Aber bis jetzt würden empfinden."
Sie sehen schweigend die Eric hinübergestiegen her läutet es zwölf Uhr.
sich auch nicht denken, daß sich das so bald ändern wird. „Ja, ein prachtvoller Mensch, der Herr Meimberg", sagt die Sörnewitz kurz und geht etwas ver chnupst ins Haus, irr dessen Tür gerade das blondere Kichermädchen erschienen ist, Arm in Arm mit dem Globetrotter, der die Frauen verehrt. „ ,,
Barbara schließt sich den Mannern an, die das Floß bauen. Sie steht in kurzen weihen Hosen und in Tennisdluse den Halden 23ormiiiog neben Körner und Gericke im Wasser. Es ist angenehm. Denn der Fluß atmet etwas Kühlung. Das Tal schwingt und brennt vor Hitze. Frau Korner erscheint in ihrem rückenfreien Badeanzug und verteilt schöne schwarze Kirschen an die Mannschaft. Sie selbst ißt immer zwei auf einmal und versucht, bis in die Mitte des Flusses zu spucken. Sechsmal geht sie ins Wasser, taucht mit Geschrei unter und läßt sich wieder von der Sonne „auftiämpseNn (ommt grQU Gericke. Sie hat eine schlechte Nacht gehabt, hat Schatten unter den Augen. Sie sitzt übertrieben gerade im Gras und lächelt, wenn ihr Mann sie ansieht. Sie holt sich schließlich Barbara heran. Möchte sie dringend, muß sie sofort sprechen. Die beiden Frauen gehn in die Hütte. Die Tür bleibt offen, damit wenigstens ein leiser Zugwind die Hitze mildert.
Was ist also los? Ein Unglück? Ja, beinahe ein Unglück! Mag ste etwa ähren Mann nicht? O ja, strahlt die kleine Frau, sie liebt ihn innig! Ob Gericke sie nicht liebt? O doch ... er betet sie beinahe an. Na ... was ist
Sie sagt das ganz erbittert. Sie geht, während sie weiterredet, mit kräftigen kleinen Schritten, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Es ist nicht leicht. Ich weiß es. Man zögert und zögert. Und wenn man zu früh spricht, ist es ebenso falsch, als wenn man zu spät anfängt. Meine Mutter und Ihre Mutter, das war die letzte Generation der Dulderinnen und Schweizerinnen. Was sie kriegten, nahmen sie hin. Gutes und Schlechtes. Dann kamen die Schwätzerinnen. Das sind die, die jetzt zwischen fünfzig und sechzig sind (aber nicht alle in dieser Generation waren natürlich Schwätzerinnen). Die waren nicht mehr schicksalsgläubig. Sie nahmen nichts mehr einfach so hin. Wenigstens nicht, ohne darüber zu reden. Sie wollten aktiv sein. Aber sie redeten und redeten. Sie haben aus allem ein Problem gemacht. Aus der Liebe und aus dem Haß. Aus dem Kinderkriegen und der Kinderlosigkeit. Aus der Ehe und aus der Ehelosigkeit. Und vor allem aus dem Mann. Der ist zu einer wahren Sphinx geworden. Und nun sind wir da. Wir wissen, daß es nichts nützt, wenn etwas schwer ist, zu sagen: Es ist schwer. Wir glauben nicht mehr an den Zufall und nehmen ihn nicht hin. Wir meinen, daß man vieles ändern kann, vieles richtig und gut machen, was bisher falsch war. Wir denken, daß aus den meisten Frauen auch richtige Frauen werden könnten. Aber wir erziehen uns nicht genug. Wir arbeiten nicht genug. ®ir müssen doch ganz anders werden ... ganz anders ... selbständiger, mehr in uns ruhend ... Meinen Sie nicht auch?"
Frau Gericke ist nun auch aufgestanden. Sie hat Barbara umarmt. Sie sagt: „Ich finde Sie wundervoll. Ich könnte Ihnen tagelang zuhören. Ich habe manchmal gedacht, man könnte so denken, wie Sie denken. Aber ich habe tatsächlich nie den Mut dazu gefjabt. Und vielleicht werde ich auch nie den Mut haben. Nur habe ich jetzt einen Wunsch: Ich möchte gern, daß mein Kind ein Mädchen wird. Bielen Dank..."
Es ist Mittag geworden. Di« Männer sind, durch zuviel Sonne erschöpft, streitlustig gewesen. Sie haben gegessen, obwohl sie infolge der Hitze gar nicht hungrig waren. Das bekommt ihnen schlecht, aber sie glauben nun mal, daß man essen muß, wenn es Mittag geworden ist. Jetzt hört man den Schauspieler Körner sich mit seiner Frau streiten. Sie schimpfen beide ziemlich laut. Dann lachen sie ebenso laut. Es ist doch Unsinn, sich zu streiten. Ferien sind zum Lachen da. Also lachen sie lieber.
