Den Toten an -en Grenzen.
Von M. C. Steinhäuser.
Jede Tat sei ein Denken an euch, ihr großen Mahner in den Gräbern der Grenzen, die wie der Reif einer Krone das Land umschließen, daß es in Frieden wohne. • Eures Opfers gedenk, find wir die endlichen Ahner
eurer Sendung. Noch seid ihr die warnenden Wächter um der blühenden Heimat uneroberte Fluren, noch steht euer gewaltiger Schild vor den furchtbaren Spuren des Krieges. Keine Treue zu euch ist echter
als der stumme Schwur zu eurem heldischen Schweigen.
Nichts gilt vor euch als ein zähes Wachsen zur Höhe.
Still reicht der Bruder dem Bruder die Hand zum helsenden Steigen,
pflügt der Vater das Feld dem kommenden Sohne. Wie der Frieden der Wälder in göttlicher Nähe, wächst euer Kreuz aus dem Wipfel der Krone.
Episode über Tag.
Von (Ernft Kreuder.
Ich lag drei Tage und drei Nächte in dem leeren Schlafhaus, bis der Arzt kam. Mein Bein war steif geworden und angeschwollen. Es war vereitert; wenn man mit dem Daumen in das Fleisch drückte, blieb eine Delle. Ich hatte Schmerzen. Nachts ließ ich das Licht brennen. Die Glühbirne glühte trüb und rötlich dn der kahlen, schmutzigen Decke. Der Verwalter war verreist. Niemand ließ sich sehen. Ich werde hier liegen, bis ich versault bin, dachte ich. Die Nachtstunden waren lang. Ich hatte mit einigen Studenten in der Eisengrube gearbeitet und war am letzten Tag im Abbau gestürzt. Das Semester hatte begonnen, die Studenten waren abgereist. Das Schlafhaus war leer. Es lag auf einer Höhe im Wald. Bis zur Bahnstation war es eine Stunde. Die Zeche lag auf der nächsten Höhe. Ich hatte auf Sohle dreihundert gearbeitet. Beim Losbrechen von hangenden Blöcken war mir der Spieß ausgeglitten, und ich war hintenüber gestürzt, hinunter und mit dem Bein auf einen kantigen Erzbrocken. Ich hatte das Bein mit einem roten Taschentuch verbunden. Es war unterhalb des Knies.
Als der Steiger kam, saß ich am Boden und sagte, daß ich Schmerzen hätte. „Ach was", sagte er, „im Krieg sind die Leute mit einem Bein gelaufen." Ich sollte an die Arbeit gehen. Ich schlug noch ein paar Blöcke klein, dann war Schicht; es wurde geschossen, und ich ging mit den Kameraden vor zum Schacht. Die Gänge waren voller Rauch vom Schießen, und es roch beißend und salzig. Die Karbidflamme leuchtete keinen Meter weit in dem dichten Nebel. Das Bein tat noch etwas weh. Wir stellten uns in den nassen, triefenden Förderkorb und fuhren hoch. Ober schien die Sonne, und es war herrliches Wetter. Die Kumpels gingen in ihre Dörfer. Am nächsten Morgen konnte ich das Bein nicht mehr bewegen. Ich stützte mich auf meinen Bergstock und humpelte die Treppen hinunter. Ich saß im Stiegenhaus und hatte Schmerzen. Die Frau des Verwalters ging draußen vorbei. Ich rief sie an. „Telephonieren Sie zum Arzt, er soll kommen, mein Bein ist vereitert", sagte ich. „Schon recht", sagte sie. Dann zog ich mich wieder die Treppen hoch und legte mich auf die Strohmatratze. Das Bein pochte. Es wurde Abend. Es kam niemand. Ich wußte nicht, ob ich Fieber hatte. Manchmal schlief ich etwas ein. Ich hatte keinen Hunger. Dann mußte ich mal runter. Das war eine elende Sache. Ich biß die Zähne zusammen und hinkte am Stock die Stiegen hinunter. Es ging sehr langsam. Das Bein war schwer und baumelte. Unten muhte ich mich mit den Händen an der Wand halten. An einem Kran füllte ich die Feldflasche mit Wasser. Als ich wieder oben war, schienen Stunden vergangen. Ich lag die ganze Nacht wach und ließ das Licht brennen.
