Oer Gesang des Meere«.
Don Conrad Ferdinand Meyer.
Wolken, meine Kinder, wandern gehen wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen! Eure wanderlustigen Gestalten kann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, dort die Erde hat euch angezogen: Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!
Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glüh'nden Kampfes Purpurtrachten!
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder — Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
Oie graue Stadt am Meer.
Von Hermann Otto Vaubel.
„Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt..
Theodor Storm.
Die Meinungen über die Schönheit der Natur sind ebenso verschieden wie die über Frauenschönheit. Der Hamburger Geschäftsreisende mit dem gutgeschnittenen Gesicht erzählt der jungen Frau, die ihm im Eilzug nach Westerland gegenübersitzt: „Ja, und bei Husum, da gibt's über- e nichts mehr zu sehen als Wiesen, Wiesen und Vieh. Das ist 'ne
»eilige Gegend".
Unser Zug gleitet wie ein Küstendampser in voller Fahrt am Rand der Geesthügel entlang durch das Marschland der Westküste Schleswig- Holsteins. Er donnert über den Kaiser-Wilhelm-Kanal, aus den wir hoch von oben hinabsehen, er rasselt über die Eider, die mit grauem Wasser zwischen den hohen Uferdeichen breit dahinströmt.
Das Meer ist nicht sichtbar, und doch ist alles voll seiner Ahnung. Es ist nicht die flache Weite der Marsch allein, in der die Kirchtürme wie Jewaltsame Versuche des Menschen wirken, durch eigene Kraft das eherne »orizontal-Gesetz der Landschaft zu durchbrechen. Es sind nicht die Deiche, die die Ufer jedes kleinen Flüßchens begleiten, zum Zeichen, daß bis hierhin der regelmäßige Pulsschlag der See mit Ebbe und Flut dringt. Es find auch nicht die windgeneigten Baumreihen am Horizont, die so oussehen, als ob ein Riese sie von der einen Seite her angestoßen hätte, fo daß sie nacheinander halb umsinken mußten. Cs ist das Wehen des Seewindes und d.as Jagen der grauen Wolken an dem unendlich hohen Himmel, es ist der feuchtsilbrige Ton der Luft, der über allem liegt. Irgendwo am Horizont, wo das Grün der Marsch in den Himmel über- S, muß die Linie liegen, wo die irdische Dreieinigkeit von Wasser,
,: und Erde sich zusammenfindet.
Die Marschbauern, die hier hausen, sind anders als die Bauern des Binnenlandes, denn sie erleben Gott und das Schicksal nicht nur im Ringen mit dem Boden und dem Wetter. Als Freund und als Feind, wie es ihm gefällt, pocht der „Blanke Hans", die Nordsee, an ihre Hos- türe. Erdverwachsen, wie kleine Hügel, stemmen sich die breiten Strohdächer der Höfe Nordfrieslands in die endlose Ebene, überragt von den Masten der Blitzableiter. Selten leisten ihnen die Eichen Gesellschaft, die untrennbar mit dem Bilde der Bauernhöfe Niedersachsens verbunden sind. Der ewige Wind läßt sie nicht hochkommen. Gemächlich kauen die Kühe, die im blühenden Marschwiesengras liegen. Fohlen galoppieren erschreckt davon, als der Zug verüberbraust, während ihre älteren, erfahreneren Genossen sich -nicht stören lassen. An den zahlreichen Wassertümpeln und Gräben stehen oft würdevolle Störche und beobachten lespannt ihre Beute. Gänseherden schnattern dazwischen.
Wenn ein Geeststreifen sich einschicbt, ändert sich das Bild. Ginster zlüht golden an den Böschungen, und Rotdorn färbt die Raine bunt. Zwischen braunen Heidestreifen breitet sich grauer Sand. Seeluftgerötete, t> lande Menschen stechen Spargel auf den Feldern. Windmühlen drehen keschäftig ihre Flügel. — Dann aber wieder endlose, grüne Marsch, über tie riesige Herden verstreut sind, soweit das Auge reicht.
Es scheint ein Land zu sein, das dem Tiere gehört, in dem der Mensch nur als Eindringling ein geduldetes Dasein führt. Und doch hat er erst lurch die „goldenen Ringe" der Deiche alles dem Meere abgerungen.
