Ausgabe 
1.4.1935
 
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Jammen und es feien Verhandlungen, ich glaube etwas Politisches!" So?" sagte er sogleich angenehm erregt, stand auf und ging hin und her;es nimmt mich wundes dah Frymann nicht selbst getommen ist, um vorläufig mit mir zu retzen, Rücksprache zu nehmen?" Nach einigen Minuten kleidete er sich rasch an, fetzte den Hut auf und entfernte sich mit den Worten:Frau, ich gehe jetzt gleich fort, ich muß wissen, was es gibt! Bin auch dieses Frühjahr noch keinen Tritt im Freien gewesen, und heut ifts so schön! Also adieu denn!"

So! nun kommt er vor zehn Nachts nicht mehr!" lachte Frau He­diger und forderte Karl aus, das Gewehr zu nehmen, Sorg' zu tragen, und es rechtzeitig wieder zu bringen.Ja nehmen!" klagte der Sohn, er hat ja das Schloß auseinandergetan, ich kann es nicht Herstellen." So kann ich es!" rief die Mutter und ging mit dem Sohn in bas Stübchen. Sie kippte den Deckel um, in welchem das zerlegte Schloß lag, las die Federn und Schrauben auseinander und begann sehr gewandt, sie zusammenzufügen.

Wo zum Teufel habt Ihr das gelernt, Mutter?" rief Karl ganz verblüfft.Das hab' ich gelernt", jagte sie,in meinem väterlichen Haufe! Dort hatten der Vater und meine sieden Brüder mich abgerichtet, ihnen ihre sämtlichen Büchsen und Gewehre zu putzen, wenn sie geschossen hatten. Ich tat es oft unter Tränen, aber am Ende konnte ich mit dem Zeug umgehen wie ein Büchsenmachergefell. Auch hieß man mich im Dorfe nur die Büchsenschmiedin, und ich hatte fast immer schwarze Hände und einen schwarzen Nasenzipfel. Die Brüder verschossen und verjubelten Haus und Hof, so daß ich armes Kind froh sein mußte, d.ah mich der Schneider, dein Vater, geheiratet hat."

Während dieser Erzählung hatte die geschickte Frau wirklich das Schloß zusammengesetzt und am Schafte befestigt. Karl hing die glän­zende Patronentasche um, nahm das Gewehr und eilte spornstreichs auf den Exerzierplatz, wo er noch mit knapper Not anlangte, ohne zu spät zu kommen. Nach sechs Uhr brachte er die Sachen wieder zurück, ver­suchte nun selbst das Schloß auseinanderzunehmen und legte dessen Be­standteile wieder in den Schachteldeckel, wohl durcheinander gerüttelt.

Nachdem er ein Abendbrot verzehrt und es darüber dunkel geworden, ging er an die Schifflände, mietete ein Schiffchen und fuhr längs den Usern hin, bis er vor die Plätze am See gelangte, welche teils von Zimmerleuten, teils von Steinmetzen benutzt wurden. Es war ein ganz herrlicher Abend; ein lauer "Südwind träufelte leicht das Wasser, der Vollmond erleuchtete dessen ferne Flächen und blitzte hell auf den kleinen Wellen in der Nähe, und am Himmel standen die Sterne in glänzend klaren Bildern; die Schneeberge aber schauten wie bleiche Schatten in den See herunter, säst mehr geahnt als gesehen; der industriöse Schnickschnack, das Kleinliche und Unruhige der Bauart hingegen verschwand in der Dunkelheit und wurde durch das Mondlicht in größere ruhige Massen gebracht, kurz das Landschaftliche war für die kommende Szene würdig vorbereitet.

Karl Hediger fuhr rasch dahin, bis er in die Nähe eines großen Zimmerplatzes kam; dort fang er mit halblauter Stimme ein paarmal den ersten Vers eines Liedchens und fuhr bann langsam und gemächlich in den See hinaus. Von den Bauhölzern aber erhob sich ein schlankes Mädchen, das dort gesessen, band ein Schiffchen los, stieg hinein und fuhr allmählich, mit einigen Wendungen, dem leise singenden Schiffer nach. Als sie ihm zur Seite war, grüßten sich die jungen Leute und fuhren ohne weiteren Aufenthalt, Bord an Bord, in das flüssige Silber hinaus, weit auf den See hin. Sie beschrieben in jugendlicher Kraft einen mächtigen Bogen mit mehreren Schneckenlinien, welche das Mädchen an- gab und der Jüngling mit leisem Ruderdrucke mitmachte, ohne von ihrer Seite zu kommen, und man sah, daß das Paar nicht ungeübt war -im Zusammensahren. Als sie recht in die Stille und Einsamkeit geraten, zog das junge Frauenzimmer die Ruder ein und hielt still. Das heißt, sie legte nur das eine Ruder nieder, das andere hielt sie wie spielend über dem Rande, jedoch nicht ohne Zweck; denn als Karl, ebenfalls stillhaltend, sich ihr ganz nähern, ja ihr Schiffchen förmlich entern wollte, wußte sie sein Fahrzeug mit dem Ruder sehr gewandt abzuhalten, indem sie ihm jeweilig einen einzigen Stoß gab. Auch diese Uebung schien nicht neu zu fein, da sich der junge Mensch bald ergab und in seinem Schisslein still saß.

Nun singen sie an zu plaudern und Karl sagte:Siebe Hermine! Ich kann jetzt das Sprüchwort umkehren und rufen: was ich in der Jugend die Fülle hatte, das wünsch' ich im Alter, aber vergeblich! Als ich zehn Jahre alt war und du sieben, wie oft haben wir uns da geküßt, und nun ich zwanzig bin, bekomme ich nicht einmal deine Fingerspitzen zu küssen."

Ich will ein für allemal von diesen unverschämten Lügen nichts mehr hören! antworte das Mädchen halb zornig, halb lachend,alles ist er­funden und erlogen, ich erinnere mich durchaus nicht an solche Vertrau­lichkeiten!"

Leider!" rief Karl;aber ich um so besser! Und zwar bist du gerade die Tonangeberin und Verführerin gewesen!"

-Karl, wie häßlich!" unterbrach ihn Hermine; aber er fuhr unerbitt­lich chrt:Erinnere dich doch nur, wie oft, wenn wir müde waren, den armen Kindern ihre zerrissenen Körbe mit. Zimmerspänen füllen zu halfen, zum steten Verdrusse eurer Polierer, wie oft mußt' ich dann zwischen den großen Holzoorräten, ganz im verborgenen, aus kleinen sjoläern und Brettern ein Hüttlein bauen mit einem Dach, einer Türe anö einem Bänklein darin! Und wenn wir dann aus dem Bänkchen aßen, bei geschlossener Türe, und ich meine Hände endlich in den Schoß legte, wer siel mir bann um den Hals und küßte mich, daß es kaum zu zahlen war?"

Bei diesen Worten wäre er fast ins Wasser gestürzt; denn da er roa?r,, . ',emer Kebcn s'ch unvermerkt wieder zu nähern gesucht hatte, gab sie seinem Schiftlein plötzlich einen so heftigen Stoß, daß es bei= nabe UMfchlug Hellauf lachte sie, als er den linken Arm bis zum Ellbogen ins Wasser tauchte und darüber fluchte.

Warf nur," sagte er,es kommt gewiß die Stunde, wo ich birs ein- tranken werde!

$)at noch alle Zelt", erwiderte sie,bitte, übereilen Sie sich nicht, mein schöner Herr!" Dann suhr sie etwas ernster fort:Der Vater hat unsere Geschichte erfahren; ich habe sie nicht geleugnet, was die Haupt­sache betrifft; er will nichts davon wissen, er verbietet uns alle ferneren Gedanken daran; so stehn wir also!"

Und gedenkst du zu dem Ausspruche deines Herrn Vaters dich so fromm und unwiderruflich zu fügen, wie du dich anstellst?"

Wenigstens werde ich nie das erklärte Gegenteil von feinen Wün­schen tun und noch weniger mich in ein feindliches Verhältnis zu ihm wagen; denn du weißt, daß er die Dinge lang nachträgt und eines tief um sich fressenden Grolles fähig ist. Du weißt auch, daß er, schon seit fünf Jahren Witwer, meinetwegen nicht wieder geheiratet hat; ich glaube, bas kann eine Tochter immer berücksichtigen! Und weil wir einmal dabei sind, so muh ich dir auch sagen, daß ich es unter diesen Umständen für unschicklich halte, uns so oft zu sehen; es ist genug, wenn ein Kind in­wendig mit seinem Herzen nicht gehorcht; mit äußern Handlungen täglich zu tun, was die Eltern nicht gern sähen, wenn sie's wüßten, hat etwas Gehässiges, und darum wünsche ich, daß wir uns höchstens alle Monat einmal allein treffen, roifc bisher fast alle Tage, und im übrigen die Zeit über uns ergehen lassen."

