Ausgabe 
2.8.1935
 
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ein kleiner Skandalerfolg. In Sprechchören einander ihre Stellung­nahme zurufend, verliehen die Hörer das Opernhaus.

Zweiter Akt!"

Dritter Akt!"

So ging es auf der Straße, dann im Kaffeehaus und nächsten Tages in den Zeitungen weiter. Bononcini oder Händel! Es gab keinund" und noch weniger einnur". Am wenigsten einnur Händel..." Eher einmehr Bononcini". Dieser hatte sich mit seinen Arietten und Ka­vatinen besonders in das Herz der Londoner Frauenwelt eingeschmeichelt, die hinwieder gegen Händel eingenommen war, seit man wuhte, daß er Damen auf der Probe nicht immer zimperlich behandelte. Bononcini ärgerte Händel immer mehr durch fein selbstherrliches Auftreten. Er ließ merken, der Gegner, er hatte etwas mitzureden. Gegen Ende der zweiten Spielzeit fchürte er wie an ihrem Anfangdas Verlangen aus dem Publikum" und kam mit einer zweiten Oper aus seiner früheren Schaf­fenszeit zu Wort. Dabei hatte Händel schon die Partitur eines älteren Werkes von sich zurechtgelegt, um die Ausführung bei der Gesellschaft zu beantragen.

Drängte der schmächtige und gewandte Italiener den Riesen in den Hintergrund? Heidegger hatte etwas wie Mitgefühl mit Händel, als er diesen beschäftigungslos während einer Probe, die Bononcini leitete, hinter der Bühne, die Hände auf dem" Rücken, langsam daherkommen sah. Aber eigentlich war dieser General nicht zu bemitleiden. Wie wollte er doch seinerzeit die Südländer ducken! Daran mußte man ihn erinnern. Heidegger tat es nicht ohne Spott. Er zeigte mit dem Daumen gegen die Bühne hin.

Die gehorsamen Italiener!"

Lassen Sie, Heidegger, sie haben viel Glück auf der Welt, aber es find doch nur Eintagsfliegen."

Dennoch stellten sie Händels Geduld arg auf die Probe. Die zweite Spielzeit schloß mit Bononcini, die dritte sing mit ihm an. Händel geriet in Unruhe und komponierte über einem schwachen Buch eine mittel­mäßige Musik. Die Beschämung blieb nicht aus. Er holte sich von der Gesellschaft sogar für ein neues Werk einen Korb und bekam zu hören, London brenne daraus, Bononcinis soeben fertiggestellte jüngste Oper zu sehen.Liebster Händel", sagten die Herren achselzuckend. Das hieß: man verlangt ja gar nicht nach Ihnen ...

Händel hatte letzt in seinem Amt fast nur mit der Verwaltung zu tun. Er leitete Proben. Man sprach ihm entgegen, auf der Bühne, im Orchester. Da ging er aus sein Zimmer und ließ den Korrepetitor weiter­arbeiten. Briefe liefen bei ihm ein, ungewohnt im Ton und schwer zu beantworten.Bester Händel, ich borge mir Senesino aus für morgen abend. Da meine Oper gespielt wird, ist mir nichts daran gelegen, wenn Sie die Rolle mit Berselli notbesetzen." So schrieb sein Feind.Soeben höre ich, daß Dienstag vormittag Freunde von zu Hause in London ein­treffen. Entschuldigen Sie mein Fehlen bei der Probe." So schrieb die Primadonna.

Und es kam schlimmer. Im Januar eine Bononcini-Aufsührung, im Februar schon die zweite. Beides wurden durchschlagende Erfolge. London war blind und taub für anderes als die Melodien des Südens. Einmal kam Händel nach Schluß einer Vorstellung aus dem Bühneneingang ins Freie, da stand ein Opernbesucher am Tor und sprach ihn an:

Sagen Sie, Pförtner, ist heute noch der göttliche Bononcini im Haus" anwesend?"

3. Kapitel.

Krieg der Primadonnen.

Am Beginn der dritten Opernspielzeit stand das große Warten. Die Leitung der Royal Academy hatte sich zu den Sternen Senesino und Durastante noch den berühmtesten und merkwürdigsten Gesangsstar der Zeit verschrieben. London war auf ihn vorbereitet, der Name wurde durch Geschriebenes und Gesprochenes in alle Köpfe gehämmert, am längst bekannten Tag der Ankunft sammelten sich Mengen vor der Oper, und der Star kam nicht.