Ich war ganz allein, hatte nichts zu lesen. Ich hatte nur Zigaretten. Ich steckte eine nach der anderen an. In dem kahlen Raum standen sechs Feldbetten, je zwei übereinander. Und sechs eiserne Spinde, graublau lackiert. Sechs Schemel Und ein Tisch. Es war Ende Avril und regnete. Ich rauchte die ganze Nacht. Als es hell wurde, schlief ich ein. Ich erwachte und es war Mittag Ich hatte keinen Hunger. Die Feldflasche war leer, ich hatte Durst, und ich mußte mal runter. Es kam niemand. Das Licht brannte noch von der Nacht. Ich versuchte aufzustehen. Es ging nicht. Das Bein schmerzte zu sehr. Aber es mußte gehen, es wurde mir schwarz vor den Augen, und dann sah ich lauter Sterne, und dann schleppte ich mich hinaus.
Das Bein schwoll noch mehr an, es sah gelb und grün und violett aus. Ich lag den ganzen Tag und die Nacht tarn, und es kam niemand. Das Licht brannte die ganze Nacht. Ich hatte keine Zigaretten mehr. Gegen Morgen schlief ich wieder ein. Ich träumte, der Arzt käme und stünde an meinem Bett und besähe sich das Bein. Als ich aufwachte, stand der Arzt an meinem Bett. Er war klein und trug einen grauen Sportanzug. Ich deckte mein Bein auf, und er drückte daran herum. Er fühlte den Puls. Dann setzte er sich hin und füllte einen gelben Schein aus. „Was ist denn?" fragte ich. „Sind Sie in der Knappschaftskasse?" fragte er. Ich nickte. „Das Zellgewebe und die Knochenhaut", sagte er. „Blutvergiftung. Ich schicke nachher Leute, Sie kommen nach
S. ins Krankenhaus." „Vesten Dank" sagte ich. „Wie lange haben Sie das schon?" fragte er. „Ich liege hier schon zwei Tage", sagte ich. „Man hat mich gestern abend erst angerufen", sagte er, „Sie müssen gleich operiert werden."
Gegen Mittag kamen drei Bergleute mit Nagelschuhen herein. Sie lasen den gelben Schein, bann hoben sie mich auf und trugen mich hinunter. Unten stand eine fahrbare Tragbahre. Sie legten mich hinein und zogen den Vorhang zu. Ich zog den Vorhang wieder zurück. Sie fuhren mich durch den Wald den holprigen Weg zur Station hinunter. Es war schönes Wetter, die Wälder leuchteten in der Sonne, der Himmel war klar und blau. Wenn wir durch ein Dorf tarnen, tarnen die Frauen gelaufen und fragten, ob was in der Zeche passiert sei. Die Bergleute blieben stehen, unterhielten sich etwas, und bann fuhren sie mich weiter. Vor bem Bahnhof liehen sie mich stehen und gingen in ben Wartesaal, um einen zu trinken.
Der Zug kam. Sie rebeten mit bem Schaffner, bann hoben sie mich in ein leeres Abteil und sagten „Glück auf!". „Glück auf!" sagte ich unb ber Zug fuhr los. Ich lag auf ber Bank unb ber Zug fuhr eine Stunbe. Dann hielt ber Zug, zwei Schaffner tarnen unb hoben mich hinaus. Der Stationsvorsteher brachte einen Stuhl unb stellte ihn auf ben Bahnsteig. Die beiden Schaffner setzten mich auf den Stuhl, fliegen in ihren Zug und der Zug fuhr weiter. Der Stationsvorsteher schickte einen Mann mit meinem Schein zum Krankenhaus. Nach einer halben Stunde kam ein Wärter vom Krankenhaus. Er war etwa zwei Meter groß. Er hielt den gelben Schein in der Hand und sagte, ich müsse nach F. ins Krankenhaus. Ich gehörte nicht in ihren Bezirk. Ich sagte, der Arzt hätte mich hierhergeschickt und ich müßte gleich operiert werden, ich könnte jetzt nicht noch lang umherfahren und umsteigen, und er solle mich jetzt in das Krankenhaus bringen. Er bückte sich etwas, und ich legte meinen Arm um feinen dünnen Hals unb hängte mich an ihn und hinkte neben ihm her.
