Ausgabe 
2.12.1935
 
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die kleine Ernte, die er gehabt hat, hätte auch aus keinem anderen einen wohlhabenden Mann gemacht. Aber das alles hat er ja gemutzt und immer damit gerechnet... ,

Zähl doch mal die Besen, wieviel fertig sind? Wir wollen einmal rechnen!" bittet er Lena. Und Lena zählt, und Lars rechnet. Es geht etwas langsam damit, denn Rechnen ist seine Sache nie gewesen. Nun, alles ist so lang wie breit, er wird schon einen guten Betrag dafür bekom­men, alles in allem, den Torf eingerechnet, den er mit ausladen will. Oh, er ist der Dümmste nicht und wird schon sehen, dah er zurecht kommt. Und wenn er seine Besen gebunden und alle Reiser, die er dafür ge­schnitten, verarbeitet hat, wird er sich daran machen und Bienenkörbe aus Stroh flechten, einfach! Dafür wird er einen besseren Preis bekommen, und zudem, wird er selber nicht zu imkern ansangen hier draußen? Haha, Lena wird schon sehen. Denn wenn er auch noch nicht sehr viel davon versteht, eine Ahnung hat er schon und in seiner Kindheit oft genug gesehen, wie der Nachbar einen Schwarm einsing und im Herbst die vollen Waben aus den Körben schnitt... Ob Lena vielleicht meint, daß er die Stiche fürchtet? Selbst wenn es nicht allzu viel Honig brachte gewiß, es kamen schlechte Jahre vor, das mußte er zugeben, so ließ es sich doch versuchen, und vielleicht hatte man mehr Glück, als man erwartet hatte. Nein, keine Sorge, wenn es auch einmal knapp im Hause stand... .

Er redete und redete, und Lena war erstaunt und beinah ein wenig unruhig, daß er sich soviel Mühe gab, ihr Mut zu machen. Hatte sie viel­leicht geklagt oder ihm sonstwie in den Ohren gelegen?

Ja ja", sagte sie,es ist wohl alles richtig, was du sagst, Lars. Du mußt es wohl wissen, siehst du."

Aber noch schlimmer als die Abende waren die Nachte. Zuweilen lag er noch stundenlang wach und muhte auf den Schlaf warten; und dann stand alles wieder in ihm auf, was er in sich niedergehalten hatte, und in der Finsternis und Stille um ihn schien alles noch beängstigender und drohender zu werden, so dah er sich mitunter in seiner Unruhe keinen Rat mehr wußte und an dem, was ihn bedrängte, zu ersticken glaubte.

Eines Nachts, als es besonders schlimm mit ihm war, und er sich leise erhoben und gemeint hatte, Lena habe es nicht bemerkt, und er bann, etwas ruhiger geworden, wieder ins Zimmer zurückkehrte, erschrak er, als er merkte, daß sie wachte.

Was haft du, Lars?" fragte sie.Bist du krank?

Nein, nein!" antwortete er.Hast du mich vielleicht schon einmal richtig krank gesehen? Nein, es ist nichts, Lena. Schlaf nur!"

Aber ich merke es feit langem; find es die Gedanken, Lars? Sicher machst du dir Sorgen. Denn glücklich bist du nicht."

Da sieht man, was du dir nicht alles einbildest. Glücklich? Ich glaube nicht, dah irgendein Mensch richtig glücklich ist.. Den einen druckt es hier und den anderen da. Das ist nun mal so ...

Nein sie brachte nichts aus ihm heraus. O, nur Geduld, er wollte schon fertig werden damit. Mußte es nicht mit jedem Tage leichter wer- den? Wieviel Dinge gab es, die man vergaß! Da mußte schließlich auch einmal dieses eine in ihm versinken, an das er in der letzten Zeit ost hatte zurückdenken müssen ... ...

In der folgenden Nacht zog er Hoppla aus dem Stall, bürstete ihm das Fell und machte sich daran, ihn vor den Wagen zu spannen.

Das Weiter war ruhiger geworden, und der Regen hatte ausgehort.

.Hast du den Heusack auch?" fragte Lena.Komm, ich habe dir Kaffee in die Flasche gefüllt, steck sie in den Sack, da bleibt er langer warm. Und schlag dir die Decke ordentlich um die Beine, wenn du auf der Land­straße bist und auf den Wagen steigst, hörst du?"

Ja, es ist kalt", nickte Lars, dem schon beim Anspannen die Finger steif geworden waren. , , .