Händel wußte, daß mit dieser Gesangskraft der heikelste und an­maßendste von allen italienischen Künstlern in den Bereich seiner Arbeit kam. Er war aber entschlossen, diesmal sich nichts mehr gefallen zu lassen. Was ihn zuletzt bedrückt hatte, die Verstimmung nach Bononcinis Erfolg im vergangenen Jahr, war überwunden. Er nahm sich endlich den Lärm um den anderen nicht mehr zu Herzen und schrieb eine neue und starke Oper, während Bononcini sich mit zwei Werken und zahllosen Stücken für Festabende verausgabt hatte in der vergangenen Spielzeit. Die Operngesellschaft, stets auf ihren Gewinn bedacht, sah jetzt ihren Vorteil darin, daß bald der eine, bald der andere Komponist erlahmte, und wandte, den erschöpften Bononcini beiseite stellend, wiederum Händel ihre Gunst zu. Auch im abwechslungshungrigen Publikum wollte man dies. Schon sprach es sich herum, daß Händels neue Oper eine Glanz­partie enthalte für den ungeduldig erwarteten Star.

Inzwischen verzögerte die Sängerin willentlich und bedenkenlos an allen Orten, wo es ihr gefiel, die Reise. Niemand in den schönen Städten zwischen Rom und London hätte vermutet, wieviel Macht, aber auch wieviel Bosheit der kleinen Person innewohnte, die in den Gasthöfen mit Hausknechten anknüpfte, junge Bauernsöhne bei der Feldarbeit störte und das größte Vergnügen hatte, wenn ein Rad ihres Wagens zerbrach. An ihren Geldausgaben und an dem Kleiderstaat, den sie mit sich führte, ja!) man, daß sie vermögend war, aber ebenso schien sie gezeichnet zu sein und vom Glucke verdammt. Ein Höcker verunstaltete ihren schmäch­tigen Körper, abstoßend wirkten ihre riesigen Nasenlöcher und der auf- ds'morfene Mund mit dem vortretenden Gebiß. Doch die grünbraun ichitternden Augen schlugen in Bann Dieses gnomenhafte junge Weib nrnr nicht mit Abscheu abzutun. Auf der Waage ihres Lebens lag links nU<^Lun? {cc^s der Segen. Nicht bloß die männertolle Jungfer wr, sondern auch diegöttliche Leier". Und eine Welt nahm den schrecklichen Anblick der Francesca Cuzzoni in Kauf, um ihre beseelte Stimme zu Horen.

Und sie ließ, leidender und böser als andere Sänger, warten auf sich, vretbegger gab Händel den Rat, ihr einen Mann entgegenzuschicken, das

sei vielleicht die einzige Möglichkeit, ihre Reise zu beschleunigen. Sardoni, ein Mitglied des Orchesters, Übernahm diese Ausgabe. Sie wurde dem hübschen Menschen zum seltsamen Schicksal. Er traf die Cuzzoni in Aachen, und sie verliebte sich auf der Stelle in ihn. Sardoni glaubte Vorteile in London aus dieser Gunst schlagen zu können und sagte ihr zum Uebersluß Schmeicheleien. Da stieg der Sängerin das Blut zu Kopf, und sie weigerte sich, weiterzureisen, wenn Sardoni sie nicht sofort heirate. Der Cembalist gab nach, und Fräulein Cuzzoni, als welche sie verpflichtet worden war, erschien in London als Frau...

Sie stutzte beim Anblick Händels. Wie leibhafte Gegensätze standen sich das zwerghafe Weib und der riesige Mann gegenüber. Er [rüg, worauf das verspätete Eintreffen zurückzusühren fei.

Privatangelegenheiten! Zuerst gefielen mir Land und Leute, und dann kam die Heirat!"

Das steht alles nicht im Vertrag, Signora!"

(Eine Tonleiter der Entrüstung singend, kam die Sängerin zu ihrem jungen Gatten. Der hatte ihr schon auf der Reise von Händel erzählt. Sie lachte darüber, aber jetzt schwor sie im Ernst, Herr über diesen Koloß zu werden. Zur selben Zeit äußerte Händel vor Heidegger, daß er diese Frau auf Biegen oder Brechen erziehen wolle. In ihr sehe er dasItalienische" schlechthin, und es müsse sich einmal zeigen, ob diese Tyrannen der Musik nicht in Grenzen zu weisen seien. Unter einem so wettergeladenen Himmel begannen die Proben zu Händels neuer Oper.