In dieser Landschaft liegt Husum, die Geburtsstadt Theodor Storms, im ihr wurde er groß, sie formte ihn entscheidend, und dankbar und in Sehnsucht schuf er sie nach in seinem Werk.
Wie Goethes Elternhaus am Hirschgraben In Frankfurt so ganz maufsällig in der Reihe der anderen Bürgerhäuser steht, so fügen sich Ue schlichten Häuser der Erinnerung an Storm in die Straßenfronten Husums ein. Nicht an seinen Wohnhäusern, nur am Geburtshaus am ^larkt ist eine Gedenktafel angebracht. Schmucklos wie die Stätten seines lebens sind die grauen Mauern seiner Gruft unter den alten Bäumen les Klosterkirchhofs von St. Jürgen. Im Schloßpark versteckt steht eine »üste des Dichters.
Es könnte beinahe pietätlos erscheinen, daß man nicht viel Wesens Dn dem größten Sohne der Stadt macht. Doch die nordfriesische Ver- lhlossenheit mag das Ihrige dazu beitragen. Man äußert nicht gern die 18 ^üHle, die man im Herzen trägt.
Viel schöner und tiefer als in äußeren Zeichen de» Gedenkens lebt der Dichter in dem Bilde des Landes und der Stadt, die er in seinen Erzählungen und Gedichten immer wieder nachbildete, und das heute noch fast genqu so erhalten ist, wie es das empfängliche Auge Storms fah. Wenn man vom Meere her sich Husum nähert, dann liegt die Stadt grau und flach, nur überragt von dem Kirchturm, auf der weiten, blaß blinkenden Wasserfläche des Watts. Wenn man dann aber durch die Straßen an den alten Backsteinhäusern vorbei zum Marktplatz gelangt, ist man Überrascht von der Farbigkeit, die sich hier birgt mit rotleuchtenden Mauern und Ziegeldächern. Gotische Staffelgiebel werden unterbrochen durch das Rathaus, das in den Formen der holländischen Renaissance, in rotem Backstein mit hellen Sandstein-Beischlägen, gehalten ist. Eine Freitreppe ist stolz vorgelagert. Geschmackvoll zeigt es den alten Wohl- stand der Stadt.
Sie hat noch heute ihre zwei Gesichter. Das eine schaut nach dem Meere, wenn auch nicht unmittelbar auf das große Weltmeer, fo doch auf das Wattenmeer her Westküste Schleswig-Holsteins und die ihr vorgelagerten Inseln. Das andere aber blickt nach dem fruchtbaren Bauernlande, dessen Bewohner nicht nur zu den großen Viehmärkten, zum Einkauf und Verkauf in die Stadt kommen.
Wie sehr sich Husum als Mittelpunkt dieses Bauernlandes fühlt, beweist das Ostenfelder Haus von 1600, das 1899 in dem benachbarten Dorfe Ostenfeld abgebrochen und dann in Husum als Beispiel eines niedersächsischen Bauernhauses der Gegend wieder errichtet wurde. Es ist im Innern genau fo eingerichtet, wie es einst gewesen war. Die Konstruktion dieses Hauses hat sich seit 2000 Jahren nicht geändert. Die großen Tongefäße, die um den Herd, den Mittelpunkt des Ganzen, aufgereiht sind, sind in ihrer Form noch viel älter. Alt sind auch Muster und Technik der farbigen Webstücke. Uralte, germanische Bauernkultur hat dieses Haus geschaffen. Und doch zeigen englisches Geschirr, holländisches Porzellan, Kaffee- und Teemaschinen die Nähe der See und die Beziehungen zu fernen Ländern.
Vom Grün des Schloßparks wird der schönste Teil des alten Hufum umschlossen. Das slache, langgestreckte Schloß, der einstige Witwensttz der Gottorper Herzoginnen, mit seinen rötlichen Backsteinmauern, ist weniger anziehend als sein ehemaliges Pfortenhaus, das sogenannte Eornilsche Haus. Aus ruhigem Baumgrün leuchten seine weißen Mauern heraus. Ueber dem rosenübersponnenen Renaissanceportal lächelt eine liebliche Venus, die zwei Tauben auf dem Arme trägt, dem kleinen Amor zu. Zwischen den Rosenblüten schauen Medaillonköpfe hervor. An allen Fenstern stehen bunte Blumen in holländischen Porzellantöpfen.