Und vergiß den Zettel nicht mit den Besorgungen. Ich brauche so notwendig, was ich dir ausgeschrieben habe! Was meinst du, wann du zurück sein kannst?" ,

Aber es war eine mühseligere Plackerei, seine Besen und seinen Torf zu verhökern, als er angenommen hatte, und er konnte noch froh sein, als er den Rest am Nachmittag, müde und zerschlagen, für einen Schand­preis an einen Kleinhändler los ward, den Gaul in einer Ausfpannwirt- fchaft in den Stall ziehen und daran denken konnte, die Besorgungen für Lena zu machen, die sie ihm aufgetragen hatte. So blieb ihm für den Besuch bei Borte, den er sich vorgenommen und auf Den er sich heimlich am meisten gefreut hatte, nur wenig Zeit, wenn er über Nacht wieder zu Hause fein wollte. , o

Sieh an, ja, auf mich hast du wohl nicht gerechnet heute, wie? lächelte er, als er durch den Kellereingang des Hotels zu Dorte in die Spülküche trat.

Borte strahlte vor Ueberrcrschung und Freude, als sie ihn fah.

Komm, setz dich", nötigte sie ihn, wischte sich die nassen Hände an der Schürze ab und rückte Lars einen Stuhl hin.Wie geht es? Und wie geht es zu Hause?"

Nun, wie soll es gehen? Gut natürlich!" antwortete Lars, aber es klang gezwungen, und Borte merkte, daß er sich Mühe gab, heiterer zu scheinen, als er war. Ein wenig niedergeschlagen erzählte er ihr, wes­wegen er in die Stadt gekommen, und wie gering der Ertrag gewesen war, den er für feine Arbeit bekommen hatte.

Nun", schloß er,man muß zufrieden fein. Aber es ist nicht ganz leicht heute, durchzukommen, das kannst du mir glauben. Benn schließ' lich kann man nicht immerfort zufetzen, wie ich es getan habe. Alles nimmt mal ein Ende, siehst du." .

Aber bann tat es ihm der leib, als er ihr bestürztes Gesicht |ay, unb er tröstete sie:Bas wird natürlich schon im nächsten Jahre alles besser gehen. Brotkorn unb Kartoffeln haben wir für ben Winter genug Dazu Fleisch unb Speck von unserrn Schwein. Unb wenn die Kuh erst gekalbt hat, werden wir auch wieder Milch und Butter haben. Mach dir nur keine Sorgen, hörst du?" .

Bu bist gewiß hungrig?" fragte sie.Ich will mal in bte Kuch gehen und sehen, ob ich nicht etwas für dich zu elfen bekomme; sie leyen [ es nicht gern, aber so selten, wie du hierher kommst..." (Forts, folgt-?

Ja, ja",antwortete Lena,es ist gut und ich bin gewiß zufrieden, wenn ich nur weiß, daß du zufrieden bist."

Gott weiß, daß ich das bin", sagte Lars.

Bie Tage vergingen unter Plackerei und Arbeit. Lars grub und ackerte, mähte und heute, stach Torf, pflegte feinen kleinen Viehftand und sank abends todmüde ins Bett. Erst als es Herbst geworden war, und die Tage kürzer und trüber wurden, kehrte zuweilen feine Unruhe und die bumpfe Angst zurück, ber er im Sommer burch die Arbeit die keine Grübeleien zullest, immer wieder Herr geworden war.

Schon ein heimlicher Seufzer Lenas konnte die alte Unruhe wieder in ihm wecken, und er war dann froh, wenn er das Haus verlassen und sich draußen eine Arbeit suchen konnte. Als aber wochenlang Regen fiel und das steigende Grundwasser das Moor so aufweichte, dah es unmög­lich wurde, die Felder auch nur zu betreten, wurde es mit jebem Tage schwieriger mit ihm, sich draußen zu beschäftigen. Nein, der Teufel sollte diese Tage holen! Wenn es wenigstens Frost gegeben und man einmal wieder festen Boden unter die Füße gekriegt hätte. Benn die Arbeit im Hause war bei dem kleinen Viehstand meistens bald getan, und untätig herumsitzen wäre ohnehin für Lars eine Strafe gewesen. Ba war er zuletzt darauf verfallen, Besen von Birkenreisern zu binden. Em Gluck, daß er sich von seiner Jugend her auch mit solchen Bingen zu behelfen verstand und sich noch an jeden Handgriff erinnerte, den diese Arbeit erforderte.

