Ausgabe 
1.7.1935
 
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Gommerlied.

Von Paul Gerhardt.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud <jn dieser lieben Sommerzeit, An deines Gottes Gaben: Schau an der schönen Gärten Zier, Und siehe, wie sie mir und dir Sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide.

Narzissen und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft, Das Täubchen fleucht aus seiner Kluft Und macht sich in die Wälder.

Die hochgelobte Nachtigall Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.

Die Glucke führt ihr Völklein aus. Der Storch baut und bewohnt sein Haus, Das Schwälblein speist die Jungen;

Der schnelle Hirsch, das leichte Reh Ist froh und kommt aus seiner Höh Ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich in ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten; Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz von Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdrossne Bienenschar

Fliegt hin und her, sucht hier und dar Ihr edle Honigspeise;

Des süßen Weinstocks starker Saft Bringt täglich neue Stärk und Kraft In seinem schwachen Reise.

Der Weizen wüchset mit Gewalt Darüber jauchzet jung und alt Und rühmt die große Güte Des, der so ohne Maßen labt Und mit so manchem Gut begabt Das menschliche Gemüte.

Ich selber kann und mag nicht ruhn. Des großen Gottes großes Tun Erweckt mir alle Sinnen;

Ich finge mit, wenn alles singt. Und lasse, was dem Höchsten klingt. Aus meinem Herzen rinnen.

Türkenkrieg am Übein.

Erzählung von Alfons von Czibulka.

Seine kurfürstliche Durchlaucht drohten vor Langeweile zu sterben. Es behaupteten zwar die Doctores, von denen es wimmelte irn pfälzi­schen Schlosse wie im Keller von Ratten, daß der Kurfürst an der schwarzen Melancholei gefährlich erkrankt wäre und ihm auch der selige Paracelsus nicht hätte helfen können. Aber da irrten sie sich. Erst gestern hatte er zu seinem Hofnarren und Zwerg gesagt:Du lieber Himmel, Narr, es ist nicht leicht, seine eigene Großmutter Aw Eheweib zu haben!" Dabei hatte er seufzend auf das Bildnis der Mutter seines Vaters gezeigt. Und wirklich glich die alte Frau auf dem Bilde so ziem­lich aufs Hcmr genau der Frau Kursürstin. Nur die Tracht war em wenig anders. Denn, als das Bild gemalt worden war, hatte man noch den Dreißigzjährigen Krieg in Deutschland geschlagen.

So wußte der Narr, der auch sah, daß sein Herr nicht nur aus Aerger über sein Hauskreuz so gallig war, sondern sich auch erbärmlich lang­weilte es besser als alle Ambassadeurs des Todes wie er die Quack­salber nannte - warum Seine Gnaden so trübselig dr-msehe. Weill aber der Kurfürst aus Langeweile zu sterben meinte, so wollte er vom Kaher ein Kommando in Ungarn haben, wo gerade die Türken und die Kaiser­lichen auseinanderschlugen und es ihm fröhlicher Mugehen schien als in seinem pfälzischen Schlosse. Doch die römische Maiestat schneb mU die Kriegskünste des Pfälzers verzichtend, es möge Seme Liebden sich ja nicht l-emühen und in der Pfalz am Rheine bleiben, wo es gewiß schöner wäre als im wilden Ungarland. n,

Ueber diesem Brief, den gerade zur -tafe ein Kurier aus Wienge bracht, sah der Kurfürst nun schon seit dem sruhen Nachnnttag seufzend auf der Terrasse seines Schlosses. Ihm gegenüber b°^^ üer Hoinarr au der marmornen Brüstung. Unter der Allongeperucke, d'e seinen Buckel ein wenig verdeckte, und in dem scharlachroten (eibenen Kleide, das ihm sein Herr, als dieser noch einen Spaß verstanden, ganz nach s 9 nen Staatsrobe hatte schneidern lassen. Mit kleinen gtafernen Kugeln spielend, dachte der Narr, getreu seinen Pflichten nach, wie er den Landesvater wohl zum Lachen bringen sonnte. Da reichte ihm f sürst den Brief. Als der Narr das Schreiben gelesen, ließ er es hmunter tu das Wasserbecken flattern, um das steinerne Nymphen und Faune

