Nummer 26
Montag, den April
Jahrgang 1935
। ihr das ganze Jahr nur studiertet, was könne; er hingegen verlangt nie etwas von
GietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Reich ist die Erde.
Von Wilhelm Luetjens.
'Meder im März aus der schwärzlichen Erde brechen die gelben Primeln dir auf.
Siehe, sie heben mit scheuer Gebärde schon ihre schimmernden Blätter herauf.
Lebt dir das Wunder, wie aus dem feuchten Erdreich das Gelbe sich drängend befreit? Reich ist die Erde an Blumen: ihr Leuchten ist uns ein Zeiger der wandelnden Zeit.
Zwischen den Wurzeln der Bäume schon blüht es, wenn auf den Wiesen das Warten noch währt. Spür das Erwachen im Raum des Gemütes, fühl', wie das Leben vom Ewigen zehrt.
Schon sind die Primeln da, schon Anemonen: Reich ist die Erde. Du sollst sie bewohnen.
Das Fähnlein der sieben Aufrechten.
Novelle von Gottsried Keller.
Der Schneidermeister Hediger in Zürich war in dem Alter, wo der fleißige Handwerksmann schon anfängt, sich nach Tisch ein Stündchen Ruhe zu gönnen. So sah er denn an einem schönen Marztage nicht in feiner leiblichen Werkstatt, sondern in seiner geistigen, einem kleinen Sonderstübchen, welches er sich seit Jahren zugeteilt hatte. Er freute sich, dasselbe ungeheizt wieder behaupten zu können; denn weder seine alten Handwerkssitten, noch seine Einkünfte erlaubten ihm, während des Win- ters sich ein besonderes Zimmer erwärmen zu lassen, nur um darin zu lesen. Und das zu einer Zeit, wo es schon Schneider gab, welche aus die Jagd gehen und täglich zu Pserde sitzen, so eng verzahnen sich die Ueber- günge der Kultur ineinander. , „ , . , ,, .
Meister Hediger durfte sich aber sehen lassen in seinem wohlaufgeräumten Hinterstübchen. Er sah fast eher einem amerikanischen Sguatter, als einem Schneider ähnlich; ein kräftiges und verständiges Gesicht mit starkem Backenbart, von einem mächtigen kahlen Schädel überwölbt, neigte sich über die Zeitung „Der schweizerische Republikaner und las mit kritischem Ausdruck den Hauptartikel. Von diesem Republikaner standen wenigstens fünfundzwanzig Foliobande, wohl gebunden, in einem kleinen Glasschranke von Nußbaum, und si« enthielten fast nnhts, das Hediger seit fünfundzwanzig Jahren nicht mit erlebt und durchge- kämpst hatte. Außerdem stand ein „Rotleck" in dem Schranke eme Sckstvei- zerqeschichte von Johannes Müller und eine Handvoll politischer FUig- schilsten und dergleichen; ein geographischer Atlas und ein Mäppchen voll Karikaturen und Pamphlete, die Denkmäler bitter leidenschaftlicher Tage, lagen aus dem untersten Brette. Die Wand des Zimmerchens war geschmückt mit den Bildnissen von Kolumbus, von Zw.ngli von Hu en Washington und Robespierre; denn er verstandseinen Spaß und billig e nachträglich die Schreckenszeit. Außer diesen Welthelden schmückten die Wänd noch einige schweizerische Fortschrittsleute mit der beigesugten Handschrist in höchst erbaulichen und weitläufigen Denkschriften, ordentlichen kleinen Aufsätzchen. Am. Bücherschrank aber lehnte eine gut im Stand erhaltene, blanke Ordonnanzflinte, behängt mit einem kurzen Seitengewehr und einer Patrontasche, worin zu jeder Zeit dreißig scharfe Patronen steckten. Das war s e i n Jagdgewehr, womit er " aus Hasen und Rebhühner, sondern auf Aristokraten und Jesuiten, auf Versassungs- brecher und Volksoerräter Jagd machte. Bis jetzt hatte ihn einJrcunö« Hefter Stern bewahrt, daß er noch kein Blut vergossen, aus Mangel an Gelegenheit; dennoch hatte er die Flinte schon mehr als einmal ergriffen und war damit auf den Platz geeilt, da es noch die Zeit der Putsche war, und das Gewehr mußte unverruckt zwi chen Bett undSchrank stehen bleiben; „denn", pflegte er zu (agen, „feine Regierung und ferne Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Burger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was 65 Als'der wackere Meister mitten in seinem Artikel vertieft war, bald zustimmend nickte und bald den Kopf schüttelte, trat fern jüngster Sohn Karl herein, ein angehender Beamter aus einer Regierungskanzlei. „Was gibt's?" fragte er barsch; denn er liebte nicht in seinem Stübchen gestört zu werden. Karl fragte, etwas unsicher über den Erfolg ftmer Ritte, ob er des Vaters Gewehr und Patrontasche für den Nachmittag haben könne, da er auf den Drillplatz gehen müsse.
einschmieren!" „ , . , _ ,, ,, ..
Er hatte die benannten Gegenstände alle auf das Zeitungsblatt gelegt Karl sah ihm eifrig zu, reichte ihm auch das Fläschchen und meinte, das Wetter habe sich günstig geändert. Als aber fein Vater die Bestand- teile des Schlosses abgewischt und mit dem Oele frisch befeuchtet hatte, fetzte er sie nicht wieder zusammen, sondern warf sie in den Deckel einer Heinen Schachtel durcheinander und sagte: „Nun, wir wollen das Ding am Abend wieder einrichten; jetzt will ich die Zeitung fertig lesen!"