Das Krankenhaus sah aus wie ein Forsthaus und war sehr klein. Aber es wurde aus allen Gegenden besucht, weil es einen guten Chirurgen hatte. Er schnitt alles, sagte man. Cs gäbe nichts, was er nicht schnitte. Er besaß ein Landhaus und zwei Wagen. Eine Blinddarmoperation dauerte bei ihm acht Minuten, sagte die Schwester. Ich wurde in ein kleines Helles Zimmer gebracht. Ich saß eben auf dem Bett, als die Schwester kam und mich wieder hinunterbrachte. In einem dunklen Gang stand eine Bahre mit Rädern. Ich legte mich darauf und wartete. Ganz weit, am Ende des Ganges unb hinter Türen, hörte ich jeipanb lang schreien. Es konnte ein Mäbchen [ein.
Nach einer Stunbe kam eine anbere Schwester unb schob meine Bahre in ein Zimmer. Es war Halbdunkel darin, am Fenster standen Geranien. Sie machte meinen Arm frei und gab mir eine Spritze Morphium. Im Zimmer standen vier Betten. Es lagen drei Männer darin und ein Junge. Die Männer schliefen. Der Junge hing an lauter Schnüren und Drähten, er schwebte über dem Bett. Er hatte eine Rückgratverletzung und war gelähmt. Er sah zu mir herüber. Er hing schon ein Jahr so. Als es dunkel wurde, kam ein Mann mit einer Gummischürze herein. Die Schwester machte mein Bein frei. Er sah es an, dann sah er mich an. Ich stellte mich vor. „Muß noch nachher operiert werden", sagte er zu der Schwester. Sie gingen hinaus. Nach einiger Zeit kam der lange Wärter und fuhr mich durch den langen Gang in ben Operationssaal. Es standen Glasschränke mit Instrumenten an den Wänden. •
Ich sah vielerlei Sägen. Der Saal hatte eine riesige Glasscheibe, eine Glaswand aus Mattglas. An der Decke brannten große Lampen. Der Wärter hob mich auf einen Operationstisch. Dann kam der Arzt und zwei Schwestern begleiteten ihn. Sie schnallten mir beide Beine fest. Dann legte man mir von hinten ein Stück Gaze aufs Gesicht. Ich zählte bis sieben, während der Arzt es auf die Gaze tröpfeln ließ. Dann spürte ich ein Saufen und sah Sterne, und ein Komet mit einem Gesicht und langem Schweis sauste neben mir her.
Ws ich am andern Morgen erwachte, lag ich in einem kleinen Zimmer im Bett. Das Bett gegenüber war leer. Mein Bein brannte, ich hatte Durst und zog an ber Klingelschnur. Auf dem Nachttisch stand die Brechschale. Als die Schwester kam, brach ich zum drittenmal Speichel und Galle. Es war nur wenig, unb ich hätte gern mehr gebrochen. Die Schwester brachte mir ein Glas Wasser. Es war verboten Wasser zu trinken. Die Schwester war hübsch unb jung, sie hatte ein stilles Gesicht unter ber weißen Haube. „Jetzt ist es also überstanden", sagte ich. „Sie haben Gummiröhren im Bein", sagte sie, „Sie dürfen sich nicht bewegen." Der Wärter kam und lachte. Er rauchte eine Zigarre. Er hatte einen hellblonden Schnurrbart und auf dem kleinen runden Kopf hatte er keine Haare mehr. „Spielst du Sechsundsechzig?" fragte er. „Nur Hamburger", sagte ich. „Dann wollen wir ein kleines machen." „Bringen Sie mir Zigaretten mit", rief ich ihm nach, „in meiner Hose ist Geld."
Er kam mit dem Kartenspiel und den Zigaretten zurück. Ich zündete eine an, sie schmeckte wie Messing unb Kartoffelkraut. Mir würbe übel. Ich glaubte, baß ich nie wieder rauchen könnte. Wir spielten Hamburger Sechsundsechzig. Er gewann zweimal, bann gewann ich einmal. Dann würbe zum Essen geläutet. Ich bekam nichts. Ich mußte noch fasten. Ich ließ mir Briefpapier besorgen unb schrieb einen Brief nach Hause. „Wenn Sie zwei Tage später gekommen wären", sagte bie Schwester, bie mir bas Briefpapier brachte, „hätte man bas Sein abnehmen müssen. Das Knochenmark war schon verbuttert." „Dann ist ja alles gut, Schwester", sagte ich, unb ich schrieb nach Hause, daß alles gut sei und daß sie mir meine Bücher schicken sollten, und daß bas Semester nun leider hin wäre. Aber ich würde hier ganz gut arb': 'n können. Ich hätte ja schließlich in der Zeche gearbeitet, um etwas G-ld für bas nächste Semester zusammenzubringen. Da hatte ich natürlich Pech gehabt.


