Zreitag, den 2. August
Nummer 59
Jahrgang 1955
Seine Kraft
war in ihm mächtig
Sm F>ändd-Ronian von Srnst Murm
Copyright 1935 dy Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin
(4. Fortsetzung.)
Lord Bingley, der zweite Gouverneur der Gesellschaft, förderte einen römischen Komponisten, Domenico Scarlatti, mit dem Händel einst in Italien gut bekannt war. Bon seinem Können war der Meister weniger überzeugt, als daß er ein besserer Mensch sei, denn etwa Porta. Aber gleich dessen Werk wurde auch Scarlattis Oper „Narciso" kein Erfolg, obwohl sich Händel alle Mühe gab, sie zu einem solchen zu führen. Eine sehr blasse dritte Erstausführung kam, die neue Oper konnte mit Mühe und Not fünfmal gegeben werden, danach machte bis zum Ende der Spielzeit der „Radamisto" volle Häuser.
Aber Bononcini verstand es, aus der Niederlage seiner Landsleute Stimmung für sich zu schaffen. Er schürte und schürte. Ein Aufsatz erschien in einer Londoner Zeitung, in dem den hohen Wohllauten und fein- strömenden Melodien des Südens das Lob gesungen wurde. Als Muster war den Londonern Bononcinis Oper „Astarto" angepriesen, deren Schönheiten mit den Maßen der Seligen, nicht mit denen der gewöhnlichen Musikkritik gemessen werden müßten. Für Gesangssterne, wie sie in der nächsten Spielzeit am Himmel der Royal Academy leuchten wurden, biete keine andere Oper Aufgaben wie dieses göttliche Werk...
Händel las; er wußte, Bononcini, der im Umgang sehr geheimnisvoll tat, wagte sich mit keiner neuen Oper hervor, oder er hatte überhaupt nichts unter den Händen und schob deshalb das in Italien schon bewährte Werk vor. Aber gleichzeitig machte er das Publikum närrisch und impfte ihm den Glauben ein, die angekllndigten Gesangsgrößen könnten sich nur in seinem Werk ganz entfalten. Der Keim für die künftigen Starkriege war gelegt. _ . < .L , ... . ,
Im Frühherbst, zwischen der ersten und zweiten Spielzeit, als Handel sich noch auf einem Landgut Burlingtons von den Anstrengungen des Opernanfangs erholte, trafen die in Dresden freigewordenen berühmten Sänger in London ein. Die Zeitungen hatten für einen guten Empfang gesorgt und vor den Hotelfenstern des Senesino und der Durastante sammelten sich Menschenmengen an. Wie Könige ließen sich die beiden Verwöhnten ans Fenster rufen, der Kastrat schmunzelte hochmütig und bewegte ganz rasch und anmutig die Finger der erhobenen Hand „Entzückend!" riefen die Londoner, „seine zarte Figur und das schmale Gesicht! O Gott, wie wird er singen! Und sie dort am Balkon des anderen Hotels, die so munter den Fächer bewegt! Die drei Herren an ihrer Seite, natürliche Garden ihrer Schönheit!" An dem bescheidenen Baldas- sari und an der weniger rühm- als vergnügungssüchtigen Salm hallen die Londoner noch nicht erfahren, was die Herrschsucht italienücher Sanger, anmaßender als je eine politische aus Erden, für Dpf6*; an fchenwürde verlangte. Das Gold in der Kehle dieser Menschen schien wahrhaft Satansgut zu sein. . . . m .... ,, .
Sofort nach ihrer Ankunft befand sich Bononcini m Gesellschaft der zwei Sänger. Er wußte, was es hieß, sie für die italienische Kolonie in London zu gewinnen, noch ehe Händel in die Stadt zuruckkehrte. Aber der war nicht mehr weit. Er hatte sich als Gast Burlingtons mit diesem besprochen. Die Gesellschaft wollte etwas von Bononcini für das Gehalt, das sie ihm bezahlte. Händels Absicht war es ja auch durchaus nicht, den anderen zu verdrängen. Er hatte selbst auch keine neue Oper fertig und konnte nicht vom Erfola des „Radamisto" feine Zukunft abhängig machen Das Leben, auch der Kunst gnadenlos innewohnend, ging weiter. Der andere kam an die Reihe. „Astarto" mußte einstudiert werden.
Bononcini ließ vor der Erstaufführung mehr Trommeln schlagen, als Händel hätte' rühren können. Alle seine Freunde waren auf dem Plan, um in London Lärm zu machen, unb Bononcini zeigte sich nicht so verschlossen wie Händel. Er gab in Gesellschaft schon vorher Nummern aus „Astarto" zum besten, und sein Cellospiel, ein ähnliches Geschenk wie die Stimme der Sänger seines Landes: berückend und entwaffnen , ieh seines Werkes Gehalt süß und vollendet erscheinen. Was aber der Oper Bononcinis am besten zur Werbung diente war em Ereignis ,m Kreise allerhöchsten Adels, in des Herzogs von New Castle Haus. Dort sang Senesino das erstemal vor Londoner Ohren eine Arie aus Bononcinis Werk, drei Wochen vor der Aufführung. In diesen drei Wochen ging ein
Raunen durch die Stadt, phantastisch und der nordischen Art nicht angemessen: der Kastrat sei seiner Stimme nach der Sohn einer Göttin...
