Ausgabe 
1.4.1935
 
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Meter dick wuchsen, wenn auch ein Jahrhundert nur Körnchen dazu legen mag Es hat sicher etwas gegeben, aber keine Spur ist gebtieben; irgendein Grünes" war zweifellos entstanden in den Wässern, das wieder oerloren- gegangen ist, bis endlich in die Schiefer eine Spur eingeschrieben wurde. Die erste Lebensspur am Festland! nr(v .

Pflanzen sind es. Eine Art Rasen, der schwarzbraune Abdrucke in den devonischen Schiefern Böhmens hinterlassen hat. Man hat sie, die so kostbar sind wie Diamanten, ja, noch kostbarer als solche, weil sie ja seltener sind, eifrigst gesammelt, mit aller Behutsamkeit die merkwürdigen Steine, welche die älteste Spur des Landlebens tragen, herausgehoben aus dem Erd­boden, und sie sind nun Glanzstücke der wissenschaftlichen Sammlungen. Das prachtvoll eingerichtete große Naturkundemuseum in Wien hat viel­leicht die wertvollste Zusammenstellung dieser Kostbarkeiten.

Die einfachsten dieser Urpflanzen sehen aus wie Keimlinge. Etwa die von Sens oder Kanariengras. Sie waren sicher zart freudiggrün, als sie lebten. Welches Ereignis für die ganze Welt, welche Bedeutung für alle Zukunft, als das erste Grün auf Erden keimte! Sogar den dunklen Todes­rest jenes fröhlichen Urgrllns sieht man noch ganz erschüttert an.

Andere waren verzweigt, eine Art Schnittlauch der Vorwelt, aber unver­gleichlich größer. Sofort als das Pflanzenleben kam, hat es Neigung zum Gigantischen gehabt. Es lebte ja auch in einem Tropenland, immer zwischen Ertrinken und Versengtwerden, und wuchs tropisch üppig. Da sind Büsche, die einem Menschen wohl bis an die Brust gereicht hätten, das Wiener Museum bewahrt aber auch zwei große Steinplatten, in denen baumstarke, schenkeldickeStämme" dieser Urpflanzen eingepreßt sind. Man kann daraus schaßen, daß diese starre Pflanzenwelt wohl stock- hoch war, drei Meter, vielleicht fünf Meter hoch, schattig und dicht wie ein Jungwald. Und wer sagt uns, daß gerade das die höchsten von allen waren?

Dieser Urwald der Urzeit ist auch nicht ganz gleichförmig. Ein halbes Dußend und noch mehr sehr verschiedeneVorbäume", wenn man so sagen darf, sind dem Steingrab entstiegen. Es sind welche darunter, die Schup­penblätter tragen wie der Bärlapp der heutigen Wälder, manche sind unregelmäßig, andere wieder gabelig verzweigt. Rinde und Holz sind noch nicht zu unterscheiden. Krautartig war diese Vegetation, die anmutet, als sei sie ein erstes Experiment, um einen Wald zu schaffen. Haben diese Bäume geblüht? Wie waren ihre Früchte? Sogar davon weiß man einiges. Merkwürdige ei- und keulenförmige Gebilde wurden von den Psilophyten" (das ist ein gelehrter Name dieser Wunderpflanzen) der Sonne entgegengestreckt. Wie riesige Sporenköpfe von Pilzen, und diesen Vergleich auch insofern erlaubend, als es sich hier wirklich um Sporen­behälter gehandelt haben muß.