Er hatte sich soviel Zweige dafür geschnitten und auf der Biete auf« gestapelt, dah Lena ihn vom Herde aus kaum zu erblicken vermochte, wenn sie sich nach ihm umsah. Ba saß er nun an den trüben Tagen und ben langen Abenden auf seinem Schemel unter ber brennenden Stall- laterne, die er an einem Braht unter ben Beckenbalken aufgehängt hatte, schnitt sich die Zweige zurecht, wie er sie für seine Arbeit brauchte unb lauschte zwischendurch auf bas Brausen des Windes, der in dumpfen Stoßen über das kalte Strohdach über ihn hinging und in den Fähren wühlte, die bas Haus umstanden. Es war wie ein dunkles, klagendes Rufen in diesen Herbstwinden, ja mitunter dünkte es Lars, als wäre wirklich eine menschliche Stimme darin zu vernehmen, nur dah er nicht hätte sagen können, was sie rief... Aber das war alles nur Einbildung und ein richtiger Unsinn, über den es sich nicht lohnte, ein Wort zu ver­lieren. Es kam von dem tagelangen Stillsitzen unb Hocken auf dem niedrigen Schemel unb der dumpfen, feuchten Lust, die das Blut dick machte und träge, unb man mußte auf sich acht geben, dah fo etwas feine Macht über einen bekam. Trotzdem kam es zuweilen vor, dah er plötzlich in feiner Arbeit zusammenzuckte und nach drauhen horchte, so merkwürdig wie das Brausen des Windes mit einmal klang, als zürne, drohe und jammere es zugleich da drauhen in der dunklen Nacht, die um jein Haus stand, starb hin und wachte dann von neuem auf, ein ruheloses heimliches Seufzen und Rufen, ein Mahnen und Brängen, I bas sich anhörte, als wäre jemand in Not unb riefe um Beistand ...

Hallo!" sagte Lars in solchen Augenblicken zu sich selber, räusperte sich und ritz sich zusammen... ,

Nun, wieviel Besen hast du heute fertig bekommen? fragt Lena und tritt zu ihm in den Lichtschein der Laterne, deren Flamme unter dem letzten Stotz des Windes unruhig zuckt.

Lars ist über der unvermuteten Anrede das Messer aus den Händen geglitten. Bleich unb aus schreckhaft großen Augen sieht er sie an.

Ist bir etwas, Lars?" fragt sie.So wie du mit einmal aussiehst?

Aber er hat sich schon wieder und muh sich über sich selbst ärgern, bah er so zusammenfuhr, reißt bas Beil aus dem Hackblock und schlägt ein paar Zweige von einem Birkenast, die für bas Messer zu stark sind.

Nein, was sollte mir wohl sein?" fragte er, so unbekümmert im Ton wie sonst. , , ,

Lena hockt sich zu ihm auf ein Bund Stroh, und Cars ist froh, dah sie ein wenig mit ihm plaudert... Gegen Ende der Woche will er mit Den fertigen Besen in die Stadt fahren, denn einen eigenen Wagen hat er ja nun auch. Er hat ihn auf einer Auktion erstanden, und wenn nicht noch allerhand Daran zu reparieren gewesen wäre, hätte er die Ausgabe nicht einmal sehr gemerkt. Nun, was sein mußte, mußte sein, da half kein Maulspitzen, und so ein Ackerwagen gehörte nun mal in jede Wirt­schaft. Oder sollte er den Torf, den er im Sommer gegraben hatte, viel­leicht auf dem Rücken in die Stadt tragen?

Ganz in der Frühe, gegen vier Uhr, meint er, wird er losfahren. Bann kann er schon zwischen acht und neun in der Stadt sein und an= Öen, seine Besen zu verkaufen. Los werden wird er sie schon. Warum eicht nicht? Er wird sie billig roeggeben, wenn es sein muß. Vielleicht kann er sie sogar bei einem Händler losschlagen. Bas wäre bas ein­fachste. Aber vorteilhaft wird es nicht [ein, ba muh er Lena recht geben. Wenn er sie auf ben Straßen stückweise verkauft, wirb er mehr bar aus losen, bas ist sicher. Nur kann es ihm bann auch geschehen, daß er mit ber Hälfte fitzenbleibt, unb bann muß er in ber Stadt nächtigen unb kann am andern Morgen von neuem zu Hökern beginnen... Nun, er muh sehen, wie es sich anlassen wirb. Reiserbesen werben kaum noch begehrt, er weiß wohl. Aber er wirb etwas Torf mit auf ben Wagen laben, wenn er nur irgenb Platz bafür behält. Wenn er nur mehr Torf im Sommer hätte machen können! Aber zuletzt kann man nicht alles, und es war ja verdammt viel Arbeit über Sommer, mehr als er gedacht hatte!

Jedenfalls soll es ein guter Tag für ihn werden. Nein, in ein Wirts­haus wird er nicht gehen, das kann er Lena ohne weiteres versprechen. Benn die Wahrheit zu sagen, sieht es mit seiner Kasse nicht mehr zum besten aus... Immer hat er anschaffen müssen, ben ganzen Sommer hindurch, Lena hat es ja selber gesehen, und Dabei hat er kein Stück unnötig gekauft. Ba soll erst einer kommen, ber ihn Verschwender nen­nen will? Nun, im nächsten Jahr wirb alles ein wenig leichter werben, das ist gewiß. Früher, in ber Stabt, hatte er feinen Taglohn. Bas war eine andere Sache unb mit ben Verhältnissen hier brausten nicht zu ver­gleichen. Nicht, daß es ihm allmählich leib geworben ist, baß er nun hier draußen sitzt, bewahre Sott. Aber es ist nun mal anders mit allem, und