ihr Wesen trieben, und sprach, da er die Freiheit besaß, kecke Reden zu ähren:Kurfürstliche Durchlaucht und großmächtiger Kaiser der Pfalz, gräme dich nicht! Denn dies war ein Wisch! Und wenn der römische Kaiser uns die Lorbeeren mißgönnt, die du und ich ohne Zweifel aus dem Ungarlande heimgetragen hätten, so bist du doch hier in der Pfalz der Herr. Was vrauchen wir den Kaiser zu einem Türkenkrieg, was brauchen wir Mohren und Heiden dazu? Und auch an schönen Weibern ehlt's, wie ich zu wissen glaube, nicht in der Pfalz."

So schwätzte der Zwerg, indes der Kurfürst seuszte und knurrte, noch lange krächzend wie die bunten Papageienvögel, die aus den Heiden-- ländern kamen, von dem Steingeländer herunter, bis die Bäume, die Nymphen und die Faune schon lange Schatten auf die Sandweg« war- en, der Kurfürst sich lachend erhob, dem Narren auf den Buckel schlug und rief:Zwerg, du bist, bei Gott, ein Juwel!"

Vier Wochen darauf glich das fchöne Städtchen Eichelsheim am Rheine, die Hügel davor und die Hänge am Strom, einem mächtigen Kriegslager. Ueber die Mauern und Wälle hoben sich schwarz die Mäu­ler der Stücke und blitzten und krachten in die Weinhügel hinaus, aus denen donnernd aus mächtigen Schanzen die Antwort kam.

Weil der Kurfürst sich nicht im wirklichen Türkenkriege seine Lange­weile vertreiben durste, so hatte er, wie der Narr es ihm geraten, bas junge pfälzische Mannsvolk in kaiserliche Monturen und türkische Klei- der gesteckt, den einen Teil, seine Türken, hinter die Mauern von Eichels­heim gestellt, das er nun Negroponte nannte, und die in des Kaisers Rock als Belagerer davorgelegt. Er selbst aber wollte als Großwesir mit dem Rest seiner Osmanen zu guter Stunde zum Entsätze heran- ziehen und das christliche Heer um den römischen Kaiser zu Wien gehörig zu ärgern vor der Festung aufs Haupt frfjlagen.

Aber auch aus dem Grunde hatte er für sich die Rolle des Groß- wesirs gewählt, weil dieser oberste Würdenträger der Pforte mit einem erlesenen Harem in den Krieg zu ziehen pflegte. Und weil er meinte, daß auch der Frau Kurfürstin ein wenig Aerger unmöglich schaden könnte, so wurden für den Harem die schönsten Mädchen und Frauen des Landes befohlen. Doch ging dabei alles in Ehren und manierlich zu, weil er, wie der Kurfürst den ängstlichen Vätern und Gatten sagte, doch kein Franzose oder wirklicher Türke wäre. Auch hatte er diese Gatten und Väter, um sie nicht zu bekümmern, zu Paschas und Wesiren oder gar zu Haremswächtern gemacht. Also daß manche biedere Pfälzer, die sonst Bäcker oder Wirte, Schuster oder Schneider waren, nun als Heidenfürsten und Mohrenkönige, als Türkengenerale mit Roh- Ichweifen und Turbanen um ihn waren, der selbst in einem so schonen gelbseidenen und mit Edelsteinen besetzten Gewände, unter einem Dur­ban mit einem großen Rubin urnherlies, daß der wirkliche Grohwesir ihn um seine Pracht beneidet hätte.