Die ältesten Landpflanzen waren demnach, wenn man alles zusammen- faßt, Vorläufer von Farnpflanzen und Bärlappen, Sporenpflanzen, die baumartig wuchsen und es dem Wind überließen, ihren Samen auf Erden auszubreiten. Mit diesen Feststellungen verschwindet aber das Bild dieser Ahnen der Wälder wieder im Nebel der Vorzeit. Richtige Wälder waren diese übergrünten Strecken wohl nicht, mögen sie auch üppig und in der schrecklichen Einförmigkeit jener alten Welt berückend schön gewesen fein, goldgrün, taufunkelnd, mit goldbraunen Stämmen und schattigen, kühlen Gängen dazwischen, die sich spitzwinklig zusammenwvlbten wie gotische Hallen. Denn zu einem richtigen Wald gehört doch zunächst die Lebens­gemeinschaft, in der einer vom andern lebt, die Pilze, die auf Abfall und Abbau lauern, die Moose und das Kleinzeug des Bodens, die Feuchtigkeit sammeln, die Tierwelt, die allerkleinsten im Humus, das Rennvolk und die Flieger, die Nager und Wühler und Verteiler, die Würmer und Käfer, Ameisen, Vögel und Großtiere. Der jubelnde Zusammenklang reichen viel­fältigen Lebens, den wir im Walde nicht müde werden zu beobachten und zu studieren, die Waldsymphonie, der ewige Kreislauf, das Werden und Vergehen alles das fehlt im Urwald der Psilophyten. Oder es wird uns nichts gesagt davon, von den dunklen Runen im Devonschiefer und alten roten Sandstein. Kein Auge hat diese stummen Wälder gesehen, wenn nicht das der alten Krebse ober ersten schwerfälligen Vanzersische. die aus Strandsumpf und Luch herauskrauchen ins allerfte Grün auf Erden; kein Ohr hat ihr eintöniges Rauschen je gehört, denn um die Tage, da der Wind in diesen fremdartigen Kronen wühlte, gab es noch keine Geschöpfe mit Ohren. Der Laubbaum war noch nicht da. der Nadelbaum war noch nicht erfunden, die Blume war noch nicht erschaffen. Wälder In unserem Sinn schlummerten noch im Schövserschaß dunkler Zukunft. Vam ganzen kommenden Wald war erst das bärlappartige Kleingestrüpp des Bodens da und bildete selbst den Wald. Einen, der keine Dauer hatte. Der schon im nächsten Zeitalter verging, als ob er etwas Unvollkommenes, mehr als das, als ob er etwas Unnatürliches gewesen wäre. Die Psilophyten sind nie mehr wiedergekommen, schon in der Steinkohle sind sie ausgestorben. Sie haben sich vielleicht verwandelt in Höheres, ihre Gestaltung aber ist für immer zerflossessn, gleichsam wie ein Vvrwelttraum. So, wie ihre Zeit­genossen, die Panzerftsche, die Urkorallen des Devons, die sonderbaren Krebse, die ältesten und merkwürdigsten Tiere, die alle ein Zeitalter später lebensmüde abtraten von der Bühne. Nichts haben sie hinterlassen als rote Sandsteine in England, dunkle harte Schiefer im deutschen Land, wo der ganze Niederrhein von ihnen aufgebaut ist, Schiefer in Böhmen und in der Eifel und vor allem Kalk, Kalk und immer wieder Kalk. Den geschätzten harten Devonkalk ältester Korallenriffe, die so häufig sind, daß man in Gerolstein (Eifel) die Straßen mit ihnen pflastert.

Die Ahnen der Wälder, eine ganz grüne, lebende, strebende, kämpfende Welt ist in diesen Stein versunken und begraben. Die Loreley am Rhein selber ist ein Felsen der Devonzeit, und in ihrem Herzen verborgen ist diese seltsame, sagenhafte, uralle Geschichte. Glühend leuchtet die Felsen- trone im Abendschein, umwoben vom schönen Goldhaar heimeliger Sage, aber im Innersten dieser Berge ist noch Merkwürdigeres aufbewahrt. Selbst Sagen reichen nicht aus, um das zu erwecken, was für immer dahin ist. das Bild einer menschenfremde, lebensfremden, für ewig gestorbenen Ahnenwelt der Schöpfung.

e nahm den Helm ab und grüßte nach allen Seiten. D°ll tiefster ing war feine Erwiderung auf die Begrüßungsrede; rote parfte er die jungen Herzen mit freundschaftlichen, mit mahnenden, mit bleibenden »Borten Wie gedachte er der germanischen Wesenszuge und des natio­nalen Gedankens, an dem die Jugend immer festhalten muffe! Das Bismarck-Lied erscholl, die Schläger klirrten zusammen. Von oben. sehe ich ia nicht so gut", bemerkte der Fürst zu seiner Umgebung und schritt schnell die Stufen zum Park hinab, viele der Chargierten persönlich be­grüßend. Auf die Veranda zurückgekehrt, ergriff er einen Becher mit Münchener Bier, laut rufend:Meine Herren, das erste Glas ist der akademischen Jugend geweiht!" . .

Von neuem flammende Begeisterung, immer wieder hallen die Hochs, klirren 'bie Schläger. Bismarck lehnt sich weit über die Balustrade er scheint sich von dem farbenprächtigen, begeisternden Anblick nicht tren­nen Zu können, und die Studenten konnten es von ihm nicht. Lange hörte man nach ihren Abzug, das Deutschlandlied undDie Wacht am Rhein" Bismarck, noch immer bewegt, äußerte:Nachdem ich diese jungen Eichen gesehen habe, glaube ich nicht für die Zukunft der deut­schen Jugend besorgt sein zu müssen." Der einzigartige Tag schloß mit dem Fackelzug der Hamburger, an dem über 5000 teilnah men

Unvergeßliche Tage waren es, die in ganz Deutschland ihr freubigftes Echo sanden in dem wunderbaren Gefühl:Wir haben ihn noch, er wellt noch unter uns!" Und mir, die wir jene Tage in nächster Nahe des Großen, Gewaltigen verlebt haben, wie empfanden wir die Wahrheit der Worte Ernst ö. Wildenbruchs:Wer in der zweiten Halste des 19. Jahrhunderts in Bismarcks Nähe gewesen, kann sagen, daß er reich gelebt hat, denn er hat in unmittelbarer Nähe des Herdes gelebt, auf dem das Leben seinerzeit zubereitet wurde!"

Als es noch keine Wälder gab auf Erden.

Bon Dr. R. Francs.

