Nummer 50
Montag, den Juki
Jahrgang 1935
„Du mußtest darüber natürlu
Zimmer.
34.
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H-, Berlin
(Fortsetzung.)
Aus der Schwelle standen Konstantin und die Köchin und begrüßten den Hausherrn. Ludwig gab dem Chaufseur den Auftrag, den Wagen vorläufig nebenan in der Garage des Waldwinkels unterzubringen. Konstantins Herz schlug höher beim Anblick der prachtvollen Limousine. Er lieh es sich nicht nehmen, sie noch in der Nacht von allem Reiseschmutz zu reinigen.
Ludwig brachte die Hunde zu ihrem Stall, bevor er ins Haus trat. Aber sie fanden noch lange keine Ruhe.
Ohne erst abzulegen, eilte Ludwig die Treppe hinauf und trat m Elisabeths Schlafzimmer. Es war ihr nicht möglich, ihm so rasch zu folgen. Als sie eintrat, (niete er, die Mütze noch auf dem Kopf, neben dem Korbwagen und starrte wie verzaubert auf das rosige Gesichtchen seines Kindes. Es erwachte halb aus seinem Schlummer, machte eine hilflose Bewegung mit beiden Händchen und sah ihn einen Moment mit großen, schlasverschleierten Augen an. Aber dann fielen die zarten Lider wieder darüber; der Kops mit dem dünnen rötlichen Haarflaum drehte sich langsam zur Seite; die kleinen, aufgeworfenen Lippen machten eine leise,schmatzende Bewegung. Dann war alles wieder in Schlaf getaucht.
Ludwig stand auf und trat zurück mit einem Versuch, so leise zu fein wie möglich. Aber der Boden knarrte laut unter seinem Gewicht und seinen schweren Schritten. Er legte Elisabeth beide Hände um dre Wangen und küße sie zart auf den Mund. .
„Das also ist Isabella!" sagte er halblaut, mit einem großen, dankbaren Staunen in den Augen. „Hat sie dich sehr leiden gemocht, bis sie njdr? *
Elisabeth schüttelte den Kopf. „Das war in einem einzigen Augenblick wieder vergessen!" flüsterte sie und zog ihn mit aller Vorsicht aus dem
GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
enthalten gewesen war.
Auch eine Schwermut lag darin, die Elisabeth überraschte und verwirrte Er hatte ganz wie früher damit begonnen, feine Person als den Anlaß zu allem zu nehmen, was um ihn geschah, auch mit Elisabeth. Das war feine alte egozentrische Einstellung zu den Dingen des Lebens, die sie genau kannte — und liebte. Darin lag seine gesunde, überzeugende und hinreißende Kraft als Mensch und als Schauspieler...
Wie kam es, daß er sein Bekenntnis mit einer Selbsterkenntnis
schließen konnte, die diesem naiven Egoismus Grenzen setzte, von denen er bisher nie etwas geahnt hatte? ... 5>atte er unter her Möglichkeit,
sie >u verlieren, doch viel tiefer gelitten, als aus feinen Worten zu ent
nehmen war? Sie klangen so — und sollten wohl auch den Anschein erwecken — als sei es ihm fast lieber gewesen, Elisabeth hätte ihn mit dem Freund betrogen, als Rache für seinen eigenen Fehler. Daran erkannte sie den alten Ludwig, der mit Tatsachen aus seine einfache, triebhafte Weise fertig wurde. Aber daß er sie und Hartl und auch sich selbst so gut zu verstehen schien, war neu und fast schon erschreckend "" Doch Elisabeth kam nicht'dazu, sich weiter darüber Gedanken zu machen Denn er umsaßte ihren Kops mit beiden Händen und küßte sie, wie er sie immer geküßt hatte: leidenschaftlich, hingegeben an diese Stunde einer Heimkehr und zitternd vor Verlangen, wie ein Junge. In seinen blauen Augen, in denen ihr Blick untertauchte, war nichts von den Schatten zu sehen, die sie mit einem Schauer aus seinen Worten qespürt hatte, als er noch hinter ihr gestanden war. Sie mutzten Täuschung gewesen sein, entsprungen aus der gesteigerter, Empfindlichkeit ibrer Nerven und Sinne in dieser schönen, warmen Nacht, in der er seit langem zum erstenmal wieder dicht bei ihr war in ihrem eigenen Haus, den schlafenden Garten zu ihren Fußen und die hellen herbstlichen Sterne über sich... Alles war gut . Hatte sie je gezweifelt daß er sie verstehen würde ...? Und auch bei ihm war alles viel einfacher und besser, als sie es sich in ihrem Schmerz ausgemalt hatte... Gab es wirklich noch einen Schatten in ihrem Gluck...? Nein, es gab keinen!... ^"Da"hörte"^sie auch wieder Ludwigs Lachen, zwar nicht laut und dröhnend, sondern gedämpft, weil ja nebenan hinter der offenen Balkon- hir hie kleine Isa nicht davon aufwachen durfte.
Geld hat mich das alles gekostet drüben. Greulich viel Geld! Du haft' keine Ahnung, Lisa, was man drüben alles von einem verlangt' Ich habe nie rechnen können. Namentlich, wenn da noch jemand hinmkommt wie die Mira. So ein öffentliches Leben drüben ,st schamlos t u r Ich h7be mehr als einmal darüber geflucht. Aber das ist vorbei und mÄ im Grunde nichts. Ihr habt hier auch kernen Mange, gelitten!