Für seine Person erwartete er sich von diesem Harem freilich einen kleinen Vorteil. Deshalb hatte er auch die schöne Tochter eines Rats­herrn, Liselotte mit Namen, Fatima getauft und zu feiner Favoritin er­nannt. Aber auch das wieder in Ehren. Nur hoffte er, es wurde das Herz des Fräuleins, das von dem Kurfürsten und Grohwesir nichts wis­sen wollte, durch das lange Zusammensein am Ende doch für iljn ent­brennen. Denn, wie es sich für einen Großwesir gehört, war das seidene Haremszelt an sein eigenes Kriegszelt angebaut, das sich prunkvoll zwischen den beiden Weinhügeln erhob und jenem nachgebildet war, bas der Sara Mustapha einst vor Wien zurückgesassen hatte.

Drei Wochen lang krachten nun schon, natürlich ohne Kugeln, die Stücke hüben und drüben, rannten die als Kaiserliche kostümierten Pfal­zer mit Geschrei und Vivatrufen Sturm und ließen auch die Feuerfrofche das waren die Minen an den Mauern knallen. Konnten aber Eichelsheim oder vielmehr Negroponte nicht nehmen, weil ihnen die kurpfälzischen Türken eiskaltes Brunnenwasser aus Kübeln auf die tapferen Häupter gossen. Da aber alles ein Ende haben muß, so fand es der Kurfürst an der Zeit, nun als Grohwesir mit seinem kleinen Heere, das bisher bei Wein und Würsten, Gebratenem und Geschmortem dem mörderischen Kampfe zugefehen, zum Entsätze heranzurücken Damit es aber einen rechten Spaß dabei gäbe, ließ er in das Lager der Kaiser­lichen sagen, daß er morgen früh zum Angriff fchreiten werde und man sich nur tüchtig gegen ihn wehren solle. Und wenn dabei ein roentg ge­prügelt würde und es auch sonst recht kriegsmäßig t)ergmge, so solle bas nichts schaben. Er parboniere alles im voraus. Nur Morb unb Tot­schlag bürfe es nicht geben.

Nun war in bem Heere, bas bas Kaiserliche vorstellte unb vor Negroponte" lag, ein junger Magister ber Studenten, der in diesem Türkenkrieg am Rhein als Obrist die Reiterei der Kaiserlichen ansuhrte. Als der von dem Befehle des Kurfürsten hörte und von der Freiheit, die man sich nehmen dürfe, meinte er, daß für ihn als Reiterfuhrer nun die Stunde gekommen wäre, dem heranziehenden Grohwesir nach Reiterart Abbruch zu tun. Und weil er wußte, daß ein Turke sich über nichts fo fehr ärgert, als wenn man ihm feine Weiber entfuhrt, so be- schloß er, den Harem zu rauben. Um so mehr, als die schone Fatima, die gegen den Landesvater fo fpröde tat, ferne Liebste war. Nur wollte ber alte Ratsherr, ihr Vater, von bem armen Magister nichts wissen. Diesem aber schien es, als wäre hier eine Gelegenheit, nut (emem TOab- chen länger beisammen sein zu können als sonst, unter teuflischen Listen, das Viertelstündchen des Abends am Stadttore oder Brunnen.

Mit feinen Majors und anderen Offizieren, die Magister wie er oder Studenten waren, und von denen mancher drüben im Harem> des Tür­ken einen Schatz hatte unb bie, bie keinen befaßen, sich durch ben Ueber- fall einen wichen zu holen gebachten, war er balb einig. So brauste auch schon in der kommenden Nacht, eben hatten die Turmuhren von Eickelsheim Negroponte eins geschlagen, em Reiterangriff der Kaiserlichen in das Lager ber Türken. Mit Viktoriarusen fielen sie über bas Haremszelt her, unb ehe bie Väter unb Gatten, also bie Paschas und Wesire, sich noch richtig zur Wehr setzten, hatte schon ber Magister feine Liselotte unb ein jeder der Reiter eine Sultansfrau vor sich im Sattel fitzen, und das tapfere Fähnlein verfchwand mit Huffchlag und