Der geistreiche Phantasieromanschriststeller Jules Verne beschreibt einmal in seiner Geschichte der Reise nach dem Mittelpunkt der Erde, wie ein deutscher Gelehrter mit seinem Neffen und einem Isländer in einen erloschenen Vulkan aus Island einsteigt und durch ein endloses System von Hohlräumen tief im Erdinnersten zu einem oroßen See kommt, der durch elektrische Lichterscheinungen dauernd erhellt, an seinen Ufern sogar Wälder ältester Vergangenheit durch Feuchtigksit, Wärme und Licht am Leben erhalten hat. Das ist nicht schlecht ersonnen, denn Pflanzen brauchen ja wirklich nicht mehr zum Leben, wenn es ihnen an frucht­barer Erde nicht fehlt. Das völlig Unglaubhafte dieser Verne-Phantasie liegt ganz wo anders. Er schildert nämlich dieseältesten Waldreste" der Erde so wie einen Tropenurwaid und mischt nur ein wenigSteinkohlen- slora" dazwischen, d. h. Riesenschachielhalme und Farnbäume. Um aber solche zu sehen, braucht man gar nicht in den Elngeweiden der Erde zu wühlen, sondern nur in entfernte und einsame Tropengegenden zu gehen. In den innersten Urjüntpfen des geheimnisvollen Amazonastandes, dort, wohin auch heute erst alle paar Jahre der eine oder andere Forfchungs- reisende vordringen kann, so sehr erschweren mangelnde Verkehrsmittel, Fieber, Stechmücken, Nahrungsmangel und kannibalische Kopfjäger dort das Vorwärtskommen, da steht auch heute noch die Wunderwelt der Steinkohlenzeit lebendig, als zwölf und fünfzehn Meter hoher Riesen­schachtelhalm und Farnbaumsumpf, üppig, undurchdringlich, bereit, für kommende Jahrtausende nach dem Tode neue Kohle zu bilden, wie einst die ersten Wälder auf Erden.

So ist es wenigstens zu lesen in allen Naturkundebüchern der gebil­deten Welt, daß Steinkohle einst ein Wald, und zwar der erste und älteste Wald der Erde war. Die Forschung aber weih das heute besser und hat, noch versteckt in gelehrten Archiven, eine ganze Welt sonderbarster und wichtigster Kenntnisse aufgebaut, die in der Öffentlichkeit noch völlig unbekannt sind. Mit ihnen will ich hier das Bild malen, wie denn die Ahnen der Wälder wirklich ausgefehen haben, jene älteste Landbesied- lung, welche je die Sonne gesehen hat zu Zeiten, als der Begriff Wald noch ein Zukunftstraum kommender Jahrmillionen war.

Als es noch keine Wälder gab! Seltsame, fast undenkbare Vorstellung das. Und doch ganz sicher, daß eines Tages unermeßliche Länder dalagen im Hellen Sonnenschein oder durchströmt von Rauschebächen, überspült von wütenden Regengewittern, und nirgends auch nur ein Hälmchen Grün, an keinem Punkt auch nur ein Sitzbreit Schatten, ohne Baum und Busch, tot, leblos, ohne Tier und Geschöpf, lautlos, gespenstig, nicht gestorben, sondern noch unheimlicher als das: noch nicht geboren. Die Schöpfungs­kraft hatte noch nicht dasEs werde Leben" gesagt.

Wer kann sich solches vorstellen? Und doch müssen wir es. In der Eifel, die ohnedies als ein erdgeschichtliches Wunderland gilt, und in Böhmen, das es nicht minder ist, sind im Boden alte und älteste Schiefer eingebettet, aus denen jenes schemenhafte Urleben stieg, der Wald vor den Wäldern ...

Diese Schieser, welche in der Wissenschajtssprache den unteren Devon- sthichten zugerechnet werden, sind viel älter als die älteste Steinkohle; sie liegen auch tief unter ihr. Unter ihnen lagert die Erdschicht, die uns nur ein einziges Wort zu sagen hat, nämlich: Nichts. Gesteine, die verraten, daß sie auf dcm Lande entstanden sind, die aber völlig leer sind. Niemand hat aus uns gelebt, sagt diese beängstigende Leere. Ein deutschlandgroßes Land war da. in dem niemand ging und flog, ein Ureuropa, in dem man viele Tage hätte wandern können wie in einer Wüste. Und doch nicht in der Wüste Denn große Ströme zogen breit und rauschend, und Sümpfe glitzerten, Seen glänzten und Regen plätscherte. Niemand wäre verdurstet, aber alles verhungert. Denn es gab auf diesem Land weder Tier noch Pslanzen. Nicht einen Grashalm, denn das Gras war noch nicht erschaffen.

Diese Vorstellung macht Kopfschmerzen, aber sie ist lauterste Wissen- schast von heute. Wie lange diese Leblosigkeit gedauert haben mag? Jahr nm Jahr man im Schweigen der Ungeborenen.dahingegangen fein, Jahr­hunderte, Jahrtausende, viele, so viele, daß die Schieferablagerungen viele

Verantwortlich; l)r. HanüThyriot. Druck und Der lag: Drühl'sche Uni 081111012-2» ch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.