Barbara liegt auf ihrem Bett. Es ist ziemlich dumpf in der Hütte. Schritte kommen. Es klopft. Sie sieht vorsichtig hinaus. Sie schreit überrascht auf. Sophie Wahnke steht vor der Tür. Barbara zieht die Freundin herein. Sie versucht erstaunt zu fein. Aber leider weiß sie in dieser Sekunde schon alles. Schrecklich!
„Was machst du denn hier?" fragt sie noch freundlich. „Das ist ja eine ulkige Sache. Seit wann bist du hier? Wo wohnst du? Da oben? So ... Ach ... Alfred hat schon neulich gesagt: Da oben müßten wir wohnen, nicht hier unten. Hier sind zuviel Menschen. Alfred ist heute in Stuttgart.
Er hak zu tun. Sie lassen ihn nicht einmal auf der Hochzeitsreise in Ruh. Ich weiß aber nicht, um was es sich dabei handelt."
„Siehst sehr gut aus", sagt Sophie, „du warst noch niemals so schön. Deine Augen haben endlich wieder das Flaschengrün, das ich früher so an dir liebte ..."
Sie lachen über den Ausdruck „Flaschengrün . Barbara findet, das sei keine schöne Farbe. Dann schweigen sie ein paar Sekunden. Barbara wartet, daß Sophie spricht. Sophie hat strengen Befehl, nur zu sprechen, wenn Barbara fragt. Aber Barbara fragt nicht. Sie fragt nicht nach Ber- lin, sie fragt nicht nach dem Bater. Sie vermeidet jedes persönliche Wort. Sie erzählt von den Gästen, von der Frau Görnewitz, von Frau Gericke; sie erzählt sogar die Geschichten von der baltischen Baronesse, die wegen ihres Hofmarschalls vom Felsen heruntergesprungen ist, und von dem reichen Holländer, der seiner Frau den Revolver an die Schläse hielt. Und Sophie berichtet von einer Affäre, die sie gerade in der Zeitung gelesen hat: Ein Mann hat zwanzig Jahre nach begonnener Ehe den ersten Liebhaber seiner Frau niedergeschossen. Warum? Nur weil er der erste Liebhaber war.
„So sind diese Männer", schließt Sophie, und dabei schiebt sie ein klein wenig das Kinn vor, wie es Rauthammer tut. Ja, wenn cs noch einen Zweifel gäbe, jetzt in dieser Bewegung wird es klar: Sophie Hebt Rauthammer. Das könnte vielleicht die Sache leichter machen, nicht wahr, wenn Rauthammer die Sophie nur wiederliebte. Aber es ist ja Unsinn. Sie wären dann doch nicht zusammen hierhergefahren.
Barbara geht mit Sophie langsam den Wiesenweg zur Chaussee hinauf. Sie sagt plötzlich hart: „... Und jetzt Schluß mit dem Versteck- spiel! Was soll das Ganze?"
Sophie geht noch ein paar Schritte weiter. „Du hast mir zu antworten!" ruft Barbara heftig. Sie war vierzehn Tage lang nichL.mehr böse. „Antworte...!" ruft sie. „Wie kommst du hierher?"
Sophie Wahnke sieht vorsichtig auf. Sie sieht die böse funkelnden flaschengrünen Augen. Sie muß Rauthammer doch recht geben: Barbara ist ein Mensch mit einer Riesenskala der Gefühle. „Ich liebe dich", sagt Sophie leise.
Barbara schüttelt ärgerlich den Kopf. Eine wunderbare Liebe! Kommt hier angefahren und bringt Verwirrung in Barbaras Leben! „Und ich liebe ihn", setzt Sophie hinzu, „wirklich: Er hat recht. Er hat bestimmt recht. Es gibt nicht zweimal Menschen wie ihr beide. Und darum kann man das nicht so lassen. Nicht wahr? Man muß ..."
„So ...", unterbricht Barbara, „man muß ... Was muß man? Ich will nichts mit der ganzen Sache zu tun haben. Unb was der andere will, ist mir einerlei ... das sage ich dir ..."
„Das ist nicht wahr", flüstert Sophie, „da lügst du."
Barbara zuckt die Schultern. Es ist vielleicht wirklich nicht ganz wahr. Aber dann gehört die ganze Geschichte zu den Dingen, die auf einer anderen Ebene fertiggemacht werden müssen und nicht auf der Ebene der Wirklichkeit. Wenn es eine Liebe war, so ist es jetzt bestimmt keine Liede mehr, die sich erfüllen kann. Sophie soll das doch verstehn.
Sophie versteht. Sie ist jetzt an so schwere Gedankengänge gewöhnt. Rauthammer hat es noch anders ausgedrückt. Ehe er nicht diese Liebe aus der Ewigkeit zurückgeholt hat, kann er nicht in die Ewigkeit hinein- gehn. Oder bedeutet das gerade das Umgekehrte?
Barbara geht wieder ein paar Schritte. Sie sagt: „Wenn Rauthammer mich wirklich liebt" (und jetzt fällt zum erstenmal der Name), „und ich will es nicht bezweifeln, dann muß er abfahren. Wenn er aber nicht abfährt, liebt er mich nicht. Das mit der Ewigkeit in Ebren. Aber er soll erst mal hier abfahren. Er soll weg. Verstanden? Weg, weg."