"Di^Gläubiger müssen eben warten. Außerdem sind sie jetzt hübsch der "Reihe nach eingeteilt."
fiaft du gar nichts mehr mitgebracht? „
Doch! — Na, nicht viel. Aber immerhin etwas. Es reicht für» erste.
"Unb bann?"
Die Nacht war so sternklar und warm, daß sie noch lange aus der von wildem Wein umrankten Galerie vor den Schlafzimmern wach aßen. Billy war nach dem Essen verschwunden. Weder Ludwig noch Elisabeth spürten eine Müdigkeit, trotz der langen, anstrengenden Fahrt. Es war noch vieles in Worte zu fassen zwischen ihnen. . . t
Elisabeth begann zögernd von Hartl zu sprechen Mit keinem Wort hatte Ludwig bis jetzt nach ihm gefragt. Sie berichtete von seiner 23er- waltunqsarbeit, von jenem Abend an der Havel und dem Abschied nach der Entscheidung durch den Film. Da sie seit langem jede> Wor auf seine innere Wahrheit geprüft hatte, entstand aus ihrem langen, leisen Bericht ein geschlossenes und klares Bild der Vorgänge m diesem «om- ihrer ruhigen und überlegenen Sachlichkeit im Tiefsten berühr. H ... nichts wie die volle Wahrheit, eine sonderbar schmerzende und gleichzeitig wieder beglückende Wahrheit. Nie war der Freund im geringsten von der geraden, sauberen Linie der Ehrlichkeit und R'tterl.chkeit abgew.chem Elisabeth hatte wohl einen Herzschlag lang geschwankt hatte 'hn aber niemals verraten und stand vor ihm durch ihr vielfältiges Erleben
.... .ch°b »»y* und schwerfällig aus seinem Stuhl und ging >n ihrem .
»-ÄA **d°i |ie SWÄ'Ä* 3 nun
Augenblick ab, als du mir schriebst, er se. abgereist. Aber ~ unb sei mir nicht böse, Lisa - ich habe nur alles «eI^ '“ r u ’» l* 8 licher gedacht. Diele Monate hat er in deiner Nahe ^lebt. Da sich doch in dich verlieben, sagte ich mir, und hab m ch allem
einen Narren genannt, da ich selbst nut meinem namen Auftrag an allem schuld war. Ich muhte mir auch an allem Spateren, ja,
sten, wie ich es mir dachte, selbst die Schuld geben. Ich habe dw n,e schrieben, nicht einmal eine Andeutung darüber gemch - n Alten in Hollywood war; daß ich sie dort noch vorsand al > ,ch hinuver kam. Aber du mußtest es ja erfahren haben aus irge
Und du hast es erfahren ..." ..
Elisabeth nickte in die Pause hinein, die er machte.
ich auch wieder ganz anders denken, als es in Wirklichkeit drüben war. Daß ich eine Leidenschaft für sie hatte, hast du ja schon früher einmal erlebt. Also mußte jetzt für dich alles Weitere klar und eindeutig fein, und du mußtest daraus deine Konse- guenzen ziehen. Daß diese Konsequenzen so gut für mich waren und blieben, habe ich nur dir und Gott zu danken. Aber in Wirklichkeit sah drüben alles ganz anders aus. Sie war hinübergekommen nicht meinetwegen, sondern mit einer ganz bestimmten Absicht. Sie muß sich hier chon in den Direktor Grolman verliebt haben und hat drüben nichts unterlassen, um ihn ganz für sich zu gewinnen. Sie hat auch ihr Ziel erreicht. Heute ist sie schon seine Frau. Mit mir und meiner sinnlosen, blinden und tauben Leidenschaft hat sie gespielt wie mit einer Puppe. Ich hab' das erst vor kurzem eingesehen und schäme mich gar nicht, es einzugestehen. Sie hat mich hin und her geschoben wie eine Figur auf dem Schachbrett, war gut zu mir, wenn sie mich für ihre Zwecke brauchen konnte, und so kalt und unnahbar, wenn das nicht der Fall war, daß ich sie eigentlich längst hätte durchschauen müssen. Daß ich das nicht konnte, bleibt meine Schuld und mein größter Fehler. Beinahe hätte ich dich darüber verloren und damit alles, was ich auf dieser Welt wirklich habe, neben meiner Kunst!"
Elisabeth war um fo stärker erschüttert von diesem Bericht, weil sie pürte, daß sich noch etwas dahinter verbarg. Etwas Fremdes, Gesähr- liches, das nichts mehr mit der Person Miras zu tun hatte. Sie glaubte ihm auss Wort. Es war nicht daran zu zweifeln, daß alles so vor sich gegangen war, wie er es schilderte. Er schonte sich nicht im geringsten und schämte sich auch nicht, weil er seinen Fehler genau erkannt hatte. Aber gerade in dieser Erkenntnis lag jenes Fremde, Gefährliche beschws- en. Irgendwo in dieser klaren Uebersicht über sich selbst lag etwas, das nicht zu Ludwigs Wesen gehörte, jedenfalls bis jetzt nicht in ihm