Die Husumer lieben Blumen und Buntheit. Alte Damen, die vielleicht den greifen Storm noch als Backfische gekannt haben, unterhalten sich, wir hören es zufällig, darüber, welche Blumen „finnige" Geschenke seien und welche nicht. Ueberall sieht man hinter den Weißen Gardinen die kunstvollen Porzellantöpfe. Die jungen Mädchen, es gibt einen schwereren Typ und einen schlankeren, manche von unwahrscheinlicher Blondheit, tragen mit Vorliebe die leuchtendsten Farben. Vielleicht ist die Farben- Cintönigkeit von Marsch und Meer, die nur unzählige Schattierungen von Grün und Grau kennen, der Grund für diese Farbensehnsucht. E» ist dieselbe Sehnsucht, die auch das Innere der Häuser der friesischen Fischer auf den Jnfeln mit ihren bunten Möbeln und den Porzellankacheln an den Wänden zu wirklichen Schmuckkästchen macht.
Die berühmte friesische Sauberkeit, die man überall antrifft, kann aber auch ihre Schattenfeiten haben. Dann geht es fo zu im Hause wie in Storms Gedicht „Engel-Ehe":
„Wie mit Flederwisch und Bürste sie regiert!
Glas und Gerät, es blitzt nur alles so
Und lacht und lebt! Nur ach, sie selber nicht..."
Auch heute noch kann man solchen Engeln, wenn man Glück hat, in Husum wirklich begegnen.
Wie man der kleinen Stadt der Vergangenheit die als „Spione" dienenden Erker im Erdgeschoß verzeihen muß, durch die sich so schön die Straße übersehen läßt, so wird man auch heute den Großvater im Haufe am Markt verstehen, der morgens nach dem Kassee, halb hinter der Gardine versteckt, unsichtbar, wie er glaubt, mit der langen Psefse im Mund, das Leben und Treiben aus der Straße beobachtet.
Zum Bilde einer Stadt gehören auch die Namen an den Schildern der Läden und an den Häusern. Die Broder Brodersen, Christiansen, Johannsen, Carstensen, Asmussen, Andresen, Michaelsen, Dethlefsen könnten in. jeder Novelle von Storm vorkommen. Etwas besonders Schönes aber wären Clausen Duglsang und Arbast Thoms.
*
Der Deich, auf dem Storm oft fpazierengina, und von dem er in seinen Brautbriefen an Constanze Esmarch erzählt, liegt heute weit im Marschland drin. Ein neues großes Stück Land ist dort in den letzten Jahrzehnten dem Meere abgerungen und da, wo sich zu Storms Zeiten noch die silberne Flut breitete, wiegen sich jetzt saftige Wiesengräser im Seewind und weiden braunweiße und schwarzweiße Kühe, bis zum Bauch im Grün.
Drüben, auf der anderen Seite des kleinen Seekanals, der die Stadt mit dem Meere verbindet, klappern, schrill pfeifend, Feldbahnen entlang und puffen weiße Wolken in die Luft. Von morgens früh bis in die Nacht hinein wird hier mit dem Meere gerungen. Buhnen werden gebaut, Deiche angelegt und mit Rasenstücken bedeckt, damit sie widerstandsfähig werden. Ein Koog nach dem andern wird eingedeicht. Langsam gewinnt der Mensch sich in vielen Jahren zurück, was ihm riesige Sturmfluten in Tagen entrissen. Es gibt vielleicht keine andere Stelle, wo der unbändige Lebenswille Deutschlands sich so kraftvoll zeigt wie hier bei den Deich- bauten an der Halbinsel Ciderstcdt.
Die Zeit scheint nicht mehr fern, wo auch auf unserem Ufer die flache Silberschale des Wattenmeeres vor dem heutigen Deich verschwunden ist, wo die Häuser der gegenüberliegenden Insel Nordstrand nicht mehr wie kieloben treibende Schiffe auf dem Wasser zu schwimmen scheinen, sondern eine grüne Marfchfläche sich vom Festland bis zur Jnselküste dehnt.