Der Komponist hatte dieses Werk mit angespannter Kraft aus einem Guß geschaffen. Er wußte, daß es ein Erfolg sein würde, wenn die Cuzzoni darin fang, sogar ein außergewöhnlicher. Doch hatte Händel der Sopranpartie Züge verliehen, die der Italienerin nicht entsprachen. Schon nach flüchtigem Durchlesen schickte ihm die Cuzzoni ihren Part zurück. Er sei zu schwer für sie, zu gepanzert. Händel machte die Arien und Rezi- tatioe locker für die Triller der Cuzzoni. Aber einige Nummern, deren geschlossene Schönheit ihm zu schade war, sie zu unterbrechen, ließ er unverändert stehen. Auf das Rottenheft der Cuzzoni schrieb er:End­gültig!" Mit dieser Aufschrift ging es an die Leichtverletzliche.

Das Einstudieren begann. Es geschah im großen Saal des Akademie­gebäudes unweit von der Oper. Bevor jemand da war, machten zwei Theaterdiener den Raum für die Probe zurecht, stellten Stühle vor die Pulte und legten auf diese die Notenblätter. Während der Arbeiten unterhielten sie sich in derbem Flüsterton.

Pah auf, wir erleben etwas in der nächsten Zeit!"

Keine große Kunst, das vorauszusehen! Die neue Italienerin ist ein böses Luder."

Ich verstehe nicht, daß die Leute sich so einen Krüppel überhaupt anschauen mögen!"

Du bist und bleibst ungebildet. In der Oper geht's doch nur um den Gesang!"

Sage das nicht! Noch wichtiger ist manchen während der Vorstellung der Schlaf."

Der überfällt höchstens die geringen Kaufleute oder den König. Komm her, hilf mir das Harmonium rücken, Händel will dem Korrepeti­tor ins Gesicht sehen so ho-ruck! Gib doch acht, du kannst nicht deine Pfoten auf die Tasten legen!"

Ach, als verdürben meine Hände etwas an dem Instrument! Diener­hände, Arbeitshände! Bin ich auch nicht das, was diese Künstler sind, so fühle ' ich mich doch ebenso ehrenwert! Und mache weniger Krach als sie!"

Heidegger war bei den letzten Worten in den Saal getreten und hatte ie noch gehört. Er wußte, worauf des Volkes Stimme anspielte. Ihn elbst trieb es aus seinem Arbeitsbereich hierher, weil er von einer ans­teigenden Verstimmung zwischen Händel und der Cuzzoni gestern gehört hatte und vermitteln wollte, wenn es ging. Aus der Straße traf er noch den Korrepetitor und kam jetzt mit ihm in den Saat Auf den Diener hinzeigend, meinte er zu dem Musiker:

Sogar der hat schon Wind und eine schlechte Meinung! Was war eigentlich gestern noch?"

Die Cuzzoni will eine wichtige Arie im .Dttone' nicht fingen, weil ihr der Aufbau nicht gefällt. Sie sagte, sie müsse es sich nochmals über­legen."

Da kann ich mir den Händel vorstellen und feine Antwort!"

Es sah recht gefährlich aus. Aber die Zeit war knapp, und wir probten eben über die Arie weg..."

Musiker und Sänger füllten in rascher Folge den Saal, in dem ein starkes Murmeln aufstieg, das Schwirren vom Stimmen der Instru­mente dazwischen, Bogenstriche und Blastöne. Mit einemmal aber brachen diese ordnungslosen Geräusche ab, und es wurde fast lautlos still. In die Tür trat eine massige Gestalt, kam schweren Schrittes näher, daß die Bretter des Saalbodens knarrten. Und jeder, der saß, erhob sich...

Händels Miene zeigte großen Ernst an. Als er Heidegger sah, hellte sich sein Gesicht etwas auf.

Sie auch hier? Müssen sogar Ihre Rechnungen warten wegen meiner Musik? Sie kommen doch zuhören?"

Gewiß, lieber Händel. Nur das."

Na, bann vorwärts, meine Damen und Herren! Sie sind doch voll­zählig? Oder fehlt jemand, Shunt?"

Frau Cuzzoni fehlt noch."

Wo ist die Dame?"

Sie hat genaueste Anweisung über die heutige Probenzelt."

Und fehlt noch? Frau Cuzzoni weiß, wann ich anfangen will, und fehlt noch!"

Auch Herr Sardoni ist noch nicht anwesend im Orchester..."

Also glücklich die ganze junge Familie!"

Heidegger sah den Kops Händels rot werden und wollte ihn beschwich­tigen:

Nehmen Sie es doch nicht so heikel mit der Primadonna, lieber Händel!"

(Fortsetzung folgt.)