Der tiefste Blick auf die Erstaufführung des „Astarto" geschah aus Händels Augen. Der erkannte am Rausche des Publikums, daß dieses sein Entzücken zu teilen vermochte und daß es sich der Gefahr nicht bewußt wurde, wenn es dem Starken wie dem Schwachen gleicherweise Beifall zollte, von äußeren Dingen betört. Händel empfand niemals Neid, wohl aber in diesen Jahren weltlichen Ehrgeizes leicht Aerger, wenn er mit jemand in Vergleich gestellt wurde. Und das geschah nun, als der „Astarto" den gleichen Erfolg fand wie in der vorigen Spielzeit „Radamisto". Londons Zeitungen zuerst und bald das ganze Opernpublikum der Stadt spaltete sich in Parteien: Händel und Bononcini. Es nahm bald die peinliche Form der Arenakämpfe an, vor denen Bononcini Monate früher Abscheu geäußert hatte. Nun zeigte es sich, damit war er wohl einverstanden, besser jedenfalls als Händel, der bei den Herren der Gesellschaft Beschwerde erhob und scharfe Bedenken aussprach:
„Das Getriebe, das da angezettelt wurde, ist ein Mistkäserauflaufl Ich sage, rechtzeitig Schluß damit, oder unser Haus leidet Schaden!"
„Bisher war es der große Vorteil für die Royal Academy, daß nach Ihrem Erfolg der Herrn Bononcinis kam."
„Erfolge hin oder her, aber sie müssen doch nicht zum Hader führen! Auch dürfen Sie sich, meine Herren, von Bononcini nicht dasselbe versprechen wie von mir! Ob er es aushalten wird, auf die Dauer im Wettkampf mit mir Opern zu schreiben? Bei zwei Parteien müßte der Spielplan abwechselnd besetzt sein."
„Ja eben! Spielen wir einmal Händel und einmal Bononcini!"
Die abweisende Aeußerung Lord Bingleys erhielt eine deutliche Antwort:
„Ich wünsche Ihnen da eine gute Unterhaltung in der Pausenzeit zwischen Händel und Händel!"
„Was wollen Sie damit sagen?"
„Daß Bononcini ein bißchen Zurückbleiben wird beim Opernschreiben!"
Burlington schien den Augenblick jetzt für richtig zu halten, zu welchem er etwas vorschlagen konnte, was ihm, dem Gönner beider Komponisten, als der Ausweg erschien, um ihren Wettkampf vor der Gemeinheit zu bewahren:
„Lieber Herr Händel, das ließe sich an Hand der gleichen Aufgabe besser und gerechter beurteilen, als wenn die Tondichter zu verschiedenen Zeiten stofflich ungleichwertige Textbücher in Angriff nehmen."
„Niemals werden zwei Komponisten auf die Minute genau ein und dasselbe Textbuch zu vertonen beginnen!"
„Vielleicht aber jeder einen anderen Teil desselben Buches?"
Händel sah groß in die Augen des Lords, nach welchem auch die anderen schauten. Burlington schmunzelte und sprach dann weiter:
„Ich nannte einmal Ihr Wirken, Händel, gemeinsam mit anderen Direktoren Kraftmessen. Es wäre doch dse reinste Probe auf Kraft, wenn Sie, Bononcini und Ariosti zu brüt eine Oper komponierten, über beren Akte bas Publikum urteilen würbe, ohne zu wissen, welcher Komponist sie eigentlich schrieb."
Beifall ber Herren begrüßte ben Einfall Burlingtons. Aber Hanbel schwieg. Er sah ununterbrochen den Lord an. Ein Gönner, dachte er, und doch kein reiner Freund. Ihm bin ich sowenig wie dem Publikum der einzige, sondern einer von zweien, einer wie der andere... Im Übrigen ließ er die Sache hingehen.
Den Stolz der Komponisten außer acht gelassen, ist Ihr Einfall, mein Lord, recht erfrischend. Ich würde einem solchen Versuch nicht abgeneigt sein, schon allein, um das Publikum zu erziehen."
Bononcini tat mit, nur Ariosti war erkrankt und konnte nicht. Händel schlug als dritten Mann eine Begabung aus dem Orchester vor, Filippo Mattei, den die Londoner sehr gern mochten. Nun bestellte die Gesellschaft das Textbuch. Unter den Angeboten, die alsbald gemacht wurden, gefiel Händel am besten ein „Muzio Scevola". Bononcini war einverstanden unter der Bedingung, sich den Akt ausfuchen zu dürfen, der ihm zusagte Es war der zweite. Händel wählte den dritten und dichtete sich ihn um. Was er vorschrieb, war die Frist der Vertonung, sechs Wochen. Und was er erbat, wir das Ehrenwort ber beiben Mitarbeiter, nietnan- bem vor ber Aufführung zu verraten, welcher Akt ber ihre fei. Er erhielt bas Ehrenwort. Aber Bononcini war leicht geneigt, es zu brechen. Ihm lag baran, baß Sonbon genau wußte, wann feine Musik erklang unb wann bie ber beiben anberen.
Das hätte London auch ohne die eifrige Vorankündigung gemerkt, melche der ehrgeizige Italiener neben der öffentlichen des Opernhauses betrieb Durch diese unredliche und selbstsüchtige Aufreizung des Publikums mißlang das Vorhaben der Gesellschaft, einen friedlichen Wettkampf dreier Talente an einer Koppel zu veranstalten. Mehr als nach Bononcinis „Astarto" waren die Zeitungen diesmal bereit, ihn und Handel aufeinanberzuhetzen. Unb biefes merkwürbige Werk zweier innerlichen Feinbe würbe trotz ber glanzvoll hergerichteten Erstaufführung nur
Siebener Samilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger


