Ausgabe 
1.7.1935
 
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Rasseln tm Dunkel der Nacht. Weil es aber die Kaiserlichen so genau nicht genommen, und auch die Gattinnen der türkischen Würdenträger mit unter den Geraubten waren, so hatte der Großwesir noch in der Nacht eine Palastrevolution zu bestehen. Weshalb er sich entschließen mußte, schon am frühen Morgen, ehe er die Schlacht noch gewagt, den Frieden zu verkünden. , .

Da es aber bei Friedensschlüssen manchmal geschieht, daß jedem ge­hört, was er erobert, und ja ohnedies wie der Hofnarr meinte der Status quo mutmaßlich nicht gänzlich wieder herzustellen wäre, so entschied Seine Durchlaucht, die vor Lachen barst, obwohl seine Fatima mit unter den Geraubten war, daß die Gattinnen der Wesire und Pa­schas diesen wohl zurückzustellen wären, von den Mädchen aber eine jede, wenn sie es wolle, bei ihrem Reiter bleiben könne.

So marschierten noch am Vormittage die Paare, der Obrist und Magister mit seiner Fatima, die nun doch eine Liselotte blieb, voran, durch die Gassen der Heere, die mit Fahnen und Standarten, Halbmond und Roßschweisen Spalier standen, zum Feldaltar. Indes die Iani- tscharenmusik rasselte und schmetterte, die Regimentsspielleute der Kaiser­lichen trommelten und bliesen, und von den Wällen von Negroponte, das wieder Eichelsheim hieß, die Festungsstücke Vivat und Viktoria schossen.

Aufforderung zur Fröhlichkeit.

Von Simon Dach.

Die Jahre wissen keinen Halt,

Sie achten keiner Zügel, Der Mensch wird unversehens alt, Als hätt' er schnelle Flügel.

Was schon der Tod hat hingebracht, Wird nimmer wieder kommen;

Wird denn in jener langen Nacht Dein Traurigsein dir frommen?

Aus meinem Bergmannstagebuch.

Von Walter Vollmer, GDS.

Hart auf hart war es zugegangen I Es mag der Teufel wissen, wie einen manchmal der Spuk anspringt! Ein Spuk war die Sache in der Grube am 2. Juli ja gerade nicht gewesen, immerhin verlohnt es sich, sie einmal zu erzählen.

In allem Kohlenstaub, der so dicht in dem kleinen Ort von Flöz Marianne stand, daß man ihn mit den Händen hätte greifen können, in dem wahnsinnigen Geflitter auftauchender und verschwindender Lichter, wo der Bohrhammer dröhnte und die beiden Preßlufthaspel widerlich kreischend schrien, konnte ja keiner auf den andern achten. Die Kerls heulten und brüllten durcheinander, schwitzten an nackten, schwarz- glänzenden Leibern, lachten rauh und schufteten hinter den ratternden Kohlenwagen in aufgeregter Hast. An diesem Betriebspunkt in Revier 7 schienen sie alle einen Narren gefressen zu haben: Hierher schob Flöz Dickebank am Morgen seine hundert Wagen Kohlen, die Querschläger­kolonne aus der Richtstrecke drückte ihre zwanzig bis dreißig Stein­wagen heran, hier schleppten sie Langholz und Eisenschienen und pol­terten mit blechernen Schüttelrutschen dadurch, der Bremsberg hängte je Schicht seine neunzig Wagen in den Sumpf, alles mit Getöse, Lärm und Eile es war glatt zum Tollwerden! Der kleine, dicke Otto an meiner Seite warf den Leerwagen herum, winkte mit der Lampe es half nichts er schimpfte und wetterte, spuckte seinen Priem aus und einen Augenblick lang sahen wir einander grinsend an, winkten dann, winktenl Es donnerte laut vor uns, von oben ließen sie vier, fünf Kohlenwagen im schrägen Bau los, sie kamen näher auf uns zu! immer näher rollten kreischten! Wohin so schnell? Da blitzt schon die vorn am ersten Wagen hängende Lampe auf! Sie kommen! Herrgott sie kommen!

Du liebes Lieschen!" schnaufte der Kleine neben mir ernstlich er­schreckt. Wir konnten nicht mehr zur Seite, überall Holz und Wagen in der Enge! Aetsch! klingelte der Signaldraht, und die Firste dröhnte. Was sollten wir machen? Wurden wir in dem armweiten Loch über den Hausen gerannt, waren wir beide erledigt. Nun nur noch Sekunden die Sohle begann bereits zu zittern, die Lust wollte plötzlich nicht mehr aus unserer Brust, während wir entsetzt und ge­duckt dastanden, nicht nach rückwärts laufen konnten, weil die Strecke viel zu eng war. zu lang und zu abschüssig, während wir wie ver­hext nach vorn stierten vor lauter Angst nur noch stierten

Da riß mich etwas hoch, daß ich aufsprang, ein Ruck über den Leer­wagen zur Seite, Otto wollte nach; für ihn war kein Platz mehr, zu eng, viel zu eng für uns beideI

Otto!" schrie ich noch, sah in sein angstverzerrtes Gesicht, er rührte sich, gelähmt vor Entsetzen, schon gar nicht mehr, ging nicht zur Seite und konnte es wohl auch nicht, und die Wagen kamen. Sie kamen mit ratterndem Dröhnen wie der grausige Tod!

Jetzt sah ich im ungewissen Lampenschein noch eine Bewegung des Kleinen, ich konnte wirklich keinen Platz für ihn machen und dachte nur einer muß bleiben! Nur einer! Und Otto blieb!

Stempel flogen auf, dichter Staub wirbelte hoch, es gab ein heu­lendes, klirrendes und krachendes Durcheinander ick der Finsternis dann war alles vorbei. Der arme Otto. Als ich wieder zu mir kam, hatten sie ihn schon weggebracht.

So war es gewesen! Will es mir einer verdenken, daß ich mich zuerst in Sicherheit brachte? Habe ich das überhaupt getan in dieser

plötzlichen Wirrnis? Ich wurde lange Zelt ein bitteres Gefühl nicht

los. Der gute Otto tat mir leid. Er war mein Freund gewesen.

Spät in der Nacht nach diesem Tage, die voller Nebel hing, hockte ich noch bei Lampenschein und wartete auf etwas, ohne zu wissen, worauf. Die Fenster waren geöffnet und der süßliche Geruch von den Kokereien strömte herein. Es war überall still. Nur ein Hund heulte draußen in den Güterschuppen. Die Zechen stöhnten einsam und schwer in dieser dunklen Nacht.

Ich sah in das kleine Licht vor mir und hatte trübe Gedanken, und der Freund wollte mir nicht aus dem Sinn. Ich machte Pläne, wie wir uns beide hätten retten können und verwarf sie wieder. Schließlich war es doch wohl eine böse Sache, denn Otto war der einzige Sohn der alten Hanne gewesen, die nebenan wohnte. Es wußte ja kein Mensch, wie alles wirklich so gekommen war, kein Mensch hätte mich schuldig heißen dürfen. Aber mein Gewissen ließ mir keine Ruhe, und es wurde eine schlimme Nacht für mich. Am liebsten wäre ich gewiß wieder zum Schacht gelaufen, hätte alles noch einmal recht besehen und erwogen, hätte auch wohl gern die andern belauscht, was sie wohl sagten zu dem Unfall aber das ging doch nicht. So saß ich lange da und rührte mich nicht, obwohl ich hundemüde war. Das Beste schien mir zum Schluß zu sein, wenn ich mich in ein anderes Revier ver­legen ließe oder ein paar Tage Urlaub nähme, um die bösen Gedanken zu vergessen. Und über mein Nachsinnen schlug plötzlich die dritte Mor­genstunde im Hause, so daß ich die Augen aufriß und gähnte.

Aber was war das?

Draußen rollte ein ferner Zug nach Bochum; ich konnte es in der Stille genau unterscheiden. Und mir schien gleichzeitig, als regte sich draußen etwas, als gingen Schritte im Laub vor dem Hause. Das Herz schlug mir plötzlich zum Zerspringen, kaum wagte ich zu atmen. Aber es blieb doch alles ruhig. Lange Zeit! Und die Lampe vor mir brannte trübe zu Ende.

Hatte ich nicht doch recht gehört? Ganz weit draußen rief tatsächlich eine weinerliche Stimme meinen Namen. Mitten in der Nacht! Ein banger Ton lag in der suchenden Stimme. Konnte das überhaupt mög­lich sein? Und dazu um diese Zeit?

