.

Er sah sie glühend an:Ist Mohn? Nein, ist Mund!" lachte er, un$ damit hatte er unversehens eine Pranke um ihre zarte Schulter ge­schwungen und sie geküßt.

Gott sei Dank war niemand sonst in diesem historischen Zmimen Dennoch war es abscheulich. Vor allem, weil dieser Mensch so schreck!« merkbar vorher Fisch gegessen hatte. Die Warnung ihres Vaters leglo sich erkältend über den Augenblick. O, sie hatte einen Ekel vor Fischen ihr fiel ein, sie hatte sie sich längst übergegessen.

Somit sagte sieZ gift!" und enteilte.

Sie schluchzte einmal auf, wischte sich erschauernd über den Munir kam durch einen finsteren Hof, fand sich höchst albern, gelangte durch em Tor auf eine Terrasse. Auf der Mauer zum See, da saß ihr Papa i uw eng daneben Madame de L'Angeaux, und es sah aus, als habe Madamc ihn soeben geküßt.

Engel Luv trat ungehemmt hinzu. Sie hatte ein Abenteuer gehn»» und abgebrochen, und hier schien es Zeit, das gleiche zu tun.

Ihr Vater war ungemein überrascht, seine Tochter so plötzlich l*r- erblicken. Er stotterte, es habe mit dem Gewitter doch wohl nichts avr sich. Madame aber war sogar ungehalten und sprach von Spionnqa. warf die prallen Beine über die Brüstung auf den Weg und w tu sich an den Bootsmann, der Engel Luv nachgeeilt war; denn er hallu noch immer ihren Reiseführer in der Hand. Madame heuerte ihn foforr für sich, sie wolle zur Jsola Madre, wo, wie sie schnippisch zu Papa Lut: zurückäußerte, mehr Natur sei, und Papa Luv könne mittommen, roe® er sich getraue.

Aber Engels verehrter Papa winkte ab, bezahlte den Bootsmann ur . tat, als sei alles im Lot.Wir nehmen den Dampfer, der nach ßocarm. geht; denn ich fürchte, aus dem Gewitter könnte doch noch etwas wen den!" sagte er, und seine Stimme war schon wieder ganz leichten, ä»- Grunde aber suchte er sichtlich nach einem Ausweg seines ärgerliche Gewissens, er krauste die Nase, und er sah seine Tochter auf einm® fürchterlich strenge an:Du hast Fisch gegessen! Die so leicht t>erberberu

Nein!" entgegnete sie kühn.So leicht oerbirbt mich nichts. sehr gern hätte ich Wein getrunken, mein Puls hätte es auch gebrauch können.".a-

So?" sagte ba ber erhitzte alte Herr. Unb man sah, wie er innen, erschrak. Er erkannte, unb bas ist eine zwiespältige Sache für ei Vater, daß seine Tochter kein Kind mehr sei. Seine Stimme rou ziemlich hilflos:Laß, laß das lieber! Kauf dir lieber ein Andenken, . für dich und eins für Mama!" ___, , h,.n

Und eins für dich!" lächelte sie, als setzte sie das Lächelnaus, 1

Zimmer Napoleons fort, obwohl sie fühlte, daß es böse sei. Und I kaufte fie für sich eine fingerlange Gondola aus mäßiger Goldbronze, : ihre Mutter eine der zweckvollen Muscheln, für ihren Vater adere w der kleinen Pantoffeln, daraus der Name der Insel in Brandmai ,

eingegraben steht.