Ergehen lassen! Und du kannst und willst wirklich die Dinge so gehen

lassen?"

Warum nicht? Sind sie so wichtig? Es ist dennoch möglich, daß wir uns bekommen, es ist möglich, auch nicht! Und die Welt wird doch be­stehen, wir vergessen uns vielleicht von selbst, denn wir sind noch jung; und in keinem Fall scheint mir groß Aufhebens zu machen!"

Diese Rede hielt die siebzehnjährige Schöne mit scheinbarer Trocken­heit und Kälte, indem sie die Ruder wieder ergriff und landwärts steuerte. Karl fuhr neben ihr, voll Sorgen und Furcht, und nicht minder voll Aerger über Herminens Worte. Sie freute sich halb und halb, den Wildfang in Sorgen zu wissen, war aber doch auch nachdenklich über den Inhalt des Gespräches und besonders über die vierwöchentliche Trennung,

welche sie sich auferlegt hatte.

So gelang es ihm, sie endlich zu überraschen und sein Schiff mit einem Rucke an bas ihre zu brücken. Augenblicklich hielt er ihren schlanken Oberkörper in ben Armen unb zog ihre Gestalt zur Hälfte zu sich hin­über, so baß sie beide halb über dem tiefen Wasser schwebten, die Schiffchen ganz schief lagen und jede Bewegung das völlige Umschlagen mit sich brachte. Die Jungfrau fühlte sich daher wehrlos unb mußte es erbulben, bah Karl ihr sieben ober acht heftige Küsse auf ble Lippen brückte. Dann richtete er sie samt ihrem Fahrzeug wieder sanft unb sorglich in bie Höhe; sie strich bie Locken aus bem Gesicht, ergriff bie Ruder, atmete heftig auf unb rief, mit Tränen in ben Augen, zornig und drohend:Wart' nur, du Schlingel, bis ich dich unter bem Pantoffel habe! Du sollst es, weiß Gott im Himmel, verspüren, baß bu eine Frau hast.!" Damit fuhr sie, ohne sich weiter nach ihm umzusehen, mit raschen Ruderschlägen nach ihres Vaters Grundstück und Heimwesen. Karl dagegen, voll Triumph und Glückseligkeit! rief ihr nach:Gute Nacht, Fräulein Hermine Frymann!, es hat gut geschmeckt!"

(Fortsetzung folgt.)

Wo Bismarck liegen sott.

Von Theodor Fontane.

Nicht in Dom ober Fürstengruft, Er ruh' in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde; Widukind lädt ihn zu sich ein: Ein Sachse war er, drum ist er mein, Im Sachsenwald soll er begraben sein."

Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt, Aber der Sachfenwald, der hält. Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen oorm Licht der Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen Und staunen der Schönheit und jauchzen ftoh, So gebietet einer:Lärmt nicht so! Hier unten liegt Bismarck irgendwo."

Beim 80jährigen Bismarck.

persönliche Erinnerungen zum 1. April.

Von Paul Lindenberg*.

Die Ruhe vor bem Sturm", sagte mir ber Oberförster Lange am 23. März, als ich ihm meine Verwunberung aussprach, baß man bisher wenig in Friebnchsruh vom bevorstehenben großen Ereignis merke.Sie werden genug zu tun bekommen! Unb wenn ich Ihnen nützen kann, Sie wissen, es geschieht gern!" Diesem prächtigen Forstmanne, ber bas vollste Vertrauen Bismarcks genoß, verbaute ich, baß ich manches sehen, hören unb beobachten konnte, was anberen nicht ermöglicht war.

Es ging noch still zu im Friebrichsruher Herrenhause, in schweigenber Erwartung. Die beiden Söhne waren anwesend, die Tochter, Gräfin Rantzau mit Mann und Kindern, die Gräfin Hoyos, Lenbach, Schweninger. Als man von dem kommenden Ereignis sprach, meinte Bismarck:Nach allem, was man mir sagt, werden große Vor­bereitungen getroffen, um mir Liebe und Wohlwollen zu meinem Ge-

* Der Verfasser, der mehrmals vorher beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh gewesen war, wohnte dort am 1. April 1895 den Fest­lichkeiten des 80. (Geburtstages bei und konnte dank seiner persönlichen Beziehungen, vieles sehen, hören und erleben, was anderen versagt blieb.