Getäuscht und wild ging Karl hinaus, sein Leid der Mutter zu klagen; er fühlte einen gewaltigen Respekt vor der öffentlichen Macht, in deren Schule er nun ging als Rekrut. Seit er der Schule entwachsen, war er nicht mehr bestraft worden, und auch dort in den letzten Jahren nicht mehr; nun sollte das Ding auf einer höheren Stufe wieder an- gehen, bloß weil er sich auf des Vaters Gewehr verlassen hatte.
Die Muller sagte: „Der Vater hat eigentlich ganz recht! Alle vier Buben habt ihr einen bessern Erwerb, als er selbst, und das vermöge der Erziehung, die er euch gegeben hat; aber nicht nur braucht ihr den lemen Heller für euch selbst, sondern ihr kommt immer noch den Alten zu plagen mit Entlehnen von allen möglichen Dingen: schwarzer Frack, Perspektiv Reißzeug, Rasiermesser, Hut, Flinte und Sabel; was er sich sorglich in Ordnung hält, das holt ihr ihm weg und bringt^es verdorben-zurück. Es ist, als ob ihr das _ ~ "" "
man noch von ihm entlehnen könne; er hingegen verlangt nie etwas von euch, obgleich ihr das Leben und alles ihm zu danken habt. Ich will dir für heut noch einmal helfen!"
Sie ging hierauf zum Meister Hediger hinein und sagte: „Lieber Mann, ich habe vergessen, dir zu sagen, daß der Zimmerme.ster Fm mann hat berichten lassen, die Siebenmännergeselljchast komme heut zu-
, Keine Rede, wird nichts daraus!" sagte Hediaer kurz. „Und warum denn nicht? Ich werde ja nichts daran verderben!'fuhr der Sohn kleinlaut fort und doch beharrlich, weil er durchaus ein Gewehr haben mußte, wenn er nicht in den Arrest spazieren wollte. Allein der Alte versetzte nur um so lauter: „Wird nichts daraus! Ich muß mich nur wundern über die Beharrlichkeit meiner Herren Söhne, die doch in anderen Dingen so unbeharrlich sind, daß keiner von allen bei dem Berufe blieb, den ich ihn nach freier Wahl habe lernen lassen! Du weißt, daß deine drei älteren Brüder der Reihe nach, so wie sie zu exerzieren anfangen mußten, das Gewehr haben wollten und daß es keiner bekommen hat! Und doch kommst du nun auch noch angefchlichen! Du haft deinen schönen Verdienst, für niemand zu sorgen — schass dir deine Massen an, wie es einem Ehrenmanne geziemt! Das Gewehr kommt nicht von der Stelle, außer wenn ich es selbst brauche!"
„Aber es ist ja nur für einige Male! Ich werde doch nicht ein In- fanteriegewehr kaufen sollen, da ich nachher doch zu den Scharfschützen gehen und mir einen Stutzen zutun werde!"
„Scharfschützen! Auch schön! Woher erklärst du dir nur die Notwendigkeit, zu den Scharfschützen zu gehen, da du noch nie eine Kugel abgefeuert haft? Zu meiner Zeit muhte einer schon tüchtig Pulver verbrannt haben, eh' er sich dazu melden durste; jetzt wird man aus gerat« wohl Schütz, und Kerle stecken in dem grünen Rock, welche keine Katze vom Dach schießen, dafür aber freilich Zigarren rauchen und Halbherren sind! Geht mich nichts an!"
„Ei", sagte der Junge fast weinerlich, „so gebt es mir nur dies eine Mal; ich werde morgen für ein anderes sorgen, heut kann ich unmöglich mehr!" _ v . ,,,
„Ich gebe", versetzte der Meister, „meine Waffe niemand, der nicht damit umgehen kann; wenn du regelrecht das Schloß dieser Flinte ad- nehmen und auseinanderlegen kannst, so magst du sie nehmen, sonst aber bleibt sie hier!" Und er suchte aus einer Lade einen Schraubenzieher hervor, gab ihn dem Sohn und wies ihm die Flinte an. Der versuchte in der Verzweiflung fein' Heil und begann die Schloßfchrauben loszumachen. Der Vater schaute ihm spöttisch zu; es dauerte nicht lange, so rief er: „Laß mir den Schraubenzieher nicht so ausglitschen, du verdirbst mir die ganze Geschichte! Mach' die Schrauben eine nach der andern halb los und dann erst ganz, so geht's leichter! So, endlich!" Nun hielt Karl das Schloß in der Hand, wußte aber nichts mehr damit anzufangen und (egte es seufzend hin, sich im Geiste schon im Strafkämmerchen sehend. Der alte Hediger aber, einmal im Eifer, nahm jetzt das Schloß, dem Sohn eine Lektion zu halten, indem er es erklärend auseinandernahm. „ ... ,
Siehst du", sagte er, „zuerst nimmst du die Schlagfeder weg mittels dieses Federhakens — auf diese Weise; bann kommt die Stangenfeder- schraube, die schraubt man nur halb aus, schlägt so auf die Stangen- feder daß der Stift hier aus dem Loch geht; jetzt nimmst du die Schraube ganz weg Jetzt die Stangenfeder, dann die Stangenfdjraube, die Stange; jetzo die Studelschraube und hier die Studel; ferner die Nußfchraube, den Hahn und endlich die Nuß; dies ist die Nuß! Reiche mir das Klauen- fett aus dem Schränklein dort, ich will die Schrauben gleich ein bißchen