„Und du willst ihn also bestimmt nicht sehn?" fragt Sophie. „Ganz bestimmt nicht?"
„Nein, ganz bestimmt nicht." Barbara gehört nicht zu den Frauen, das sollte Sophie doch wissen, die alles zusammen haben wollen: Ehe und Freundschaften mit vielen Männern, Kinder und keine Kinder ... Nein ... nein, auf keinen Fall will sie ihn sehn.
„Und du weißt auch, daß er sehr krank ist", fragt Sophie, „sehr schwer krank? Daß er jede Nacht mit feinem Herzen kämpfen muß, daß dein Vater ihn gewarnt hat? Daß er aber auf alle Warnungen nicht hört? Daß er jeden Augenblick sterben kann ...?"
„Nein", antwortete Barbara, „das wußte ich nicht. Aber glaubst du denn, daß das etwas ändert? Was denkst du denn eigentlich?"
Sophie geht plötzlich fort, ohne etwas zu erwidern. Sie ist zu böse. An der Wegbiegung dreht sie sich noch einmal um. „Was ich denke? jagt sie; „ich denke, daß man nicht kaltherzig und hochmütig sein soll. Daß man Pflichten hat, wenn man jemals geliebt hat ... auch wenn man nicht mehr liebt. Das denke ich ... und das gehört sich für eine wirkliche Frau."
Damit kehrt sie endgültig um, läuft über den Fahrweg und verschwindet im Gebüsch des Abhangs.
16.
Als Sophie kurz darauf das Zimmer Rauthammers im Hous am Hang betritt, ist der alte Sanitätsrat Stoll gerade am Gehn. „Ah ... da kommt ja die Gattin", sagt er in schönstem Schwäbisch, „na .. - f5 komtat ja nun alles in schönste Ordnung. Ein bißchen Ruhe . • cn* bißchen Pflege ... liebevolle Pflege, versteht sich ... die gute Lust hier ..." . ,.
„Ich bin nicht die Gattin", antwortet Sophie überflüssig grob, „«? pflege Herrn Rauthammer." .,
Der Sanitätsrat nimmt das zur Kenntnis. Er bittet Sophie, w« hinauszubegleiten. An der Gartenpforte sagt er: „Dann kann ui) ” Ihnen ja sagen: Es steht schlecht. Als ich vorhin kam, arbeitete das Herz überhaupt fast nicht mehr. Später setzte es wieder ein. Er oe» hauptete, das käme vom Atem. Hätte es in China gelernt. Na . ■. halte nichts von diesem östlichen Hokuspokus. Verstehe auch nuyis davon." .
„Und was halten Sie von der ganzen Krankheit?" fragt Sophte.
(Fortsetzung folgt.)
denn bann los? ,
Das ist nicht einfach zu sagen. Sie braucht seine Liebe nach einem sehr liebeleeren Leben notwendig ... aber ... aber ... ja, sie hat Angst, ganz einfach Angst vor seiner Liebe. Sie ist seiner Liebe nicht gewachsen. Sie ist zu zart. Wenn sie zusammen sind, schwingt alles in ihr. Tagelang. Aber er kann doch nicht warten, bis das Schwingen aufgehört hat, und jetzt ... seit zwei, drei Tagen, ist es noch schlimmer. Frau Gericke weiß genau, woran es liegt. Sie wird ein Kind bekommen. Schön, nicht wahr? Aber nun ist sie noch empfindsamer geworden und würde am liebsten immer allein fein. Oder nein ... im Zimmer darf der Mann fchou fein. Er darf sie auch streicheln. Er darf sie sehr vorsichtig küssen. Aber dann soll er wieder gehn. So ist das, und das ist doch ganz unmöglich. Das kann man doch von einem Mann nicht verlangen... Barbara hat ihre Hand gehalten. Sie nimmt sie jetzt vorsichtig in die Arme. Sie sagt: „Ich weiß das alles auch nicht so genau. Wir Frauen lernen ja überhaupt nichts von dem, was wir wissen müßten. Weder über uns selbst noch über die Männer. Deshalb wissen wir auch nie, wo wir richtig fühlen und wo ganz falsch. Wahrscheinlich ist bas, was Sie fühlen, vollkommen richtig. Unb ben Männern wäre sehr wohl, wenn sie sich banach richten müßten, sie es wohl als eine untragbare Zumutung
zusammen hinaus. Gerabe ist bie Sonne über unb blenbet in ben Fluß hinein. Von ber Stabt Man hört ein paar Mäher oben im Bergwalb nacheinanber rufen. Ein Heuwagen kommt ratternb die Walbschneise herunter. Sonst ist es ganz still.
„Wir werben darüber nachbenken", sagt Barbara, „unb wir werben auch mit unfern Männern sprechen. Wie? Nein? Sie können bas nicht? Ich glaube, wir müssen es lernen."