Mir war, als hätte die alte Hanne nach mir gerufen. Ich sah nichts, als ich mich zum Fenster hinauslehnte. So setzte ich mich wieder in den Lichtkreis meiner Lampe, guckte müde auf das Muster der Decke, aber da brüllte die verzweifelte, schreckliche Stimme mit einem Male wieder, nun dicht unter dem Fenster, so daß es schauerlich anzuhören war. Sie erstarb bann in jämmerlichem Gewinsel. Die alte Hanne!

Ich war wohl zu teilnahmslos an allen Dingen um mich herum geworden, denn ich erschrak zwar, horchte aber ruhig weiter, was nun geschehen würde. Ich wußte, daß meine Glieder zitterten und wartete geduldig. Es geschah nichts. Gar nichts!

Ich hatte das Gefühl, an Stelle des Rückgrats einen Stock zu haben. So war mir zumute. Aber wer wollte mir hier etwas? Wer wohl?

Draußen blieb alles still; ich rührte mich kaum. Angestrengt dachte ich an die alte Hanne und Otto und mußte sogar ein wenig über die beiden lächeln. Warum, weih ich nicht.

Aber gegen vier Uhr! Ganz genau wußte ich, was jetzt geschah: Möglicherweise war es Uebermut, denn ein plötzliches Drängen trieb jetzt stark in mir; ich sagte mir laut, daß es Unsinn wäre, ohne, daß es mir geholfen hätte. Ich trieb es unerklärlicherweise so weit, mir ein­zubilden, draußen vor der Haustür, im Blattgeranke vor der Treppe, müßte eine Eule sitzen. Eine Eule! Es war, als wüßte ich es deutlich, und mein kurzer Kampf gegen solchen Unfug, gegen diesen absonder­lichen Nachtspuk, ging schnell zu Ende. Schritt um Schritt messend ging ich durch die Dunkelheit dahin, lachte dabei leise und selbstsicher, kam an die Haustür und hörte nun schon, tatsächlich, ich hörte draußen jede Bewegung des Tieres, schob behutsam den Riegel zur Seite, bei­nahe wie ein Dieb, und riß bann mit plötzlichem Ruck bie Tür weit auf.

Was nun geschah, läßt sich kaum beschreiben: Die alte Hanne kam wirklich bie Treppe heraus! Sie hatte einen gräßlichen Eulenkopf, rote Augen, hinkte auf beiden Beinen unb röchelte schwer und mühsam Sie war um die Hälfte kleiner, als ich sie eigentlich kannte. Dabei hatte sie einen Buckel, der sich ständig zu bewegen schien. Es war ein un­heimlicher Anblick.

Nur einen Augenblick lang nahm ich das fürchterliche Bild aus. dann schrie ich los. In meinem Angstschrei tag die Abwehr letzter Not. Eine Enttäuschung, irgendwie hintergangen zu sein, und als ich dabei die Arme hochwarf, heulte das Eulengesicht, das Gespenst ober was es gewesen sein mag, mit grauenerweckender Stimme- gleichzeitig mit auf.

Und dann war es fürchterlich, als ich mich ausrichtete und schlaf­trunken in meinem Zimmer noch den nachhallenden eigenen Schrei ver­nahm. Das Licht war erloschen. Draußen dämmerte der Tag.

Es ist mir immer unbekannt geblieben, was das alles zu bedeu­ten gehabt hat. Sicher war alles nur die Angst des bösen Gewissens gewesen. Seit dieser Zeit stand lange noch etwas Unbekanntes unb Schreckhaftes zwischen mir und den täglichen Schichten da unten in der Xicfc.

Als ich aber am Tage darauf dem dicken Otto mit seiner Mutter begegnete, wäre ich vor freudigem Schreck den beiden bald in bie Arme gefallen. Otto lebte noch! Mehr als bas: er hatte zwar Kopf und Hande oerbunben, wollte aber in acht Tagen schon roieber anfahren Ich er­zählte ihnen nun bie fonberbare Nachtgeschichte, aber sie lachten nur darüber, unb Otto sagte, sie hätten Sie ganze Nacht über mich ge­sprochen unb mich bedauert, weil sie glaubten, mir wäre etwas zu­

gestoßen.

Es hat aber lange gebauert, bis ich bie Geschichte über den Alltag unb die täglichen Lebensmühen vergessen hatte. Aber in meinem kleinen Bergmannrtagebuch steht sie zu steter Erinnerung!

Beran'wortlich: vr. Hans Thtzriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univ ersitäts-Duch- und Steindrucker ri, R. Lange, Di eben.